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IG Metall Wolfsburg - 10 Fragen an Flavio Benites

Ein Mann in rotem Hemd sitzt an einem Schreibtisch. (Bildrechte: Torben Dietrich)

„Elon Musk wäre hier willkommen", sagt Flavio Benites, der sein ganzes Leben nur für Gewerkschaften gearbeitet hat. Der 59-jährige Brasilianer ist seit gut einem Jahr Erster Bevollmächtigter der IG Metall Wolfsburg, die in diesem Jahr ihr 75-jähriges Bestehen feiert. Im Interview spricht er über künftige Herausforderungen für die Region, seinen Kampf gegen die brasilianische Militärdiktatur - und über Elon Musk.

Herr Benites, spielen Sie Fußball?
„Ich habe immer viel Fußball gespielt. Zu meinen besten Zeiten sogar ganz passabel, etwa auf deutschem Zweitliganiveau. Heute fehlt mir nach einem langen Tag manchmal diese Energie - auch wenn meine Söhne das gerne wollen.

Energie ist ein gutes Stichwort. Hat Ihr erstes Jahr als Erster Bevollmächtigter der IG Metall Wolfsburg viel Kraft und Energie gekostet?
Natürlich habe ich etwas weniger Zeit jetzt, aber ich bin in der Geschäftsführung zum Glück nicht alleine. Mit Christian Matzedda und Matthias Disterheft sind wir drei Kollegen. Wir arbeiten zusammen, begegnen uns auf Augenhöhe, wir stimmen uns ab. Das war mir von Anfang an wichtig. Ich allein könnte die IG Metall nicht führen.

Zusammenhalt und Solidarität sind zentrale Werte in Ihrem Leben, oder? 
Schon immer. Nicht nur hier in Wolfsburg, auch bereits als Student des Arbeitsrechtes in Brasilien und junger Gewerkschafter in der Metallarbeitergewerkschaft in São Paulo hat Gerechtigkeit für mich immer eine große Rolle gespielt. Wir kämpften mit gewerkschaftlichen Mitteln gegen die damals herrschende Militärdiktatur in Brasilien und waren vom Aufbau der neuen Arbeiterpartei um Lula da Silva fasziniert.

Männer sitzen an langen Tischen, ein weiterer hält eine Rede.
Flavio Benites redet vor brasilianischen und argentinischen Gewerkschaftern während des Treffens des Lateinamerika Netzwerks von Volkswagen. In all seinen Positionen war und ist Benites um internationale Kooperation bemüht. (Foto: Volkswagen Lateinamerika-Netzwerk)

Als Sie 2006 nach Wolfsburg kamen, waren die Zeiten auch nicht einfach...
Die Jahre um die Jahrtausendwende waren eine belastende Situation für die ganze Branche, in Wolfsburg erreichte die Arbeitslosigkeit 18 Prozent, das hat man heute vergessen. Dann kam die Wolfsburg AG und die Auto5000 GmbH, die Autostadt und der Personaldienstleister Autovision. Das war unsere Antwort hier in der Region. Alle haben mit angepackt, es wurde investiert und auch wir waren zu Zugeständnissen bereit. Zusammen haben wir die Krise gemeistert.

Was ist heute die größte Herausforderung?
Die Transformation in der Automobilbranche. Diese Aufgabe ist aber weitaus komplexer als die damalige Krise. Wir müssen an mehreren Fronten gleichzeitig kämpfen, wenn man so will.
Dabei müssen strategische Entscheidungen getroffen werden. Eine wichtige war zum Beispiel die Etablierung der Batteriezellproduktion und des Batterierecyclings in Salzgitter. Wenn der Konzern diese Technologie nicht beherrscht, muss er sie einkaufen. Und dann wird der Profit sich entlang der Wertschöpfungskette verschieben. 

In Richtung Asien?
China und Südostasien stellen eine große Herausforderung dar. Deshalb müssen wir nicht nur die richtigen industriepolitischen Entscheidungen treffen, sondern auch sehen, wie wir das Know-How in die Region bekommen, beziehungsweise es hier behalten. Und das bekommen wir nur hin, wenn die Region attraktiv bleibt und noch attraktiver wird. Da geht es um Infrastruktur, um Schulen, Gesundheitsversorgung und Freizeitfaktoren. 

 

Nun baut Tesla quasi vor den Werkstoren von Volkswagen seine Giga-Factory auf. Das übt auch Druck auf unsere Region aus...   
Vor diesem Hintergrund gilt es umso mehr, Fachkräfte zu binden. Dabei müssen auch wir als IG Metall mehr und andere Überzeugungsarbeit leisten. Softwareingenieure werden nicht unbedingt IG Metall-Mitglieder, die Klassenidentität aus der Arbeiterbewegung gibt es bei denen nicht. Wir müssen ihnen offen sagen: Die IG Metall bringt euch etwas.

Würde jemand wie Elon Musk auch in die Region passen?
Sofern er mit seinen Investitionen und seiner Zielsetzung konkret dafür sorgt, dass Spitzentechnologie weiterentwickelt wird und aus dieser Spitzentechnologie zukunftsfähige Arbeitsplätze entstehen... In diesem Sinne glaube ich, dass er hier willkommen wäre. 
Natürlich hat er als Unternehmer und Kapitalist andere Interessen. Aber man muss ehrlich sein und anerkennen, dass er zu den innovativsten produzierenden Kräften gehört.

 

„Im Transformationsprozess ist es entscheidend, Fachkräfte zu binden."

Aber die Arbeitnehmerrechte könnten von ihm überrollt werden.
Nein. Die historische Entwicklung der IG Metall ist sehr an soziale und Arbeitskonflikte gekoppelt. Und wir sind mit unserer Organisation, den Ressourcen und Strukturen in der Lage, Konflikte zu bewältigen und im Sinne von Arbeitnehmern und Gesellschaft zu gestalten. Dafür kämpfen wir als gesamte IG Metall zusammen mit unseren Mitgliedern und dem gesamten Vorstand - auch bei Tesla.

Sie kennen viele Betriebe und kommen viel in unserer Region herum. Haben Sie einen Lieblingsort zwischen Harz und Heide?
Ja, das ist Goslar. Ich schätze die Architektur des UNESCO-Weltkulturerbes.

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