Zum Inhalt springen

Fachwerk in Hornburg und Wolfenbüttel

Fachwerkhäuser in der Innenstadt in Wolfenbüttel (Bildrechte: Frank Bierstedt)

Zu einer Zeitreise durch die Epochen der Fachwerkbaukunst laden die Innenstadt Wolfenbüttels und das mittelalterliche Kleinod Hornburg ein. Beide Städte beheimaten beeindruckende Fachwerkgebäude unterschiedlichster Stilrichtungen. Eine Spurensuche.

Idyllisch und familiär: Geheimtipp Hornburg

Am Flüsschen Ilse entstand unterhalb der gleichnamigen Burg vor mehr als 1.000 Jahren der Ort Hornburg. Um diese Zeit erblickte auch der bis heute bedeutendste Sohn Hornburgs das Licht der Welt: Suitger, Graf von Morsleben und Hornburg, bekannter unter dem Namen Clemens II.

Die Blütezeit Hornburgs liegt im 16. Jahrhundert. 1552 erhielt Hornburg Stadtrechte: Wer fortan im Schutze der Stadtmauer leben wollte, musste nachweisen, dass er im Besitz eines Grundstücks war, außerdem ein Bürgergeld von vier Talern bezahlen und einen ledernen Löscheimer besitzen. Man hatte aus der Vergangenheit gelernt, denn im Jahr 1512 war Hornburg abgebrannt – 120 Häuser waren zerstört worden. Dies ist aber nur einer der Gründe für die rege Bautätigkeit im 16. Jahrhundert. Ausschlaggebend war wohl eher der wirtschaftliche Aufschwung Hornburgs zu dieser Zeit, denn durch Hopfenanbau und den Handel mit dem Rohstoff für Bier war die Stadt zu Wohlstand gekommen.

So entstand in Hornburg ein wahrer Schatz an reich verzierten Renaissance-Fachwerkhäusern. Charakteristisch sind die bunt ausgemalten Fächerrosetten, überkragende Stockwerke und Schmuckbalken, die mit Friesen und Spruchbändern versehen sind.

Aus dem 16. Jahrhundert stammt beispielsweise das Neidhammelhaus. Es wurde vom damaligen Stadtkämmerer Valentin Mitgau erbaut. Sein Familienwappen, ein von einem Pfeil durchbohrtes Herz, ist an einem der zehn Ständerbalken zu sehen. Auch Schalkskopf und Neidkopf als Abwehrzeichen an den Hausecken fehlen nicht – diese Fassade ersetzt wie viele andere in Hornburg ein Geschichtsbuch. Ratsakten aus dem Jahr 1594 zufolge war der „Neidhammel“ das am höchsten besteuerte Haus der Stadt.

Weitere beachtenswerte Gebäude sind das Storchenhaus von 1560 an der Wasserstraße und das 1565 erbaute und 1609 um einen auf Stelzen stehenden Giebelvorbau erweiterte Alte Zeughaus. Der aus dem Jahr 1672 stammende Hopfenspeicher und das Alte Brauhaus von 1638 erinnern an den einträglichen Hopfenanbau.

Als das schönste Fachwerkhaus der Altstadt bezeichnet man gemeinhin die im Jahr 1609 erbaute Ratsapotheke am Marktplatz. Wir können Ihnen an dieser Stelle nur raten, sich selbst ein Bild zu machen: Mit fast 400 erhaltenen Fachwerkbauten präsentiert sich das Städtchen seinen Besuchern als lebendiges Freilichtmuseum. Erkunden Sie den Marktplatz, entdecken Sie Weberschiffchen, Pflanzendarstellungen und Familienwappen an den Fassaden, schlendern Sie über die Hagenstraße an der Ilse entlang und genießen Sie das Idyll an der Stadtmauer!

Fachwerkhäuser in Hornburg – ein Rundgang

Wolfenbüttel – eine 500 Jahre alte Inszenierung lebt weiter

Wir wenden uns nun Wolfenbüttel zu. Am Ausgangspunkt unserer Tour hat auch die Stadt Wolfenbüttel ihren Anfang genommen – wir starten am Schloss. Hier residierte und regierte ab 1568 Herzog Julius von Braunschweig-Lüneburg. Und Julius hatte ein Problem: Schon seit einiger Zeit strebte die Hansestadt Braunschweig nach Selbstständigkeit. Die Braunschweiger Bürger versagten dem Herzog in Wolfenbüttel Loyalität und Steuern. Julius sann auf Abhilfe. Er wollte Braunschweig wirtschaftlich austrocknen und plante daher vor den Toren des Schlosses Wolfenbüttel eine eigene Residenzstadt zur Unterbringung seiner Landesverwaltung: die nach seinem Vater benannte Heinrichstadt. „Eigentlich ist Wolfenbüttel ein einziges Großraumbüro“, sagt der Historiker Sebastian Mönnich mit einem Augenzwinkern, als er uns durch Wolfenbüttel führt.

Anhand eines Modells im Bürgermuseum verdeutlicht er, dass die Stadt noch einen anderen Zweck hatte: Sie war geschickt geplant worden, um Besucher zu beeindrucken und ihnen die ganze landesherrliche Macht vor Augen zu führen. So fuhren einfahrende Kutschen durch ein prächtiges Tor zuerst über den Holzmarkt, auf dem sich tatsächlich Berge von Holz stapelten. Dann erreichten die Besucher den von repräsentativen Hofbeamtenhäusern flankierten Kornmarkt. Hier mussten alle Händler, die in der Stadt Geschäfte machen wollten, drei Stunden lang Getreide zum Kauf anbieten.

„Wer ein Haus aus Stein baute, der war buchstäblich steinreich“

Im Zickzackkurs zum Schloss

Am Ende des Kornmarkts wäre das Schloss eigentlich längst in Sichtweite. Doch statt auf das Schloss fällt der Blick damals wie heute auf ein prachtvolles Steinhaus. Auch an anderen strategischen Stellen in der Altstadt sind massive Häuser platziert. „Steinhäuser demonstrierten damals Reichtum, und genau das war das Ansinnen der Stadtplaner. Aus dieser Zeit kommt der Begriff ‚steinreich’“, erklärt Sebastian Mönnich.

Und so näherten sich die Besucher damals in einer Zickzack-Fahrt über alle großen Plätze der Stadt dem herzoglichen Palast. Vorbei am ältesten steinernen Haus in Wolfenbüttel, 1586 bis 1588 vom herzoglichen Bauverwalter Philipp Müller an der Stirnseite des Stadtmarktes erbaut und von ihm selbst bewohnt. Vorbei an den Krambuden, wo Händler unter Arkaden bei gutem wie bei schlechtem Wetter ihre Waren feilboten. So gestaltete sich die Anfahrt als perfekte Inszenierung von Wohlstand und florierendem Handel.

Einst ein Wasserschloss und heute das zweitgrößte erhaltene Schloss in ganz Niedersachsen (Foto: Lena Ziehres)

Reich verziertes Fachwerk – bis heute ein Augenschmaus

Von den wenigen Steinhäusern abgesehen, entstand die komplette Heinrichstadt im Fachwerkstil. Prächtig, groß und reich verziert mit Schnitzereien waren die Wohnhäuser der hochrangigen Hofbeamten. Stilistisch einfacher und sehr viel kleiner die Häuser der Handwerker. Mehr als 600 Fachwerkgebäude sind heute in Wolfenbüttel erhalten.

Doch wir stehen noch immer vor Niedersachsens größtem Fachwerkschloss, das 1714 eine barocke Holzfassade erhielt. Man wollte damals mit der Mode gehen. Im Hof des Schlosses ist die „genagelte Lebenslüge“, wie Sebastian Mönnich sagt, deutlich erkennbar. Hier gibt es der Symmetrie zuliebe aufgemalte Fenster an Stellen, an denen wegen tragender Wände nachträglich kein Fenster eingebaut werden konnte.

Wo Lessing lebte und arbeitete

Wir wollen nun den Bereich um das Schloss, die sogenannte Dammfestung, verlassen und in die Heinrichstadt gehen. Doch vorher müssen wir noch über den wohl berühmtesten Bibliothekar Wolfenbüttels sprechen. Gotthold Ephraim Lessing lebte ab 1770 einige Jahre im Schloss, und zwar in einer Wohnung mit perfekter Aussicht auf die Anfang des 18. Jahrhunderts erbaute Bibliotheksrotunde. Erst Ende des 19. Jahrhunderts entstand der neobarocke Neubau der Herzog August Bibliothek, den wir heute noch sehen.

Er wohne „einsam in einem verwunschenen Schloss“, soll Lessing damals gesagt haben. Zu dieser Zeit war der Hof samt Hofstaat schon nach Braunschweig gezogen. Immerhin inspirierte ihn die Einsamkeit zu seinem berühmten Theaterstück „Emilia Galotti“.

1777 zog Lessing, inzwischen verheiratet mit Eva König, ins heutige Lessinghaus. Das dreiflügelige Wohnhaus in direkter Nachbarschaft des Schlosses und der Herzog August Bibliothek war als Hofbeamtenhaus im Stil eines spätbarocken französischen Parkschlösschens erbaut worden. Und zwar als Fachwerkhaus mit bestem Eichenholz.

Lessing brachte dieses Haus kein Glück. Hier gebar seine Frau Eva am Weihnachtsabend 1777 den gemeinsamen Sohn Traugott, der jedoch schon am nächsten Tag starb. Kurze Zeit später starb auch Eva an Kindbettfieber. Lessing verlegte daraufhin sein Arbeitszimmer vom hinteren Bereich des Hauses nach vorne in das Sterbezimmer seiner Frau. Hier entstand unter anderem sein Werk „Nathan der Weise“.

Architektonische Kleinode

Nun sind auf dem Weg, um die architektonischen Schönheiten der Heinrichstadt zu erkunden, zum Beispiel das Hausensemble Schlossplatz 10a und 10b. Der Architekt hat Kanonenkugeln und ein Kanonenrohr als schmückende Elemente in die Fassaden integriert – eine Anspielung auf die Zerstörung der Residenz im Jahr 1542.

Beachtenswert ist auch das Haus des Landbaumeisters Hermann Korb, das heutige Anna-Vorwerk-Haus. Korb, ungekrönter König der Fachwerksbaukunst, ist unter anderem für die neue Schlossfassade verantwortlich. Sein Wohnhaus, 1700 als Fachwerkhaus gebaut, trägt seit 1907 eine geputzte Jugendstilfassade.

Wir passieren den Großen Zimmerhof – die geschlossenen Häuserreihen verdecken damals wie heute die Sicht auf das Schloss – und erreichen die Krumme Straße. In der schmalen, von schmucken, bunten Fachwerkhäusern gesäumten Gasse fühlen wir uns zurückversetzt in die Mitte des 17. Jahrhunderts. Mit dem Unterschied, dass es damals keine Autos gab und es vermutlich nicht so sauber war wie heute.

In der schmalen, von schmucken, bunten Fachwerkhäusern gesäumten Krummen Straße fühlt man sich zurückversetzt in die Mitte des 17. Jahrhunderts (Foto: Frank Bierstedt)

Vorbei an der Hauptkirche Beatae Mariae Virginis, dem ersten protestantischen Großkirchenbau, und nachempfundenen Wasserläufen am Kornmarkt kommen wir auf den Stadtmarkt. Hier bietet sich uns ein 360-Grad-Baugeschichtsbuch im Maßstab 1:1. Von der Renaissance über Barock, Klassizismus und den Historismus des 19. Jahrhunderts bis hin zur Moderne und Postmoderne reicht der Stil der Bauten auf diesem beeindruckenden Platz.

Schon die Besucher des Herzogs passierten Anfang des 17. Jahrhunderts mit ihren Kutschen die Baustelle des Fachwerk-Rathauskomplexes. Der Wolfenbütteler Denkmalschützer und Fachwerkspezialist Hans Mai hält das Rathaus für ein Muster in Sachen Fachwerk- und Innengestaltung aus der Übergangszeit von der Renaissance zum Barock.

Hornburg kam durch Hopfenanbau und den Handel mit dem Rohstoff für Bier zu Wohlstand (Foto: Frank Bierstedt)

Fratzen gegen böse Geister

Ab dem Ende des 17. Jahrhunderts verschwanden die typischen Kennzeichen eines Renaissance-Fachwerkhauses – sogenannte Dreieckshölzer unter den Fenstern und Auskragungen – zunehmend. An die Stelle der Dreieckshölzer traten durchkreuzte Hölzer unter den Fenstern und die vorspringenden Obergeschosse wurden durch ein einfaches Simsholz ersetzt. Damit waren auch die Knaggen, die die auskragenden Obergeschosse tragen, ein Relikt der Geschichte geworden.

Die Verzierungen der Setz- und Giebelschwellen mit Laubstäben, gedrehtem Tau, Perl- und Blumenschmuck, Fächerrosetten und Fabelwesen sind ebenfalls charakteristisch für die Renaissance. Aus den Inschriften auf den Obergeschoss-Schwellen ließ sich meist die Gesinnung der Bauherren ablesen – und die Schmuckmotive erlaubten Rückschlüsse auf den Geldbeutel der Besitzer. An den Eckknaggen sehen wir hin und wieder geschnitzte Fratzen, die böse Geister abhalten sollen.

Mit dem Übergang zum Barock begann man, Fachwerkhäuser einfarbig zu streichen oder zu verputzen, um den Eindruck von Steinbauten hervorzurufen. Eine besonders gelungene Illusion in dieser Hinsicht bieten das Kleine Schloss und das Prinzenpalais am Kornmarkt. Im Prinzenpalais wohnte Prinz Karl I. als designierter Herzog mit seiner Frau Philippine Charlotte. Weil die Bewohner von Stand und Adel waren, malte man unregelmäßige dunkle Fugen auf die grauschlierige Fassade und erreichte damit eine Marmoroptik.

„Mit Bauform und Baugröße dokumentierten die Leute damals ihren finanziellen Status. Das kann man heute gut nachempfinden“, erklärt Sebastian Mönnich und zeigt uns die typischen Buden der Händler in der Straße Krambuden. Hier liegt das älteste Schankhaus der Stadt, untergebracht in einem Renaissance-Fachwerkhaus und benannt nach einem Wirt: „Bei Theo“. Auch Lessing soll hier schon sein Bier getrunken haben.

Ein schmales Haus und düstere Gassen

Um die Ecke liegt das schmalste Haus der Stadt Wolfenbüttel. Das Fachwerkhaus aus dem Jahr 1751 ist zur Straße hin nur 2,16 und zum Hof 3,52 Meter breit. Doch man sollte sich nicht täuschen lassen: Die architektonische Besonderheit verfügt heute über sechs Zimmer mit einer Wohnfläche von mehr als 100 Quadratmetern.

Wir passieren das pittoreske Klein-Venedig – Reste eines unter Herzog Julius angelegten Grachtensystems – und die noch immer etwas düster wirkende Stobenstraße. Hier übten früher die Barbiere, die nicht nur Bärte abrasierten, sondern auch Zähne zogen und Blinddärme entfernten, ihr Handwerk aus.

Zurück geht es über den Stadtmarkt, vorbei am Wohnhaus von Justus Georg Schottelius, dem Vater der deutschen Grammatik, und dem Haus von Friedrich Adolf Riedesel. Seine Frau, Fredericke Charlotte Luise Riedesel, brachte den Weihnachtsbaum nach Amerika. Das alles weiß Sebastian Mönnich und noch viel mehr. Beispielsweise bis wann der Bauboom in Wolfenbüttel anhielt. „Mit dem Umzug des Hofes nach Braunschweig schrumpfte die Einwohnerzahl von etwa 10.000 auf rund 6.000. Als Entschädigung bot der Herzog den Wolfenbüttelern Land für den Gemüseanbau an“, sagt er. So wurde Wolfenbüttel zur Gärtnerstadt. Doch das ist wieder eine andere Geschichte…

Vorheriger Artikel
Salzgitter im Umbruch: von der Industriestadt zum lebenswerten Ort mit gesundem Mittelstand
Nächster Artikel
Feinfühlige Arbeit an seltenen Textilien – die Paramentenwerkstatt St. Marienberg