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Gelebte Vielfalt – 150 Jahre Evangelische Stiftung Neuerkerode

Im Hintergrund sieht man die Peter und Paul-Kirche in Elze.  (Bildrechte: Bernhard Janitschke)

Die Geschichte der Evangelischen Stiftung Neuerkerode hört sich ein wenig wie ein Märchen an: Es war einmal ein Geistlicher, der am 1. Mai 1867 eine Zeitungsseite, die eigentlich nur als Schutz für seine neuen Stiefel dienen sollte, entdeckte und genauer betrachtete. Auf dieser Seite bedruckten Papiers las Pastor Gustav Stutzer an jenem Tag in seinem Arbeitszimmer in Erkerode sitzend einen Artikel. Der unbekannte Autor jener Zeilen stellte die Frage: „Warum gibt es keine adäquaten Hilfen für Menschen mit geistiger Behinderung, wo doch andererseits so viel für psychisch erkrankte Menschen getan werde?“ Pfarrer Stutzer war berührt und betroffen. Er selbst hatte die Missstände der Armen in den Dörfern bemängelt und sich für eine adäquate Fürsorge von Menschen mit Behinderung eingesetzt. Der Artikel brachte ihn auf eine konkrete Idee: Diesen bis dato ausgegrenzten Menschen in den umliegenden Dörfern wollte er helfen. Aus diesem Gedanken ist längst Realität geworden. Heute ist die Evangelische Stiftung Neuerkerode historischer Kern und Dach einer modernen diakonischen Unternehmensgruppe und zugleich der größte Arbeitgeber im Landkreis Wolfenbüttel.

Mit sieben Talern fing alles an …

Aber zunächst noch einmal zurück zu jenen wichtigen Anfangstagen und den Visionen, die Pastor Gustav Stutzer mit bescheidenen Mitteln wagte. Als Gast einer Hochzeitsgesellschaft sammelte er sieben Taler zur Gründung einer Anstalt, in der Kinder und Jugendliche mit Behinderung ein Zuhause finden sollten. Als die Braunschweiger Bankierstochter Luise Löbbecke, Autorin des besagten Zeitungsartikels, von Stutzers Plan hörte, spendete ihm die Wohltäterin spontan 1.000 Taler als Anschubfinanzierung für sein soziales Projekt. Dank weiterer Spenden und der Unterstützung des Arztes Dr. Oswald Berkhan öffnete die Anstalt zu Erkerode dann am 13. September 1868 ihre Pforten.

Ein Schwarz-Weiß-Bild von Neuerkerode um 1900.
Neuerkerode um 1900. (Foto: Bewohnerin Neuerkerode um 1900)

Viele Geschichten, viele menschliche Schicksale

Aus den zurückliegenden 150 Jahren gäbe es unzählige Geschichten zu erzählen. Geschichten über menschliche Schicksale. Und viele, die für das Potenzial von Menschen mit Behinderung stehen – wenn diese richtig gefördert und gefordert werden. Etwa jene: Ein in der Anstalt lebender Junge kam immer wieder schmutzig nach Hause. Doch bald stellte sich heraus, warum: Er modellierte gerne und besaß eine große Begabung für gestalterische Tätigkeiten. Er durfte sein Talent ausleben. Letztlich wanderte er nach Amerika aus und machte dort als Bildhauer Karriere.

Ein Kampagnenmotiv der Evangelischen Stiftung Neuerkerode zu ihrem 150-jährigen Bestehen.

Ein Bewohner des Dorfes der Evangelischen Stiftung Neuerkerode mit Fußball und Fanschal.
(Foto: Evangelische Stiftung Neuerkerode)

Dorf der Vielfalt

Auch Manfred Simon kennt diese – und viele weitere Geschichten. Der gelernte Diplom-Kaufmann leitet in der Evangelischen Stiftung Neuerkerode den Bereich Unternehmenskommunikation/ Fundraising und ist täglich mittendrin im Geschehen des abwechslungsreichen Neuerkeroder Dorflebens. Und es ist wirklich ein richtiges Dorf. Wer immer nur mit dem Auto auf der Hauptstraße an der Stiftung vorbeifährt, der weiß nicht, was sich links und rechts davon an facettenreichen Leben abspielt. Mehr als 800 Menschen mit einer geistigen und/oder Mehrfachbehinderung leben in Neuerkerode. Einige von ihnen arbeiten auch direkt im Dorf in unterschiedlichen Werkstätten und Wirtschaftsbetrieben.

Zu sehen sind Bewohner und Mitabeiter von Neuerkerode.
Bewohner und Mitabeiter von Neuerkerode. (Foto: Klaus G. Kohn)

Alles, was man braucht

Es gibt etwa eine Gärtnerei mit Blumenladen, einen kleinen Supermarkt, einen Frisörsalon, einen Kleider- sowie einen Trödelladen. Als Manfred Simon durch das Dorf spaziert, wird er immer wieder von Menschen mit Behinderung im Vorbeigehen begrüßt. Es sind Momente, in denen er weiß, dass er sich damals richtig entschieden hat. Menschlichkeit, Wertschätzung und Teilhabe machen den einen Teil seiner täglichen Arbeit aus. Andererseits aber auch die Arbeit mit Zahlen, die Kontakte zu Krankenkassen und weiteren Kostenträgern. Eben all jenen, die für den Grundbedarf zur Förderung von Gesundheit, Inklusion und Lebensqualität der Menschen in Neuerkerode aufkommen. Auch heute, rund 150 Jahre nach der Gründung der Evangelischen Stiftung Neuerkerode, wird sein Handeln – und das seiner Kollegen – durch den christlichen Glauben und von dem Anspruch geleitet, Menschen ernst zu nehmen und ihnen beizustehen.

Die Evangelische Stiftung Neuerkerode als Arbeitgeber

Rund 2.600 Mitarbeiter und 200 Auszubildende sind heute für den modernen diakonischen Unternehmensverbund tätig. Ihre Arbeiten umfassen vielfältige soziale, pflegerische, pädagogische und medizintherapeutische Dienstleistungen. Ein großer und attraktiver Arbeitgeber, der seinen Angestellten ein Familien-und gesundheitsbewusstes Arbeitsumfeld, individuelle Fortbildungsprogramme und Ausbildungsinitiativen bietet.

Zudem ist die Stiftung eine Partnerschaft mit der Evangelisch-lutherischen Diakonissenanstalt Marienstift als Träger des gleichnamigen Braunschweiger Krankenhauses eingegangen. Außerdem  eine Partnerschaft mit dem Senioren- und Pflegezentrums Bethanien. Gesundheitsdienstleistungen und Altenhilfe sind stärker in den Fokus gerückt worden. So sind auch neue Geschäftsfelder wie Suchthilfe hinzugekommen. Hier im Kastanienweg 3 in Sickte-Neuerkerode ist viel in Bewegung. Und das ganz im Sinne des Gründungsvaters Pastor Gustav Stutzer: Menschen mit Behinderung eine sichere Zuflucht und ein Zuhause zu schaffen, in dem sie leben und sich entfalten können.

 

Film-Clip zu 150 Jahren Evangelische Stiftung Neuerkerode.
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