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Regionalverband: Zehn Fragen an Ralf Sygusch

  • Datum: 5. Mai 2021
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Ein Mann überquert eine Straße. (Bildrechte: Stephanie Joedicke)
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Redaktion
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Was macht eigentlich der Regionalverband? Kaum jemand aus unserer Region könnte diese Frage genau beantworten. Deshalb haben wir uns mit Ralf Sygusch, seit gut einem Jahr neuer Verbandsdirektor des Regionalverbandes und in gleicher Funktion auch Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Region Braunschweig (VRB), zu einem Spaziergang verabredet. Es geht um den Ausbau des Nahverkehrs im ländlichen Raum, um E-Bikes und die „Weddeler Schleife".

Herr Sygusch, welche Rolle spielt der Regionalverband Großraum Braunschweig als Bindeglied zwischen Stadt und Land in unserer Region?

Zum Einen sind wir Aufgabenträger für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) auf Schiene und Straße, das heißt, wir planen und bestellen die Angebote und finanzieren diese in großen Teilen selbst oder aber in Kooperation mit Partnern in der Region.

Unsere zweite wichtige Aufgabe ist die Erarbeitung des regionalen Raumordnungsprogramms. Darin werden alle Ansprüche an Flächen in der Region miteinander und aufeinander abgestimmt und festgelegt: Siedlung, Rohstoff, Freiraum, Gewerbe, Erholung, Handel, Naturschutz oder Verkehr.
Der dritte Bereich sind die informellen und teilweise neuen Aufgaben, wie die regionale Verkehrsplanung, Naherholung/Tourismus, Hochwasserschutz oder Klimaschutz. Hier sind wir, überwiegend mit unseren kommunalen Partnern, Impulsgeber, Koordinator, Planer und Partner und teilweise auch Umsetzer in regionalen Projekten und Konzepten. Aber bleiben wir heute bei Mobilität und ÖPNV.

Eines der neuen Projekte heißt Mobi38 und wird bis 2022 von der EU gefördert. Worum geht es dabei?

Das Projekt heißt vollständig „Mobilität neu erfahren“ -und darum geht es im Kern auch. Es geht um die Initiierung von Projekten im Bereich nachhaltiger Mobilität und auch die Information zu interessanten Projekten in unserer Region.
Wir führen hierfür Akteure aus der Region für neue Themen zusammen, starten Pilotprojekte und transportieren die Erkenntnisse in die Region. 

Grundsätzlich denken wir dabei in Wegeketten, weshalb es nicht nur, aber auch um ÖPNV geht. Beim ÖPNV sind die drei Stränge: Verbesserung des Angebotes, Verbesserung von Qualität und Services sowie gute Tarife für uns die Ansatzpunkte. Wir beschäftigen uns, aber unabhängig von mobi38, auch mit Themen der Anschlussmobilität mit Rad, zu Fuß oder auch dem PKW und Projekten wie etwa den Radschnellwegen Braunschweig – Salzgitter/Wolfenbüttel und Braunschweig – Wolfsburg.

Was sind denn die wichtigsten Dinge, die Sie mit Mobi38 bereits umgesetzt haben – und haben Sie bis 2022 noch etwas im Köcher?

Mobi38 ist nur Eines unserer regionalen Projekte und es geht dabei nicht primär um Projektumsetzung. Wir beschäftigen uns zum Beispiel mit Projekten an Schulen, um die Schüler wieder mehr an das Thema Fahrrad heranzuholen, wobei wir dies aufgrund von Corona zurückstellen mussten.

Wir befassen uns auch mit Themen wie Car- und Bikesharing oder Mobilitätszentralen und versuchen gemeinsam, regionale Lösungen zu entwickeln. Eines der größten aktuellen Gemeinschaftsprojekte ist das Echtzeitprojekt, in dem wir gemeinsam mit dem Verkehrsverbund, 21 Kommunen und 19 Verkehrsunternehmen durch die Ausstattung in Bussen und Bahnen, an Haltepunkten oder in der App bis Ende 2022 einen neuen Qualitätsstandard etablieren werden.

Die VRB-App ist mit einem ansehnlichen Funktionsumfang an den Start gegangen. Können Sie die zentralen Funktionen der App kurz erläutern – und wird es weitere Features geben?

Die App des Verkehrsverbundes ist vor allem ein Auskunftsmedium für den gesamten ÖPNV in der Region mit Fahrinfos und interaktiver Karte, über die Fahrgäste auch ihre Tickets kaufen können. Wir werden sie in absehbarer Zeit um flächendeckende Echtzeit-Informationen, also in wie vielen Minuten die Fahrzeuge kommen, erweitern.
Auch die direkte Anschlussinformation soll perspektivisch angezeigt werden. Ob und mit welcher Ausrichtung wir die App als Basis-App zum Thema nachhaltige Mobilität in der Region ausbauen werden wird, ist mit den regionalen Partnern noch zu entscheiden. 

Ein Mann überquert eine Straße.
Ralf Sygusch ist seit Anfang 2020 der Verbandsdirektor beim Regionalverband. „Ein Traumjob", sagt er. (Foto: Stephanie Joedicke)

Sie wollen richtigerweise alle nachhaltige Mobilitätslösungen stärken. Aber ist etwa das Fahrrad, gerade das E-Bike, nicht ein Konkurrent für den VRB?

Das Rad oder E-Bike ist für uns keine Konkurrenz, im Gegenteil, sondern ein wichtiges Glied in der Wegekette: Die Stärkung des Radverkehrs könnte zu einer Stärkung des ÖPNV führen: Wenn ich die entsprechenden Anschlussstellen verbessere und dafür sorge, dass die Leute ihre Fahrräder gut abstellen und dann auf den ÖPNV umsteigen können, habe ich ja schon wieder etwas für das Thema der nachhaltigen Mobilität getan. Und das ist unser Ziel.

Der VRB möchte Lösungen für Menschen in allen Lebensphasen in der Region bieten. Wird das Thema Barrierefreiheit noch mehr an Gewicht gewinnen und wie wird sich das gestalten? 

Barrierefreiheit ist eine unserer Basisaufgaben, die wir in allen Bereichen berücksichtigen. Bis Ende des Jahrzehnts wollen wir zum Beispiel alle 46 Bahnhaltepunkte barrierefrei ausbauen. Und im vergangenen Jahr haben wir alle Haltestellen, die es in der Region gibt, digital erfasst, auch hinsichtlich der Barrierefreiheit. Diese Informationen stellen wir unseren Partnern zur Verfügung und sind natürlich, wie schon erwähnt, in die App-Entwicklung eingeflossen.

Eine Bahnhaltestelle und eine Baustelle.
Der Bahnhof Gliesmarode wird barrierefrei umgebaut. Das Thema Barrierefreiheit ist ein "Basis-Thema" für den Regionalverband, sagt Ralf Sygusch. (Foto: Florian Kleinschmidt /BestPixels.de)

Bei welchen Verbindungen können sich Fahrgäste über eine höhere Taktung freuen?   

Beim Thema Taktung haben wir das Ziel, dass wir zwischen den Oberzentren und auch den meisten Mittelzentren perspektivisch einen Halbstundentakt anbieten zu können. Der Ausbau der Weddeler Schleife wird dazu führen, dass wir dann zwischen Braunschweig und Wolfsburg diesen Halbstundentakt haben. Auch zwischen Braunschweig und Gifhorn, Richtung Salzgitter und im Harz schauen wir, wie wir ebenfalls noch eine höhere Taktung hinbekommen.

Wo Sie die Weddeler Schleife gerade erwähnen: Wann wird sie fertig sein?

Wir sind hier auf der Zielgeraden. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir die Vertragsverhandlungen bald abschließen können, um noch in diesem Jahr mit dem Bau beginnen zu können - so dass 2023 tatsächlich das zweite Gleis der  Weddeler Schleife in Betrieb gehen kann.

Gibt es beim Regionalverband Ansätze, den öffentlichen Nahverkehr für die Zukunft - möglicherweise auch im Hinblick auf zukünftige Pandemiesituationen - neu zu denken?

Wir wissen, dass sich durch veränderte Arbeitsstrukturen wie Homeoffice auch die Nachfragestrukturen in der Zukunft verändern werden. Zu beobachten ist dies zum Beispiel bei der Zahl der Fahrkarten-Abos, die eine wichtige Finanzierungs-Säule für den ÖPNV ist. Wir werden uns Gedanken machen müssen, was uns ÖPNV, auch mit Blick auf das Thema Klimaschutz und Verkehrswende, in der Zukunft wert ist und wie wir das Angebot finanzieren werden.
Auch neue Angebote, wie ein maßgeschneiderter, bedarfsorientierterer Einsatz von Fahrzeugen im ländlichen Raum, könnte dabei Teil der Lösung sein.

Sie kommen schon von Berufs wegen viel zwischen Harz und Heide herum. Dennoch: Haben Sie einen Lieblingsort in der Region?  

Das ist die erste Frage, die ich Ihnen nicht beantworten kann (lacht). Ich habe tatsächlich keinen speziellen Lieblingsort. Unsere Region ist sehr vielfältig, sowohl was die Naturlandschaften als auch was die Siedlungsdichte anbelangt. Ich entdecke einfach gerne immer neue Orte, auch in unserer Region.