Zum Inhalt springen

Wenn’s schnell gehen muss – Breitbandinternet in Wolfenbüttel

Stromkasten in Wolfenbuettel (Bildrechte: Landkreis Wolfenbüttel)

Schon vor 15 Jahren erkannte der Landkreis Wolfenbüttel die Notwendigkeit eines ultraschnellen Glasfaserinternets sprich Breitbandinternets– doch die großen bundesweiten Provider winkten ab. Da setzten sich die Wolfenbüttler an einen Tisch und sagten sich: „Dann machen wir es eben selbst.“

Ohne Internet läuft heute nichts mehr – das gilt sowohl für Privathaushalte als auch für Unternehmen. Schon Anfang der 2000er Jahre erkannte der Landkreis Wolfenbüttel, dass im Breitbandinternet großes Potenzial steckt und die Breitbandversorgung in der ländlich geprägten Region ein unverzichtbarer Standortfaktor ist. Wir sprachen mit Peter Scheer vom Landkreis Wolfenbüttel, Werksleiter und verantwortlich für das Projekt Breitbandausbau.

Herr Scheer, als der Landkreis und die Kommunen Anfang der 2000er Jahre bei den großen deutschen Providern für ein schnelles Glasfasernetz vorsprachen, bekamen Sie eine Abfuhr. Warum?

Diejenigen haben uns tatsächlich sinngemäß geantwortet: „In den nächsten zehn Jahren machen wir bei Ihnen gar nichts.“ Der Punkt ist, dass bei der Verlegung eines Glasfasernetzes hohe Tiefbaukosten anfallen. Viele Provider scheuen dieses Baurisiko. Das hat uns natürlich nicht weitergeholfen. Hier gibt es schließlich 100 Dörfer und Stadtteile, die versorgt werden müssen. Privatleute, Unternehmer, Selbstständige – wie sollen die ohne schnelles Internet wettbewerbsfähig sein? Wir haben dann zuerst acht Jahre für ein Förderprogramm gekämpft. Auch mit der Maximalförderung von einer Million Euro wäre das alles nicht vorfinanzierbar gewesen. Wir mussten größer denken und haben uns an das Land Niedersachsen gewendet. Dort hat man uns darauf hingewiesen, dass eine neue Rahmenregelung vom Bund gestattete, Tiefbauarbeiten selbst auszuführen. Wir haben uns dann zusammengesetzt und kalkuliert: Wenn wir jeden Ort erschließen wollen, müssen wir 280 Kilometer Glasfasernetz verlegen. Heute sind bereits bis zu 320 Kilometer verbaut worden. Aber dann können wir einen Provider ins Boot holen, der sich „nur“ um die aktive Technik kümmert.

Bei der Verlegung eines Glasfasernetzes fallen hohe Tiefbaukosten an. Viele Provider scheuen dieses Baurisiko. (Foto: Landkreis Wolfenbüttel)

Das kostet Geld ...

In der Tat! Elf Millionen Euro Investition für den Netzaufbau, drei Millionen Betriebskosten auf 20 Jahre und vier Millionen Finanzierungskosten. Macht mal eben 18 Millionen für 20 Jahre. Glücklicherweise hat die Politik diesem ambitionierten Vorhaben zugestimmt – denn wir wollen hier ja nicht nur Arbeitsplätze sichern, sondern auch Unternehmern einen Anreiz geben, sich hier anzusiedeln. Und unsere Bürgerinnen und Bürger sollen natürlich auch eine zeitgemäße Internetanbindung haben – ganz gleich für welche Zwecke.

Glasfaserkabel mussten in einer Tiefe von 80 bis 120 Zentimetern, teilweise unter Äckern und Feldern, verlegt werden. (Foto: Landkreis Wolfenbüttel)

Sie haben es dann also gewagt.

Ja, weil wir uns unserer Sache sicher waren – und weil hier wirklich alle zusammengearbeitet haben. Sie müssen ja diese Glasfaserkabel nach Art eines riesigen Spinnennetzes verlegen – in einer Tiefe von 80 bis 120 Zentimetern. Das geht natürlich leichter, wenn die Land- und Forstwirte mitmachen und uns erlauben, teilweise unter ihren Äckern oder Feldern zu verlegen. Und das geht auch alles nur in einem akzeptablen Tempo, wenn Sie nicht für jeden Graben einen eigenen Bauantrag schreiben müssen. Also haben wir eine eigene Sparte Breitbandbetrieb im Eigenbetrieb Wirtschaftsbetriebe gegründet – und der Leiter dieses Eigenbetriebs ist zugleich auch leitender Baudirektor. So konnten wir den in Behörden üblichen Papierkrieg fast völlig vermeiden und das alles in einer nahezu aberwitzigen Geschwindigkeit stemmen.

Und wer ist nun der Provider?

Dazu gab es eine ganz normale Ausschreibung: Wir haben einen 20 Jahre währenden Vertrag ausgeschrieben und das beste Angebot genommen – die Firma htp aus Hannover. Auch hier muss ich mich nochmal bedanken, denn die haben auf eigene Faust noch einmal sechs Millionen Euro für die ganze Technik investiert. Und zwar in einem einzigen Jahr, obwohl wir die Gesamtinvestition eigentlich auf drei Jahre verteilen wollten. htp hat richtig Gas gegeben.

Wann ging der erste „funktionierende“ Anschluss online?

Schon im April 2013 – also kurz nach Baubeginn. Sukzessive kamen dann nach dem Prinzip des Spinnennetzes ringförmig immer mehr fertige Anschlüsse hinzu.

Damit jeder Ort im Landkreis Wolfenbüttel erschlossen wird, mussten 280 km Glasfasernetz verlegt werden. (Foto: Landkreis Wolfenbüttel)

Heute sind bereits bis zu 320 Kilometer verbaut worden.

Und wie schnell sind die Netze?

Für Privatkunden gibt es bis zu 100 Mbit/s im Download und 40 Mbit/s im Upload. Das hängt ein bisschen davon ab, wie lang die „letzte Meile“ des Telekom-Kupferkabels ist – und in welchem Zustand sie sich befindet. Geschäftskunden, die einen direkten Glasfaseranschluss besitzen (FTTB), können nach Wunsch bis zu zehn Gbit/s im Downstream abrufen.

Wie viele Menschen haben Sie inzwischen „verkabelt?“

Zum einen haben wir unsere Schulen, Behörden und Verwaltungen komplett mit Glasfaser angeschlossen. Ansonsten sind (Stand September 2018) 11.379 von 34.000 Haushalten, also knapp 30 Prozent, mit schnellem Internet versorgt.

Ihr Breitbandkonzept ist umfassend und betrifft nicht nur Glasfaserleitungen, sondern auch den Aufbau von Hotspots. Kann ich im Landkreis Wolfenbüttel dann kostenlos draußen surfen?

Richtig. Wir haben bereits 25 Hotspots in der Region Wolfenbüttel aufgebaut. Zurzeit läuft eine Abfrage über die Samt-/Einheitsgemeinden und der Stadt Wolfenbüttel, ob weitere HotSpots-Standorte gewünscht werden.

Zum Schluss werden die Trassen verdichtet. (Foto: Landkreis Wolfenbüttel)

Was gibt es noch für Pläne?

Neben den Hotspots kümmern wir uns um die sogenannte „Nachverdichtung“. Wir wollen jetzt die Haushalte ans schnelle Netz kriegen, die bisher noch ein zu langes Kupferkabel auf der „letzten Meile“ haben. Außerdem erschließen wir jede Schule und die Gewerbegebiete sowie künftig jedes Neubaugebiet automatisch mit Glasfaser – so machen wir gleich Nägel mit Köpfen. Bis 2025 wollen wir im Landkreis Wolfenbüttel der Vorgabe der EU, des Bundes und des Landes, alle Häuser mit Glasfaserkabeln zu erschließen (FTTB), nachkommen. Dies wird aber ohne finanzielle Fördermöglichkeiten durch den Bund und das Land Niedersachsen nur schwer möglich sein. Die entsprechenden Förderrichtlinien für den Gigabitausbau seitens des Bundes und des Landes werden in 2019/2020 erwartet.

Das Interview führte unsere Redaktion im November 2018.

Aktuelle Entwicklungen im Landkreis Wolfenbüttel

Derzeit (Stand November 2018) verfügen schon über 11.300 Kunden im Landkreis Wolfenbüttel über Breitband-Internet. In der Stadt Wolfenbüttel gibt es aktuell 10 HotSpots, Ende Oktober sind bereits 25 Standorte im gesamten Landkreis mit HotSpots versorgt. Darüber hinaus hat sich der Landkreis Wolfenbüttel der HotSpot-Initiative von BS Energy, der Stadt Braunschweig sowie dem Telekommunikationsunternehmen htp GmbH angeschlossen. Mit der einmaligen Anmeldung können Internetnutzer die derzeit 23 öffentlichen HotSpots in Braunschweig sowie die 25 HotSpots im Landkreis Wolfenbüttel verwenden.

Bereiche in der Stadt Wolfenbüttel, die mit HotSpots abgedeckt sind.
In der Stadt Wolfenbüttel sind derzeit 10 Bereiche mit HotSpots versorgt: Schlossplatz, Schloss Innenhof, Kornmarkt, Krambuden, Lessingplatz, Platz vor dem Bankhaus Seeliger, Stadtmarkt, Lange Herzogstraße, Bahnhof und das Stadtbad Okeraue. (Foto: Eigene Darstellung Stadtwerke Wolfenbüttel, Google Maps.)
Vorheriger Artikel
Wolfsburg im Wandel: Geschichte im Zeitraffer
Nächster Artikel
Von Aminosäuren über Soziales bis zu Zylindern – große Arbeitgeber in Helmstedt