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Die ganze Welt in einer Stadt – Integration in Wolfsburg

VW Gebäude am Fluss (Bildrechte: Ramona Hutano)

Integration von Menschen aus einem anderen Kulturkreis bringt Diversität. In der Volkswagenstadt Wolfsburg wird seit Jahrzehnten erfolgreich Menschen aus aller Welt geholfen, hier eine neue Heimat zu finden. Wir fragten im Integrationsreferat der Stadt nach dem Erfolgsrezept.

Es ist ein Thema, das die Gemüter erhitzt und für heftige Kontroversen sorgt – nicht nur in Deutschland: die Zuwanderung von Menschen aus anderen Ländern, ganz gleich, aus welchem Grund sie ihre Heimat verlassen haben. Seit Tausenden von Jahren sind Menschen unterwegs, um für sich und ihre Familien ein sicheres und auskömmliches Zuhause zu finden. Dass dabei unterschiedliche Ethnien und Kulturen aufeinandertreffen, kann zu Konflikten führen. Ein harmonisches Zusammenleben ist möglich und das Ergebnis sinnvoller Konzepte und durchdachter Maßnahmen.

„Wolfsburg ist einfach toll, wir haben hier die ganze Welt in einer Stadt. So viele verschiedene Kulturen, ein so großes Freizeit- und Einkaufsangebot, dazu Highlights wie das Phaeno, das Planetarium oder das Kunstmuseum und vieles mehr – das ist wirklich einmalig, finde ich.“

Sylvia Cultus, Leiterin des Integrationsreferats

Spurensuche im Wolfsburger Integrationsreferat

In Wolfsburg leben seit Jahrzehnten Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammen. Wir möchten mehr darüber wissen und verabreden uns mit Sylvia Cultus, der Leiterin des Integrationsreferats zu einem Gespräch im Rathaus. Schon auf dem Weg dorthin, auf der Rolltreppe vom Parkdeck zum Erdgeschoss im modernen Einkaufszentrum in der Porschestraße, haben wir ein erstes Aha-Erlebnis: Vor uns diskutiert ein Pärchen, vielleicht Mitte dreißig, angeregt und mit viel Körpereinsatz auf Italienisch. Am Fuß der Rolltreppe trennen sich ihre Wege, sie verabschieden sich mit Küsschen und einem herzlichen „Tschüss, mach´s gut und grüß schön!“ voneinander – in reinstem und akzentfreien Deutsch. Wir schmunzeln über diese Selbstverständlichkeit, mit der hier von einer Sprache zur anderen gewechselt wird. Ein paar Meter weiter kommen wir an einer Filiale einer stadtbekannten Bäckerei vorbei. Hinter dem Tresen adrett und einheitlich gekleidete Verkäuferinnen, davor viele Kunden. Eine der Verkäuferinnen trägt ein Kopftuch, farblich zur „Bäckeruniform“ passend. Wahrscheinlich wäre uns das normalerweise gar nicht aufgefallen, so selbstverständlich, freundlich und routiniert läuft die Zusammenarbeit hinter dem Bäckertresen ab. Normaler Alltag eben, für die Kunden ebenso wie für die Kolleginnen.

Klein-Italien mitten in Niedersachsen

Normaler Alltag herrscht auch im Rathaus beim Integrationsreferat. Es gibt viel zu tun, trotzdem nimmt sich die Referatsleiterin Zeit für unsere Fragen. „Seit 1974 gibt es das Integrationsreferat bei der Stadt Wolfsburg, allerdings hieß es zu der Zeit noch Ausländerreferat. In den Sechzigerjahren haben zeitweise bis zu 14.000 italienische „Gastarbeiter“, wie man sie nannte, im VW-Werk gearbeitet. Das stellte die Stadt vor große Herausforderungen. Es war klar, dass es eine Anlaufstelle geben musste, die sich um die Anliegen dieser Menschen kümmert. Auch die Gewerkschaften und die Kirchen setzten sich für eine entsprechende Lösung ein. Die Politik reagierte und hat einen Ausländerausschuss und das Ausländerreferat ins Leben gerufen, das war einzigartig in der Bundesrepublik. 2009 haben wir die Bezeichnung geändert, die war einfach nicht mehr zeitgemäß. Aber von der Idee her existiert das Integrationsreferat seit 43 Jahren“, erklärt Sylvia Cultus. Von Anfang an ging es darum, für die Neubürger nicht nur ein lebenswertes Umfeld zu schaffen, sondern für ein gleichberechtigtes politisches und gesellschaftliches Miteinander mit der einheimischen Bevölkerung zu sorgen.

In dieser Zeit entstanden auch beispielhafte Kultur- und Freizeiteinrichtungen, die teilweise bis heute Bestand haben. Ist Wolfsburg also ein Vorreiter und Vorbild bei der Integration? „Das würde ich bejahen“, sagt die Referatsleiterin. „Beispielsweise lebt hier mittlerweile die dritte und vierte Generation von Italienern. Sie sind integriert und wirklich angekommen in unserer Gesellschaft.“ Dokumentiert wird der erfolgreiche Integrationsprozess italienischer Mitbürger in Wolfsburg in einer lesenswerten Broschüre, die das Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation vor einigen Jahren aufgelegt hat.

Chancengleichheit und Teilhabe

Längst sind es nicht mehr nur Italiener, die in Wolfsburg leben, arbeiten und ihre gesellschaftlichen und kulturellen Spuren hinterlassen. In der noch jungen Stadt mit über 125.000 Einwohnern sind Menschen aus mehr als 145 Nationen ansässig. Und diese Zuwanderer sollen und können ihre Chancen auf Teilhabe vielfältig nutzen, meint Sylvia Cultus. „Das ist nicht immer ganz einfach und erfordert manchmal einen langen Atem, auf beiden Seiten. Ein wesentlicher Punkt sind fehlende Sprachkenntnisse, gerade in der aktuellen Situation mit vielen Geflüchteten. Die meisten können kein Deutsch, dazu kommen herkunftsbedingte Unterschiede: Bei uns gibt es viele Regularien und Abläufe, die in den Heimatländern vieler Menschen anders aussehen bzw. die es dort nicht gibt. Da muss viel erklärt werden – und da stößt man wegen fehlender Sprachkenntnisse an Grenzen.“

Überhaupt sei man zu der Erkenntnis gekommen, dass die Stadtverwaltung insgesamt sich auf Mitbürger mit ausländischen Wurzeln einstellen müsse. „Wir haben hier im Integrationsreferat ein Gesamtkonzept für eine interkulturelle Stadtverwaltung entwickelt. Daran waren auch andere Geschäftsbereiche, Referate oder Stabsstellen und der Personalrat beteiligt. Teilweise haben sie eigene Ideen eingebracht, insgesamt war das ein sehr spannender und intensiver Prozess“, sagt Cultus.

Blick über den Tellerrand

Kreativität, Einfallsreichtum und der Mut zum Querdenken seien nötig, um ein alle Fachbereiche der Stadtverwaltung umfassendes Konzept auf die Beine zu stellen, ist die 56-Jährige überzeugt. Ein Beispiel sei der interne Sprachpool, der als eine von vielen Maßnahmen zur interkulturellen Stadtverwaltung aufgebaut wurde: „Wir haben hier im Rathaus etwa 2.400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, viele sprechen eine oder mehrere Fremdsprachen. Also nicht nur Englisch, Französisch, Italienisch oder Spanisch, sondern auch Arabisch, Kurdisch oder Vietnamesisch. Etwa zwanzig verschiedene Sprachen sind im Sprachpool vertreten. Dadurch können wir bei Bedarf geschäftsbereichübergreifend sprachliche Unterstützung bieten.“ Längst seien auch zweisprachige Broschüren zu vielen alltäglichen Fragen vom Gesundheitswesen bis hin zum Sportangebot an der Tagesordnung. Referatsleiterin Sylvia Cultus hat ganz offensichtlich Spaß an ihrer Arbeit – und ein großes Faible für die Stadt Wolfsburg und die Menschen, die hier leben.

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