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„Innovation ist eine feste Triebfeder der Wirtschaft“

Center Wall of Fame (Bildrechte: Entrepreneurship Center)

Die Ostfalia Hochschule arbeitet eng mit der TU Braunschweig zusammen. Die beiden Hochschulen teilen sich sogar eine Professur – für Entrepreneurship. Wir sprachen mit Prof. Dr. Reza Asghari über Gründergeist, Kreativität und die Rolle der Region im Bereich Forschung und Entwicklung.

Herr Professor Asghari, was können wir uns unter einem Entrepreneurship-Center vorstellen?

Ein Entrepreneurship-Center hat die Aufgabe, Studierende für das Thema Entrepreneurship zu sensibilisieren und ihnen das notwendige Know-how für die Gründung innovativer Unternehmen zur Verfügung zu stellen. Außerdem versuchen wir, in unserem Entrepreneurship Center auch Mitarbeiter und Professoren der Hochschulen für das Thema Entrepreneurship zu gewinnen. Die Präsidien der Ostfalia Hochschule und der TU Braunschweig bekennen sich zum Entrepreneurship und unterstützen Gründungsprozesse. Das ist in der deutschen Hochschullandschaft keine Selbstverständlichkeit. Wussten Sie, dass die Gründerquote in Stanford 30 Prozent beträgt und an der TU München, welche derzeit die gründungsaktivste TU Deutschlands ist, lediglich bei 0,1 Prozent? Da haben wir noch einige Anstrengungen vor uns.

Warum ist es so wichtig, das Thema Gründung voranzutreiben?

Durch die Digitalisierung haben sich die Wettbewerbsbedingungen in der Wirtschaft verändert. Innovation ist eine feste Triebfeder der Wirtschaft geworden. Nun entsteht Innovation durch neue Ideen – und diese Ideen werden systematisch an den deutschen Hochschulen generiert. Hinsichtlich der Wissensproduktion sind die deutschen Hochschulen exzellent. Wir melden pro 1 Mio. Einwohner doppelt so viele Technologiepatente an wie in den USA. Aber wozu? Was wird letztlich ökonomisch daraus? In dieser Hinsicht sind die deutschen Hochschulen im OECD-Vergleich nur Mittelmaß. Wir brauchen also Institutionen, die Forschungsergebnisse und exzellenten Ideen in innovative Produkte und Dienstleistungen umwandeln.

Die Wall of Fame im Entrepreneurship Center erinnert daran, wie weit man mit einer kreativen Idee und einer guten Portion Tatendrang kommen kann. 
Die Wall of Fame im Entrepreneurship Center erinnert daran, wie weit man mit einer kreativen Idee und einer guten Portion Tatendrang kommen kann.  (Foto: Entrepreneurship Center)

Wie ist das Entrepreneurship Center aufgebaut?

Die Grundlage stellt die gemeinsame Professur für Entrepreneurship der Ostfalia Hochschule und der TU Braunschweig – mit dem Ziel, Ausgründungen aus beiden Hochschulen systematisch zu fördern. Mit Erfolg: Wir nahmen am bundesweiten Förderwettbewerb Exist IV der Bundesregierung teil und konnten uns mit wenigen anderen Hochschulen deutschlandweit als eine der wenigen Exzellenzhochschulen im Bereich Hochschul-Entrepreneurship positionieren.

Ich habe eine innovative Idee, die ich für ein tragfähiges Geschäftsmodell halte – welche Hilfestellungen kann mir das Entrepreneurship-Center konkret geben?

Wir decken die gesamte Wertschöpfungskette der Start-up-Bildung ab. Zunächst einmal vermitteln wir, was ein Entrepreneurial Mindset ist: Wie soll der Gründer zu seinem Vorhaben stehen, damit er diesen abenteuerlichen Weg erfolgreich bestehen kann? Dafür haben wir experimentelle Lehrveranstaltungen konzipiert und führen jährlich eine Exkursion ins Silicon Valley durch, damit unsere Studenten begreifen, worum es dabei wirklich geht. Denn: Wer ein routiniertes Leben haben will und pünktlich am Freitagmittag ins Wochenende verschwinden will, der sollte lieber kein Start-up gründen. Und dann vermitteln wir natürlich das notwendige betriebswirtschaftliche und organisatorische Know-how, um geeignete Geschäftsmodelle zu entwickeln. Wir helfen unseren Studierenden dabei, ihre groben Ideen zu strukturieren und ihre Geschäftskonzepte hinsichtlich der Markttauglichkeit zu optimieren. Wie baut man eine innovative Unternehmensstruktur auf? Wie präsentieren wir unsere Produkte richtig? Wie sieht die Wertschöpfungsarchitektur aus und wie sieht ein kreatives Ertragsmodell aus? Alle diese Dinge versuchen wir zu vermitteln.

Helfen Sie auch finanziell?

Wir haben ein gutes Netzwerk, das wir unseren Studierenden gerne zur Verfügung stellen – auch für die Beschaffung von Wagniskapital. Das ist enorm wichtig, denn wir brauchen heute mutige Investoren, die bereit sind, in junge Menschen zu investieren. Inzwischen haben wir auch eine eigene Venture-Capital-Gesellschaft gegründet und gehören damit zu den wenigen Hochschulen Deutschlands, die über so eine Finanzierungsmöglichkeit verfügen. Die Mittel, die wir selbst haben, sind jedoch begrenzt. Daher arbeiten wir gerne mit Business Angels zusammen – also mit erfolgreichen Unternehmensgründern, die selbst über Kapital verfügen und bereit sind, es als Wagniskapital den anderen Start-ups zur Verfügung zu stellen. Die Business Angels können natürlich auch ihre Erfahrungen weitergeben – sie sind quasi Mentoren mit Mitteln. BANSON – Business Angel Netzwerk Südostniedersachsen – ist da ein sehr wichtiger Partner für uns.

Die „Entrepreneurship Spring School“ - interdisziplinäres Kompaktseminar zum Thema Entrepreneurship.
Die „Entrepreneurship Spring School“ - interdisziplinäres Kompaktseminar zum Thema Entrepreneurship. (Foto: Entrepreneurship Center)

Fokussiert sich Ihr Entrepreneurship-Center auf bestimmte Themen und Anwendungen – oder kann ich theoretisch erst einmal mit jeder guten Idee vorsprechen?

Wir sind letzten Endes offen für alle Themen. Jedes Thema, das innovativ ist, ist willkommen. Wenn ein Student eine Imbissbude gründen will, sollte er vielleicht lieber nicht kommen (lacht), aber wir haben schon ganz tolle Dinge hier gesehen – von der App-Entwicklung bis hin zu sozialen Themen, beispielsweise der Gründung eines Kindergartens, in dem auch Tiere gehalten werden. Entscheidend ist immer, dass die Ideen innovativ sind und man grundsätzlich eine positive Haltung gegenüber dem Entrepreneurship hat.

Welche Ideen haben Sie in den letzten Jahren besonders beeindruckt?

Oh, da fällt mir einiges ein. In der Fakultät für Elektrotechnik der Ostfalia entstand ein Betriebssystem für VoIP-Telefonanlagen. Das wurde in einem halben Jahr mehr als 100.000 Mal heruntergeladen – und inzwischen wurde das Start-up von einem großen Unternehmen gekauft. Oder die Firma Mobfish, ein App-Hersteller: Die haben die App „Who becomes rich“ entwickelt, die mehr als sechs Millionen Mal heruntergeladen wurde. An der TU Braunschweig hat sich die Firma Capical gegründet, die ein Verfahren erdacht hat, mit dem man kabellos ein EKG durchführen kann. Und aktuell gibt es die App Meldoo, mit der Bürger Schäden – zum Beispiel Straßenschäden oder wilde Mülldeponien – an Städte oder Kommunen melden können. Sie sehen: Die Bandbreite ist enorm.

Wie sind Sie mit der Vernetzung in der Region zufrieden? Läuft die Zusammenarbeit gut oder mussten Sie Aufbauarbeit leisten? Was kann noch besser werden?

Ich denke, dass wir in den letzten Jahren große Erfolge erzielt haben. Der Lehrstuhl für Entrepreneurship arbeitet gern und intensiv mit der Technologietransferstelle der TU Braunschweig. Gemeinsam haben wir den Förderwettbewerb der Bundesregierung gewonnen. Wir haben viele Unterstützer, arbeiten sehr gerne und gut mit der Allianz für die Region GmbH, der Wolfsburg AG, der IHK, dem Arbeitgeberverband, der Braunschweig Zukunft GmbH, Jägermeister SE und der Richard Borek Unternehmensgruppe zusammen. Das ist sehr erquicklich. Was ich jedoch persönlich vermisse ist, dass die Bundesregierung die institutionelle Förderung für die Hochschulen im Bereich Hochschul-Entrepreneurship gekappt hat. EXIST IV wurde nicht fortgesetzt. Das kann ich einfach nicht nachvollziehen. Aus meiner Sicht verpassen wir damit eine nationale Chance, wertvolle wissenschaftliche Ergebnisse in innovative Produkte umzuwandeln.

Was wäre Ihr Appell an die Politik?

Wir müssen sowohl auf Landes- wie auf Bundesebene klare Förderkonzepte haben, damit die staatlichen Hochschulen den Bereich Entrepreneurship abdecken können. Man kann schließlich den Hochschulen nicht zumuten, dass sie mit ihren knappen Ressourcen zusätzliche Aufgaben übernehmen. Die Ostfalia Hochschule und die TU Braunschweig machen an dieser Stelle sehr viel, aber haben dafür eigentlich nur begrenzte Ressourcen. Wir arbeiten daher stark mit der regionalen Wirtschaft zusammen. Trotzdem ist es meiner Meinung nach eine klare staatliche Aufgabe, an deutschen Hochschulen entsprechende Strukturen zu schaffen und auch aufrecht zu erhalten. Wir sind immer noch ein Start-up-Entwicklungsland!

 (Bildrechte: Ostfalia Hochschule –Entrepreneurship Center)

„Deutschland ist ein Start-up-Entwicklungsland!“

Prof. Dr. Reza Asghari

Zu guter Letzt: Was gefällt Ihnen besonders an der Region Braunschweig-Wolfsburg?

Ich finde es großartig, dass wir hier so viele Forschungseinrichtungen und Industrie auf kleinem Raum haben. Noch toller ist aber, wie sämtliche Akteure der Region – Forschung, Wissenschaft, Industrie, Kommunen, Landkreise, Verbände – an einem Strang ziehen. Das ist einzigartig an der Region und damit können wir große Aufgaben stemmen.

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