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Rollstühle von Sessio: Ein Unternehmen (nicht nur) für Champions

Rollstuhl (Bildrechte: SITZ! GmbH)

Nicht nur gehbehinderte oder mobilitätseingeschränkte Menschen brauchen Rollstühle – auch im Behindertensport sind sie unerlässlich. Der Fecht-Doppelweltmeister Maurice Schmidt schwört beispielsweise auf seinen Sessio. Wir haben mit Lutz Kadereit, Geschäftsführer des Unternehmens, über Ursprung und Vorzüge seiner Rollstühle gesprochen.

Herr Kadereit, was war die Initialzündung für die Entwicklung des Sessio-Rollstuhls?

Wir kommen ja eigentlich aus der Automotive-Industrie: Sitze, Verkleidungen, Instrumententafeln, das ist unser Kerngeschäft. 2007 bekamen wir von einem Autohersteller den Auftrag, den leichtesten Autositz der Welt zu entwickeln. Bei der Recherche nach geeigneten Materialien kam uns der Zufall zu Hilfe. Ein Geschäftspartner stieß uns auf eine neuartige Magnesiumlegierung, die er gemeinsam mit einem chinesischen Unternehmen entwickelt hatte. Er zeigte uns ein Musterrohr, das zwar letztlich für den Autositz nicht zum Einsatz kam – aber dafür hatte mein Mitgesellschafter Dietmar Lenz eine andere Idee: Seine siebzigjährige Mutter war unzufrieden mit ihrem Rollstuhl. Wann immer sie ihn in ihrem Golf Cabrio mit der hohen Ladekante und dem kleinen Kofferraum verstauen wollte, war sie auf die Hilfe ihres Lebensgefährten angewiesen.

Wir haben dann den Prototyp eines zusammenlegbaren Rollstuhls gebaut und der Mutter dieses Modell gezeigt: Schon nach kurzer Übung schaffte sie es, ihn mit einer Hand zusammenzulegen und alleine im Auto zu verstauen. Ich werde den Moment nie vergessen! Sie schlug den Kofferraumdeckel zu, sagte zu ihrem Lebensgefährten: „Ab heute hast du ein Problem: Ich brauche dich nicht mehr“ – und grinste im Kreis. Da war uns klar: Dieses Grinsen möchten wir in so viele Gesichter wie möglich zaubern. Aus einer Idee haben wir nach eingehender Recherche und Planung zuerst ein eigenes Projekt, dann ein eigenes Unternehmen gemacht.

Und wie kam es zum Firmennamen Sessio?

Entstanden ist unser Unternehmen ja aus der Sitz GmbH. Uns war es einerseits wichtig, einen Unternehmensnamen zu finden, der eine Verbindung zum Thema Sitze hat. Andererseits sollte es ein Name sein, den man in jeder Sprache gut aussprechen kann. Da liegt dann natürlich etwas Lateinisches als Wortstamm nah. Und so kam es zum Namen Sessio.

Rollstuhl von sessio
Sessio, der Leichtbau-Mobilitäts-Rollstuhl (Foto: SITZ! GmbH)

Wenn man Ihre Prospekte anschaut, dann erinnern die Liebe zum Detail, das Material, die Konstruktion, die Farben und die Individualisierbarkeit an den Sportwagenbereich. Das sieht schick und modern aus.

Wir kommen ja aus dem Automobilbereich, und da ist Individualisierung generell ein großes Thema. Insofern sehen wir den Sessio als Musterbeispiel für ein Technologietransferprodukt. Wir sind in der Lage, unseren Kunden einen Rollstuhl wie einen Anzug maßzuschneidern, denn durch die einfachen Grundbestandteile – gerade Rohre und glasfaserverstärkte Kunststoffmanschetten – können wir den Sessio zentimetergenau auf den Nutzer zuschneiden.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit dem bekannten Handbike-Weltmeister Stefan Bäumann?

Wir hatten ja mit der Mutter meines Mitgesellschafters unsere erste Kundin: 70 Jahre alt, klein, von der Krankheit geschwächt. Wir brauchten, um die mögliche Zielgruppe möglichst weit abzustecken, einen Gegenpol: einen jungen Mann, aktiv, sportlich. Und da Stefan Bäumann bei uns in der Nähe wohnt, haben wir ihn einfach angesprochen. Er hat spontan zugestimmt – und dann haben wir in enger Abstimmung mit beiden Testkunden in kleinen Schritten den Sessio immer weiterentwickelt, bis wir mit dem Ergebnis zufrieden waren und auch die offizielle gesetzliche Abnahme hinbekommen haben.

Ist der Sessio für jeden geeignet?

Für fast jeden, der aus der Wachstumsphase heraus ist. Das betrifft Rentner, aber auch viele junge Kunden, die den Führerschein machen und mobil sein möchten. Nun sind unsere Rollstühle nicht billig, aber die Umbaukosten fürs Auto, die ein herkömmlicher Rollstuhl mit sich bringt, sind viel höher. Außerdem möchten gerade junge Menschen nicht dauernd ihre Eltern oder andere Hilfspersonen dabeihaben. Den Sessio können sie locker in einem gebrauchten Kleinwagen unterbringen. Das ist gerade für Fahranfänger und junge Menschen ein Riesenvorteil.

Was kostet so ein Sessio in der minimalen und maximalen Ausfertigung und gibt es eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen?

Im Schnitt kostet ein Rollstuhl zwischen 4.000 und 5.000 Euro. Es gibt aber ein reichhaltiges Zubehör für Menschen mit speziellen Krankheiten oder Behinderungen. Im Vollausbau mit Einhandantrieb und einer Beinauflage für Menschen mit der Glasknochenkrankheit können es bis zu 7.000 Euro werden. Die gute Nachricht: Die Kosten für 80 Prozent der von uns verkauften Rollstühle werden komplett von den gesetzlichen Kassen übernommen. Das kommt, weil wir ausschließlich individuellen Sonderbau anbieten und jeden einzelnen Fall akkurat begründen können. Da sind die Kassen glücklicherweise sehr kooperativ.

Angenommen, ich wäre mobilitätseingeschränkt. Warum soll ich mir ausgerechnet einen Sessio-Rollstuhl kaufen?

Weil Sie ihn ohne fremde Hilfe, technische Vorrichtungen oder bauliche Veränderungen am Auto ein- und auch wieder ausladen zu können. Und zwar mit einer Hand – in nur zwei Minuten.

Sessio Rollstuhl zusammengeklappt
In wenigen Handgriffen bekommen Sie den Sessio in Ihr Auto (Foto: SITZ!GmbH)

Passt der Sessio auch in einen Smart?

Sie werden es nicht glauben – wir hatten als Zweitwagen unseres Fuhrparks lange Zeit ein Smart Cabrio. Und es war problemlos möglich, vier Sessios darin unterzubringen!

Und wie sieht’s beim Fliegen aus? Kann der Sessio ins Handgepäck?

Das ist ein weiterer elementarer Vorteil des Sessio. Wenn Sie ihn zusammenlegen, passt er problemlos in die Handgepäckcontainer über den Sitzen. Und für die Räder gibt es eine separate Tasche, damit andere Gegenstände oder Kleidungsstücke nicht schmutzig werden. Sie müssen den Sessio nicht umständlich als Sperrgepäck aufgeben, was gerade bei Anschlussflügen enorm wichtig ist. Und Sie haben das gute Gefühl, dass Sie immer wissen, wo Ihr Rollstuhl ist – und dass Sie ihn nach dem Flug heil zurückbekommen.

Sie haben mich überzeugt. Ich möchte eine Probefahrt machen. Muss ich dafür nach Isenbüttel kommen?

Sie können, Sie müssen aber nicht. Viele Leute aus der Region kommen gerne her, weil Sie sich auch einmal unser Unternehmen ansehen möchten. Ansonsten arbeiten wir mit einem großen Sanitätshaus zusammen, das sechs Standorte in Deutschland und einen eigenen Außendienst hat. Doch auch für Kunden anderer Sanitätshäuser haben wir eine Lösung: Wir kontaktieren das Sanitätshaus dann selbst und schicken ein Vorführmodell vorbei. Ganz klar: Wer einen Sessio probefahren möchte, der bekommt ihn – so schnell wie möglich.

„Mit unseren Rollstühlen zaubern wir ein Lächeln ins Gesicht.“

Was dürfen wir für die Zukunft von Sessio erwarten?

Jetzt gerade entwickeln wir einen Prototyp für den Sessio mit Elektroantrieb. Der Akku kann abgenommen werden, der Antrieb ist in der Achse versteckt. Unser Ziel ist, dass das gute Stück insgesamt maximal zwölf Kilo wiegt. Das wäre ein Meilenstein, denn alle herkömmlichen elektrischen Rollstühle wiegen 30 Kilo und mehr. Auch hier freuen wir uns schon jetzt darauf, Menschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.

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