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Schwarmintelligenz auf der Straße: Die UMA-App der Wolfsburg AG

UMA App wird beim Autofahren verwendet. (Bildrechte: Ingo Bartels)

Staus umfahren, pünktlich und stressfrei ankommen – das sind die wichtigsten Ziele für alle, die auf Deutschlands Straßen unterwegs sind, insbesondere für Pendler. Um diese Ziele zu erreichen, hat die Wolfsburg AG die App-Familie UMA (Urban Mobility Assistance) ins Leben gerufen. Aber davon profitieren nicht nur Autofahrer…

Ein Gespräch mit Dr. Gerrit Schrödel, Leiter Mobilitätsforschung bei der Wolfsburg AG:

Herr Schrödel, wie würden Sie meiner Oma erklären, was die UMA-App eigentlich macht?

Vor allem: Navigieren! (lacht) Die App bringt Sie auf dem schnellsten Weg von A nach B. Sie werden einwenden, dass das andere Navigationssysteme ebenfalls von sich sagen. Der Unterschied bei der UMA App ist: Alle, die die App nutzen, bilden einen Schwarm. So wie Fisch- oder Vogelschwärme. Diese Schwärme sind in Bewegungsmustern unterwegs, die sie mühelos immer wieder neu aufeinander abstimmen. Das simulieren wir mit der App. Unsere Algorithmen kennen die Start- und Endpunkte aller gerade über die App eingestellten Fahrten – natürlich anonymisiert. Auf Basis dieser Informationen navigiert die App so, dass sich für alle Verkehrswege die optimale Auslastung ergibt. Entsprechend kommt jeder Fahrer möglichst schnell an sein Ziel. Nicht immer ist beispielsweise die Autobahn die beste Wahl – das habe ich gerade heute Morgen wieder auf meinem täglichen Weg von Braunschweig nach Wolfsburg feststellen dürfen. Heute hat mich die UMA App zum Beispiel ausnahmsweise über die Dörfer geroutet, weil auf der Autobahn gerade ein Stau war. Ich nutze die App inzwischen jeden Tag und freue mich jedes Mal aufs Neue, wenn ich auf die Minute exakt zu der Uhrzeit ankomme, die mir die App prognostiziert hat.

GoogleMaps zeigt mir doch auch, auf welchen Straßen gerade besonders viel los ist und routet mich dann auf der kürzesten Strecke, oder?

Jein. Sie erhalten von Google den Streckenvorschlag, der zum Zeitpunkt der Navigationsanfrage der schnellste ist. Die UMA-App hingegen überwacht über die gesamte Fahrt im Dreißigsekundentakt die Verkehrssituation und routet Sie im Falle ungeplanter Verzögerungen aktiv um. Wir ziehen zwar auch Verkehrsdaten von außen heran, ergänzen sie aber laufend um die Daten, die uns gewissermaßen unser eigener Schwarm liefert.

Schwarmintelligenz braucht die Mithilfe vieler Einzelner. Wie groß muss der Schwarm sein, damit sich ein reeller Nutzen ergibt?

Richtig gut läuft es, wenn mindestens fünf Prozent der aktiven Verkehrsteilnehmer die App nutzt. In und um Wolfsburg sind geschätzt 80.000 Pendler täglich unterwegs. Ab 4.000 aktiven Nutzern der App haben wir die Schallmauer durchbrochen. Mittlerweile wurde die App mehr als 6.000 mal heruntergeladen – wichtiger ist aber, dass die Nutzer die App dann auch wirklich täglich einschalten.

Wer profitiert außer den fahrenden Nutzern von der UMA Navigation?

In jedem Fall die Kommunen. Zum einen haben sie die Möglichkeit, die Auslastung ihrer Straßen durch eine intelligente Steuerung gleichmäßiger zu gestalten und einen harmonischen Verkehrsfluss auf allen Straßen zu erreichen. Stellen Sie sich vor, es findet ein Marathonlauf oder eine Demo statt. Wenn Sie dann als Kommune die Möglichkeit haben, die Eckdaten solcher Veranstaltungen in einem vernetzten System einzuspeisen, können Sie mit wenig Aufwand ein großes Verkehrschaos verhindern. Oder: Sie können morgens zwischen sieben und acht Uhr unnötigen Verkehr von Schulen fernhalten. Die UMA-Technologie hilft mit sanfter Verkehrssteuerung, eine insgesamt bessere Verkehrssituation zu erzielen.

Das heißt, Sie planen auch einen Export Ihrer Technologie an andere Städte?

Richtig. Und wir können uns ganz aktuell über einen Erfolg freuen: UMA wurde im Mai 2017 in Dresden eingeführt, in Kooperation mit VW Sachsen und der Stadt Dresden.

Damit ist die UMA Navigation ja kein reines Forschungsprojekt mehr, sondern schon eine echte Anwendung?

Ganz klar beides. Die Zahl der Downloads steigt ständig und wir haben im AppStore sehr gute Bewertungen (4.5 Sterne im Schnitt). Aber zugleich ist der gesamte Bereich der Mobilität für uns ein extrem spannendes Forschungsthema, das sich mit weitreichenden Fragen beschäftigt. Die UMA Navigation bringt Sie ja nicht nur von A nach B, wir experimentieren auch mit einem parkplatzgenauen Routing, damit die Parkplatzsuche entspannter wird. Und mit UMA Mitfahren haben wir einen Prototypen für Fahrgemeinschaften entwickelt, der bisher mit Mitarbeitern der Volkswagen AG im Friendly User Test war und in Kürze für alle verfügbar sein wird. Unsere Themen haben aber auch Bedeutung für den Bereich Autonomes Fahren: Welches System soll später die autonomen Fahrzeuge steuern? Möglicherweise ein gleichberechtigter Schwarm. Oder ich werde mir vielleicht, wenn ich in Eile bin, zukünftig eine Fast Lane für die linke Autobahnspur kaufen können. Das alles sind Fragen, die ja nicht nur technische, sondern auch politische und gesellschaftliche Hintergründe haben.

Wer hatte eigentlich die Idee zur UMA?

UMA entstand 2014 im Rahmen eines Strategieworkshops für unsere Mobilitätsforschung. Das Thema intelligente Mobilität war gerade in aller Munde und wir haben locker angefangen, ein wenig herumzuspinnen. Wir ließen uns vom Internet inspirieren, wo Millionen von Datenpaketen unterwegs sind und auf unterschiedlichsten Wegen zum Ziel kommen. Die Idee war schnell geboren: Das müsste sich doch auf den Verkehr übertragen lassen! Gesagt, getan. Nun, zwei Jahre später, gibt es bereits mehrere UMA Apps, die Mobilität verbessern sollen.

Herr Dr. Schrödel, vielen Dank für das Gespräch!

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