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Das Internationale Wind- und Wassermühlenmuseum Gifhorn

Mühlenmuseum Gifhorn  (Bildrechte: Frank Bierstedt)

Seit seiner Eröffnung 1980 beflügeln die Windmühlen des Gifhorner Museums Völkerverständigung wie Tourismus in der Region. Der Anti-Don-Quijote und Museumsgründer Horst Wrobel machte Windmühlen zu seinen Verbündeten und schuf aus einem anfänglichen Hobby ein Lebenswerk mit internationaler Strahlkraft.

„Es ist erfreulich, dass das Internationale Wind- und Wassermühlen-Museum in Gifhorn zu einer internationalen Schaubühne, einem wichtigen kulturellen und gesellschaftlichen Vermittler bei der Völkerverständigung geworden ist.“

Ukrainischer Botschafter Serhij Farenik, 2004

Von Babylon bis auf die Balearen – eine Innovation, die die Welt bewegt

Kaum zu fassen, aber die ersten Windmühlen der Menschheit standen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht auf niedersächsischem oder gar niederländischem Boden. Bis heute lässt sich die Entstehung der ältesten nicht durch Muskelkraft angetrieben Maschinen nicht auf einen eindeutigen Zeitpunkt eingrenzen. Schriftliche Überlieferungen der Babylonier deuten aber immerhin auf eine mindestens 4.000 Jahre alte Geschichte hin. Das Konzept hat sich bewährt und verbreitete sich ­– unanhängig davon, wo es nun zuerst erdacht wurde – über alle Kontinente. Dadurch entstanden im Laufe der Jahrtausende unzählige Spielarten – von den alten persischen und chinesischen Exemplaren mit senkrechter Rotationsachse sowie einfachen Holzmühlen bis hin zu den massiven landschaftsprägenden Steinbauten mit riesigen Flügeln und rotierender Haube, wie sie für Europa typisch sind.

Während die chinesischen Mühlen zunächst zur Be- und Entwässerung genutzt wurden, halfen sie in Iran und Europa seit jeher beim Mahlen von Getreide. In Südeuropa fungierten sie oft auch als Ölmühlen und trieben wiederum andernorts Säge- und Hammerwerke an. Und Dank Energiewende erleben Windmühlen, nach einem knappen Jahrhundert des industrialisierungsbedingten Dornröschenschlafs, weltweit ein einzigartiges Comeback als Stromlieferanten.

Doch im Gifhorner Museum drehen sich vorerst nur echte „Klassiker“. Und die kommen aus aller Herren Länder: Neben Mühlen aus Deutschland und den Niederlanden tummeln sich auf dem großzügigen Museumsgelände auch Exemplare aus Spanien, Griechenland, Ungarn, Serbien, der Ukraine, Russland, Frankreich und Südkorea. Zu den ersten ausgestellten Mühlen gehört auch eine Tiroler Mühle mit Wasserantrieb – daher auch der offizielle Name Internationales Wind- und Wassermühlen-Museum. Doch wie wurde die Südheide zum Mühlen-Mekka?

Griechische Mühle im Mühlenmuseum Südheide Gifhorn
Griechische Mühle im Mühlenmuseum Südheide Gifhorn (Foto: Südheide Gifhorn)

Alles begann mit der Muse vom Elm

Schuld sind Müllermeister Röhl und seine Mühle. Beiden gelang es bei Horst Wrobel, einem gelernten Werbegestalter und passionierten Modellbauer aus Braunschweig, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Die drei trafen 1963 bei einem Ausflug Wrobels durch den Elm im kleinen Flecken Abbenrode aufeinander. Es funkte und Wrobel machte sich nach seiner Rückkehr gleich ans Werk, eignete sich allerhand Mühlenwissen an und begann, Röhls Bockwindmühle im Maßstab 1:25 nachzubauen. Doch es blieb nicht bei einem Modell. Von der Muse geküsst, erschuf Wrobel weitere Mühlenmodelle – zunächst in der eigenen Wohnung und später dann ein einem kleinen privaten Museum in Suhlendorf bei Uelzen. Doch Wrobel wollte höher hinaus, der Maßstab 1:25 war nicht mehr genug. Seine Mühlenleidenschaft brauchte erheblich mehr Platz und der Traum von einem Museum mit Maschinen in Originalgröße war geboren.

1977 kam es dann zu einem schicksalhaften Treffen in Gifhorn. Der Landkreis hatte von seiner Museumsidee gehört und konnte ihn von einer Zusammenarbeit überzeugen. Auf einem sieben Hektar großen Gelände am Stadtrand Gifhorns entstand binnen drei Jahren die „Museumslandschaft“ samt eigens angelegtem See. Zur Eröffnung am 8. Mai 1980 konnten neben einer Ausstellungshalle bereits drei „lebensgroße“ Original-Maschinen bewundert werden: Die Bockwindmühle „Viktoria“ aus dem Landkreis, die Bergholländermühle „Immanuel“ aus Dithmarschen sowie eine Wassermühle aus Osttirol. Inzwischen, 37 Jahre später, beherbergt das Gelände neben den drei wiederaufgebauten Originalen 13 originalgetreue Nachbauten aus aller Welt.

Die Bockwindmühle in Abbenrode im Landkreis Wolfenbüttel
Die Bockwindmühle in Abbenrode im Landkreis Wolfenbüttel (Foto: Thomas Kempernolte)

Der „heimliche Außenminister Gifhorns“

Da Wind- und Wassermühlen keine deutsche oder gar niedersächsische Besonderheit sind, brauchte das Museum auch Mühlen aus anderen Ländern. Wüssten Sie, wo Sie mit der Suche nach ausländischen Mühlen beginnen sollten? Gelbe Seiten? eBay-Kleinanzeigen? Nein, zumindest nicht in den 1990ern. Horst Wrobel machte etwas heutzutage fast Unerhörtes: Er griff zu Stift und Papier. Erste Ansprechpartner, so hält er in der Chronik des Mühlenmuseums fest, waren in der Regel die Botschaften der Länder, für deren Mühlen er sich interessierte. Aber auch zu anderen ausländischen Mühlenenthusiasten, Organisationen und sogar kirchlichen Einrichtungen nahm er Kontakt auf. Das außergewöhnliche Anliegen stieß erstaunlich oft auf Gegenliebe, denn schließlich sind Mühlen dieser Art weltweit „vom Aussterben bedroht“ und haben wenige Verbündete.

Portugiesische Windmühle
Portugiesische Windmühle (Foto: Beate Ziehres)

Wenn China auch heute noch mit Pandabären erfolgreich Diplomatie betreibt, warum sollte die Republik Korea nicht das gleiche mit einer Wassermühle versuchen? Seit 2003 schmückt das Geschenk aus Südkorea das Museum. Der Gouverneur der koreanischen Herkunftsprovinz ließ es traditionsgemäß nachbauen und per Schiff nach Deutschland transportieren, wo die Mühle von koreanischen Fachleuten aufgebaut wurde. 2012 stattete sogar der koreanische Botschafter dem Museum einen offiziellen Besuch ab. Die Lokalpresse taufte ihn bald zum „heimlichen Außenminister Gifhorns“. Ein Titel, der bei der großen Anzahl an Ehrungen, die Museum und Gründer über die Jahre zuteilwurden, gerechtfertigt scheint.

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