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Die Manufakt(o)ur
für Genießer: ein Blick hinter die Kulissen
von Härke, Rausch
und Pelikan

 (Bildrechte: Christian Bierwagen)

Handarbeit wird im Landkreis Peine großgeschrieben. Auch in Bereichen, in denen man es nicht vermuten möchte. Wir begeben uns auf eine genussvolle Tour zu drei bekannten Marken aus der Region.

Die so genannte Genießer Manufakt(o)ur wird von der Tourist-Info Peiner Land (wito gmbh) organisiert. Was wird geboten? Gleich drei spannende Werksbesichtigungen, bei denen ästhetische und leibliche Genüsse nicht zu kurz kommen. Ein praktischer Shuttle-Bus fährt die Teilnehmer von Ort zu Ort. Unser Redaktionsteam war für Sie dabei und hat Eindrücke aufgeschnappt.

1. Pelikan – wo die Tinte aus der Leitung kommt

Unsere „Expedition“ startet in Peine-Vöhrum. Hier befindet sich der einzige europäische Produktionsstandort der Pelikan Group – dem renommierten Hersteller von Schreibtinte und Künstlerfarben. Neben Pelikan vereint das Unternehmen die Marken Herlitz, Geha und SusyCard unter seinem Dach.

Reinhold Eva, Maschinenbautechniker bei Pelikan, nennt einige geschichtliche Highlights, bevor wir zum Rundgang durch die Produktionshallen starten. So ließ der damalige Eigentümer Günther Wagner den Pelikan im Jahr 1878 als Markenzeichen eintragen und schuf damit eine der ältesten Marken Deutschlands. 1929 führte Pelikan als erstes Unternehmen weltweit ein neues Tintensystem ein, welches das Schreiben mit dem Füllhalter revolutionierte.

Das goldene Geheimnis

Auf der Grundlage dieser Mechanik wird beispielsweise der „Souverän“ seit seiner Markteinführung als „Modell 400“ im Jahr 1950 hergestellt. Inzwischen hat das Modell Kultstatus erreicht. Wie alle Füller aus dem Premium-Segment verfügt der „Souverän“ über eine von Hand gearbeitete Feder aus massivem Gold.

Die Fertigung dieser Goldfedern zählt zu den bestgehüteten Geheimnissen Pelikans. Sie findet in einem abgeschlossenen Bereich statt, zu dem nur handverlesene Personen Zutritt haben. Die Teilnehmer an der Genießer Manufakt(o)ur zählen zu den Glücklichen. Wir dürfen den Mitarbeitern, die diese Federn in mehr als 20 Einzelschritten fertigen, über die Schultern schauen.

Im Luxussegment stellt Pelikan Füllfeder-Unikate nur auf Bestellung her. Das Flaggschiff „Maki-e“ beispielsweise wird von japanischen Künstlern mit Blattgold veredelt. Kostenpunkt: bis zu 15.000 Euro.

Hochsaison zum Schuljahresbeginn

Doch zurück nach Peine-Vöhrum. Hier läuft die Produktion auf Hochtouren. In bis zu drei Schichten fertigen rund 100 Mitarbeiter 1,3 Millionen Schul- und Jugendschreibgeräte, 148 Millionen Tintenpatronen, 14 Millionen Radierer, 13,5 Millionen Tintenlöscher und 2,3 Millionen Deckfarbkästen – alles bezogen auf ein Jahr. Insgesamt beschäftigt Pelikan in Peine mehr als 250 Menschen.

Unser Rundgang durch die riesigen Hallen beginnt im Werkzeugbau. „Wenn das Marketing entschieden hat, wie ein Produkt aussehen wird, werden Werkzeuge für jedes einzelne Teil entwickelt“, erklärt Reinhold Eva. Im Werkzeugbau stehen den Mitarbeitern alle erdenklichen Möglichkeiten der Metallbearbeitung bis hin zum Erodieren zur Verfügung – ein Verfahren, durch das besonders glatte Oberflächen geschaffen werden können.

Mekka der Schreibkultur – die Pelikan-Manufaktur in Peine
Bis heute kennt jeder die blauen Schulfüller mit dem aufgeprägten Wasservogel. Dass der Schreibwarenriese in aufwendiger Handarbeit auch edle Luxus-Füller fertigt, ist umso interessanter. Wir haben in der Peiner Manufaktur hinter die Kulissen geschaut. (Copyright: christo.cc)

Handarbeit im Spritzgießbetrieb

In der hauseigenen Kunststoffspritzerei entstehen annähernd alle Teile, die in der Pelikan-Fertigung benötigt werden. Eine der 40 Spritzgussmaschinen stößt beispielsweise alle fünf Sekunden 144 Tintenpatronen-Rohlinge aus. Roboter entnehmen Füllerbauteile und Kunststoffschalen, die später zu Deckfarbenkästen verbaut werden.

Doch auch in der Kunststoffspritzerei wird von Hand gearbeitet: Eine Mitarbeiterin entnimmt einer Maschine Teile für ein hochwertiges Schreibgerät und reinigt das Spritzgusswerkzeug nach jedem „Schuss“. Dann begutachtet sie jedes einzelne Teil akribisch unter einer großen Lupe. Ihren kritischen Augen entgeht nicht der kleinste Kratzer. Teile, die den hohen Qualitätsansprüchen nicht entsprechen, sind Ausschuss – und die „Guten“ werden feinsäuberlich in eine kleine Schachtel gepackt. An einer anderen Maschine legt ein Mitarbeiter von Hand winzige vergoldete Zierringe in das Werkzeug ein, bevor Verschlusskappen gespritzt werden.

Produktion in Höchstgeschwindigkeit

Wir gehen weiter zur Deckfarbkasten-Montage. In einer Schicht von 7,5 Stunden verbauen vier Mitarbeiter 96.000 Farbtabletten zu 8.000 Farbkästen. Gleich nebenan presst eine Maschine die Farbtabletten. Ihre Ausstoßgeschwindigkeit ähnelt mit 900 Stück pro Minute fast schon der Feuerrate eines Maschinengewehrs.

Ebenso beeindruckt sind wir von der Tintenabfüllanlage. Drei Maschinen befüllen in 24 Stunden eine Million Tintenpatronen. Die Tinte kommt über eine Leitung direkt aus der Tintenproduktion. Neun unterschiedliche Farben werden bei Pelikan hergestellt, unter anderem Pink und Türkis. Der Bestseller aber ist natürlich die Nummer 4001: Königsblau.

Nach dem Besuch in der Füllhaltermontage ist unsere Werksbesichtigung bei Pelikan fast zu Ende. In diesem Bereich fertigen Mitarbeiter die hochwertigen Schreibgeräte in reiner Handarbeit. „Die Nachfrage nach hochwertigen Schreibern steigt“, freut sich Reinhold Eva mit Blick auf das emsige Treiben.

2. Härke – Bier aus regionalen Zutaten

Nächster Halt der Genießer Manufakt(o)ur: die Brauerei Härke im Zentrum von Peine. Seit 1890 wird an diesem Ort Bier gebraut, anfangs in einer Gasthausbrauerei. Vor den denkmalgeschützten Brauereigebäuden erwartet uns Betriebsleiter Martin Härke, der Ururenkel des Gründers Ernst Härke.

Die Brauereiführung beginnt im Hof, denn unter unseren Füßen wird in 86 Meter Tiefe der volumenmäßig wichtigste Bestandteil des Biers gewonnen: das Wasser. In vier Brauwasserspeichern – der größte fasst 80.000 Liter – lagert das Wasser kurze Zeit, bis es zum Brauen benötigt wird.

Bier aus regionalen Zutaten – die BrauManufaktur Härke in Peine
In der Brauerei Härke im Zentrum Peines wird seit 1890 Bier gebraut, anfangs in einer Gasthausbrauerei.

Gerste gedeiht gut in Niedersachsen

Neben dem Wasser kommt eine weitere Zutat des Bieres aus der Region: Malz. „Wir beziehen 80 Prozent des Malzes aus einer Mälzerei in Salzgitter, die wiederum zu 100 Prozent Gerste aus Niedersachsen verarbeitet“, erklärt Martin Härke.

Nun betreten wir das Herz der Brauerei, das Sudhaus. Der Betriebsleiter verteilt Baumwollhandschuhe an alle Teilnehmer, damit die historischen Kessel auch in Zukunft glänzen. „Bei der Modernisierung im Jahr 2008 haben wir die Kupfergefäße mit viel Herzblut poliert“, erinnert sich Härke.

Im Sudhaus wird der Grundstein für das spätere Bier gelegt. Hier mischen die Brauer im Maischebottich für einen Sud 4 Tonnen Malzschrot mit Wasser. Über die Temperaturführung steuern sie schon den späteren Geschmack des Bieres. Am Ende des Prozesses, der vom Brauer viel Fachkenntnis und Fingerspitzengefühl verlangt, bleiben 24- 25.000 Liter Würze übrig.

„Die Craft-Beer-Szene belebt das Geschäft“

Craft Beer aus Peine: das Härke Amber Ale

Weitere Stationen der Würze sind Läuterbottich, Sudpfanne und Whirlpool – hier entspannen allerdings keine Mitarbeiter, sondern die Würze wird geklärt. An der Sudpfanne kommt Martin Härke ins Schwärmen, denn an dieser Stelle wird der Würze Hopfen zugesetzt. „Der Biermarkt erfährt derzeit dank der Craft-Beer-Szene eine Belebung. Die Leute sind wieder neugierig geworden und bereit, etwas Neues zu probieren“, freut sich der Braumeister. Für sein neues Amber Ale verwendet Härke ganz bestimmte Hopfensorten, von denen eine beispielsweise nach Litschi schmeckt.

Einige Arbeitsschritte später bezeichnet man das Gebräu erstmals als Bier, genauer gesagt als Jungbier. Dies ist ab dem Zusatz der Hefe der Fall. Härke erklärt den Besuchern den Unterschied zwischen obergäriger und untergäriger Hefe und dass Jungbier nicht wirklich genießbar ist, sondern Kopfschmerzen verursacht. Erst nach zwei- bis dreiwöchiger Nachreife ist das Bier fertig.

Der Brauereibesuch ist mit diesem Schritt noch nicht beendet. In der Gaststube dürfen die Teilnehmer der Genießer Manufakt(o)ur – Sie ahnen es bereits – die unterschiedlichen Biersorten aus dem Härke-Sortiment probieren. Die Stimmung steigt!

Auf Manufakt(o)ur: Zu Besuch bei Härke in Peine
In der Gaststube dürfen die Teilnehmer die unterschiedlichen Biersorten aus dem Härke-Sortiment probieren. (Copyright: Allianz für die Region GmbH)

3. JR - Die Schokoladenfabrik GmbH – handbestäubt, handgeerntet, handgegossen

Die nächste und letzte Station der Genießer Manufakt(o)ur ist ein Ort der Liebe und des Glücks. Sagt Karin Credo, Mitarbeiterin im Verkauf. Doch bevor wir eintauchen in die süße Welt, rüstet uns Frau Credo mit weißen Mänteln und Häubchen aus. Nur in diesem Anzug darf die Schokoladenfabrik des Herrn Rausch betreten werden. Hier dürfen wir unsere eigene Schokolade herstellen!

Auf Manufakt(o)ur: Zu Besuch im SchokoLand in Peine (Copyright: Allianz für die Region GmbH)

Karin Credo ist in ihrem Element, wenn es um Schokolade geht. Sie erklärt, auf welche Details beim Gießen von Schokoladentafeln zu achten ist und verführt uns erst einmal zum Kosten. Wir haben die Wahl zwischen 43-prozentiger Schokolade mit Edelkakao aus Venezuela oder Schokolade mit 70 Prozent Kakao aus Ecuador. Später werden wir erfahren, dass die Edel-Vollmilch-Schokolade „Rausch Venezuela“ aus Ocumare Edelkakao hergestellt ist, den Anklänge von Mandeln und Karamell auszeichnen. Arriba-Nacional Edelkakao aus Ecuador hingegen hat eine blumig-kakaobetonte Note.

Rausch Schokoladenwerkstatt (Bildrechte: Rausch GmbH)
Die Werkstatt des Berliner Traditionsunternehmens (Foto: Rausch GmbH)

Zum Einkaufen auf die Plantage

Seit 1998 bereisen die Rauschs regelmäßig die Herkunftsregionen des Edelkakaos – und sie kommen dabei ganz schön herum: von Mittel- und Südamerika über die Karibik und Madagaskar bis hin zu Papua-Neuguinea. Auf ausgewählten Plantagen kauft das Berliner Traditionsunternehmen Kakaobohnen direkt von den Bauern. Der reinen Kakaomasse gibt man bei Rausch nur Kakaobutter, Rohrzucker und bei Edel-Vollmilch-Schokoladen Vollmilchpulver zu. Lecithine und Aromen, Standardbestandteile von Schokoladen aus Konsumkakao, werden für die Rausch-Plantagen-Schokolade nicht gebraucht.

Und jetzt legen wir selbst Hand an: Als Chocolatiers dürfen wir den beiden Tafeln, die wir nun in der Werkstatt aus konstant 30 Grad warmer Schokolade gießen, Bestandteile nach unserem Geschmack zufügen: Haselnuss- und Mandelkerne, Kokosflocken, Smarties und Gummibärchen, Müsli, Rosinen und Chiliflocken sind möglich – und vieles mehr.

Kakaobohne (Bildrechte: Rausch GmbH)
Die Rauschs bereisen regelmäßig die Herkunftsregionen des Edelkakaos. Hier eine Kakaoplantage. (Foto: Rausch GmbH)

Ausflug in die Geschichte des Kakaos

Als alle Formen im Kühlschrank stehen, gehen wir ins Museum der Schokoladenfabrik. Im Schatten eines von andauernden Eruptionen geschüttelten Schokoladenvulkans führt uns Ines Schlüter, ebenfalls bei Rausch im Verkauf tätig, in die Geschichte und die Geheimnisse der Kakaokultur ein.

Wir erfahren, dass die Azteken als Erfinder des kakaohaltigen Getränks gelten. Es handelte sich bei diesem Krafttrank für Männer und Krieger um eine Mischung aus Wasser und Kakao, gewürzt mit Vanille und Cayennepfeffer. Sie nannten das bittere Kakaowasser „xocólatl“ – der Name Schokolade war geboren.

Kakaobauern brauchen viel Geduld

Handarbeit leisten die Kakaobauern, die tausende von Blüten an einem Kakaobaum von Hand bestäuben müssen. „Wenn sie Glück haben, ernten sie 50 Früchte von einem Baum“, so Ines Schlüter. In einer Frucht befinden sich 25 bis 50 Kakaobohnen, die wiederum – je nach Sorte – für etwa 100 Gramm Schokolade reichen. Auch die Ernte der Früchte ist reine Handarbeit.

Mit weiteren Zahlen entlässt uns Ines Schlüter schließlich nach Hause: Zwölf Kilogramm Schokolade verzehrt der Durchschnittsdeutsche jährlich – und Rausch verarbeitet in der Saison 70 Tonnen Kakao an einem Tag. Bevor wir Rausch und Peine verlassen, händigt Karin Credo jedem Teilnehmer zwei selbstkreierte und selbstgegossene 250-Gramm-Tafeln feinster Plantagenschokolade aus. Wenn das kein Glück ist!

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