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Das Wunder von Lengede

Mann sitzt auf Bank und blickt auf einen See  (Bildrechte: Gemeinde Lengede)

Um kurz vor acht Uhr am Abend kam das Wasser. Etwa 500.000 Kubikmeter ergossen sich aus einem undichten Klärteich in das Eisenerzbergwerk. Innerhalb kürzester Zeit wurde Schacht Mathilde geflutet. 129 Männer waren zu diesem Zeitpunkt unter Tage. An diesem 24. Oktober 1963, es war ein Donnerstag, begann die denkwürdigste Rettungsaktion in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

An den Abend des Unglücks erinnert sich Willi Kretschmann noch genau: „Das Telefon klingelte – Fördermaschinist Meier war am anderen Ende der Leitung und berichtete, dass Wasser eingebrochen sei.“ Wie für jede Schachtanlage existierte für die Grube Lengede ein Alarmplan, der regelt, wie im Falle eines Unglücks gehandelt werden muss.

 „Als damaliger Oberführer der Lengeder Grubenwehr wurde ich somit als einer der ersten vom damaligen Fördermaschinisten, Herrn Meier, über den Wassereinbruch informiert“, so Kretschmann. „Wortwörtlich sprach Meier am Telefon: ‚Wissen Sie schon, was auf dem Schacht passiert ist? Hier ist alles in Aufregung – ich habe Probleme mit den Förderkörben. Das Wasser stürzt im Schacht hinunter. Sie müssen sofort kommen.‘“

Kretschmann versuchte zunächst noch von der Wohnung aus, telefonisch die untertätige Ladestelle 0 92, seine Abteilung, zu erreichen. „Doch die Telefonleitung war schon tot. Daraufhin begab ich mich sofort zur Grube – dort begegnete ich dem damaligen Obersteiger Herrn Riehl. Es wurde kurz beraten, was in diesem Moment zu tun sei. Wir konnten die Hand kaum vor Augen sehen, so nebelig war es an diesem Abend.“

Kretschmann berichtet weiter: „Unsere ersten Gedanken waren die Wetterbohrlöcher. Hiervon waren im Grubengebäude zwei Stück – eines im Westen (W14) und eines im Osten (H11), der Lagerstätte zur Frischluftzirkulation, vorhanden. Ich übernahm den Auftrag, die westliche Bohrung anzufahren um zu erkunden, ob dort vielleicht Bergleute den Ausbruch vor den einströmenden Wassermassen versuchten.“

Mittlerweile war ein Rettungstrupp unter der Leitung von Oberführer Hans Kummer eingetroffen. Kretschmann zeigte ihm den Weg zum provisorisch eingerichteten Einsatzbüro. Er hingegen begab sich direkt mit einem Fahrer und zwei weiteren Handwerkern aus dem Übertagebetrieb, versorgt mit Sauerstoff, Gasflaschen und Schneidwerkzeugen, durch den dichten Nebel zur Wetterbohrung Westen 14. Weitere Hilfskräfte verteilten sich auf das im Osten der Grube befindliche Wetterbohrloch H11 und den Bremsberg O.1, einer Schrägverbindung von Übertage zur 60 Meter Sohle.

Glücklicherweise war die Belegschaft des im Westen der Lagerstätte liegenden Abbaureviers bereits unten am Wetterloch W14 versammelt. Sie hatte auch schon die Schraubenverbindung eines Rohrkrümmers mit einem Durchmesser von einem Meter mit Hammer und Meißel gelöst. Mit vereinten Kräften versuchte man jetzt, mit z-förmig übereinandergestellten Leitern über diese Öffnung zu entkommen.

„Wieviel Höhenmeter sie bereits überwunden hatten, kann ich nicht sagen. Wir brannten, nachdem sich die Leute aus dem Bereich des Funkenflugs entfernt hatten, eine weitere Öffnung in das übertrage herausragende Luftrohr und holten die Leute mit zwischenzeitlich bereitgestellten Strickleitern durch dieses Rohr heraus.“

Als zusätzliche Sicherung nutzte man einen Sicherungsgurt, der nach oben mit einem Seil gehalten wurde. „Zeitgefühl hatten wir in diesem Moment nicht. Telefone und Sprechfunk standen uns nicht zur Verfügung – die einzige Verbindung waren, zumindest in den ersten Stunden, Boten. Wir standen ja nicht auf der Straße, sondern inmitten einer Wiese, circa drei Kilometer Luftlinie entfernt vom Schachtgebäude. Und das alles im Nebel.“

In den darauffolgenden zwei Tagen konnten sieben Bergleute in etwa 60 Meter Tiefe mit Flößen befreit werden. Fachleute und modernste Technik haben drei weitere Männer, die auf der 100-Meter-Sohle im Westen der Lagerstätte in einer Luftblase eingeschlossen waren, gerettet.

Das große Wunder stand noch bevor

Eine Gruppe von zunächst 21 Männern begab sich gemeinsam auf die Flucht vor den hereinbrechenden Wasser- und Schlammmassen; sie retteten sich in einen so genannten „Alten Mann“, einen stillgelegten und dem Einsturz überlassenen aufgegebenen Stollen. Unter normalen Umständen würde kein Bergmann diesen lebensgefährlichen Bereich betreten – jetzt war es der einzige Ausweg. Die Bergwerksleitung hatte die Verschütteten schon aufgegeben. Doch erfahrene Bergmänner drangen darauf, Suchbohrungen in diesen Teil des Bergwerkes zu treiben. Durch eine unwahrscheinliche Verkettung von Zufällen wurden die zu jenem Zeitpunkt noch lebenden elf Männer am 1. November gefunden. Die Rettung war technisch extrem aufwändig und bis zur letzten Minute lebensgefährlich. Erst am 7. November 1963, mehr als zwei Wochen nach dem Wassereinbruch, konnten die Verschütteten mit der modernsten Technik jener Zeit aus ihrem dunklen Gefängnis befreit und zurück ans Tageslicht geholt werden.

Seltsame Fügungen des Schicksals

Adolf Herbst sitzt im Wintergarten seines Hauses in Wülferode, einem Dorf bei Hannover. Er ist der einzige der letzten elf Männer, der noch von den Tagen unter Tage berichten kann. An seiner Seite Ehefrau Dagmar. Wegen seiner großen Liebe war er überhaupt zur Unglückszeit unter Tage: „Ich war ja gar kein Bergmann, sondern Starkstromelektriker bei Siemens. Ich musste in Lengede eine Hochleistungspumpe installieren. Am Freitag wollten wir Verlobung feiern, deswegen wollte ich am Donnerstag unbedingt fertig werden und habe noch eine Schicht drangehängt.“ Als das Unglück geschah, war die Arbeit gerade geschafft.

Der damals 20-Jährige wollte gerade aus der Grube ausfahren, als das Chaos ausbrach. Bergmänner kamen entgegengerannt und riefen nur „hau ab!“, und der junge Mann rannte mit und floh mit den Fremden. Mit nüchternen Worten schildert Herbst das Unbeschreibliche: „Es war, als ob man unter einem Wasserfall steht, wir haben nichts gehört in dem Getöse. Steine, Holz, Dreck, alles flog da rum, mancher wurde mitgespült, anderen hat es die Knochen zerschlagen.“ Im „Alten Mann“ kam der junge Mann erst wieder zur Besinnung: „Ich rauchte eine Zigarette und dachte mir: ‚Das war aber ein kurzes Leben‘.“ Adolf Herbst überlebte. Doch in den Tagen bis zur Rettung starben zehn der 21 Männer. Durch das Wasser geriet der ungesicherte Schacht in Bewegung, Decken stürzten ein, neue Hohlräume entstanden. Bergleute wurden eingeklemmt und zermalmt. „Manche haben lange gebraucht zum Sterben.“

Wechselbad der Gefühle

Herbst berichtet von Hoffnung und Verzweiflung, von Träumen und Halluzinationen, davon, dass Kameraden kurz davor waren, den Verstand zu verlieren. Dann Euphorie, als die Suchbohrung die Höhle erreichte, gefolgt von panischer Angst, als die Rettungsarbeiten sich endlos hinzuzögern schienen. Dass über ihnen, auf einem Rübenacker in der Nähe des Dorfes Broistedt, ein Medienspektakel stattfand, war den Eingeschlossenen spätestens klar, als eine Sprechverbindung nach oben hergestellt war, und sich der herbeigeeilte Bundeskanzler Erhardt an die Verschütteten wandte. Und in der Tat waren die Objektive der Weltöffentlichkeit auf die Männer gerichtet, die einer nach dem anderen mit der legendären „Dahlbuschbombe“ nach gut zwei Wochen in der Dunkelheit wieder ans Licht der Welt kamen. Adolf Herbst erzählt von einem letzten Stoßgebet in der Rettungssonde, oben gab es dann erst einmal ein paar warme Socken nach Tagen in eisiger Nässe, eine Krankenschwester reichte belegte Brote. Schließlich konnte er seine Dagmar in die Arme nehmen. Mit einem Krankenwagen ging es für das junge Paar dann erst einmal ins Krankenhaus nach Peine. Ein Detail blieb besonders im Gedächtnis: „In allen Dörfern auf dem Weg läuteten die Kirchenglocken.“

Heute wird das Gestern nicht vergessen

In Lengede ist auf den ersten Blick nur wenig von der langen Bergbaugeschichte des Ortes zu sehen. Fördertürme und die meisten Grubengebäude sind abgetragen, der Erzbergbau wurde bereits vor 40 Jahren eingestellt. Bei genauerem Hinsehen fallen dem Besucher die vielen Teiche auf, die ebenso wie der „Seilbahnberg“ geographische Zeugen der Montangeschichte sind. Am Ort der Rettung der letzten elf Männer erinnert eine Gedenkstätte an das Wunder von Lengede, im Rathaus der 13.000-Einwohner-Gemeinde gibt es eine sehenswerte Ausstellung zum Thema. Ob sie es als Belastung empfinde, einer Gemeinde vorzustehen, die überregional immer mit einem schrecklichen Unglück in Verbindung gebracht werde? Bürgermeisterin Maren Wegener, lange nach den Ereignissen erst geboren, lächelt und verneint: „Ich denke, unser Lengede steht dafür, dass durch Zusammenhalt, Menschenkraft und Glück auch scheinbar Unmögliches geschehen kann.“

Blick auf die Lengeder Teiche
Blick auf die Lengeder Teiche (Foto: Gemeinde Lengede)
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