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Feinfühlige Arbeit an seltenen Textilien – die Paramentenwerkstatt St. Marienberg

Kloster in Helmstedt (Bildrechte: Kloster Marienberg / Paramentenwerkstatt)

Die Paramentenwerkstatt im Kloster St. Marienberg-Helmstedt hat sich in den 150 Jahren seit ihrer Gründung stets gewandelt. Handarbeit und Innovation haben hier Tradition, genauso wie tat- und geschäftstüchtige Frauen. Service wird hier großgeschrieben, alte textile Schätze restauriert und neue entworfen.

Was sind eigentlich Paramente? Als Paramente bezeichnet man alle Textilien, die im Rahmen eines Gottesdienstes verwendet werden – also liturgische Gewänder, Insignien und textile Gebrauchs- und Ausstattungsgegenstände einer Kirche. Der Begriff Parament leitet sich vom lateinischen „pararemensam“ ab und bedeutet wörtlich übersetzt „den Tisch bereiten“. Aus dem reinen Handwerk entwickelte sich im Laufe der Zeit sogar eine eigene akademische Disziplin in der Praktischen Theologie, die sich mit der Ausgestaltung kirchlicher Räume beschäftigt: die Paramentik. Sie ist noch heute Teil der Ausbildung von Pastoren und Diakonen und umfasst unter anderem Materialkunde, Farbpsychologie sowie die Kleidermode der Geistlichkeit.

Fast 850 Jahre Erfahrung

Im Kloster St. Marienberg werden seit seiner Gründung 1176 Textilien hergestellt. Eine lange Geschichte und eine hohe Kompetenz also, die auch nach der Reformation im Kloster weitergegeben wurde – wenn auch mit Unterbrechungen. Denn eine neue Blüte erlebte die protestantische Paramentik erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts, dank Charlotte von Veltheim, Vorsteherin des Klosters St. Marienberg. Sie hatte 1862 gemeinsam mit Anna Gräfin von der Schulenburg, anderen befreundeten Frauen der Region und der Unterstützung des fränkischen Theologen Wilhelm Löhe den Niedersächsischen Paramentenverein und die klösterliche Paramentenwerkstatt gegründet. Doch diese Gründung alleine bedeutete selbstverständlich nicht, dass nun alles startklar war. Denn eine lange Tradition ist zunächst wenig wert, wenn es niemanden gibt, der sie mit Leben erfüllt: Die Wissensvermittlung zwischen Theorie und Praxis musste zunächst mühsam wieder aufgebaut werden.

Gottes Zorn und Charlottes Tatendrang

Das Gründungsjahr von Verein und Werkstatt kam nicht von ungefähr. Zwar war Charlotte von Veltheim bereits seit 1848 – im Alter von 16 Jahren – offiziell ins Amt der Domina des Klosters St. Marienberg berufen worden, ihre Wirkungsstätte war jedoch in desolatem Zustand. Wie gelangt eigentlich eine 16-jährige Braunschweigerin im Jahr der Märzrevolution in ein solches Amt? Nein, den politischen Umwälzungen und den Forderungen nach gesellschaftlichem Fortschritt war dies nicht zu verdanken, sondern dem der Familie Veltheim seit 1754 verbrieften Recht auf das Amt der Domina des Klosters Marienberg. So erklärt sich auch ihr Engagement für die Wiederinstandsetzung des Klosters, für die sie auch Teile des Familienvermögens hernahm. Tradition verpflichtet eben!

Ein Kompetenzzentrum für die Paramentik

Die Paramentenwerkstatt gibt es bis heute im Kloster, dem, der Tradition sei Dank, immer noch eine Domina von Veltheim vorsteht. Mechthild von Veltheim dient das Wirken ihrer Großtante heute noch als Inspiration: „Durch die Paramentenwerkstatt habe ich überhaupt den Zugang zu meiner Arbeit im Kloster gefunden. Eine große Aura geht von Charlotte aus, die mich von Anfang an, trotz mancher Widrigkeiten gefangen genommen und beflügelt hat. Auch ihr geistliches Wirken ist bis heute spürbar und trägt nicht nur mich, sondern auch den Konvent.“

„Erfindungsreichtum und Tatendrang“ ist auch Mechthild von Veltheims Credo. Seit 1989 im Amt, hat sich die Paramentenwerkstatt unter ihrer Leitung zum Kompetenzzentrum für Paramentik gemausert, wie ein Blick auf die hochmoderne und zweisprachige Webseite beweist: In der Werkstatt werden alte Schätze – meist für Kirchengemeinden oder Museen – restauriert und neue Auftragsarbeiten angefertigt. Zum Serviceangebot gehören auch Reinigung, Wartung, Pflege und Beratung in Sachen Paramentik.

Das Gros wird immer noch in Handarbeit bestritten, aber nicht ohne einige Erleichterungen im Vergleich zu früher: „Durch computerunterstützte Entwürfe, Kartierungen, Fototechnik für mikroskopische Untersuchungen in der Restaurierung und vieles mehr wird unsere Arbeit erleichtert. In den letzten Jahren haben wir ein hochmodernes Labor für die Restaurierung mit entsprechender technischer Ausstattung eingerichtet“ erklärt von Veltheim.

Neben den traditionellen Mustern werden auch neue Designs – unter Beachtung der liturgischen Farbsymbolik – von insgesamt zwölf Mitarbeiterinnen entworfen und angefertigt. Auch zeitgenössische Kunst hat einen Platz im Kloster St. Marienberg. Auf Einladung der Domina hat der Bremer Künstler Michael Weisser das weltweit erste Parament mit QR-Code entworfen, das am 17. September 2017 in einem großen Gottesdienst zum Abschluss der Reformationsfeierlichkeiten im Kloster der Öffentlichkeit präsentiert wurde.

Das Marienberger Fingerspitzengefühl hat sich inzwischen herumgesprochen, denn die Referenzen der Werkstatt können sich sehen lassen: Für den Berliner Dom, das Deutsche Historische Museum und die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden haben sich die Helmstedter Mitarbeiterinnen bereits ins Zeug gelegt. Die Restaurierung des 20 Meter langen und sechs Meter hohen osmanischen Zeltes für die Dresdner hat beispielsweise sechs Jahre gedauert und insgesamt 30 Mitarbeiterinnen beschäftigt.

Von Los Angeles bis Dresden: alte Schätze mit großer Anziehungskraft

Unter den Talaren im Kloster sitzt also kein „Muff von vor 1.000 Jahren“ – von den Ausstellungsstücken in der klösterlichen Schatzkammer einmal abgesehen.

„Zwar handelt es sich um eine kleine, dafür aber um eine sehr bedeutende Sammlung.“

Mechthild von Veltheim
(Foto: Kloster Marienberg / Paramentenwerkstatt)

Hier können Besucher kostbare mittelalterliche Textilien bewundern. Das älteste, das fast zweieinhalb Meter breite Heininger Leinenantependium, stammt aus dem 13. Jahrhundert. Die Sammlung zeichnet sich durch unglaubliche Vielfalt in Darstellung, Material und Technik aus und lockt nicht nur deutsche Besucher an, so Mechthild von Veltheim: „Zwar handelt es sich um eine kleine, dafür aber um eine sehr bedeutende Sammlung, mit sehr frühen gut erhaltenen Objekten von internationalem Rang. Das sehen wir immer wieder, wenn aus ausländischen Museen wissenschaftliche Anfragen kommen, wie z. B. aus Athen oder aus Los Angeles.“

Auch Tradition braucht Nachwuchs

In der Werkstatt zehrt man nicht nur von den Früchten der Vergangenheit, sondern arbeitet mit stetem Blick nach vorne. So auch beim Thema Nachwuchs, denn die Ausbildung in Sachen Paramentik geht ebenfalls auf die Initiative Charlottes zurück, wie Mechthild von Veltheim erläutert: „Sie hat nicht nur die Marienberger Paramentenherstellung wiederbelebt, sondern auch dafür gesorgt, dass jährliche Paramententage in Helmstedt abgehalten wurden. Hier trafen sich die nach und nach neu gegründeten Werkstätten aus ganz Deutschland zum Austausch, es wurden u. a. Möglichkeiten zur Weiterbildung angeboten.“

Eines ist sicher: Kloster und Paramentenwerkstatt sind für das 21. Jahrhundert gut gewappnet, der Zorn Gottes wohnt schon lange nicht mehr hier.

Paramentenwerkstatt der von Veltheim Stiftung
Kloster St. Marienberg
Klosterstraße 14
38350 Helmstedt
Tel.: 05351 6769

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