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Film ab! Das Internationale Filmfest Braunschweig

grafische Darstellen von zwei Augen (Bildrechte: Internationales Filmfestival Braunschweig)

Vor gut 30 Jahren aus einer Bürgerbewegung gegen „Kommerz-Schwachsinn“ entstanden, ist das Internationale Filmfest Braunschweig heute eine feste Größe, sowohl in der Cineastenszene als auch in regionalen Veranstaltungskalendern. „Augen auf“ – das gilt hier gleich doppelt, doch lesen Sie selbst …

Wenn Sie in Braunschweig unterwegs sind und auf Plakaten und Litfaßsäulen, in Bahnen und Bussen immer wieder ein bestimmtes Augenpaar sehen – dann muss es sich dabei nicht um eine Halluzination handeln: Vermutlich steht das Braunschweig International Filmfestival bevor. Die Augenpaare bekannter Schauspieler sind schon seit vielen Jahren das Markenzeichen dieses auch überregional berühmten Filmfests, das 2017 seinen 30. Geburtstag feierte. Und jedes Jahr rätseln Kinofans, wer da wieder von den Plakaten blickt. Filme, Schauspieler und Regisseure aus aller Welt – sie alle kommen in die Region und bereichern die Kulturszene mit internationalem Flair.

(Foto: Internationales Filmfestival Braunschweig)

Von der Bürgerbewegung zum Erfolgsmodell

Als sich Mitte der 1980er Absolventen der Braunschweiger Filmklasse und Mitglieder der städtischen „Filmkoop“ zu einer „Filmbürgerbewegung“ zusammentaten, ahnten sie nicht, was sie damit in Bewegung setzen würden. Das erste Internationale Filmfestival Braunschweig fand 1987 als Gegenentwurf zum „Kommerz-Schwachsinns-Programm“ statt, mit einem Budget von 66.000 DM. Basisdemokratisch, ehrenamtlich und mit großer Liebe zum Kino demonstrierten die Veranstalter eindrucksvoll, dass Kino so viel mehr sein kann als nette Berieselung. Und dass Braunschweig eine tolle Stadt für so ein Festival ist!

„Die Region um Braunschweig ist sehr international aufgestellt“, sagt Frank Terhorst, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Filmfestivals. „Das liegt vor allem an der starken Prägung durch den Automobilbau, der Technischen Hochschule und der Hochschule für Bildende Künste.“ Terhorst zufolge ist hier viel internationales Publikum vor Ort, das genießt, Filme aus der Heimat zu sehen. „Und das regionale Publikum ist entsprechend aufgeschlossen gegenüber anderen Kulturen“, ergänzt er.

Dem Filmfest begegnen Sie übrigens in der gesamten Stadt – an Veranstaltungsorten wie dem C1 Cinema, dem Staatstheater, der Stadthalle und dem Universum Filmtheater, das seit 2009 von Mitgliedern des Filmfestvereins betrieben wird.

Hochwertiges europäisches Kino als Schwerpunkt

Seit dem Startschuss hat sich das Festival zunehmend zu einem überregionalen Magneten für Filmfreunde entwickelt. Kamen 1987 immerhin schon rund 6.000 Besucher, so sind es heute um die 25.000. Mit dem Bekanntheitsgrad wuchs auch die Zahl der gezeigten Filme. „Von anfänglich 13 Reihen mit rund 50 Filmen ist das Programm auf 19 Sektionen mit annähernd 300 Filmen angewachsen“, berichtet Frank Terhorst. Knapp ein Drittel davon sind Langfilme, beim Rest handelt es sich um „Shorties“. Ganz gleich, welches Genre Sie bevorzugen – das Besondere beim Braunschweiger Filmfest ist die Vielseitigkeit: Gezeigt werden Werke aus allen Bereichen der cineastischen Kunst – von der Liebeskomödie über den Horror-Western-SF-Genre-Mix bis hin zum schrägen Experimentalfilm. Der Schwerpunkt liegt dabei auf aktuellen europäischen Produktionen. Aber auch Retrospektiven, beispielsweise von Filmkomponisten, Science-Fiction oder DEFA-Filme, sind dabei.

Um das Festival noch interessanter zu machen, präsentieren die Veranstalter jährlich eine thematische Reihe 2016 unter dem Motto „Unsentimental Encounters – Neues polnisches Kino“, 2014 zum Thema „Real Surreal“. Darüber hinaus zeigen sie neue Filme der niedersächsischen Partnerregion Normandie, ein Programm neuer Experimentalfilme der aktuellen HBK-Filmklasse sowie der Studierenden der Ostfalia Hochschule.

Fünf Filmpreise machen es besonders spannend

Außerdem werden seit der 12. Ausgabe des Festivals jährlich interessante Preise durch eine Jury aus Künstlern und Filmjournalisten vergeben, allen voran „DIE EUROPA“. Die Auszeichnung erhalten Schauspielerinnen und Schauspieler, die sich durch herausragende darstellerische Leistungen und Verdienste um die europäische Filmkultur hervorheben. 2016 ging der mit 15.000 Euro dotierte Preis beispielsweise an Brendan Gleeson.

Mit 10.00 Euro dotiert ist der Publikumspreis „Der Heinrich“. Er wird für europäische Debüt- und Zweitfilme vergeben. Ein weiterer Preis, dessen Verleihung mit Interesse verfolgt wird, ist der „Schwarze Löwe“. Innerhalb der BEYOND-Reihe werden mit diesem Preis Filme prämiert, die visuell oder thematisch Risiken eingehen und Experimente jenseits cineastischer oder moralischer Konventionen wagen.

Den deutsch-französischen Jugendpreis KINEMA verleiht eine Jury aus fünf Schülern zwischen 16 und 18 Jahren beider Länder. Das Internationale Filmfestival Braunschweig vergibt darüber hinaus einen Preis für den besten Film der Reihe „Heimspiel“, der sich ausschließlich regionalen Produktionen widmet.

Über die Filme hinaus

Besondere Aufmerksamkeit widmet das Braunschweiger Festival dem Thema „Filmmusik“. Die Reihe „Musik & Film“ zeigt ausführliche Porträts und Gespräche mit international bekannten Filmmusik-Komponisten wie Jean-Michel Bernard, Zbigniew Preisner oder Shigeru Umebayashi. Filmmusik-Konzerte mit dem Staatsorchester Braunschweig, das als langjähriger Partner des Festivals beispielsweise Stummfilme (z. B. „The Artist“ von 2011) musikalisch untermalt, gehören ebenfalls zum Festivalprogramm.

Seit 2014 leitet der studierte Betriebswirt Michael P. Aust das Braunschweiger Filmfestival. „Wir haben die bekannten Reihen unangetastet gelassen“, sagt der 52-jährige, „dabei aber ihr Profil noch geschärft. Daneben haben wir das Programm erheblich erweitert, um das Festival für neue Zielgruppen zu öffnen.“ Auch auf die sich wandelnden Gewohnheiten des Publikums beim Ticketkauf hat der aktuelle Festival-Leiter reagiert: Inzwischen können Sie bequem mit einer Smartphone-App Tickets erwerben. 

Ein leidenschaftlich arbeitendes Team

Ein Festival dieser Größenordnung braucht eine gute Organisation und viele helfende Hände. Unter der Leitung von Aust arbeiten ganzjährig drei fest angestellte Mitarbeiter für das Festival, die durch bis zu sieben Saisonkräfte unterstützt werden. Hinzu kommt gerade in der heißen Phase der ehrenamtliche Einsatz der 35 Mitglieder des „Internationales Filmfest Braunschweig e.V.“. Diese sorgen gerade auch durch persönliche Gästebetreuung, individuelle Einführungen zu den Filmen und liebevoll gestaltete Katalogtexte für ein einzigartiges Festival-Erlebnis. Unter ihnen sind noch drei der Gründungsmitglieder, die den Verein und damit das Braunschweiger Filmfestival Mitte der 1980er ins Leben gerufen haben. Tradition verpflichtet eben!

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