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Immer in Bewegung – so wandlungsfähig ist das Wolfsburger Kunstmuseum

Blick in die Ausstellung „Jeppe Hein. This Way“ (Bildrechte: Kunstmuseum Wolfsburg)

Andy Warhol, Neo Rauch, Bruce Nauman – seit seiner Eröffnung im Jahr 1994 hat sich das Kunstmuseum Wolfsburg mit seinen Ausstellungen zur modernen und zeitgenössischen Kunst international einen Namen gemacht. Ob künstlerisches Großprojekt oder umfangreiche Totalinstallation: Dank seiner riesigen Ausstellungshalle mit 16 Metern Deckenhöhe und 3.500 Quadratmetern frei gestaltbarer Fläche verwandelt sich das Kunstmuseum mit jeder Exposition in einen neuen Erlebnisraum – und bereichert die Stadt rund vier Mal im Jahr mit Kunstausstellungen von Weltrang.

Alles geht: zum Museum im Museum

Ganz gleich, ob es sich um eine begehbare Lichtinstallation handelt, wie sie der amerikanische Künstler James Turell 2009 in zwei elf Meter hohe, ineinander geschobene Kästen gezaubert hat, oder ob es um die maßstabverfremdete Kunst-Welt des belgischen Multimedia-Künstlers Hans Op de Beeck aus dem Jahr 2017 geht – in Sachen Raumgestaltung ist der künstlerischen Leitung des Kunstmuseums Wolfsburg keine Herausforderung zu groß.

Bruce Nauman: Ten Heads Circle/In and Out (1990) (Foto: Kunstmuseum Wolfsburg)

Für Turrells gigantisches Lichtfeld „Ganzfeld Piece“ wurde eine zwanzig Meter lange Rampe umgesetzt, welche die Besucher zwei Stockwerke abwärts in die beiden ineinander übergehenden Räume „Viewing Space“ und „Sensing Space“ führte. Dort wird’s „nebulös“: Die Räume werden mittels dreißigtausend Leuchtdioden bis zur völligen Konturlosigkeit in langsam sich änderndes Farblicht getaucht – ein spektakulärer Effekt.

Für Op de Beecks Ausstellung „Out of the Ordinary“, die ihre Besucher mit modellhaften, mehrdeutigen Orten überrascht, wurden unter anderem ein nächtlicher Vergnügungspark, das Modell von Containerbaracken einer Schiffswerft und das Haus eines Sammlers errichtet. Vom Balkon dieses so genannten „Collector‘s House“ schweift der Blick des Betrachters über Dächer von Fabrikhallen und Stadtrandhäuser, die samt Satteldächern in realer Größe aufgebaut wurden.

Nichts bleibt: flexible Innenarchitektur

Kein Wunder, dass sich regelmäßige Besucher fasziniert die Augen reiben, weil sich das Museum wieder einmal so verwandelt hat, dass es in seinem Inneren nicht mehr wiederzuerkennen ist. Möglich ist diese Totalmetamorphose dank seiner Architektur: einer schlichten, 16 Meter hohen Ausstellungshalle mit quadratischem Grundriss und einer Fläche von 1.600 Quadratmetern im Zentrum, die mithilfe eines eigens entwickelten Stellwandsystems flexibel gestaltet werden kann.

„Unser architektonischer Rahmen bietet einen enormen Spielraum für die Ausstellungsarchitektur“, erläutert Dr. Holger Broeker, Leiter der Museumssammlung. Im Gegensatz zu den meisten Museumsbauten sei man in Wolfsburg eben nicht auf formgebende Räumlichkeiten festgelegt, sondern könne die Ausstellungsarchitektur an die inhaltlichen Bedürfnisse der zu zeigenden Kunstwerke anpassen. „Wir erfinden die Architektur unserer Innenräume für jede Ausstellung neu“, erklärt der promovierte Kunsthistoriker nicht ohne Stolz.

Blick in die Ausstellung „Shitty Naked Human World und andere Bilder“ (1994) (Foto: Kunstmuseum Wolfsburg)

Die räumliche Dimension und die flexiblen Gestaltungsmöglichkeiten sind für den thematischen Schwerpunkt auf die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts wie geschaffen. Und so kann das noch junge Museum seit seiner Eröffnung 1994 bereits auf 130 Ausstellungen zurückblicken – das macht im Schnitt rund sechs Ausstellungen mit rund 70.000 Besucherinnen und Besuchern im Jahr. Inzwischen habe man die Frequenz allerdings reduziert und die Ausstellungsdauer verlängert, erklärt Broeker, damit die Besucher die Chance erhalten, sich die vielschichtigen Ausstellungen über einen längeren Zeitraum anzuschauen.

Der logistische Aufwand bleibt dennoch beachtlich. Rund sechs Wochen dauert es, bis eine Ausstellung abgebaut, die Räumlichkeiten architektonisch angepasst und die neue Exposition aufgebaut ist. Damit die aufwendigen Umbauten reibungslos von statten gehen, ist das geballte Know-how von Kurator, Architekt, Bauleitung und verschiedenen Handwerksgewerken vom Schreiner bis zum Metallbauer gefragt. Um Transport sowie Auf- und Abbau der Kunstwerke kümmern sich vorausschauend der Leiter Art Handling und die Restauratorin. Die Planungs- und Vorbereitungsphase dauere natürlich bedeutend länger, merkt Broeker an. Je nach Thema, Künstler und Art der involvierten Werke zwischen ein und fünf Jahren.

Alles wächst: von 0 auf 500 Werke

Kein Museum ohne Sammlung – schließlich muss, wer hochkarätige Werke für wechselnde Ausstellungen ausleihen möchte, im Gegenzug auch etwas zu bieten haben. Und das hat das Wolfsburger Haus durchaus. Zuletzt schickte es die 47 unbehauenen Zedernholzblöcke „Uncarved Blocks“ des amerikanischen Minimal-Künstlers Carl Andre auf Reisen durch die Museen dieser Welt. Insgesamt umfasst die beachtliche Kollektion inzwischen 500 Arbeiten internationaler zeitgenössischer Kunst, die im Jahr 1968 mit Werken aus Minimal Art, Concept Art und Arte Povera beginnt.

„Inhaltlich geht es bei allen Arbeiten um die ‚Conditio Humana’, also die Bedingungen des Menschseins“, betont Sammlungsleiter Broeker. Exemplarisch veranschauliche dieses Thema die Installation „Ten Heads Circle“ des amerikanischen Konzeptkünstlers Bruce Nauman, dessen hängende Wachsköpfe auf die Gleichzeitigkeit von Nähe und Einsamkeit in der modernen Gesellschaft verweisen.

Mit diesem Konzept, das aus der Feder des holländische Gründungsdirektors Gijs van Tuyl stammt, schuf sich das Wolfsburger Haus im Umkreis von 200 Kilometern ein Alleinstellungsmerkmal und begann ausgehend von Punkt null mit dem Aufbau seiner Sammlung. Ziel war es, Haupt- und Schlüsselwerke von Künstlerinnen und Künstlern zu erwerben, die dem Museum ein internationales Profil geben würden.

Alles blüht: das Wachstum der Sammlung

So rief man die Ausstellungsreihe „Tuning up“ ins Leben, in der man zunächst Arbeiten anerkannter Künstler wie Anselm Kiefer, Rebecca Horn oder Bruce Nauman, aber dann auch vielversprechende Künstler wie Cindy Sherman, Andreas Gursky, Damien Hirst oder Douglas Gordon zeigen und gleichzeitig die Wirkung und das Zusammenspiel ihrer Kunstwerke in den eigenen Räumlichkeiten erproben wollte. Mit dieser klugen Vorgehensweise erwarb das private Museum, das hauptsächlich von der Münchner Holler-Stiftung finanziert wird, zum Beispiel Arbeiten des jüngst verstorbenen niederländischen Konzeptkünstlers Stanley Brouwn oder des Bildhauers Georg Herold.

Die meisten Arbeiten der Sammlung werden nur zeitweilig in Ausstellungen gezeigt. Doch ein weiteres Schlüsselwerk der Kollektion kann nahezu permanent von Besuchern betrachtet werden. Die Rede ist von Anselm Kiefers Skulptur „20 Jahre Einsamkeit“, in der der deutsche Künstler aus seiner Sicht weniger gelungene Werke aus zwanzig Jahren künstlerischer Arbeit zu einem vier Meter hohen Stapel aufgetürmt hat. Damit und durch die Einbeziehung weiterer Objekte offenbart er einen kreativen Umgang mit künstlerischen Schaffenskrisen.

Den vielleicht größten Stellenwert hat bis heute aber immer noch das erste Werk, das für die Sammlung erworben wurde. Gemeint ist die Tischinstallation „Tavolo a spirale“ des italienischen Künstlers Mario Merz, einem der Hauptvertreter der Arte Povera. Mit ihrer spiralförmigen Grundform und ihrem beeindruckenden Durchmesser von sieben Metern verweist sie auf die Unendlichkeit des Wachstums. Und Broeker, der damals dabei war, erklärt: „Symbolisch sollte dieses erste Werk auf die prosperierende Zukunft der Sammlung verweisen.“ Welch treffende Weissagung!

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