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Vom Narren bis zum Nathan – mit Kunst gegen Intoleranz

Ansicht Nathan der Weise. (Bildrechte: Lessingstadt Wolfenbüttel / Christian Bierwagen)

Im Kreis Wolfenbüttel hat Toleranz Tradition. Seit Jahrhunderten wird hier eine Kultur der gegenseitigen Wertschätzung gelebt. Eine Spurensuche.

Respekt gegenüber Anderen, ein tolerantes Miteinander, Gemeinsamkeiten erkennen und Unterschiede anerkennen – das fällt nicht immer leicht, und doch ist es notwendig. Dieser Herausforderung hat sich schon im 18. Jahrhundert einer der größten Denker der deutschen Geistesgeschichte gestellt: Gotthold Ephraim Lessing. Er kam 1770 nach Wolfenbüttel und arbeitete als Bibliothekar an der Herzog August Bibliothek, hier entstand sein bedeutendstes Werk Nathan der Weise.

In der Titelfigur des Nathan setzte Lessing seinem Freund Moses Mendelssohn, dem Begründer der jüdischen Aufklärung, ein Denkmal. Und Aufklärung, Humanismus und Toleranz sind die Themen, um die sich das fünfaktige Ideendrama mit seiner Ringparabel dreht. Kernaussage des Stücks: Christentum, Judentum und Islam stehen gleichrangig nebeneinander, kein Gläubiger soll seinen Glauben über einen anderen stellen. Was vor über 200 Jahren von nicht wenigen Zeitgenossen als unerhörte Provokation empfunden wurde, ist heute immer noch – oder schon wieder – brandaktuell: der Aufruf zu einem friedlichen und toleranten Miteinander der Religionen, der Kulturen, der Menschen.

„Der Wille, und nicht die Gabe, macht den Geber.“

(Aus: Nathan der Weise)

Toleranz heute wie damals

In Wolfenbüttel sind nicht nur Lessings anmutiges Wohnhaus und seine eindrucksvolle Wirkungsstätte zu besichtigen. Tagtäglich zeigt die Stadt, wie Lessings Botschaft mit Leben gefüllt wird – vor allem in den letzten Jahren, als viele Menschen auf der Flucht vor Krieg und Gewalt im Nahen Osten ihren Weg nach Wolfenbüttel fanden. So wird im Willkommenscafé im Roncallihaus erlebbar, was der abstrakte Begriff „Willkommenskultur“ bedeutet. Seit 2016 ist dies ein Ort der Begegnung von Alteingesessenen und neuen Wolfenbüttelern, ein Ort des Kennen- und Verstehenlernens. Übers Jahr öffnen verschiedene Einrichtungen ihre Türen für die Veranstaltungsreihe „Interkulturelle Höfe“.

Die Kreisverwaltung fördert unter der Überschrift „Viel[falt] Toleranz“ die Beteiligung am Bundesprogramm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“. In der Stadt und im Landkreis werden ziviles Engagement und das Eintreten für Demokratie und Vielfalt von Vereinen, Projekten und Initiativen unterstützt. So konnten beispielsweise im Projekt „Break Unit“ zugewanderte Jugendliche und Jugendliche aus dem Landkreis gemeinsam Breakdance lernen und üben, und auf einer großen Demokratiekonferenz ihr Können unter Beweis stellen. Ein anderes Förderbeispiel ist das Bunte Sofa Hornburg ­– es erhielt Mittel zur Förderung des Miteinanders durch Sprachunterricht für geflüchtete Menschen und gemeinsame kulturelle Unternehmungen.

Skulptur in Eulenspiegelmuseum
Das Eulenspiegelmuseum in Schöppenstedt (Foto: Frank Bierstedt)

Ein Schelm, kein Narr

Zu einer aufgeklärten Gemeinschaft im Lessingschen Sinne gehört auch, Dinge beim Namen zu nennen, Missstände nicht zu beschönigen und Fehlentwicklungen aufzuzeigen. Und das war es auch, was einen Sohn der Region so berühmt gemacht hat, dass uns sein Name auch 700 Jahre nach seinen Lebzeiten noch wohlbekannt ist: Im Dorf Kneitlingen kam im Jahre 1300 Till Eulenspiegel auf die Welt. Auch wenn er auf Abbildungen und Illustrationen oft im Narrenkostüm mit Schellenkappe (die er wahrscheinlich niemals getragen hat) dargestellt wird, so war er keineswegs ein harmloser Spaßmacher, ganz im Gegenteil: Er war ein kluger Kopf mit einem gewitzten Geist. Nach der Überlieferung zog er durch die Lande und hielt Mächtigen und Reichen den damals schon sprichwörtlichen Spiegel vor. Seine Streiche verübte er in der Regel, indem er Redensarten wörtlich nahm, die Folgen waren mitunter sehr kostspielig und ließen einen vermeintlich Großen oft recht dumm dastehen. Im 16. Jahrhundert erschienen die Geschichten mit dem verschmitzten Schalknarren und seinen anarchischen Attacken erstmals in Buchform und entwickelten sich rasch zu einem internationalen Bestseller der frühen Neuzeit. In Schöppenstedt hat man ihm ein besonderes Denkmal gesetzt: Ein ganzes Museum erinnert hier an Till Eulenspiegel.

Karikatur und Satire

Figuren wie Eulenspiegel gibt es in den Erzähltraditionen vieler Kulturen. Was sie eint: Sie verpacken Einsicht und Welterkenntnis in Späße und Streiche, sie stellen durch Spott und Gelächter jemanden bloß. Eulenspiegel und Co. sind die Ahnen der politischen Satire, der Karikatur und des Kabaretts – Kunstformen, die auch in unserer Zeit in und um Wolfenbüttel fruchtbaren Boden finden. 1962 eröffnete Peter Tuma in Wolfenbüttel sein erstes Atelier. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten erwarb er sich Ansehen und Auszeichnungen als ernsthafter Maler und Zeichner, hatte Ausstellungen im In- und Ausland und lehrte an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und der Fachhochschule Hannover.

Im reifen Alter offenbarte er der Welt eine ungekannte Seite: Neben seinen bekannten Werken entstanden permanent humoristische Skizzen, Miniaturen und skurrile Grafiken, in deren Mittelpunkt der Mensch mit allen seinen Facetten steht. 2014 war erstmals eine Auswahl dieser Arbeiten öffentlich zu sehen. Besondere Beachtung fanden dabei Tumas Speere, eine Reihe von Illustrationen, in denen sich der Künstler mit einem Seitenblick auf die Schöninger Speere, den Menschen der Altsteinzeit näherte. Eventuelle Ähnlichkeiten mit Menschen des 21. Jahrhunderts waren natürlich nicht beabsichtigt und purer Zufall…

Nicht mit Illustrationen, sondern mit Worten karikiert und kommentiert der politische Lyriker und Kabarettist Thorsten Stelzner das Geschehen der Zeit und die Macken der Menschen, seine eigenen eingeschlossen. Der wortgewaltige Dichter, Redner, Vorleser und Verleger wird heute mit der Löwenstadt Braunschweig in Verbindung gebracht. Doch seine Wiege stand in Wolfenbüttel, und vom Umzug war er seinerzeit keineswegs begeistert, wie die Biografie auf seiner Website berichtet: „Ganz heftiger Kulturschock für einen Siebenjährigen. Auf die Fresse gab´s. Am ersten, am zweiten, am dritten Tag, – ich war der Neue und neue sind doof und Opfer.“ Trost mag Stelzner bei Woody Allen und seinem berühmten Zitat finden: „Komödie ist Tragödie plus Zeit“…

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