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Von Ausstellung bis Aufführung: Braunschweigs Kunst- und Kulturflagships

 (Bildrechte: Martina Zingler)

Manchmal könnte man den Eindruck gewinnen, Braunschweig wäre Deutschlands fünfte Millionenstadt – vor allem, wenn man auf das kulturelle Angebot schaut. Da gibt es immer etwas zu tun und zu erleben, ganz gleich, ob man ein ganzes Kultur-Wochenende plant, ein Festival besucht oder einfach nur Lust auf eine gehobene Abendveranstaltung hat. Kein Wunder – zu Lessings Zeiten war die Löwenstadt das Zentrum der Aufklärung in Deutschland. Ein Umstand, der sich heute noch im wahrlich fürstlichen kulturellen Angebot bemerkbar macht.

„Der Louvre hat nichts Besseres – nur mehr davon“

Einen perfekten Einstieg in die reichhaltigen Kulturschätze der Stadt bietet eines der bedeutendsten Kunstmuseen Europas: das Herzog Anton Ulrich-Museum (HAUM). Nach einer umfassenden Generalsanierung und Modernisierung öffnete es im Oktober 2016 wieder seine Pforten und erstrahlt nun in neuem Glanz: stoffbespannte Wände, moderne Technik und satte 800 m2 mehr Platz allein im alten Haus für die rund 190.000 Werke – unter ihnen Kostbarkeiten von Vermeer, Rubens, Dürer und Picasso. Nicht nur von den Braunschweigern, auch bundesweit wurde die erfolgreiche Frischzellenkur in den Feuilletons gefeiert wie selten ein Ereignis dieser Art. Treffend fasst die „Welt“ zusammen: „Der Louvre hat nichts Besseres – nur mehr davon“.

Selbstverständlich ist das HAUM aber nicht nur für Erwachsene da. Mit buchbaren Führungen zum Kindergeburtstag wie „Einmal um die Welt mit Anton Ulrich“ oder der „Detektivrallye“ steht das Museum auch bei seinen kleinen Besuchern hoch im Kurs. Wissenschaftler nutzen zudem gerne die Gelegenheit, hier unter modernen Bedingungen mit den Beständen zu arbeiten – und stoßen dabei sogar ab und an auf neue Schätze. Die Dauerausstellungen sowie wechselnde Sonderausstellungen erlauben es Ihnen, Höhepunkte der Kunst aus drei Jahrtausenden an einem einzigen Tag zu erleben. Und lebendige Gesprächsrunden, Vorträge und Führungen sorgen dafür, dass ein Besuch im HAUM bei aller Musealität niemals verstaubt wirkt.

Fürstlich vorgelegt: der Herzog und die Hochkultur

So modern es heute daherkommt, das HAUM hat eine wahrhaft bewegte Geschichte. Begibt man sich auf die Suche nach den Wurzeln dieses musealen Leuchtturms der Stadt, stößt man auf das alte Schloss Salzdahlum, das häufig auch als „Deutsches Versailles“ bezeichnet wurde. Das 1694 fertiggestellte Schloss mochte äußerlich das französische Vorbild zitiert haben, doch das Grundgerüst war aus Kostengründen hölzern. Das kleine welfische Herzogtum von Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel war eben kein Sonnenkönigreich. Nach nur knapp hundert Jahren und vielen illustren Besuchern – von Goethe bis Friedrich dem Großen – war aus dem Lustschloss ein Frustschloss geworden. Morsch und baufällig geworden, musste es weichen. Dennoch hat die Löwenstadt dem Herzog einen Großteil ihres heute noch glänzenden kulturellen Schatzes zu verdanken. Nicht zu Unrecht trägt das HAUM heute deshalb den Namen seines Stifters. Dieser hatte zu Lebzeiten (1633-1714) eine beeindruckende Sammlung an Gemälden, Grafiken und Kunsthandwerk zusammengestellt, verfügte über einen schier unstillbaren kreativen Drang und zählt bis heute zu den bedeutendsten Autoren der Barockliteratur.

 (Bildrechte: Martina Zingler)
Gemäldegalerie des Herzog Anton Ulrich Museums (Foto: Martina Zingler)

Barock ’n’ Roll und ein Versprechen auf dem Sterbebett

So sehr Anton Ulrich den Zeitgeist des Barock durch Zügellosigkeit und Prunk zelebrierte, war er dank seiner humanistischen Erziehung eher Aufklärer als Absolutist. Er präsentierte in Salzdahlum ausgewählten Gästen seine Kunstsammlung, hielt opulente Feste ab und ließ Opern uraufführen. Das sollte besonders bei der „Konkurrenz“ – den in Hannover regierenden Vettern – Eindruck schinden. 1714 soll Anton Ulrich auf dem Sterbebett seinen Erben das Versprechen abgerungen haben, seine Kunstsammlung für die Nachwelt zu bewahren. Ein Versprechen, das sein Großneffe Herzog Carl I. 1754 genau 40 Jahre später mit der Eröffnung des „Kunst- und Naturalienkabinetts“ im Mosthof der Burg Dankwarderode einlösen sollte. Eines der ersten öffentlich zugänglichen Kunstmuseen Europas war entstanden – fünf Jahre bevor das British Museum in London und 39 Jahre bevor der Louvre, der Französischen Revolution sei Dank, ihre Pforten fürs Volk öffneten. Heute ist Burg Dankwarderode der zweite Standort des HAUM. Ursprünglich im Mittelalter von Heinrich dem Löwen errichtet, brannte der Vorgängerbau im 19. Jahrhundert nieder. Später wurde er nach dem historischen Vorbild wieder errichtet.

Da die stetig wachsende Kunstsammlung bald mehr Platz brauchte, erhielt sie schließlich 1887 ihr heutiges repräsentatives Haus im Neorenaissance-Stil, das glücklicherweise vom Zweiten Weltkrieg weitestgehend verschont blieb. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts platzte es durch die gestiegenen Anforderungen aus allen Nähten, die Technik war veraltet, ebenso die Bausubstanz. 2010 bekam das HAUM endlich mehr Raum zum „atmen“. Verwaltung, Bibliothek, Werkstätten und Kupferstichkabinett zogen in einen 4.000 m2 großen Anbau, sodass im Anschluss das Hauptgebäude zurückgebaut und gründlich renoviert werden konnte – bis zur feierlichen Wiedereröffnung im Jahr 2016.

Ein Museum – vier Standorte

Wenn über Braunschweiger Museen gesprochen wird, darf das Braunschweigische Landesmuseum nicht fehlen. 1891 als „Vaterländisches Museum“ von Bürgern gegründet, versammelt es zahlreiche geschichtliche und kulturelle Zeugnisse der Region. Das Museum verteilt sich auf vier Standorte, die unterschiedliche Themen behandeln. Jüdische Religion und Kultur im Zweigmuseum Hinter Aegidien, Ur- und Frühgeschichte in der Kanzlei Wolfenbüttel, Volkskunde im Bauernhausmuseum Bortfeld, welches derzeit wegen Sanierungsarbeiten leider nicht besichtigt werden kann, und Landesgeschichte im Haupthaus am Braunschweiger Burgplatz. In jenem denkmalgeschützten, klassizistischen Bau befinden sich auch die Sonderausstellungsräume.

Geboten wird ein spannender Querschnitt aus 500.000 Jahren Geschichte: vom Faustkeil bis zur Atomuhr und von heidnischen Grabbeigaben bis zur jüdischen Thorarolle.

Vom Wirbellosen bis zum Raubsaurier

Ein besonderes Bonbon für Naturfreunde ist das Staatliche Naturhistorische Museum. Es zählt, wie das HAUM, zu den ältesten Museen der Welt. Auch das Naturhistorische Museum geht zurück auf das im Jahr 1754 durch Herzog Carl I. eröffnete „Herzogliche Kunst- und Naturalienkabinett“. Im 19. Jahrhundert wurden die herzoglichen Sammlungen dann aber getrennt in eine Kunst- und eine Naturkundesammlung.

Diese naturkundliche Sammlung umfasst heute rund 500.000 Objekte aus den Bereichen Wirbeltiere, Wirbellose und Fossilien. Besonders populär und überregional bekannt sind die Dioramen des Museums, die Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum authentisch inszenieren. Internationale Aufmerksamkeit erweckte das Museum in den letzten Jahren durch die Entdeckung mehrerer neuer Saurier bei Grabungen in Afrika (Niger) und Norddeutschland: den Langhals-Saurier Spinophorosaurus nigerensis (2009), den Raubsaurier Paravipus didactyloides (2011) und den Schwimmsaurier Acamptonectes densus (2012).

Zwischen 2012 und 2015 wurden das Erdgeschoss und die Außenbereiche des Museums umfangreich neu gestaltet, die Ausstellungsfläche wurde um rund 250 Quadratmeter vergrößert. Es entstanden eine neue „Schatzkammer“, eine Schausammlung und ein Entdeckersaal für Kinder und Naturfreunde. Mehrere Sonderausstellungen pro Jahr zu verschiedensten Themen der Naturgeschichte ergänzen und vertiefen die Inhalte aus den Dauerausstellungen.

 (Bildrechte: Allianz für die Region GmbH / Sara Uhde)
Die naturkundliche Sammlung des Staatlichen Naturhistorischen Museums umfasst rund 500.000 Objekte aus den Bereichen Wirbeltiere, Wirbellose und Fossilien. (Foto: Allianz für die Region GmbH / Sara Uhde)

Emanzipierte Freunde der Kunst

„Salve Hospes” – „Sei gegrüßt, Gast”: So prangt es in goldenen Lettern über dem Eingang der gleichnamigen Villa am Lessingplatz. Ende des 18. Jahrhunderts hatten hier noch die imposanten Wallanlagen der Löwenstadt gestanden, die nicht sonderlich gastfreundlich gewirkt haben müssen. Doch die wurden mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts geschleift. Der oberste Schleifer? Peter Joseph Krahe, Leiter des Bauwesens im Herzogtum Braunschweig und gleichzeitig Architekt dieses frühklassizistischen Schmuckstücks, das er 1808 vollendete. Bollwerke wichen dem frischen Wind der Aufklärung – eine Wandlung, die mit dem Ende der napoleonischen Besetzung einherging.

Diese Veränderung machte sich auch in einem neuartigen Konstrukt bemerkbar – dem Kunstverein. Aufstrebendes Bürgertum und Künstler brachen das Monopol der adligen Kunstmäzene, schufen eigene Räume für Ausstellungen, Austausch und nicht zuletzt Verkauf ans geneigte, stetig wachsende Publikum. Die Villa wurde bald zum Treffpunkt des kulturell interessierten Bürgertums der Stadt. Dabei half die Tatsache, dass der Architekt, die Bauherren der Villa und weitere Braunschweiger Bürger zu den Gründungsmitgliedern des „Vereins der Kunstfreunde“ gehörten. Dieser Verein war als Vorgänger des Kunstverein Braunschweig deutschlandweit die erste Einrichtung dieser Art. Ausstellungen wurden vorerst in anderen Gebäuden gezeigt, bis im Jahre 1946 die Villa Salve Hospes auch der offizielle Sitz der Kunstfreunde wurde. Heute präsentiert der Verein in acht Einzel- oder Gruppenausstellungen pro Jahr bedeutende Werke internationaler Gegenwartskunst. Seit 1996 hat auch die junge und experimentelle Kunst eine Heimat im Kunstverein. Wie bereits zu Krahes Zeiten ist die Villa kein reiner Ausstellungsort, sondern ein Ort des lebendigen Austausches über zeitgenössische Kunst – dazu gehören die regelmäßigen Workshops und Führungen für Groß und Klein.

Das ganze Theater begann am Hagenmarkt

Überrascht es Sie zu erfahren, dass Herzog Anton Ulrich auch bei der Entstehung des ersten öffentlichen Theaters Braunschweigs beteiligt gewesen ist? 1690 öffnete es seine Pforten im umgebauten alten Rathaus am Hagenmarkt. Um genau zu sein, begann es zunächst als reines Opernhaus – nach Hamburg und München das dritte Haus dieser Art in Deutschland. Der Aufstieg zur herzoglichen Residenzstadt 1753 ließ Braunschweig aufblühen – nicht nur städtebaulich, mit neuem Schloss und anderen repräsentativen Gebäuden, sondern auch in Sachen Kultur und Wissenschaft. Bereits 1745 wurde das Collegium Carolinum – aus dem später die Technische Universität hervorging – gegründet. In der alten Residenzstadt Wolfenbüttel wurde Gotthold Ephraim Lessing zum Bibliothekar der Herzog-August-Bibliothek berufen. Das Zeitalter der Aufklärung begann mit den Braunschweiger Herzögen als treibende Kraft. Am Hagenmarkt folgten Uraufführungen bedeutender Stücke wie Lessings „Emilia Galotti“ oder Goethes „Faust I“. 1861 eröffnete das inzwischen zum Nationaltheater erhobene Haus seine Pforten im neuen historistischen Prachtbau am Steinweg wieder. Das heutige Staatstheater vereint an vier Spielstätten die fünf Bereiche Musik, Schauspiel, Tanz, Junges Staatstheater (Kinder- und Jugendtheater) und Staatsorchester. Mit 30 Premieren pro Spielzeit und einem Stück, das im Sommer in zahlreichen Open-Air-Vorstellungen auf dem Burgplatz erlebt werden kann, wird es bühnenaffinen Braunschweigern kaum langweilig. Im Wechsel mit dem Staatstheater Hannover richtet man übrigens alle zwei Jahre das internationale Festival „Theaterformen“ aus – ganz im Sinne der Aufklärung, versteht sich.

Das internationale Filmfestival Braunschweig

Hatten Sie schon einmal einen Regisseur zu Gast? Jedes Jahr im November haben Sie die Möglichkeit, für eine Woche einen Regisseur zu beherbergen und werden dafür mit Freikarten für das größte Filmfestival Niedersachsens belohnt. Bewerben können Sie sich hier.

Das älteste Filmfestival Niedersachsens ist mit seinen 30 Jahren erstaunlich jung geblieben. Wenn es die Filmwelt im Frühjahr oder Sommer eines Jahres nach Cannes, Berlin und Los Angeles zieht, spielt die Musik im Herbst eindeutig in Braunschweig. Und das liegt nicht nur daran, dass einer der Schwerpunkte des „Braunschweig International Film Festival“ die Filmmusik ist. Das Festival sucht auch stets neue Wege jenseits des Mainstreams. Vom Publikumspreis „Der Heinrich” bis zum „Schwarzen Löwen”, dem Preis für den besten Film in der „Beyond“-Reihe. Die Beyond-Reihe steht für Filme, „die visuell oder thematisch Risiken eingehen und Experimente jenseits cineastischer oder moralischer Konventionen wagen“, so Michael P. Aust, seines Zeichens Festivaldirektor. Damit Sie nichts verpassen, gibt es zudem einen Video-on-demand-Channel und seit letztem Jahr auch eine App für iOS und Android.

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