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Wandlungsfähig und wunderschön: Das Schloss Wolfenbüttel

 (Bildrechte: Marvin Reepschläger)

Wer das zweitgrößte Schloss Niedersachsens besuchen will, muss sich auf den Weg nach Wolfenbüttel machen. Hier steht eine beeindruckende Burganlage, die im 18. Jahrhundert ihre heutige barocke Fachwerkfassade bekam. Seitdem gilt das Wolfenbütteler Schloss übrigens als eines der schönsten Schlösser in Norddeutschland.


In seiner bewegten Vergangenheit wurde das Schloss nach zahlreichen Angriffen und Belagerungen immer wieder neu auf- und umgebaut. Das führte dazu, dass sich sein ursprüngliches Aussehen bis heute sehr gewandelt hat – nicht zum Nachteil, wenn man bedenkt, mit welch gutem Platz es sich im Ranking der schönsten Schlösser schmücken darf!

Einst als Wasserschloss an der Oker gebaut, war es über mehrere Jahrhunderte die Residenz der Herzöge von Braunschweig und Lüneburg. Das erste Mal erwähnt wird die Burg bereits im Jahr 1074. Knapp 200 Jahre später – im Jahr 1255 – wurde sie zum ersten Mal zerstört. Nach 30 Jahren ließ Herzog Heinrich der Wunderliche sie dann wiederaufbauen, wovon noch heute der Schlossgrundriss, der Burggraben und die unteren Teile des Schlossturms mit dem Burgverlies zeugen.

Stets alarmbereit – die Turmwache

Der höchste Turm im heutigen Schloss diente einst den Mitgliedern der städtischen Wache als Stube. Von hier oben hatten sie den besten Blick über Wolfenbüttel, hielten Ausschau nach Feinden und warnten vor Feuer und Gefahren in der Stadt. Dieser noch heute gut erhaltene Turm hat alle Angriffe seit seiner Erbauung überstanden und sogar den Dreißigjährigen Krieg überlebt.

Auch südländisches Flair ist dem Wolfenbütteler Schloss zu eigen: Im Schlosshof finden Sie Arkadengänge, die ihr Vorbild in Italien hatten und den Innenhof rahmen. Hier ließ und lässt es sich ganz vorzüglich lustwandeln. Wer heute dort spazieren geht, kann sich gut vorstellen, wie Damen in Krinoline und Kragen oder galante Herren in Kniehose und Samtwams in dieser wunderbaren Kulisse ihrem Abendspaziergang frönten.,

Seine auch heute noch atemberaubend schöne Fachwerkfassade erhielt das Schloss zwischen 1714 und 1716. Jede Skulptur, jedes Wappen, jeder Winkel atmet hier Geschichte, die Sie selbst hautnah erleben können. Heute wird das Gebäude für verschiedene Zwecke genutzt. Neben dem Gymnasium im Schloss ist dort seit 1991 auch die Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel beheimatet.

Prunk und Kostbarkeiten

Das Herz- und Prachtstück des Schlosses aber ist das Schlossmuseum! In den Staats- und Privaträumen der herzoglichen Herrschaften wird Historie lebendig und erlebbar. Prunkvolle Gemächer, kostbares Tafelsilber, feinste Gewänder und wertvolle Gemälde erzählen von der Glanzzeit der Herzöge zu Braunschweig und Lüneburg.

Schon der Gang über die zweiläufige dunkle Barocktreppe in die erste Etage zum Eingang des Schlossmuseums vermittelt einen Eindruck, wie die hohen Herrschaften in früheren Zeiten hinauf oder hinab wandelten. Direkt nach dem Eingangsraum – dem ehemaligen Trabanten- oder Gardesaal – führt das Museum durch insgesamt 14 prächtige und original erhaltene Gemächer, die zwischen 1995 und 2001 perfekt restauriert wurden.

Vom Vorzimmer bis zum Intarsienkabinett

Der Rundgang durchs Museum startet standesgemäß mit dem Antichambre – dem Vorzimmer. Hier wurden Besucher hineingeführt, bevor sie ihre Audienz beim Herzog bekamen. Der prächtige Raum mit der edlen Stuckdecke und den mit grünem Seidendamast bespannten Wänden diente gleichzeitig als Galerie, in der sich die wartenden Gäste bereits einen ersten Eindruck vom Herzog verschaffen konnten – ziert doch sein Porträt in der Ahnengalerie die Wand.

Im Audienzgemach, wo die Gesandten dem Herzog ihre Aufwartung machen durften, lässt der Anblick des Audienzsessels erahnen, wieviel Respekt dem Herzog in diesem von Rot und Gold dominierten Raum entgegengebracht wurde. Lebensgroße Statuen, Wandteppiche und eine güldene Pendeluhr sind kostbare Kunstwerke in diesem Zimmer, in dem der Herzog dreimal wöchentlich ausländische Diplomaten empfing. Das folgende Zimmer durften nur die ranghöchsten Besucher betreten: In dem gelb-goldenen Paradeschlafzimmer empfing der Herzog seine Besucher auf einem Thronsessel, das Bett diente nur der Dekoration. Im „Venussaal“ wurden Gäste fürstlich bewirtet. Über 35 Bedienstete sorgten für den reibungslosen Tischablauf und servierten kleine und große Köstlichkeiten auf silbernem Geschirr.

Ein weiterer bemerkenswerter Raum ist das Intarsienkabinett der Herzogin. Alle Wände sind durchgängig mit wertvollen Intarsienarbeiten verziert. Dieser Raum gehört bereits zu den Privatgemächern des Schlosses, genau wie das Schlafgemach mit dem für heutige Verhältnisse winzigen Himmelbett. Hier wurde Herzogin Anna Amalia am 24. Oktober 1739 geboren; sie war später eine Förderin Goethes.

Das prachtvolle Paradeschlafzimmer (Foto: Marvin Reepschläger)

Schloss der Dichter und Denker

Mit dem Wolfenbütteler Schloss sind noch weitere berühmte Namen verbunden. Zu den bekanntesten Bewohnern zählt unter anderem der Komponist Michel Praetorius, der als Hofkapellmeister 1609 die Strophen zum Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“ ersann. Im Jahr 1770 bewohnte Gotthold Ephraim Lessing einige Zimmer im Schloss. Während dieser Zeit schrieb er seine „Emilia Galotti“ (1772). Der Schriftsteller logierte über fünf Jahre in den herzoglichen Gemächern, bis er mit seiner Angetrauten Eva König im Jahr 1776 ins Meißnerhaus ganz in der Nähe des Schlosses zog. 1777 wiederum zog das Paar in das Schäffersche Hause um, das heute als Lessinghaus bekannt ist.

Lessing war ehemals als Bibliothekar in der an das Schloss angrenzenden und ebenfalls überaus sehenswerten Herzog August Bibliothek angestellt. Rund um das Schloss lohnt sich zudem ein Besuch im Zeughaus.

Wer sich ganz auf die glanzvolle alte Zeit einlassen möchte, dem sei eine Erlebnisführung mit dem herzoglichen Tanzmeister Monsieur de la Marche durch das Schlossmuseum empfohlen. Einmal im Monat führt er durch die hochbarocken Staatsappartements und weiß die eine oder andere Anekdote zum Besten zu geben.

Höfisches Leben und spannende Geschichten für Kinder

Nicht nur für die Großen wird im Schlossmuseum Historisches interessant aufbereitet – auch für Kinder und Familien gibt es besondere Angebote. Kinder ab neun Jahren können im Museum ihren Geburtstag feiern. Sie dürfen sich dann mit historischen Kostümen verkleiden und ins höfische Leben stürzen. Für Kinder ab sechs Jahren wird das „Museum zum Kennenlernen“ angeboten. Hier führt eine Entdeckungstour spielerisch und mit spannenden Geschichten durch das Museum. Und auch für die ganze Familie ist etwas dabei: Mit Entdeckerheft und -tasche (an der Kasse erhältlich) geht es auf, um Geheimnisse zu lüften, zu suchen, finden, vergleichen, ergänzen und aufzuspüren. Diese Tour macht Familien mit Kindern im Alter zwischen 9 und 12 Jahren viel Spaß.

Wenn Sie jetzt auch Lust auf einen Besuch in Wolfenbüttels Schloss bekommen haben, dann werfen Sie unbedingt auch einen Blick in den Renaissancesaal im Erdgeschoss. Der war nämlich einer der Drehorte für den Film „Der ganz große Traum“ – ein Historienfilm über Fußball in dieser wunderbar historischen Kulisse.

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