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Wolfsburg – der Schmelztiegel der modernen Architektur

Sitzkugeln bei Dunkelheit im Allerpark (Bildrechte: Heinrich Jens)

Dass Wolfsburg reich mit spannender und visionärer Architektur gesegnet ist, sieht man schon bei der Einfahrt mit dem Zug. Ein guter Grund, nicht nur durchzufahren, sondern auszusteigen und die Stadt zu entdecken!

Besonderes Augenmaß liegt auf Material-, Form- und Farbwahl – um die die Volkswagen-Werte angemessen zu repräsentieren: Stil, Qualität und Seriosität (Foto: Allianz für die Region GmbH / Martina Hohmann)

Wolfsburg – der Schmelztiegel der modernen Architektur

Die Ankunft im Wolfsburger Hauptbahnhof transportiert den Besucher direkt hinein in das Herz der Autostadt mit ihrer außergewöhnlichen Landschaftsarchitektur. Direkt am Mittellandkanal gelegen, erstreckt sich das 28 Hektar große Gelände über eine abwechslungsreiche Park- und Lagunenlandschaft im japanischen Stil. Genau genommen handelt es sich bei der Autostadt um einen Freizeitpark, der hinter jedem Hügel mit neuen Überraschungen aufwartet. Das Architekturbüro Henn stellte die 430 Millionen Euro teure Kommunikationsplattform im Jahr 2000 pünktlich zum Start der Expo in Hannover fertig. Besonderes Augenmaß legten die Architekten auf die Material-, Form- und Farbwahl – um die Volkswagen-Werte angemessen zu repräsentieren: Stil, Qualität und Seriosität. Aus diesem Grund wurden überwiegend Glas, Stahl, Aluminium, Naturstein und Beton verbaut, Weiß- und Grautöne bevorzugt sowie Spannungen in der Linien- und Flächengestaltung vermieden. Als Wahrzeichen der Autostadt, die auch das weltweit größte automobile Auslieferungszentrum beherbergt, ragen die beiden 48 Meter hohen Auto-Türme in den Wolfsburger Himmel. Hier stehen 800 Fahrzeuge zur Auslieferung an die Kunden bereit und lassen die Herzen ihrer künftigen Besitzer vorfreudig höher schlagen.

Als Wahrzeichen der Autostadt ragen die beiden 48 Meter hohen Auto-Türme in den Wolfsburger Himmel (Foto: Allianz für die Region GmbH / Olaf Wenkebach)

Das phaeno Science Center – Wissensvermittlung in futuristischem Gewand

Wer es lieber extravagant als solide mag, dem sei ein Besuch des Technikmuseums phaeno auf der anderen Seite des Mittelandkanals empfohlen. Direkt auf dem Bahnhofsvorplatz wächst es mit seinen spitzen Winkeln wie ein futuristischer Betonkristall aus dem Boden. Laut der britischen Zeitung „The Guardian“ gilt es übrigens als eines der zwölf bedeutendsten modernen Bauwerke der Welt. Entworfen hat es die 2016 verstorbene iranisch-britische Architektin Zaha Hadid. Sie gehörte zu den talentiertesten und innovativsten Architektinnen der Gegenwart. Kompromisslos warf sie konventionelle Ansichten und Bauformen über den Haufen, weshalb auch im phaeno statt rechter Winkel spitz zulaufende Wände und schiefe Ebenen dominieren.

Das phaeno beleuchtet bei Nacht
Das Science Center phaeno, futuristisch beleuchtet bei Nacht (Foto: Allianz für die Region GmbH / Jennifer Denecke)

Faszinierend ist das Bauwerk vor allem wegen seiner dynamischen Leichtigkeit. Trotz seiner 27.000 Kubikmeter Beton scheint es fast zu schweben. Vielleicht weil es von zehn kegelförmigen Betonpfeilern getragen wird, deren hohle Innenräume beispielsweise für ein Wissenschaftstheater oder ein kleines Restaurant genutzt werden. Auch im Inneren des Gebäudes eröffnen sich dem Besucher ständig neue Perspektiven. So kann Architektur laut Zaha Hadid geistige Offenheit und Beweglichkeit fördern.

Ansicht phaeno Science Center
Das Science Center phaeno, entworfen von der weltberühmten Architektin Zaha Hadid (Foto: Klemens Ortmeyer)

Wo Bühnenkunst auf Expressionismus trifft – das Wolfsburger Theater

Doch das phaeno Science Center ist nicht das einzige Bauwerk von Weltrang in Wolfsburg. 1973 wurde das Wolfsburger Theater feierlich eingeweiht und ist heute das jüngste Baudenkmal der Stadt. Sein Schöpfer, der Berliner Architekt Hans Scharoun (1893–1972), gehörte zu den phantasiereichsten Architekten des Expressionismus. Im Gegensatz zum verbreiteten Rationalismus der 1920er Jahre verfolgte er mit seinen Konstruktionen die Idee des organischen Bauens: Die Gebäude sollten sich harmonisch in ihre Umgebung einfügen. Mit diesem Prinzip überzeugte der Architekt der Berliner Philharmonie auch die Wolfsburger und setzte seinen Entwurf 1965 gegen berühmte Kollegen wie Alvar Aalto und Jørn Utzon durch. Sein Bauobjekt sollte sich parallel zum Klieversberg erstrecken und nach vorn auf die Stadt und das Volkswagenwerk blicken. Selbst den vorhandenen Wald nutzte der Architekt im Hintergrund als Gestaltungsmerkmal. Noch heute fallen dem Betrachter die Funktionen einzelner Gebäudeteile ins Auge. So birgt das klotzartige, fensterlose Bühnenhaus die Spielfläche des Theaters. Innen steht der Zuschauerraum im Zentrum, der von jedem Platz aus eine gute Sicht schafft. So hat alles seine funktionsgerechte Ordnung, nur den rechten Winkel sucht man vergebens. Vielleicht ist das Theater beim Publikum gerade deshalb so beliebt – mit einer Auslastung von rund 90 Prozent zählt es zu den erfolgreichsten Spielstätten im Bundesgebiet.

Das klotzartige, fensterlose Bühnenhaus birgt die Spielfläche des Theaters (Foto: Allianz für die Region GmbH / Klaus Römer)

Das Alvar-Aalto-Kulturhaus – ein Wunderwerk der organischen Architektur

Wer, vom Bahnhof kommend, die Fußgängerzone bis zu ihrem Ende durchquert, den erwartet ein kleines Wunder der Baukunst: Das Alvar-Aalto-Kulturhaus, das der legendäre finnische Architekt Stadtplaner und Möbeldesigner 1958 für Wolfsburg entworfen hat, wurde im Jahre 1962 eingeweiht. Zwar ist der ursprüngliche städtebauliche und landschaftliche Kontext des Gebäudes nicht mehr erhalten, trotzdem ist die Heimstatt der Wolfsburger Stadtbibliothek, der städtischen Kulturgeschäftsstelle, verschiedener Kreativwerkstätten und einiger Hörsäle der vormaligen Volkshochschule ein echtes Gesamtkunstwerk. Nicht nur die charakteristischen Linien und Kuben des Gebäudes, sondern auch kleinste Details wie Lampen und Türklinken wurden von Aalto gestaltet. Genauso ungewöhnlich ist der Materialmix: Die Fassade besteht oberhalb des Erdgeschosses aus Marmor, das Dach ist mit Kupfer bedeckt, das Eingangsfoyer mit blauen Keramikfliesen verkleidet – und die Türen der Hörsäle sind mit Rosshaar überzogen. Verglichen mit den innenarchitektonischen Details wirkt das Alvar-Aalto-Kulturhaus von außen eher schlicht. Erst wenn es dunkel wird, entfaltet das Gebäude auch von außen seinen Charme: Dann schimmern die raffinierten Deckenleuchten des Foyers und verbreiten eine ganz eigene Atmosphäre.

„Ein Bauwerk ist wie ein Instrument. Es muss alle positiven Einflüsse aufnehmen und alle negativen Einflüsse, die die Menschen beeinträchtigen könnten, abwehren.“

(Alvar Aalto)

Sakrale Baukunst von Weltrang – die Heilig-Geist-Kirche

Übrigens zeichnet sich Alvar Aalto auch verantwortlich für die radikale und moderne Architektur der Heilig-Geist-Kirche, die im Stadtteil Eichelkamp südwestlich der Innenstadt liegt. Das 1962 eingeweihte, denkmalgeschützte Ensemble aus Kirche, Gemeindezentrum und Kindergarten bildet mit seinem 32 Meter hohen Glockenturm das optische Zentrum des Stadtteils. Hier hängen übereinander auf vier Etagen vier frei sichtbare Glocken mit einem Gesamtgewicht von über 1.500 Kilogramm, die an kirchlichen Festtagen weithin hörbar erklingen. Im Inneren der Kirche eröffnet sich ein weiter Raum, geprägt von Lichtfülle und Offenheit. Den Grundriss der Kirche bildet ein Trapez, das sich nach Osten hin verjüngt. Deshalb findet sich auf der Ebene des Erdgeschosses auch kein einziger rechter Winkel. Beeindruckendstes Element dieses Sakralbaus ist jedoch ganz unbestritten die Deckenstruktur: eine in fünf hölzerne Paneele unterteilte Welle, die sich ausgehend vom Altar über den gesamten Raum erstreckt. Auch wenn diese Konstruktion in erster Linie der Akustik geschuldet ist, trägt sie auch eine tiefe religiöse Symbolik in sich: eine Hand, die von Osten her die Gottesdienstbesucher schützen soll.

Übrigens – wenn Sie bei einem Besuch der vielen architektonischen Highlights „Appetit auf mehr“ bekommen haben: Wie wäre es mit einem schönen Restaurantbesuch? So können Sie sich stärken für Ihre nächste Besichtigungsrunde – in Wolfsburg oder auch der Region.

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