Zum Inhalt springen

Wie ein Wunder: Digitalisierung holt Wissensschatz der HAB ans Licht

Herzog August Bibliothek (Bildrechte: Herzog August Bibliothek)

Interessiert es Sie auch, wo der 20-jährige Herzog August der Jüngere von Braunschweig-Wolfenbüttel den Sommer 1599 verlebt hat? Was er gesehen und erlebt hat? Wir haben unsere Neugier gestillt und im Tagebuch des Adligen geschmökert. Dazu mussten wir nicht einmal unser Büro verlassen. Wunder der Technik! Oder mit anderen Worten: Der Digitalisierung sei Dank.

Die technische Entwicklung macht vor Handschriften aus dem 16. Jahrhundert nicht Halt. Mehr noch: Altehrwürdige Forschungseinrichtungen wie die Herzog August Bibliothek (HAB) in Wolfenbüttel treiben die Digitalisierung der historischen Bestände gezielt voran. So erhält die Öffentlichkeit rund um den Erdball Zugang zu der einzigartigen Sammlung.

Es sind 1.400 Handschriften und 30.500 Alte Drucke mit insgesamt mehr als 4,86 Millionen Seiten aus dem unermesslichen HAB-Bestand, die inzwischen Eingang ins weltweite Web gefunden haben. Der jahrhundertealte Wissensschatz wurde in der Fotowerkstatt der HAB seitenweise hochauflösend fotografiert, zusammengesetzt, inhaltlich erfasst, in den online-Katalog der HAB (OPAC) aufgenommen und veröffentlicht. Was so einfach klingt, ist jedoch mit einem immensen Aufwand verbunden.

Zunächst treffen die Wissenschaftler der HAB eine Auswahl nach inhaltlichen Gesichtspunkten. Sie orientieren sich dabei an den Themen drittmittelfinanzierter Forschungsprojekte oder reagieren auf Nachfragen. Bevor die historischen Titel in die Fotowerkstatt kommen, prüft die Restaurierungsabteilung, ob die Bücher zur Digitalisierung geeignet sind. Ein Hinderungsgrund könnte beispielsweise sein, dass die Bücher nicht weit genug geöffnet werden können.

 (Bildrechte: Herzog August Bibliothek)

„In Wolfenbüttel haben wir eigens zum Zweck der Digitalisierung ein Spezialinstrument entwickelt: den Wolfenbütteler Buchspiegel. Dieser Buchspiegel erlaubt der Fotowerkstatt gewissermaßen das Fotografieren um die Ecke.“

Antje Dauer, Leiterin der Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der HAB

Die verschiedenen Forschungs- und Erschließungsprojekte der HAB haben bis heute zu einem Webangebot mit etwa 20 Portalen und Datenbanken geführt. Drei Beispiele:

Alchemiegeschichtliche Quellen der Herzog August Bibliothek

Auf diesem Portal finden sich Text- und Bilddigitalisate von etwa 2.000 alchemischen Drucken des 15. bis 18. Jahrhunderts. Hier lesen wir beispielsweise im Werk „Geheime Scheidung der Metallen und derselben Nutzbarkeit“ von Georg Christian Ittershagen, erschienen 1774 bei der Schröderschen Buchhandlung in Braunschweig.

Wissensproduktion an der Universität Helmstedt. Forschungsportal zur frühneuzeitlichen Universitätsgeschichte

Hier können unter anderem 3.600 Dissertationen aus drei Fakultäten, Vorlesungspläne und der Professorenkatalog mit 288 detaillierten Einträgen eingesehen werden. Außerdem lernen wir auf dieser Webseite Duncan Liddel kennen, einen Professor aus Aberdeen, der zwischen 1590 und 1607 in Helmstedt Mathematik, Astronomie und Medizin lehrte und sich in dieser Zeit zu einem leidenschaftlichen Büchersammler entwickelte.

Selbstzeugnisse der Frühen Neuzeit

Die handschriftlich niedergelegten Gedanken des Mannes, der den legendären Ruf der Bibliotheca Augusta begründete, nehmen auf diesem Portal eine herausragende Position ein. Das Tagebuch Herzog Augusts umfasst 60 mit Tinte beschriebene Seiten, die zwischen 1594 und 1635 entstanden. Einsehbar sind sowohl die Originalseiten als auch eine Abschrift mit inhaltlichen Erklärungen.

Trotz der beeindruckenden Datenmenge auf den einzelnen Portalen ist die Digitalisierung des HAB-Bestandes längst nicht abgeschlossen. Alleine diesem Vorhaben dienen acht der derzeit laufenden Forschungsprojekte. Gleichwohl hat man in Wolfenbüttel inzwischen festgestellt, dass das Interesse an den Originalbüchern mit der fortschreitenden Digitalisierung gewachsen ist. Seit von jedem Winkel der Welt aus tiefe Einblicke in die Bestände genommen werden können, steigt die Nachfrage.

„Wissenschaftler können ihre Forschungsaufenthalte in Wolfenbüttel dank Digitalisierung optimal vorbereiten. Sie wissen heute schon bei ihrer Ankunft genau, was sie sehen wollen.“

Antje Dauer

Wer sein Interesse an den wertvollen Büchern nachweisen kann, füllt in der Bibliothek ein Formular aus und bestellt das gewünschte Exemplar in den Lesesaal. Eine Einweisung hilft schließlich dabei, beim Blättern in den jahrhundertealten Originalen keinen Schaden anzurichten.

(Foto: Herzog August Bibliothek)

Die kostbaren Handschriften und historischen Drucke im Bestand der Herzog August Bibliothek (HAB) zählen zu den lichtempfindlichsten Museumsobjekten überhaupt. Deshalb werden sie so wenig wie möglich beleuchtet und bei konstanter Temperatur und Luftfeuchtigkeit aufbewahrt.

„Jede Änderung der relativen Luftfeuchte und der Temperatur kann problematisch sein, weil damit verbundene Spannungs- oder Dehnungsverhalten zu strukturellen Schäden, zu Verformung oder Rissbildung führen. In der Augusteerhalle liegt beispielsweise die Vorgabe für Temperatur und relative Luftfeuchte bei 21°C und 50 % relativer Feuchtigkeit.“

Antje Dauer

Auch das Tagebuch von Herzog August wird unter optimalen Bedingungen im Magazin aufbewahrt. Ohne es ans schädliche Tageslicht geholt zu haben, lesen wir, dass der Herzog das Jahr 1599 in Italien verbachte. Zwischen Venedig und Sizilien war er teils zu Lande, teils zu Wasser auf einer Galeere unterwegs. Wir erfahren gewissermaßen aus des Herzogs Munde von einer neuen Technik der Münzprägung, dass auf dem Ätna immer Schnee liegt und dass er einen Weinkeller bei Taormina besucht hat. Ohne Digitalisierung hätten sich uns die Erlebnisse und Erkenntnisse Herzog Augusts nie erschlossen.

Foto-Slider mit Beschriftung: Die 8 erstaunlichsten Werke aus dem Bestand der HAB

Die HAB als Lernort für Schüler

Die Herzog August Bibliothek bietet Schülern viele Möglichkeiten des Lernens, Forschens und Arbeitens außerhalb der Schule. Dazu zählen etwa die Wolfenbütteler Schülerseminare. In dreitägigen Seminaren befassen sich Kurse der gymnasialen Oberstufe mit themenbezogenen, wertvollen Drucken aus dem Bestand der Bibliothek. Ziel ist es, die Freude an der Arbeit mit alten und auch neueren Informationsträgern zu wecken. Die HAB unterstützt die Recherche für Facharbeiten beispielsweise in geisteswissenschaftlichen Fächern, bietet eine Sammlung von Schriften und Materialen zur Vorbereitung auf das zentrale Deutsch-Abitur sowie einen Besuch bei Lessing an.   

Vorheriger Artikel
Grizzly Armin Wurm: Besonnener Kämpfer auf dem Eis
Nächster Artikel
Zukunftsbranche Logistik: aus der Welt nach Peine, von Peine aus in die Welt