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Als die Bilder laufen lernten – das Kultiplex in Salzgitter-Lebenstedt

  • Datum: 20. Mai 2019
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 (Bildrechte: Bärbel Mäkeler)
Foto von Bärbel Mäkeler
Bärbel Mäkeler
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Als die Bilder laufen lernten, kamen sie auch nach Salzgitter. Dort existiert noch ein Kino aus der Wirtschaftswunderzeit. Das „City-Theater“ wurde im Jahr 2000 zum „Kultiplex“. Wie der Name, hat sich auch das Innenleben des Kinos an der Berliner Straße verändert. Ich unterhalte mich mit Frank Funk, dem Enkel des Gründers, über die Geschichte des schon seit über sechzig Jahren ansässigen Kinos in Salzgitter-Lebenstedt.

Frank Funk ist Kinomitbesitzer in dritter Generation. (Foto: Bärbel Mäkeler)

Der Name ist Programm

Kultig ist das Kultiplex allemal, verströmt es doch an vielen Ecken noch das Flair seiner Entstehungszeit. Großvater Gotthilf Funk eröffnete das City-Theater 1956 in einer Zeit, als das Fernsehen noch in den Kinderschuhen steckte. „Einmal in der Woche ins Kino gehen, war wie ein Fest“, beschrieb Maria Schell, eine der bekanntesten Nachkriegsschauspielerinnen, das Erlebnis Kino in der aufkommenden Wirtschaftswunderzeit. Filme wie „Und ewig lockt das Weib“ (1956) oder „Das Mädchen Rosemarie“ (1958) zogen Tausende in die Lichtspielhäuser der wiederaufgebauten Städte. Zur Gründungszeit verfügte das City-Theater lediglich über einen Saal, heute sind es drei: das City-Theater – schön, dass der Name nicht verloren gegangen ist ‒ mit 450 Sitzplätzen, die Gondel mit 220 Sesseln und das kleine urige Fun Ki mit 71 Plätzen.

Das Fun Ki für spezielle Events

Nachdem ich mich als Fünfzigerjahre-Fan geoutet habe, zeigt mir Frank Funk ganz besondere Ecken des Gebäudes, das sich im Laufe der über sechzig Jahre nach und nach verändert hat. Unser Rundgang beginnt im kleinsten Kinoraum, dem Fun Ki. Rote Sessel, wie es sich gehört, dimmbares Licht und seitlich ein kleiner Raum, der einst Theke und Einlass-Kabäuschen war. Es gibt sogar noch die kleine bronzegefasste Luke, wodurch sicherlich tausende Male erklang: „Zwei Erwachsene, bitte!“ und man sein Wechselgeld und die Kinokarten auf einem versenkten Drehteller mit Bedienhebel bekam. Da werden Erinnerungen wach … Hier, erklärt mir Frank, finden neben besonderen Kinofilmen auch private Veranstaltungen statt. Beispielsweise Kindergeburtstage. Darum kümmert sich Frank Funks Schwester Iris. Da sind wir schon beim Thema „Familienunternehmen“.

Las Vegas in Salzgitter

„Bei uns helfen alle mit. Jeder bringt sich in den einzelnen Bereichen ein. Von der Filmauswahl über die Buchhaltung bis hin zum Service vor Ort und den vielen Veranstaltungen. Fünf bis sechs freie Mitarbeiter, meist Studierende, unterstützen uns.“ Da die große Zeit der Kinos in Zeiten von Streamingdiensten vorbei ist, gestaltet sich das Geschäft manchmal mühsam. Man muss schon begeistert dabei sein, erfahre ich von Frank. Und begeistert ist Familie Funk allemal. Das sieht man schon an der originellen Einrichtung. Als ich das Kino zum Interview betrete, habe ich fast das Gefühl, in eine amerikanische Filmkulisse hineingeraten zu sein. Die Diner Ausstattung, Chrom, wo es hingehört, Hocker an Alu-Stehtischen, Neonreklame und vor allem die Grundfarbe im Barbereich erinnert mich amerikanische Filme. Türkis dominiert. Da war meine Assoziation gar nicht so schlecht. „Meine Eltern waren irgendwann mal in Las Vegas in der Show West im MGM Grand“, – dem drittgrößten Hotel der Welt übrigens – „und kamen so begeistert von der einladenden Atmosphäre wieder, sodass wir kurz darauf renoviert haben“, verrät mir Frank.

Hinter den Kulissen

Weiter geht’s mit dem Rundgang. Wir wandeln durch schmale Gänge, treppauf, treppab, durchqueren Flure vor und hinter dem Vorhang, wieder Stufen, um dunkle Ecken, vorbei an Schildern, Fotos und Kinoplakaten. Man merkt, dass das Kino mehrere Bauphasen erlebt hat. Aus einem Saal wurden erst zwei, dann drei Säle. Neben dem Kino betrieb Vater Funk eine Fahrschule, die inzwischen ausgelagert von Bruder Norbert geführt wird. Ich entdecke in einem der vielen kleinen Räume noch eine Leuchtreklame aus dieser Zeit. Nicht nur das Kino selbst vergrößerte sich, auch das Foyer wächst nach und nach in Richtung Parkplatz.


Geniale Kombination aus Hightech und Tradition

Ja, alles entwickelt sich weiter, vor allem die Technik! Das zeigt mir Frank einerseits stolz, andererseits spüre ich doch eine gewisse Wehmut nach der guten alten Filmvorführer-Zeit. Stolz ist Frank Funk auf den höchsten Stand der Technik, der im Kultiplex herrscht. Da fallen für die Projektion Begriffe wie REALD 3D und für den Ton 7-Kanal Dolby Digital Surround EX und DTS ES, die nur so an mir vorbeirauschen. Mich interessieren, ehrlich gesagt, eher die alten Projektoren, die Filmrollen, der Vorführraum oder – ganz profan – der Vorhang. Und ich glaube es kaum: Der Vorhang ist von Oma Funk selbst genäht und der Fußboden der Bühne ist noch der originale Linoleumboden. Die Technik ist natürlich heute voll digital automatisiert ‒ alles unkompliziert für die Generation Y ‒ die Filme kommen nicht mehr per Post in großen Paketen, sondern entweder per Festplatte oder sie werden direkt auf den Server geladen. Leider bleiben hierbei die schönen Geschichten von gerissenen Filmen und „heißen“ Storys auf der Strecke. Das bedauert Frank Funk auch ein wenig. Zwar arbeitet er einerseits in einem Hightech-Kino, da aber die ganze alte Technik und genügend Filmmaterial in den Regalen schlummern, anderseits auch in einer Art Cineasten-Museum. Das versöhnt, vermute ich.

Schalltot im City-Theater

Nach der Tour durch die Vergangenheit bekomme ich den City-Theater-Saal zu sehen. Der große Saal mit Loge wurde erst kürzlich renoviert und nun sitzt man wie King Louis in weichen bequemen Sesseln mit Getränkehalter und viel Platz zur Vorderreihe – welch ein Luxus! Ich stelle mir solch einen Abend echt chillig vor: Bequem räkelnd im roten Sessel, rechts die Hand des Geliebten und links die Tüte Popcorn. Apropos Popcorn: Es soll das Beste in der Region sein, sagen wohl viele Besucher. Was ich übrigens noch höre, aber ganz real im Kinosaal, das ist – nichts. Es ist unglaublich, wie man nichts hören kann, keinen Schall, kein Nachhall der eigenen Stimme, einfach „schalltot“. So nennt man die Akustik, die man sonst nur von Reinräumen kennt.

Von Pippi Langstrumpf bis Capitain Marvel

Nun wieder im Foyer angekommen, gibt’s Cola aus der Glasflasche, denn „der Umweltaspekt ist uns wichtig“, betont der 39-Jährige. Wir plaudern noch etwas über das Programm; mich interessiert, wie man drei Kinosäle füllen kann. Da erfahre ich, dass jeder Saal sein spezielles Programm fährt: Das Fun Ki hat sich als Programmkino für speziellere Streifen etabliert, beispielweise Dokumentationen, B-Movies und Cinema-Obscure-Produktionen und wird außerdem sehr gern auch für private Vorstellungen und Kindergeburtstage gebucht. „Unsere Feuerzangenbowle-Events zur Weihnachtszeit zum Beispiel sind inzwischen weit über die Grenzen Salzgitters bekannt.“ Der mittelgroße Saal, die Gondel, zeigt von Kinderfilmen bis hin zu romantischen Komödien alles, was wir im Angebot haben. Auch Firmenpräsentationen finden hier statt. Der große Kinosaal ist für die Blockbuster, sprich die „Kassenschlager“, wie es in früheren Zeiten hieß, reserviert. Natürlich interessiert es mich brennend, ob denn solch ein eingefleischter Cineast wie Frank Funk einen Lieblingsfilm hat. Einen? Da gerät das Gespräch doch etwas ins Stocken, Frank muss nachdenken … ja, doch, da gibt es einige: Die „Star Wars“-Reihe oder auch Filme aus dem Marvel Universum sind natürlich für die große Leinwand gemacht und die schaut sich Frank Funk gern mehrmals an.

Kinokarten wie zu Marilyn Monroes Zeiten

Ich bin schon dabei, meinen Mantel anzuziehen, da holt Frank noch ein echtes Schätzchen aus dem Kassenbereich. Eine nostalgische Rollenkartenkasse. „Ja, die alt anmutenden Kinokarten lassen wir extra drucken. Das sind wir doch der Tradition des Hauses schuldig“, grinst er. Schon allein wegen der Karten werde ich wiederkommen.

Der Kartenabreißautomat erinnert an die Fünfzigerjahre. (Foto: Bärbel Mäkeler)

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