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Stadionfunk – die Eintracht Braunschweig-Kolumne: Demut, Durchhaltevermögen und Weiterentwicklung…

  • Datum: 2. Oktober 2019
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Südkurve Spiel Eintracht Braunschweig vs. Hallescher FC
Foto von Kay Rohn und Malte Schumacher
Kay Rohn und Malte Schumacher
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Am Samstag war der Hallesche FC zu Gast im Eintracht-Stadion. Ein Spiel, zwei Perspektiven. Unsere Regionäre Kay Rohn und Malte Schumacher berichten.

Malte Schumacher:

Tante Resi hat Hüfte

Nun habe ich doch ganz viel Zeit dafür, den Spieltag gemächlich zu beginnen… Eigentlich war geplant, dass ich mich heute mit Tante Resi treffe, einer unserer treusten Stadionfunk-Leserinnen, und mit ihr zusammen ab 12.00 Uhr erst die Rheingoldstraße und dann das Stadion unsicher mache. Leider nein: Tante Resi hat Hüfte und mag sich gerade nicht vorstellen, im Block 6 zu stehen… Okay, also habe ich mich kurzfristig mit den Damen und Herren von der „Braunschweiger Theke“ verabredet, einem Eintracht-Fanclub, der (Zitat Facebook) „sich zu jedem Heimspiel am Bohlweg trifft und sich auf das Spiel mit einem leckeren, meist gegnerbezogenen, Gaumenschmaus einstimmt.“

Stichpimpuli

Am Donnerstsag kam dann via Facebook aber eine Absage: „Hallo Malte, leider sind wir kurzfristig sehr wenige bei der Theke am Samstag. So gut wie keiner eigentlich. Daher lass uns das Treffen doch bitte verschieben.“ Schade – ich hatte mich schon gefreut auf Halleschen Bierbratwursttaler auf Kartoffelstampf mit Äpfel und Rosinen sowie den Stichpimpuli-Likör dazu (Beschreibung: „Fruchtig-süsse Kirschnote trifft auf herb-bittere Kräuter und verspricht verbindende und unkomplizierte Momente für Freunde, die schon welche sind und solche, die es noch werden.“)… Gut, ich nehme Euch beim Wort: Wir sehen uns am 23. November (Heimspiel gegen Chemnitz) und ich erwarte Sächsischen Leberkäse. Vielleicht kommt Tante Resi dann ja auch mit.

 

Topspiel

Zunächst mal kann ich ganz in Ruhe die BZ lesen. Unser Trainer äußert darin seine Freude darüber, im Moment „von einem Topspiel zum nächsten zu kommen“ – erst Viktoria Köln, dann heute der Hallesche FC. Und was er uns damit sicherlich auch mal wieder vermitteln will ist, dass das vor genau einem Jahr komplett anders war nach dem 9. Spieltag: ein Sieg, vier Unentschieden und vier Niederlagen, also sieben Punkte hatten wir damals – heute sind es 19 Punkte, fast dreimal soviel… Also lasst uns demütig sein und bleiben. Das Spiel in Köln war komisch letzte Woche: eine Halbzeit hui, eine Halbzeit pfui – dazu auch noch einige klare Chancen verballert. Vorne ist ein wenig der Wurm drin, Proschwitz enttäuscht doch ein wenig…

Aufgeregte Patenkinder und blau-gelbe Sneaker

Aber vielleicht klappt heute ja mal wieder mehr im Sturm und wir schlagen die in der Tat zurecht oben stehenden Hallenser, denke ich auf dem Weg zur Strapazenbahn. In der Stadtmitte steigt Lea mit ihren Patenkindern ein, die beiden Jungs sind schon mächtig aufgeregt. Vor dem Stadion mache ich ein Bild von den dreien – die Jungs aber interessieren sich dafür nicht die Bohne, sie starren sehnsüchtig in Richtung Stadion. Vor der „Wahren Liebe“ begegnet mir Thomas, an den Füßen einzigartige Eintracht-Sneaker – was es nicht alles gibt. Ich frage ihn nach seinem Tipp für das Spiel: „Mit einem Tor für uns.“ Okay, ist gekauft.

Könnte ein Dekolleté heute helfen?

Am FanRat-Wagen treffe ich Schippi, auch er ist ein großer Stadionfunk-Freund. „Ich habe lange nichts gelesen von Euch?!“, so seine Begrüßung. Ja, wir bloggen nun alle zwei Monate, das nächste Mal also am 23. November gegen Chemnitz. Aber Schippi, was ist dein Tipp heute? „Hmm, das ist kompliziert: eigentlich 2:2, aber wenn wir mit zwei Spitzen spielen, 3:1.“ Auch hier also macht sich langsam Proschwitz-Skepsis breit. Und was tippt Micha, der FanRat-Vorsitzende? Er zeigt auf Giovanna, die neben ihm im Wagen steht: „Da Giovanna heute hochgeschlossen gewandet ist, gibt es für den Gegner leider keinerlei Ablenkung – also werden wir nicht gewinnen.“

Bettina und das Bier

Bevor ich hochgehe in den Block 6, mache ich noch einen Abstecher an „unsere Block 6-Biertheke“ , zu „unserer Bier-Dame“. Bettina ist seit Jahren für uns da und macht einen super Job. Und was tippt sie? Sie schaut zwar etwas skeptisch dabei, sagt aber ein 2:1 voraus. Ich spüre, dass sie das eher wünscht als wirklich glaubt. Oben im Block gehen die Meinungen und Wünsche auch ganz schön auseinander. Wir sind uns einig, dass es nicht so richtig rund läuft, oder besser: Dass wir natürlich nicht domierenden Fußball spielen. Aber ist das nicht wieder die alte Eintracht-Fan-Krankheit namens „Jammern auf hohem Niveau“?

Stimmung und Choreo

Die Stimmung ist bereits vor dem Anpfiff gut, das gemeinsame Singen von „You’ll never walk alone“ als gute Aufwärm-Übung passt heute ganz besonders. Denn die Ultrás haben eine aufwändige und außergewöhnliche Choreografie vorbereitet – mit einem sehr traurigen Anlass. Vor fünf Jahren ist ein junger Mann aus ihrer Mitte verstorben, und wenn ich das richtig verstanden habe, benennen die Rückennummern der Spieler im Zentrum der Choreografie sein Geburtsdatum: den 27. März 1998. So hat es mir der Fan erklärt, der mir das blaue Fähnchen in die Hand gedrückt hat im Block-Aufgang. Wir also fuchteln und wedeln rund um den Anpfiff fleißig damit herum, während vor uns das eigentliche Motiv hochgezogen wird. Inga neben mir kann ich gerade noch sehen – was auf dem Spielfeld bereits läuft aber nur erahnen…

Kurzurlaub mit Thomas Cook?

Zum Glück aber kommt Halle nicht wie vor zwei Wochen Rostock gleich mit Fullspeed aus der Kabine – dieses Spiel beginnt deutlich ruhiger. Das gibt uns Zeit, die Aufstellung zu diskutieren: Weder Koby noch Ersatz-Torwart Mello sind im Kader… Vielleicht haben beide einen Kurzurlaub gebucht, mit Thomas Cook? Nee, sickert durch, Kobylanski ist tatsächlich zu einer Pause verdonnert worden. Und vorne lässt Flüthmann endlich mal Ademi ran, neben bzw. leicht hinter Proschwitz. Auch Yari Otto darf beginnen – okay, mal schauen.

Choreo Eintracht Braunschweig
Inga ist mitten drin in der Choreo (Foto: Malte Schumacher)

Torhan

Ein packendes Fußball-Spiel ist das noch nicht so wirklich. Halle wirkt auf mich sehr stark und sicher, und wir schaffen es leider nicht, den Schwung, der in manchen Spielen ja schon aufblitzte (die erste Halbzeit in Köln!) heute auf den Rasen zu bringen. Also wird’s wieder ein Spiel zum Nägelkauen, Halle hat erste Chancen und spielt auf unser Tor. Wenn wir mal den Ball haben, ist er schnell wieder weg – ungenaue Pässe oder das komische Muster „lang nach vorne“. Ich überlege gerade, ob ich Bettina nochmal besuche, um Bier-Nachschub zu holen, da rollt tatsächlich mal ein Angriff von uns. Dann Freistoß kurz vorm Sechzehner – das wäre was für Koby… Kammerbauer macht das heute, und den abprallenden Ball kann Ademi ziemlich kunstvoll treffen und reinballern. Puh, 26. Minute, 1:0, durchatmen.

Pausen-Dusche

Allerdings bleibt Halle stark, ein Kopfball fünf Minuten später aus zwei Metern geht zum Glück direkt auf Jassi, sonst hätte es geklingelt. Auch in der Defensive ist bei uns leider nur sehr selten echte Sicherheit erkennbar, gerade Nkansah wirkt doch gerne mal etwas unsicher, wenn er attackiert wird. Und das ist das, was ich erkenne: Die Gegner haben längst gelernt, unser Spiel zu lesen und dagegen Maßnahmnen zu treffen, die greifen. Auch das Mittel der langen Bälle auf Proschwitz ist zum einen eher einfache Kost, und zum anderen kommen sie heute kaum an. In der Halbzeit-Pause gießt es auf einmal wie aus Eimern, während Jens und ich bei Bettina den Nachschub für den Fanclub besorgen – der Samstags-Durst ist verlässlich.

Wechseln?

Jetzt schon wechseln? Proschwitz mal rausnehmen und Bär rein? Feigenspan rein? Ach Mensch, ich weiß es doch auch nicht, niemand um mich herum hat eine überzeugende Idee. Unser Trainer wohl auch nicht – es geht weiter wie gehabt. Bevor unsere Jungs aber dazu kommen, auf die Südkurve spielend mit unserer Unterstützung den Gegner einzuschnüren, drückt Halle. Und mal wieder ist deutlich zu erkennen, dass unsere Jungs dann schwimmen – auch das scheinen die Gegner längst zu wissen. In der 51. Minute fällt das Gegentor und unsere Abwehr sieht dabei (zumindest aus der Ferne) wie ein Hühnerhaufen aus – wie schon öfter.

Wechseln!

In der 60. Minute kommen dann Pfitze und Bär für Nkansah und Otto – okay. Der Trainer hält an Proschwitz fest. Sladdi meint ja, in Proschwitz‘ Vertrag stünde drin, dass er immer spielt – ich verweise das ins Reich der Fabeln. Es gibt halt Spieler, die siehst Du 92 Minuten nicht – und dann machen sie eine Bude: Ronaldo, Gerd Müller, Higuain, Proschwitz. In der 70. ballert Proschwitz dann auch ein ordentliches Ding drauf aus 20 Metern – ist das nun das Signal für unseren Sturmlauf? Nö, Halle bleibt stark, sicher und gefährlich.

Ein Punkt muss heute reichen…

Am Ende sind wir froh, dass wir das 1:1 gehalten haben – echte Torchancen der Eintracht waren Mangelware, auch wenn die Jungs in den letzten zehn Minuten nochmal ein wenig gedrückt haben, die Eckbälle in dieser Phase aber waren schlicht ungefährlich – da fehlte wohl Koby. Die Sonne scheint jetzt wieder, und ich treffe hinter Block 8 noch die Kollegen um Holger und Jens auf ein Diskussions-Bier. So viel aber müssen wir nicht diskutieren: Das war glücklich, da sind wir uns einig. Und Demut sollten wir walten lassen, auch da sind wir uns einig. Vor einem Jahr hatten wir am 10. Spieltag 4:2 in Meppen verloren und waren Tabellenletzter mit sieben Pünktchen…

Blick in Stadion
Eintracht drückt zum Schluss nochmal... (Foto: Malte Schumacher)

Kay Rohn:

Was ist das eigentlich, Mentalität?

Demut, Dankbarkeit, Dienen und Durchhaltevermögen – das sind die 4D von Jürgen Klopp. Und vielleicht die vier Dimensionen, in denen sich ein jeder Spieler entwickeln sollte. Aktuell beschäftigen sich Trainer und Spieler, ob sie wollen oder nicht, zunehmend mit dem Thema „Mentalität“. „Kommt mir jetzt nicht mit eurer Mentalitätsscheiße“, Marco Reus nach dem 2:2 gegen Eintracht Frankfurt, „das geht mir so auf die Eier.“ Oder Christoph Kramer auf die Frage, ob es Borussia Mönchengladbach an Mentalität fehle: „Suchen wir nach Erklärungen für irgendwelche Ergebnisse, landen wir am Ende regelmäßig beim Stichwort Mentalität. Da wird so viel Quatsch hineininterpretiert, dass ich nur den Kopf schütteln kann.“ Jürgen Klopp und seine „Mentalitätsmonster“, so nannte er einst liebevoll sein BVB-Team, hat einmal gesagt: „Für eine wirklich gute Fußballkarriere brauchst du 20 Prozent Talent, aber 80 Prozent Persönlichkeit.“ Doch was ist das eigentlich, Mentalität? Sie meint die eigene Einstellung, eine innere Haltung, Werte, ein eigenes Selbstverständnis; Persönlichkeit.

„Für eine wirklich gute Fußballkarriere brauchst du 20 Prozent Talent, aber 80 Prozent Persönlichkeit.“

Jürgen Klopp

Braunschweiger Mentalität

Der Satz: „Niemand ist größer als das Team“ passt im Moment nicht ganz zu den blaugelben Mentalitätsmonstern. Da ist die Mannschaft im Teambuilding wohl eher noch einmal in die „Storming-Phase“ gekommen. Das wird der Trainer mit seinem Team klären, stört aber das Gefüge und sorgt nach den Ausfällen von Fürstner und Nehrig für Unruhe im Kader. Ich hoffe, dass Martin Kobylanski wieder gut ins Team kommt und wir an die Mannschaftsleistungen in den ersten Spielen anknüpfen können. Dabei geht es mir nicht um Ergebnisse, sondern um das Auftreten und das Agieren der Mannschaft.

Braunschweig 1, Halle 1

So ist die Kurzzusammenfassung. Tabellenstand ist großartig. Die Mannschaft und das Trainerteam haben aber dennoch viele Aufgaben. Von hinten nach vorne wird derzeit nicht gespielt und kombiniert. Ein Ruhepol, wie Bernd Nehrig oder Stephan Fürstner, fehlt im Spielaufbau, fehlt aber auch in der Organisation der Abwehr. Steffen Nkansah ist zurzeit für mich kein Kandidat in der Startelf. Ihm fehlt das nötige Selbstvertrauen sowohl in der Defensive als auch im Spielaufbau. Mit ihm muss dringend gearbeitet werden, damit er seine Leistung auf den Platz bringen kann. Und ich glaube er kann das in der richtigen Konstellation. Yari Otto hat die, wie ich finde, professionellste Einstellung im ganzen Kader. Er ist sich für nichts zu schade, geht dahin wo es weh tut. Ihn würde ich gerne etwas weiter vorne sehen. Zwei Zentrumspieler, Ademi und Proschwitz, sind einer zu viel. Uns fehlen Schnelligkeit und Spielwitz. Mit Feigenspan, Bär, Putaro und Schwenk haben wir vier Spieler, die aus dem Mittelfeld über außen kommen können. Christian Flüthmann hat viele Möglichkeiten, die Mannschaft ist auf Platz zwei und es gibt viel Potenzial zur Weiterentwicklung. Schwierig sehe ich die Position des Innenverteidigers, aber da wird dem Team Vollmann/Flüthmann sicher etwas einfallen.

Blick ins Stadion nach dem Spiel Eintracht Braunschweig vs. Hallescher FC
Zweiter Platz und keiner freut sich (Foto: Kay Rohn)

XXL Team in Frankfurt

Ein ganz anderes Thema zwischendurch. Die Deutsche Krebshilfe hatte eingeladen zum 2. FFIT-Turnier (FFIT, Fußballfans im Training) in Frankfurt. Unser XXL-Team landete bei 19 Teilnehmern auf einem hervorragenden sechsten Platz und hat damit unsere Farben hervorragend vertreten. Sie konnten sogar Bundesligisten wie Dortmund, Leipzig, Leverkusen, Köln, Düsseldorf, Frankfurt, Schalke, Mainz und Hoffenheim hinter sich lassen. Ganz herzlichen Glückwunsch! Zurzeit läuft der sechste Kurs zum Thema Ernährung und Bewegung. Der XXL-Faktor im Verein wird immer größer.

Fußballfans im Training - Gemeinsam gegen Krebs

Wie würdet ihr, liebe Leser und Eintrachtfans die Mentalität unserer Mannschaft beschreiben? Oder war es die Physis? Oder die Taktik? Oder kommen die Spieler nicht mit den 20.000 Zuschauern, einer wunderbaren Choreo zurecht? Ich freue mich auf eure Antworten!

Mir ist aufgefallen: Die Mannschaft ist noch nicht so weit wie ich dachte.

Fuballfans im Training Turnier (Foto: Kay Rohn)

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