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Wie aus einer besonderen Familiengeschichte der patentierte „Sessio“ entstand.

  • Datum: 23. August 2016
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 (Bildrechte: Gerd Reckow)
Foto von Gerd Reckow
Gerd Reckow
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Wie sehr es nervt, wenn ein Rollstuhl sperrig und schwer zu handeln ist, daran kann sich Inge Lenz aus Gifhorn noch gut erinnern. Doch heute fährt sie einen „sessio“. Ihr Sohn und dessen Geschäftspartner haben ihn für sie erfunden. Seit 2011 wird der patentierte Aktivrollstuhl auch in Serie produziert. 

Inge Lenz hat sich trotz ihrer Polio-Erkrankung ihr Leben lang nicht unterkriegen lassen. Sie hat drei Kinder großgezogen, immer Sport getrieben und auch sonst aktiv am Leben teilgenommen. Die Familie, ein großer Freundeskreis und mittlerweile vier Enkelkinder haben sie dabei offensichtlich jung gehalten. Nur eines störte sie doch sehr: „Wenn ich mit dem Auto unterwegs war, brauchte ich immer jemanden, der mir den Rollstuhl aus dem Kofferraum gehoben hat. Die normalen Faltrollstühle waren einfach zu sperrig und schwer für mich“, erklärt die Rentnerin.

Zwar sei es für sie kein Problem gewesen, auch Fremde um Hilfe zu bitten, aber darauf angewiesen sein, das wollte sie lieber nicht. „Ich habe meinem Sohn in den Ohren gelegen, dass er mir einen Rollstuhl baut, der perfekt meine Bedürfnisse erfüllt“, sagt sie. Kein alltäglicher Wunsch und auf keinen Fall ein Projekt, das ein ambitionierter Heimwerker erledigen könnte. Aber Dietmar Lenz, der Sohn der Seniorin, und sein Geschäftspartner Lutz Kadereit, sind Entwicklungsingenieure und geschäftsführende Gesellschafter der SITZ!GMBH in Isenbüttel.

Mit Automobil-Know-how zum perfekten Rollstuhl

Ihr Unternehmen ist als Zulieferer der Autoindustrie in vielen Bereichen tätig, unter anderem werden hier Fahrzeugsitze entwickelt. Gewichtseinsparung ist dabei ein wichtiges Thema, die Suche nach leichten und trotzdem stabilen Materialien steht deshalb immer im Fokus.

Auch auf Messen ein Renner: der sessio aus Isenbüttel (Foto: SITZ!GMBH)

2009 stießen Lenz und Kadereit auf Rohrmaterial aus einer neuartigen Magnesium-Knetlegierung. Die Rohre aus dieser Metalllegierung sind besonders leicht, sie lassen sich darüber hinaus sehr gut formen und verarbeiten und überzeugen durch ihre hohe Stabilität. „Wir haben damals beschlossen, mit diesem Material einen Rollstuhl für meine Mutter zu bauen. Dabei wollten wir von Anfang an neue Wege gehen und mit innovativen Lösungen ein ebenso leichtes wie praxistaugliches Modell bauen“, sagt Dietmar Lenz. An der Entwicklung war auch der Handbiking-Weltmeister Stefan Bäumann aus Gifhorn beteiligt.

Natürlich haben die beiden Ingenieure und ihr Team bei diesem Projekt Synergien aus ihrer mehr als 20-jährigen Arbeit für die Autoindustrie nutzen können. Und sie haben erkannt, dass sie mit ihrem Projekt, das intern den Namen sessio bekam, ein marktfähiges Produkt auf die Beine stellen könnten. Ihr Werbeslogan: „klein, leicht, cool.“

Als „Testpilotin“ unterwegs

Die Initiatorin des Projekts hat die Entwicklung von Anfang an begleitet: „Ich habe immer sehr deutlich gesagt, worauf es mir ankommt. Wir haben beispielsweise beim sessio statt zwei Handgriffe wie bei normalen Rollstühlen einen waagerechten Holm. Dadurch kann man den Rolli mit einer Hand schieben und hat die andere Hand frei. Jetzt kann mein Mann dabei den Regenschirm halten, wenn es regnet oder ein Eis essen, wenn er Lust drauf hat.“

Und der Rollstuhl lässt sich vom Benutzer ganz einfach zusammenklappen und „auf den Kopf stellen“. Mit zwei Handgriffen sind die Räder abmontiert und können, ebenso wie der kompakt zusammengefaltete Rolli, verstaut werden. „Diese Prozedur schafft man leicht mit einer Hand, außerdem fällt der sessio dabei nicht um wie viele andere Modelle. Und er ist so leicht, dass selbst ich ihn in den Kofferraum meines Cabrios heben kann. Der geht sogar hinten in einen kleinen Smart oder in das Mercedes-Cabrio unserer Bekannten rein“, freut sich Inge Lenz.

Fast zwei Jahre hat die Entwicklung gedauert und immer wieder war Inge Lenz in dieser Zeit in der Firma, um die Projektfortschritte zu begutachten, zu testen und Verbesserungsvorschläge zu machen. Mit dem Ergebnis ist sie sehr glücklich: „Das hat meine Lebensqualität enorm verbessert. Nicht nur unterwegs, auch hier im Haus ist der sessio-Rollstuhl eine enorme Erleichterung, weil er so klein und wendig ist.“ Seit 2011 wird der Rollstuhl von der SITZ!GMBH in Isenbüttel produziert.

Der Rollstuhl als Ferrari

Mittlerweile gibt es ihn in verschiedenen Ausführungen und vielen Farben. Vertrieben wird er über den Sanitäts- oder Reha-Fachhandel und direkt vom Hersteller. Inge Lenz hat neben dem ersten Serienmodell in Weiß auch noch einen zweiten Rollstuhl – und der ist rot wie ein Ferrari. „Ein bisschen Spaß muss man ja auch haben“, meint sie dazu und lächelt verschmitzt.

Demnächst ist sie wieder als „Testpilotin“ gefragt, denn der sessio soll bald auch mit Elektroantrieb verfügbar sein. „Dietmar war schon mit einem Prototyp hier und ist im Haus damit rumgefahren. ‚Mutter, das wird Dein Nächster‘, hat er gesagt. Da freue ich mich schon drauf, aber vorher werde ich ihn noch ausgiebig testen“, sagt Lenz. Na, dann – allzeit gute Fahrt!

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