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Karsılama, powitanie: willkommen in der Region!

  • Datum: 1. September 2016
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 (Bildrechte: Yvonne Pfeiffer)
Foto von Yvonne-Madelaine Pfeiffer
Yvonne-Madelaine Pfeiffer
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Es ist einzigartig und das Erste in Niedersachsen: das Welcome Center der Region mit zwei Standorten in Braunschweig und Wolfsburg. Hier finden Menschen Unterstützung, die ein neues Zuhause in Deutschland suchen. Ein Rückblick auf die ersten sechs Monate. 

Eine Juristin kam 2015 nach Deutschland, um hier eine neue Heimat zu finden. Sie ist hervorragend ausgebildet, verfügt über vielfältige Sprachkenntnisse, hat aber ein Problem: Ihr Studium wird in Deutschland nicht anerkannt. Was nun? Nach Monaten der Perspektivlosigkeit entdeckte die gebürtige Kroatin den Service der Welcome Center und machte sich gemeinsam mit dem Team auf die Suche nach beruflichen Alternativen. Im Gespräch zeigte sich, dass sie ganz andere Leidenschaften hat als Gesetzestexte: Sie interessiert sich für den Beruf des Bestatters. Ab Januar 2017 nimmt sie ihr neues Berufsziel konkret in Angriff und startet mit einer Ausbildung. So kann´s kommen.

Das Welcome Center bietet eine 360°-Beratung für Menschen mit Migrationshintergrund. Es ist die perfekte Anlaufstelle, um sich erst einmal zu orientieren, sei es im deutschen Behördendschungel, wo es eine Flut an Anträgen und Formularen zu meistern gilt, oder bei der Suche nach Anschluss im neuen Land. Fragen rund um Visa, Aufenthaltstitel, Jobsuche oder Sprachkurse werden beantwortet, Kontakte ins Partner-Netzwerk oder zu Experten und den zuständigen Einrichtungen hergestellt. Umgekehrt können sich auch Unternehmen an das Welcome Center wenden, wenn sie beispielsweise an ausländischen Fachkräften interessiert sind oder sich dem Thema Integration stärker widmen wollen. Das Serviceangebot ist vielfältig und kostenlos, sowohl für Fachkräfte als auch für Unternehmen.

Mit detektivischem Gespür

„Manchmal komme ich mir vor wie eine Detektivin oder Kommissarin, die einen Fall löst“, erzählt Sophie Kühn, eine der Beraterinnen. „Wir ermitteln in Gesprächen, was unsere Klienten tatsächlich umtreibt, was sie suchen, was sie vermissen. Da kommen am Ende manchmal ganz unerwartete Erkenntnisse zum Vorschein, etwa dass die Jobsuche gar nicht das Problem des Klienten ist, sondern eher eine private Herausforderung.“

Wie wertvoll dieses detektivische Gespür ist, zeigt sich auch am Beispiel eines Tunesiers, der der Liebe wegen nach Deutschland kam, dann aber verlassen wurde. Was tun? Wieder in die Heimat zurückkehren oder dem neuen Zuhause noch eine Chance geben? Zeitweise hatte der junge Mann keinen Plan mehr, wohin seine Reise gehen soll: noch ein Studium, den Doktor machen oder erst einmal Erfahrung im Job sammeln? Fragen über Fragen.

In der Beratung zeigte sich, dass die Karriere gar nicht der wichtigste Aspekt der Orientierung des Tunesiers war. Vielmehr sehnte er sich nach sozialem Anschluss. Sophie Kühn empfahl ihm die Gauß Freunde in Braunschweig, ein internationaler Verein, wo er mittlerweile gute Freunde gefunden hat. Und er hat sich zwischenzeitlich außerdem für ein Masterstudium im IT-Bereich entschieden, ein Berufszweig, für den wir in Deutschland dringend gute Leute suchen.

Hürden abbauen und den Start erleichtern

Ein neues Leben in einem fremden Land aufzubauen, gehört zu den größten Veränderungen, die ein Mensch durchleben kann. Vieles ist „anders“, gewöhnungsbedürftig und manchmal auch echt schwierig. Davon kann das vierköpfige Team des Welcome Centers ein Lied singen – aufgrund seiner eigenen spannenden Lebensgeschichten und auch wegen seiner Begegnungen mit Klienten.

Bei meinem Besuch bei Karla Bastos Bäcker, Maria Isabel Cáceres Guerrero, Noemie Rodriguez López und Sophie Kühn in deren Büro in Wolfsburg erfahre ich, dass sich einiges getan hat in puncto Willkommenskultur: „1992 kam ich aus Teneriffa in Spanien nach Deutschland“, erzählt mir Noemi Rodriguez López. „Damals, ohne Internet, mit wenig Deutschkenntnissen und ohne Smartphone war es unglaublich schwierig, sich hier zurechtzufinden.“ Das kann ich mir gut vorstellen. Heute ist es offenbar einfacher und ein echter Beweis dafür, dass Willkommenskultur nicht nur eine leere Worthülse ist.

„Unternehmen und Behörden bemühen sich, Angebote für Menschen mit Migrationshintergrund zu schaffen und so deren Einstieg zu erleichtern“, erzählt mir Karla Bastos Bäcker, die in Brasilien geboren wurde und seit April 2016 mit an Bord des Welcome Centers ist. „Auch wenn es eine Entwicklung ist, die noch längst nicht abgeschlossen ist, gibt es heute schon viele Angebote, online und offline. Wir zeigen unseren Klienten diese Angebote.“

Netzwerke stärken und ausbauen

In der Region gibt es ganz vielfältige Einrichtungen, die Integration fördern, zum Beispiel die Arbeitsagenturen, die Industrie- und Handelskammern, das Haus der Kulturen in Braunschweig, das Netzwerk IQ, der Interkulturelle Garten der Stadt Braunschweig, die International Women’s Association Region Braunschweig e. V. oder der Internationale Freundeskreis Wolfsburg e. V., um nur um einige zu nennen. „Wir versuchen, diese Vielfalt an Angeboten zu vernetzen“, sagt Maria Isabel Cáceres Guerrero. „Unser Ziel ist, uns noch besser auszutauschen und Synergien zu nutzen. So können wir Integration effektiv gestalten, unsere Klienten gut beraten und je nach Fall auch sinnvoll weitervermitteln.“

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