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Zeitreise durch Peine: Frauenrechtlerin Marlies Hesse zeigt uns ihre Heimat

  • Datum: 7. Oktober 2016
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 (Bildrechte: Inga Stang)
Foto von Inga Stang
Inga Stang
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Oh Peine, Du steckst voller Überraschungen! Schon drei Mal durfte ich mich mit Dir befassen und habe jedes Mal eine neue Seite kennengelernt. Dieses Mal ist es etwas ganz Besonderes. Ich darf Dich durch die Augen eines Deiner ehemaligen Kinder erleben: durch die Augen von Marlies Hesse, Journalistin, Frauenrechtlerin und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes. Eine Zeitreise in die Dreißigerjahre.

Marlies Hesse wurde 1935 in Peine geboren und verbrachte die ersten fünf Jahre ihres Lebens in der Eulenstadt. Nachdem ihr Vater in den Krieg einberufen wurde, zog sie mit ihrer Mutter in die Lüneburger Heide zu den Großeltern nach Wieren und blieb dort bis zum Beginn ihres Studiums. Niemand ahnte damals, dass das kleine Mädchen eines Tages eine Persönlichkeit der Gleichstellungsbewegung werden sollte.

Engagement für Frauenrechte

„Mir war lange Zeit nicht bewusst, welch Glück ich in meiner beruflichen Laufbahn als Journalistin hatte. Ich musste mich nie auf eine Stelle bewerben und hatte immer männliche Vorgesetzte, die mich gefördert haben“, erzählt Marlies, mit der ich mich schnell duze. Durch diese Umstände und harte Arbeit landete sie 1968 als erste Frau auf dem Pressechefsessel des Deutschlandfunks.

Erst später fiel ihr auf, dass ihre Karriere eher die Ausnahme als die Regel war. „Ich habe bemerkt, dass die wirklich guten Volontärinnen fast alle nicht zum Zuge kamen“, sagt sie. „Die männlichen Mitbewerber wurden bei Festanstellungen bevorzugt, auch wenn sie lange nicht so gut waren. Da habe ich mir gesagt: Da muss sich künftig was ändern.“

Es war der Grundstein für ihr bis heute andauerndes Engagement für die Gleichstellung der Frauen im Journalismus, für das sie 2003 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande und mit der Hedwig-Dohm-Urkunde des Journalistinnenbundes (jb) für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Während ihrer nachberuflichen Zeit als jb-Geschäftsführerin setzte sie sich zudem stark für den weiblichen Nachwuchs ein und initiierte einen Förderpreis, der Jahre später ihr zu Ehren in Marlies-Hesse-Nachwuchspreis umbenannt wurde.

Alles begann in Peine

An ihre Zeit in Peine konnte sich Marlies Hesse bis vor Kurzem kaum noch erinnern. „Ich war das letzte Mal vor 40 Jahren nur kurz zu Besuch in Peine. Es war ein lang gehegter Wunsch von mir, einmal zurückzukehren und mich auf die Spuren meiner frühesten Kindheit und die meiner Eltern zu bewegen“, erzählte sie bei unserem ersten Telefonat.

Früher Kino, heute das Stadttheater (Foto: Inga Stang)

Drei Monate später stehen wir in Peines Südstadt vor einem unscheinbaren gelben Haus in der Henselingstraße. In dem Haus verbrachte die kleine Marlies einige ihrer ersten Lebensjahre. „Dort, im ersten Stock war unsere Wohnung. Da lag das Wohnzimmer, dort das Schlafzimmer und mein Kinderzimmer!“, erinnert sie sich mit Freude. „Meine Eltern gingen gerne ins nahe gelegene Kino. Sie sagten dann immer‚ vom Küchenfenster aus kannst Du sehen, wo wir sind.“ Das Fenster von damals existiert noch, ebenso wie das Kino, das heute das Stadttheater Peiner Festsäle beherbergt.

Auch die Schule gegenüber ist noch da. „Wenn ich auf die Straße kam, hatte ich gleich das Schulgebäude vor den Augen. Die Schulkinder spielten immer in der Pause und ich schaute neugierig zu, wie sie auf dem Schulhof miteinander tobten,“ erinnert sich die 81-Jährige.

Erinnerungen an die Eltern

Wir machen uns wieder auf den Weg, weiter zur ehemaligen Wohnung, die der Vater nach der Heirat 1934 in der Bahnhofstraße 4 angemietet hatte. „Meine Erinnerungen an meinen Vater beruhen vorwiegend auf Peine. Danach habe ich ihn im Grunde nur noch im Fronturlaub gesehen.“ Zuletzt sah sie ihn an ihrem ersten Schultag 1941 in Wieren in der Lüneburger Heide. Er fiel 1943 in der Schlacht um Stalingrad.

Er sei ein vorbildlicher, fürsorglicher Vater gewesen, erzählt Marlies. Jeden Sonntag sei er mit ihr am Landwehrkanal spazieren gegangen. „Meine Mutter hat nie wieder geheiratet. Als klar war, dass mein Vater nicht wiederkam, hat sie sich fast nur noch auf mich konzentriert“, berichtet sie. „Sie führte sozusagen ein Leben aus zweiter Hand.“

Als wir in der Bahnhofstraße ankommen, erinnert sich meine Begleiterin noch genau an das Haustor und den Eingang, der bis heute erhalten ist. Ob ich mich später genauso gut wie Marlies an die Häuser meiner Kindheit erinnern kann?

Eine Verbindung mit Folgen (Foto: Inga Stang)

Nur wenige Meter weiter liegt das Wäschegeschäft Peix, über dessen Gründer Friedrich Peix sich Marlies’ Eltern, Alma Burmeister und Kurt Hesse, in den Dreißigerjahren kennenlernten. Ihr Vater war mit Peix senior und ihre Mutter mit dessen Schwester befreundet. Mit Rolf Peix, einem Nachfahren von Peix senior, hat Marlies Hesse vor ihrem Besuch telefoniert. Er erinnerte sich noch gut an seinen Großvater und half dabei, ihre Erinnerung ein wenig aufzufrischen. Vor Ort treffen wir ihn aber leider nicht an.

Taufe und Abschied

Wir machen uns auf zur letzten Station auf unserer Reise in die Vergangenheit: in die Sankt-Jakobi-Kirche. Als wir die Kirche betreten, ist es Marlies Anliegen, als Erstes eine Kerze zu entzünden. Wir reden nicht viel. Es ist ein Ort der Besinnlichkeit. Nur als wir am Taufbecken stehen, sehe ich das Lächeln auf ihrem Gesicht. „Da lag ich einmal drin“, freut sie sich.

Hier wurde sie getauft: St. Jakobi Kirche (Foto: Inga Stang)

Wir bleiben nicht lange. Das viele Gehen und die vielen Erinnerungen haben müde gemacht. Stattdessen setzen wir uns zu Kaffee und Kuchen in das Café Mitte und reden noch ein wenig über Karrierechancen, die Rolle der Frauen in den heutigen Medien und wie wichtig das berufliche Netzwerken ist. Ich bringe Marlies anschließend zum Hotel und steige in den Zug zurück nach Braunschweig. Wir wollen in Kontakt bleiben, so viel ist sicher. Danke Peine, dass Du eine so beeindruckende „Tochter“ hervorgebracht hast!

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