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Inklusion gelebt: Der Weihnachtsmarkt in Neuerkerode

  • Datum: 19. Dezember 2018
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Foto von Marike Bebnowski
Marike Bebnowski
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Dass neben mir noch viele andere Menschen am dritten Advent einen Besuch des Neuerkeröder Weihnachtsmarktes geplant haben, merke ich schon bei meiner Ankunft. Gefühlt ist das ganze Dorf ein riesiger Parkplatz und alle strömen nur in eine Richtung: Zum Weihnachtsmarkt. Später erfahre ich, dass über den ganzen Tag verteilt rund 5.000 Menschen zu Besuch waren – eine bemerkenswerte Zahl.

Vielfalt überall…

Auf der anderen Seite ist das kein Wunder. Unmittelbar wird die Vielfalt dieses Marktes von der Evangelischen Stiftung Neuerkerode sichtbar. An 80 Ständen im Freien und in Scheunen finden sich die unterschiedlichsten Marktstände. Individuelle Kerzen, klassische Weihnachtsgestecke, süßer Honig, duftende Aromaöle, bunte Sterne, liebevolles Kunsthandwerk und leckere Marmeladen. Als besonderer Clou signiert zudem Mikael Ross seine Graphic Novel „Der Umfall“ in der Dorfscheune. Der Andrang ist groß, schließlich handelt das Werk von Neuerkerode.

…auch bei der Kulinarik

Da wir zur Mittagszeit ankommen, knurrt der Magen. Kein Problem, denn auch hier gibt es alles, was das Herz begehrt. Von dem Weihnachtsmarktklassiker Bratwurst über Pommes Frites, Currywurst und Waffeln bis hin zum Foodtruck mit italienischen Leckereien. Für die Kinder gibt es also erstmal Pommes Frites und später Waffeln mit reichlich Puderzucker.

Der Gedanke der dahinter steckt

Das Besondere an diesem Weihnachtsmarkt, der seit über 40 Jahren stattfindet, ist jedoch der dahinterstehende Gedanke der Inklusion. Die über 700 Bewohnerinnen und Bewohner Neuerkerodes haben ihn mitorganisiert und sind zudem anteilig als Austellerinnen und Aussteller mit vor Ort, um etwa die selbstgemachten Lebensmittel zu verkaufen; oder auch Ausrangiertes, wie bei einem Flohmarkt. Hier sind Menschen mit Behinderung Teil eines gleichberechtigten Miteinanders. Das Ergebnis zeigt sich positiv und vielfältig im Weihnachtsmarkt. Menschen mit und ohne Behinderung sind hier selbstverständlich beisammen und genießen die vorweihnachtliche Stimmung. So auch wir. Das Rahmenprogramm trägt dazu bei: Ein Kinderchor singt, ein Puppentheater begeistert die kleinen Besucherinnen und Besuchern.

Richtiges Weihnachtsfeeling

Spätestens beim offenen Singen in der Kirche kommt dann so richtig Weihnachtsstimmung auf. Also sind wir dabei. Gespannt warten wir in der Kirche, bis es losgeht. Schnell füllt sich der Kirchenraum, dann geht es los. Klassische Lieder wie „Oh du fröhliche“, „Macht hoch die Tür“ und „Tochter Zion“ auf der einen Seite; mit „In der Weihnachtsbäckerei“ aber auch eher moderne Lieder. Im Übrigen eines der Lieblingsweihnachtslieder der Bewohnerinnen und Bewohner Neuerkerodes, wie die Pastorin der Gemeinde allen Anwesenden verrät. Und in der Tat singen hier alle begeistert mit. Gitarrenspiel und Posaunen begleiten die kunterbunt zusammengewürfelten Sängerinnen und Sänger. Kaum etwas stimmt mich so sehr auf das bevorstehende Weihnachtsfest ein wie das gemeinsame Singen von Weihnachtsliedern. Und so trete ich mit einem wohligen Gefühl im Bauch die Heimreise an. Dieser Ausflug war in der Tat etwas Besonderes.

Gemeinsames singen in der Kirche für die perfekte Weihnachtsstimmung (Foto: Marike Bebnowski)

Interview mit Pfarrer Rüdiger Becker ( Vorstandsvorsitzender und Direktor)

„Feiern und Feste haben eine Tradition hier in Neuerkerode.“

Herr Becker, inwiefern unterscheidet sich dieser Weihnachtsmarkt von herkömmlichen Weihnachtsmärkten?

Unser Neuerkeröder Weihnachtsmarkt wird von den Bewohnerinnen und Bewohnern des Dorfes Neuerkerode vorbereitet, organisiert und letztlich auch umgesetzt. Also von Menschen, die ein Handicap haben. Wir möchten sie hier ganz bewusst mit einbinden und teilhaben lassen. Für uns als christliche Institution ist dies natürlich auch deshalb wichtig, weil wir das Weihnachtsfest auf diesem Weg vorbereiten und die Adventszeit so ein Stück weit strukturieren.

Wie genau lassen Sie die Menschen teilhaben und welcher Gedanke steckt dahinter?

Unser Ziel ist es, die Selbstwirksamkeit der Menschen hier zu entfalten. Der Weihnachtsmarkt ist ein Beteiligungsprojekt für alle, jeder kann mitmachen. Das ist die dahinterstehende Idee. Wie sehr sich jeder einbringt, das variiert. Viele sind permanent ganz stark eingebunden. Für andere heißt es, einfach mit Freunden und Familie über den Markt zu schlendern und zu schauen. Auf jeden Fall beginnen die Vorbereitungen für das nächste Jahr so ziemlich direkt nach dem diesjährigen Markt.

Wie gut funktioniert das denn mit der Teilhabe hier in Neuerkerode?

Es hängt immer von den Rahmenbedingungen und der Bereitschaft, Menschen teilhaben zu lassen, ab. Dies ist bei uns natürlich ausgeprägt. Hier ist eine Infrastruktur geschaffen worden, die es den Bewohnerinnen und Bewohnern ermöglicht, an allem teilzunehmen. Ich sage immer, wir sind mental barrierefrei. Damit meine ich, dass es z. B. nicht nur Rampen oder besonders breite Türen für Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer gibt. Sondern wir alles daran setzen, so zu agieren, dass die hier lebenden Menschen die Dinge verstehen und begreifen. Das heißt, wir müssen ein Stück weit die Komplexität reduzieren und uns so auf die Menschen einlassen.

Was bedeutet das konkret?

Das bedeutet, dass hier im Dorf zum Beispiel keine Autos fahren dürfen. So als ganz einfaches Beispiel. Es heißt aber auch, dass es hier eine Bürgervertretung gibt, gewählt von den Bewohnerinnen und Bewohnern. Sie vertreten dann die Interessen aller. Dazu gibt es Rollenangebote für alle, damit jeder seine Wirksamkeit entfaltet. Und es heißt auch, dass hier Freundschaft und Liebe entstehen kann. Es ist einfach ein besonderes Modell des Lebens.

Gibt es neben dem Weihnachtsmarkt weitere derart groß angelegte Projekte für alle?

Feiern und Feste haben eine Tradition hier in Neuerkerode. Es gibt zum Beispiel noch das Maibaumfest oder das große Sommerfest sowie im Mai 2019 den Inklusionslauf. Bei allem steht für uns im Fokus, dass die Bewohnerinnen und Bewohnern etwas über die Inhalte lernen, denn die Feste und Veranstaltungen veranschaulichen dies sehr gut. Lernen und erfahren anhand von eigenem Kennenlernen sozusagen. Natürlich freuen wir uns alle, wenn dann so viele Besucherinnen und Besucher zu uns kommen und die Mühe der Vorbereitungen wertschätzen und zugleich dazu beitragen, dass Inklusion hier gelebt werden kann.

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