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Das Streben nach Glück

  • Datum: 12. Januar 2022
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Ein Mann steht vor dem Firmenlogo von Gingco.net. (Bildrechte: Inga Stang)
Foto von Inga Stang
Inga Stang
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Karriere ist für viele in unserer Gesellschaft der Inbegriff eines erstrebenswerten Lebensziels, dass nicht nur beruflichen Aufstieg, sondern auch Anerkennung und Zufriedenheit verspricht. Aber ist es wirklich nur der eigene Beruf, der einem zu mehr Glück und Freude verhelfen kann? Zeit das Konzept einmal zu hinterfragen.

Seit ich denken kann, treibt mich die Frage um, welchen Stellenwert ich meiner beruflichen Laufbahn in meinem Leben geben möchte. An manchen Tagen beantworte ich die Frage ganz einfach, indem ich bis zu 15 Stunden am Stück arbeite und anschließend glücklich und geschafft ins Bett falle. An anderen Tagen möchte ich am liebsten schreiend vor meinem Laptop wegrennen und mich vor den Aufgaben und Pflichten des Lebens verstecken. Und dann stelle ich sie mir, die Frage: „Will ich überhaupt Karriere machen?“  Es fühlt sich an, als ob zwei Herzen in meiner Brust schlagen: eines, das frei und ungebunden sein will, und eines, das Lust dazu hat, alles aus der beruflichen Laufbahn herauszuholen was geht. Doch welcher Weg ist der richtige und was braucht es wirklich, um glücklich zu sein? Um mich der Antwort zu nähern, habe ich mich mit zwei Personen getroffen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Jean hat sich bewusst gegen berufliche Karriere entschieden, Martin ist erfolgreicher Unternehmer. Was hat sie davon überzeugt, den Weg zu gehen, der sie an ihre heutigen Positionen gebracht hat?

Mit Vollgas ab vom Weg gekommen

Zuerst treffe ich mich mit Jean auf einen Tee in ihrer Küche. Früher war für Jean immer klar: Ich mache Karriere und verdiene viel Geld: „Meine Eltern haben mir früh beigebracht, dass ich hart arbeiten muss, um später erfolgreich – also vermögend und in einer hohen beruflichen Position zu sein“, erzählt sie mir. Überdurchschnittliche Noten und viel Disziplin waren daher Pflichtprogramm. Sie machte ihr Abitur, zog für das Architekturstudium in eine andere Stadt und finanzierte sich ihr Leben durch bis zu fünf Nebenjobs. Dem selbstgeschaffenen Druck immer Höchstleistungen erbringen zu müssen, konnten Körper und Psyche dann irgendwann nicht mehr standhalten: „Ich habe jede Woche bis zu 70 Stunden gearbeitet, bin für Jobs durch ganz Deutschland gereist, wollte immer überall Bestnoten schreiben und habe exzessiv Sport gemacht. Am Ende hat mir mein Körper klar gezeigt: so geht es nicht weiter.“ Es folgte ein Burnout mit starken Depressionen und allem was dazugehört.

Eine Frau sitzt an einer Staffelei und malt.
Heute nimmt Jean sich Zeit für Dinge, die sie wirklich erfüllen – wie das Malen. (Foto: Inga Stang)

Doch angetrieben vom inneren Leistungsdruck gönnte sie ihrer Psyche nur wenig Zeit zur Erholung. Nach wenigen Wochen saß sie wieder vor dem Schreibtisch, zielstrebig wie zuvor. Doch ein Burnout verfliegt nicht einfach nach ein paar Wochen Bettruhe. Es folgten mehrere Jahre mit Magen- und Hautproblemen sowie ständigen depressiven Verstimmungen, die sie versuchte zu ignorieren. „Irgendwann habe ich angefangen Bücher über die menschliche Psyche und ihre Auswirkung auf unsere Gesundheit zu lesen. Außerdem begann ich mit Yoga und fing immer mehr an zu hinterfragen, ob meine Lebensziele mir überhaupt geben können, was brauche.“

Heute ist Jean Anfang dreißig und hat sich gegen das Streben nach beruflichem Erfolg entschieden. Sie hat ihr Masterstudium abgebrochen und versucht sich neu zu erfinden. „Vor lauter Streben nach beruflichem Erfolg habe ich einfach vergessen, Dinge zu tun, die mich erfüllen. Die Arbeit hat auch Spaß gemacht, aber Vollzeit im Büro zu sitzen ist nicht das, was ich brauche, um wirklich glücklich und gesund zu sein“. Anderen würde sie raten, hin und wieder einmal innezuhalten, um zu schauen, ob der Weg, den man verfolgt wirklich der Richtige ist. „Ich denke, je früher man damit beginnt immer mal wieder in sich hereinzuhorchen, desto besser. Sonst läuft man im schlimmsten Fall jahrelang einem Ziel hinterher, das einen vermeintlich glücklich und zufrieden machen soll und läuft stattdessen in eine Sackgasse, die im schlimmsten Fall krank macht.“

„Ich denke, je früher man damit beginnt immer mal wieder in sich hereinzuhorchen, desto besser.”

Jean

Nichts zu bereuen

Mit meinen Gedanken noch beim Gespräch mit Jean, die mir neben ihrer Geschichte auch viele Tipps zum Stressabbau mit auf den Weg gegeben hat, mache ich mich auf den Weg zu Martin. Wir treffen uns in seinem Büro bei der Werbe-Agentur Gingco. Er ist Gründer des Unternehmens und daher jemand, der sein Lebtag der Arbeit einen hohen Stellenwert eingeräumt hat – dachte ich zumindest. Im Gespräch jedoch erzählt mir Martin, dass seine berufliche Laufbahn erst mit Mitte zwanzig Fahrt aufgenommen hat.

„Meine Eltern wollten immer, dass ich Arzt werde“, erzählt mir Martin. Darauf hatte er jedoch weder Lust, noch hätten seine Noten dafür ausgereicht. „In meiner Jugend fing ich dann ganz praktisch eine Ausbildung zum Medizinisch-technischen Assistenten an. Das war zwar kein Arzt, aber kam am nächsten heran.“ Eine Karikatur, in der er seine Kolleg:innen als Schweine zeichnete, verhalf ihm schließlich zum Rausschmiss und der Erkenntnis, dass ihm das Zeichnen deutlich besser liegt. Er begann ein Studium an der HBK in Braunschweig und lebte in den ersten Jahren das, was man als typisches Studentenleben bezeichnen würde. „Uns war damals schon früh klar, dass diese Welt irgendwann den Bach hinunterlaufen wird, und haben uns dementsprechend so verhalten, als ob es nichts zu verlieren gäbe. Das hieß jeden Tag Party und in den Tag hineinleben, wie man will.“

Ein Mann sitzt an einem Schreibtisch.
Martin bei der Arbeit – die er nach wie vor gerne macht. (Foto: Inga Stang)

Erst mit Mitte zwanzig entschied sich Martin bewusst dazu, der Arbeit in seinem Leben einen höheren Stellenwert zu geben. „Es erschien mir sinnlos so weiterzumachen. Außerdem wollte ich die Möglichkeit haben, irgendwann einmal ein Haus, eine Familie und so viel Geld zu haben, dass ich mir ein schönes Leben leisten kann.“ Der erste Nebenjob bei einer Agentur folgte und wenig später der Entschluss, gemeinsam mit einem Kommilitonen eine eigene GbR zu gründen. „Wir legten einfach los, mitten in meiner damaligen Wohnung, und nahmen so ziemlich jeden Job an, den man uns geben wollte.“ Es folgten immer mehr Aufträge, schließlich erste Angestellte und irgendwann wurde aus der kleinen GbR eine erfolgreiche Agentur mit erst 30 und heute 106 fest Angestellten in Braunschweig, München und Magdeburg.

Anders als bei Jean, kamen Martin nie Zweifel, ob sein Weg der Richtige ist. Bis heute empfindet er seine Arbeit als erfüllend. Seiner Meinung nach liegt das unter anderen daran, dass er früh selbstständig war: „Wenn du so ein Unternehmen aufbaust, hast du eine ganz andere Bindung zu deiner Arbeit und deinem Team. Es hat mir immer nur Spaß gemacht.“ Auch die Art der Arbeit war so facettenreich, dass ihn nie ein Gefühl der Monotonie überkam. „Wenn ich mir vorstelle, dass ich mein Leben lang nur ein und dasselbe jeden Tag hätte machen müssen, wäre ich sicher auch nicht da, wo ich heute bin. Das, was man macht, muss zu einem einfach passen ohne, dass man sich zu sehr verbiegen muss.“

„Wenn ich mir vorstelle, dass ich mein Leben lang nur ein und dasselbe jeden Tag hätte machen müssen, wäre ich sicher auch nicht da, wo ich heute bin.”

Martin

Das Leben als Ganzes betrachten

Nach den Gesprächen mit den beiden brauche ich eine Weile, um alles Gesagte zu verarbeiten. Ich komme nicht umher mir immer mehr die Frage zu stellen, worum es mir überhaupt geht, wenn ich darüber nachdenke, Karriere machen zu wollen. Ich will nicht nur Geld, sondern die Freiheit, ich selbst sein zu können und herauszufinden, wie weit ich beruflich kommen kann. So wie es Martin gemacht hat. Doch ich möchte nicht vor lauter Arbeit meine Gesundheit und anderen Bedürfnisse aus den Augen verlieren, so wie Jean. Ich möchte ein bisschen von beidem und am Ende vor allem zweierlei: Glück und Zufriedenheit. Vielleicht geht es also am Ende gar nicht nur darum, wieviel ich arbeite, sondern wie sehr mich das, was ich mache, erfüllt. Die Balance zu halten und mir zu erlauben das zu tun, was sich für mich richtig anfühlt.

In meinem Gespräch mit Martin, das sich auch irgendwann um Arbeitsethik allgemein drehte, meinte er: „Früher hieß es immer Work-Life-Balance, während man heute an einen Punkt kommt, wo der Punkt Leben immer stärker in den Fokus rückt und die Arbeit nur noch als Teil des Ganzen gesehen wird.“ Und ja, am Ende geht es doch eigentlich nur darum, das eigene Leben so zu gestalten, dass es sich richtig anfühlt. Und vielleicht hierfür auch wirklich einmal innezuhalten, wenn einem das Bauchgefühl sagt, dass etwas nicht stimmt.

Eine Frau sitzt auf einem Sofa.
Manchmal hilft es auch einfach innezuhalten um herauszufinden, ob das was man tut einen auch wirklich glücklich machen kann. (Foto: Inga Stang)

Zum Schluss ist es mir wichtig klarzustellen, dass nicht jeder in der privilegierten Situation ist sich Fragen zu können, wie viel man Arbeiten und Verdienen möchte. Nicht alle haben die gleichen Möglichkeiten oder den ökonomischen Background, um den Traumjob zu verfolgen oder sich gegen eine Vollzeitstelle zu entscheiden. Wir alle können uns aber überlegen, wie viel unserer verfügbaren Zeit wir für die Dinge aufwenden wollen, die uns erfüllen und glücklich machen. Die Momente, die am Ende des Lebens wirklich zählen. Und ohne pathetisch klingen zu wollen, ist es doch das, was wir am Ende alle wollen: ein glückliches und erfülltes Leben. Unsere eigene Karriere.