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Kunstmuseum Wolfsburg: Politische Ausstellungen sind Programm

  • Datum: 31. Oktober 2022
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Blick auf vier Werke Laetitia Ky und ein Vorhang (Bildrechte: Beate Ziehres)
Foto von zeitORTE
zeitORTE
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Laetitia Ky kann man meiner Ansicht nach getrost als Instagram-Star bezeichnen. Die 26-jährige Afrikanerin ist mit Fotos ihrer Haarskulpturen berühmt geworden. Laetitia Kys haarige Werke sind Statements, eines wie das andere. 357 Beiträge hat sie bis zu dieser Woche gepostet, mehr als eine halbe Million Menschen folgen Laetitia Kys Account.

Eine Sonnenblume als Symbol des ukrainischen Widerstands gegen die Invasoren, eine Frau mit geballter Faust am 8. März, ein Frauenkörper mit sprechender Vagina auf ihrem Kopf – Laetitia Ky hat mit solchen und ähnlichen Skulpturen kein Machbarkeitsproblem. Ihre Fotos werden begleitet von passenden Textbotschaften. Als radikale Feministin – so bezeichnet sich Ky selbst – thematisiert sie Unrecht, das ihr oder anderen Frauen widerfahren ist.

Bei meinem Besuch im Kunstmuseum Wolfsburg mache ich zuerst Bekanntschaft mit der Künstlerin aus Côte d’Ivoire. Seit dem 9. September schaut sie mit ernster Miene von der Fassade auf den Eingang des Museums herunter. Ihr Haar sagt mehr als tausend Worte. Auf dem Kopf trägt sie zwei Arme mit angespanntem Bizeps – das Symbol für Stärke schlechthin. Ihr Insta-Post vom 11. Dezember 2021 schmückt das Plakat, das Booklet und das Buch zur aktuellen Ausstellung des Kunstmuseums: Empowerment.

Blick auf ein Werk von Laetitia Ky, Protest & Empowerment: Laetitia Ky, pow’hair, 2022, © Courtesy die Künstlerin und LIS10gallery
Protest & Empowerment: Laetitia Ky, pow’hair, 2022, © Courtesy die Künstlerin und LIS10gallery (Foto: Laetitia Ky, Empowerment Key Visual)

Dreieinhalb Jahre Vorbereitungszeit

Empowerment ist eine der größten Ausstellungen ihrer Art. Sie gibt einen transnationalen Überblick über Kunst und Feminismen seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts. Denn: Feministische Forderungen und Anliegen werden unter unterschiedlichen Bedingungen und mit verschiedenen Schwerpunkten in vielen Gesellschaften weltweit thematisiert.

So zeigt die Ausstellung über 100 Kunstwerke von 115 feministisch orientierten Künstler*innen aus 50 Ländern von allen Kontinenten der Erde sowie fünf Kollektive aus Brasilien, China, Indien und aus verschiedenen Ländern Afrikas, die ihre eigenen Guest Spaces innerhalb der Ausstellung kuratierten.

Zur Vorbereitung von Empowerment – das heißt Selbstermächtigung – wurde ein wissenschaftlicher Beirat berufen. Die Beiratsmitglieder aus aller Welt lieferten wichtigen Input und stellten Kontakte zu Künstler*innen her. „Als kuratorisches Team waren wir offen für jeden Vorschlag“, sagt Dino Steinhof. Er ist genau wie Regine Epp Assistent der Kurator*innen Andreas Beitin, Katharina Koch und Uta Ruhkamp und war seit seinem ersten Arbeitstag im Kunstmuseum Wolfsburg an der Vorbereitung der Ausstellung beteiligt.

Man sieht Dino Steinhof, Assistent der Kurator*innen
Dino Steinhof, Assistent der Kurator*innen (Foto: Beate Ziehres)

Das kuratorische Team arbeitete dreieinhalb Jahre und stellte eine beeindruckende Auswahl zeitgenössischer Kunstwerke zusammen. Nun sind im Museum Projekte sowohl von etablierten als auch von hierzulande gänzlich unbekannten Künstler*innen zu sehen. „Wir wollten auch Sichtweisen auf Ungerechtigkeiten zeigen, die neu für uns waren“, erklärt Dino Steinhof und fügt hinzu: „Unsere eigene Perspektive wurde durchbrochen, Expert*innenwissen aus anderen Regionen der Erde ist eingeflossen in die Ausstellung.“

 

Ausstellung als Fenster in die Welt

Einen für mich neuen, aber auch bedrückenden Gesichtspunkt liefert beispielsweise das Werk Pesquisas (Suchaktionen) von Teresa Margolles. 30 Farbdrucke zeigen Fotografien aus Suchplakaten vermisster Frauen. Seit den 1990er-Jahren bedecken diese Aushänge die Mauern in Ciudad Juárez in Mexiko. Die teils bis zur Unkenntlichkeit verwitterten Plakate sind ein trauriges Mahnmal der extrem hohen Mordrate an Frauen in der Stadt.

Man sieht 30 Farbdrucke, 30 Schicksale mit wahrscheinlich tödlichem Ausgang – „Pesquisas“ von Teresa Margolles
30 Farbdrucke, 30 Schicksale mit wahrscheinlich tödlichem Ausgang – „Pesquisas“ von Teresa Margolles (Foto: Beate Ziehres)

Die vermeintliche Männlichkeit ist im Kunstmuseum in Form des Marlboro Man präsent, der sich zum Abziehbild verkommen eine Zigarette anzündet. Die Geschichte der Sklaverei in New York ist präsent, der Kolonialismus und die Frage „Werde ich noch Wasser tragen, wenn ich eine tote Frau bin?“

Dass es in Deutschland durchaus Anlass gibt, sich mit dem Thema Gleichstellung zu befassen, erklärt Dino Steinhof an drei Beispielen: „Der Gender Pay Gap liegt hier bei 18 Prozent. Damit steht Deutschland im europäischen Vergleich schlecht da. Die Pandemie hat die Ungleichheit noch erhärtet. Und: Die Femizid-Rate in Deutschland ist erschreckend hoch. Als Femizid bezeichnet man die Tötung und Ermordung von Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts. Zudem nimmt die queer feindliche Hasskriminalität gegen LGBTQIA+-Personen hierzulande zu siehe der jüngste Fall in Münster, wo ein 25-jähriger trans Mann während des Christopher Street Days tödlich verletzt wurde!“

 

Menschliches Miteinander im Fokus des Kunstmuseums

Das Kunstmuseum Wolfsburg will mit der Ausstellung Empowerment einen Beitrag zur Gleichstellung leisten. Sie folgt dem Leitgedanken, dass die Welt besser wäre, wenn alle Menschen Feminist*innen wären, wenn alle Menschen gleichberechtigt wären.

Politische Ausstellungen, das Zusammenleben der Menschen und das Miteinander sind im Programm des Kunstmuseums verwurzelt. „Es ist uns ein Anliegen, gesellschaftlich relevante Themen aufzugreifen und mit künstlerischen Mitteln in die Öffentlichkeit zu tragen.“ Im Gespräch entwickeln die Verantwortlichen des Kunstmuseums neue Ideen für künftige Ausstellungen. Im Laufe der vorbereitenden Recherchen ergibt sich dann, welche Werke im Rahmen einer Ausstellung gezeigt werden.

Man sieht Dino Steinhof, Assistent der Kurator*innen (Bildrechte: Beate Ziehres)

Gerade im Fall von Empowerment ist auf diese Weise „eine faszinierende wie auch sinnliche Ausstellung mit vielen unterschiedlichen Medien entstanden",

sagt Dino Steinhof, Assistent der Kurator*innen

Fem Art Day in Wolfsburg

Am 8. Oktober bieten das Kunstmuseum Wolfsburg, die Städtische Galerie Wolfsburg und der Kunstverein Wolfsburg rund um die jeweiligen Ausstellungen zum Themenkomplex Kunst und Feminismen einen gemeinsamen Tag mit geballter Frauenpower. Dazu zählen Führungen durch die einzelnen Ausstellungen und ein Artist Talk im Kunstmuseum.

 

Blick in die Zukunft

Derzeit plant das Kunstmuseum Wolfsburg die Ausstellung Blow up. Vom Wachsen der Dinge mit Werken aus der eigenen Sammlung. Diese Ausstellung bietet die Gelegenheit, Sammlungsobjekte, die sich im Depot des Kunstmuseums befinden, ab Ende des Jahres 2022 in der Ausstellung zu sehen.

Im Frühjahr 2023 folgt die Ausstellung Re-Inventing Piet. Mondrian und die Folgen, im Herbst des kommenden Jahres schließlich eine Einzelausstellung von Kapwani Kiwanga. Die kanadisch-französische Künstlerin beschäftigt sich auf farbintensive Weise mit politischen Themen wie Postkolonialismus und Rassismus.

 

Orakel spricht zu den Ausstellungsbesuchern

Auf dem Weg zum Ausgang der Ausstellung Empowerment begegne ich einer Eule, die aus der Zukunft spricht, genauer gesagt aus dem Jahr 2050. Als Maschine ist die orakelnde Eule geschlechtsneutral. Durch ihr Dasein und ihre Worte suggeriert sie eine unter anderem nicht geschlechterkategorisierte Welt, aber auch eine unbewohnbare Erde.

Das Kunstmuseum Wolfsburg ist Partner im Netzwerk der zeitORTE

Die Ausstellung Empowerment ist bis zum 8. Januar 2023 im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen.

 

Kunstmuseum Wolfsburg
Hollerplatz 1
38440 Wolfsburg

Geöffnet Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr.

Weitere Informationen: www.kunstmuseum.de

 

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Kunstmuseum Wolfsburg

Hollerplatz 1
38440 Wolfsburg