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Was zieht die weltweite Kunstelite regelmässig nach Goslar? Wir verraten es Euch!

  • Datum: 30.09.2016
Foto von Martina Zingler
Martina Zingler
Alle Beiträge (18)

Ob Henry Moore, Joseph Beuys oder jüngst Olafur Eliasson: Seit 1975 geben sie sich in der Harzstadt die Klinke in die Hand, die Großen der Gegenwartskunst. Alle sind sie gekommen – mit einer Ausnahme – um sich einen der weltweit renommiertesten Kunstpreise, den Goslarer Kaiserring, abzuholen.

„Kunst ist für alle da“, schrieb schon der Kaiserring-Preisträger Victor Vasarely ins Gästebuch des Goslarer Mönchehaus Museums. Und genau dieser Eindruck entsteht, wenn man sich auf eine kleine Entdeckungstour durch das mittelalterliche Fachwerkgebälk des Museums begibt. Ganz nah kann man hier den großen Namen der Gegenwartskunst kommen, die raumgreifenden Installationen von Anselm Kiefer oder Olafur Eliasson erkunden, sich mit den im Wechsel präsentierten Werken der bisher 41 Kaiserring-Preisträger immer wieder neu auseinandersetzen. Und das in einer Stadt, deren Altstadt selbst ein historisches Gesamtkunstwerk ist. Aber eben historisch.

Spannungsreicher Kontrast

Diesen Gegensatz fand bereits der Ideengeber und Initiator des Kunstpreises, der Goslarer Industrielle Peter Schenning, spannend. Den Kunstpreis verstand er als „Anknüpfungspunkt für eine Gegenwartskultur“, als Brücke zwischen der großartigen Kultur der Vergangenheit und der Gegenwart. Darum auch Kaiserring, vergeben von der Kaiserstadt Goslar, verliehen in ihrer Kaiserpfalz. Der erste Preisträger: der britische Bildhauer Henry Moore, 1975 bereits gesetzteren Alters und ein etablierter Künstler. Ein Wagnis, ein kühner Plan, doch einer, der aufging. Henry Moore akzeptierte den Preis, der immerhin mit keinem Preisgeld verbunden, sondern ein reiner Exzellenzpreis ist und damals noch gänzlich unbekannt war. Der Künstler besuchte Goslar, zeigte sich begeistert und wählte sogar den Platz für die Aufstellung seiner Skulptur, des „Goslarer Kriegers“, selbst aus. Mit der Vergabe des ersten Kaiserrings an Henry Moore war der Maßstab gesetzt.

Mönchehaus-Direktorin Dr. Bettina Ruhrberg neben einer Arbeit von Max Ernst – Foto: Martina Zingler

Die ersten Jahre ging der Preis an arrivierte Künstler, oft wurde ein Lebenswerk geehrt. Mit Beuys 1979 kam es zu einer ersten Kontroverse. Der Künstler erschien mit obligatorischem Filzhut und Anglerweste in der Kaiserpfalz und traf streckenweise auf Unverständnis. „Bei der Vergabe des Kaiserrings ist man auch immer wieder Wagnisse eingegangen“, erzählt Mönchehaus-Direktorin Dr. Bettina Ruhrberg, die auch in der Jury vertreten ist. So auch mit Richard Serra, der ein Jahr später mit seinen Werken aus rostigem Stahl für Aufsehen sorgte. „Und es noch immer tut“, so Ruhrberg, denn die in Goslar aufgestellte Skulptur „Gedenkstätte Goslar“ fällt immer wieder Beschmierungen zum Opfer. Der Künstler sieht es gelassen, versteht es als Auseinandersetzung mit seiner Kunst.

Mit Longo von Düsseldorf nach Goslar

Heute gebe es weniger Kontroversen, berichtet Ruhrberg. Das Publikum in Goslar reagiere sehr offen und interessiert auf die Auswahl des Preisträgers. „Ganz anders als in der Großstadt setzt sich hier das Publikum intensiver mit den Inhalten auseinander“, so Ruhrberg. Eine Ausstellung wie die jährlich im Oktober stattfindende Präsentation zum frisch gekührten Kaiserring-Preisträger habe in einer Stadt wie Goslar eine ganz andere Wertigkeit. Ruhrberg weiß, wovon sie spricht, denn sie kam vor zehn Jahren aus einer der Kunst-Metropolen Deutschlands in die Harzstadt. In Düsseldorf betreute sie in einer renommierten Galerie unter anderem Robert Longo. Als dieser 2006 den Kaiserring gewann, bat der Verein zur Förderung Moderner Kunst in Goslar Ruhrberg um Unterstützung. Als der damalige Direktor des Museums aufhörte, bot man ihr die Position an. „Ich war völlig verdutzt“, meint Ruhrberg. Doch nach einiger Überlegung nahm sie an. „Ich hatte hier nicht nur die Gelegenheit, diese wunderbaren Kaiserring-Ausstellungen zu machen, sondern auch eigene Ausstellungen über das Jahr hinweg. Ich kann dem Haus ein Profil geben.“ Besonders schätze sie zudem die Zusammenarbeit mit dem Verein, der das Museum in künstlerischer und administrativer Verantwortung trägt.

„Der Kaiserring spiegelt natürlich immer das Kunstverständnis einer Zeit, davon kann man sich gar nicht befreien“, so Ruhrberg. So habe sich die Kunstszene in den letzten zwanzig Jahren erheblich verändert, wurde durch die zunehmende Globalisierung geprägt. Wo anfangs hauptsächlich Künstler aus Europa und Nordamerika dominierten, findet sich heute eine breitere Vielfalt. Außereuropäische Themen gewinnen an Bedeutung. Bei der Vergabe achte man auf eine gewisse Diversität der Reihe. Nationalität, Geschlecht, Laufbahn und Konsequenz des Künstlers sowie die Repräsentanz der verschiedensten Medien spielen bei den Vorschlägen der Jury eine entscheidende Rolle.

Auch der Kaiserring hatte seinen Skandal

Und der Erfolg des Kunstpreises scheint diesem Vorgehen recht zu geben. Die Liste der bisherigen Preisträger liest sich wie das Who-is-Who der modernen Kunst, die Künstler sind durchgängig sehr präsent im Kunstmarkt. Und ob zur Zeit der Vergabe bereits etabliert oder Newcomer: Alle haben den Weg in die kleine Stadt am Harzrand gefunden, um sich ihren Preis abzuholen. Alle, bis auf einen: 1980 lehnte Jean Tinguely den Preis ab, nachdem Schenning in Zusammenhang mit dem Kaiserring von einem „guten Marketing für die Stadt Goslar“ gesprochen hatte. Tinguely wollte und konnte Kunst und Marketing nicht zusammen denken. Doch auch diese kleine Krise hat der Kaiserring gemeistert und so wird er auch in Zukunft noch viele der ganz großen Künstler zu uns in die Region locken.

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