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Gegen indische Konkurrenz: Electrocycling gewinnt Rohstoffe aus Schrott

  • Datum: 24.10.2016
Foto von Klaus Sievers
Klaus Sievers
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Sie sind das Grauen der Behörde, die Buch führt über neue und ausgediente Elektrogeräte: in Abstellkammern verstaubende Staubsauger, Telefone und Computer. Die darin enthaltenen wertvollen Rohstoffe zurückzugewinnen, ist das Geschäft der Electrocycling GmbH in Goslar-Oker. 

Ausgediente Elektrogeräte dürfen nicht mit dem Hausmüll entsorgt, sondern müssen der Verwertung zugeführt werden. Doch die Menge der in Deutschland ordnungsgemäß entsorgten und umweltfreundlich recycelten Elektroaltgeräte entspricht bisher nur etwa einem Drittel der neu in Verkehr gebrachten Elektrogeräte. Der größere Teil wandert ins Ausland, wird in betrieblichen Abstellkammern zwischengelagert oder verstaubt zu Hause in Kellern, Garagen oder Dachböden.

„Bei den privaten Haushalten liegen noch wahre Schätze an Elektroschrott“, meint Dr. Georg Fröhlich, Geschäftsführer der Electrocycling GmbH in Oker: „Vor allem kleine Geräte wie beispielsweise Handys werden viel zu wenig zurückgegeben.“ Aber auch alte Küchengeräte, Lampen, Röhrenfernseher, Computer-Tower oder Drucker lagern oft zunächst einmal zu Hause.

Einer der grössten Recyclingbetriebe in Deutschland

Electrocycling verarbeitet mit 180 Mitarbeitern rund 55.000 Tonnen Elektroschrott im Jahr und gehört damit zu den drei größten Betrieben dieser Branche in Deutschland. Das Unternehmen wurde 1995 gegründet und gehört heute der Deutschen Telekom sowie der Unternehmensgruppe Günter Papenburg in Hannover.

Auf dem riesigen Werksgelände in Oker fallen zunächst die vielen haushohen Berge mit vorsortiertem Schrott auf. Der wird in großen Hallen in mehreren Arbeitsschritten in immer kleinere Fraktionen und Teile zerlegt und sortiert. Das geschieht zunächst per Hand, dann aber zunehmend maschinell in großen Anlagenstraßen in spezialisierten Hightech-Maschinen. Ein Blickfang auf dem Gelände ist die riesige Schredderanlage, die täglich rund 150 Tonnen Schrott verarbeiten kann. Hier werden größere Schrottteile systematisch mit viel Kraft zermalmt, zerlegt und dann mit optischer Sensortechnik in mehrere Metall- und Kunststofffraktionen sortiert.

Ein eigenes Register für den Schrott

Das Recycling von Elektroschrott ist in Deutschland gesetzlich perfekt geregelt – was nach Meinung von Fröhlich allerdings viel Bürokratie verursacht. So wird regelmäßig erfasst, welche und wie viele Geräte hierzulande produziert und wie viele entsorgt werden. „Dafür wurde eigens die Stiftung Elektro-Altgeräte Register (EAR) gegründet, die darüber Buch führt“, erläutert Fröhlich. Jeder Hersteller muss der EAR melden, welche Gerätetypen er auf den Markt bringen und welche Mengen er davon produzieren will beziehungsweise quartalsweise produziert hat. Andererseits müssen die an Sammelstellen der Kommunen oder an eigenen Sammelstellen zurückgenommenen Altgerätemengen der EAR gemeldet werden – schön gegliedert in fünf Sammelgruppen: von Großgeräten über Lampen bis zu IT-Geräten. Die letztjährige Bilanz: 1,9 Millionen Tonnen neue Elektrogeräte wurden in den Verkehr gebracht, rund 650.000 Tonnen zurückgegeben.

Die Hersteller sind verpflichtet, ihre Altgeräte zurückzunehmen und zu verwerten. Größere Händler müssen zumindest kleinere Geräte bis zu einer Größe von 25 Zentimetern annehmen. Diese Regelung gilt seit Kurzem auch für Online-Händler. Kommunen sind wiederum verpflichtet, kostenlose Sammelstellen für Elektroschrott einzurichten sowie die von Privatleuten und oft auch von Händlern abgegebenen Geräte an die Hersteller weiterzureichen.

Wenn sich jeder Hersteller bundesweit um seine eigenen Geräte kümmern müsste, dann wäre das eine riesige logistische Herausforderung. Deshalb wurde das System vereinfacht und eine  Quotenregelung eingeführt: Ein Hersteller muss für jede der fünf Sammelgruppen so viel Schrott zurücknehmen wie seinem Marktanteil bei Neugeräten entspricht – und zwar nicht unbedingt eigene Geräte, sondern auch die von anderen Herstellern.

Begehrte Dienstleistung aus Goslar

Die meisten Hersteller und Kommunen arbeiten dabei mit Recycling-Unternehmen zusammen. „Wir bieten Herstellern einen Komplettservice: von der Registrierung der neuen Geräte bei der EAR über die Abholung des Schrotts bei den Sammelstellen bis zur fachgerechten Entsorgung“, erläutert Fröhlich. Mehrere Hundert Hersteller und Kommunen nehmen diesen Dienst in Anspruch. Im Umkreis von 200 Kilometern rund um Oker stellt Electrocycling im Auftrag von Herstellern regelmäßig Container bei kommunalen Sammelstellen auf und holt sie ab. Außerdem werden Hunderte von kleineren Gitterbehältern bei größeren Betrieben und Verwaltungen bereitgestellt, die selbst ihren Schrott sammeln. „Bei Schrottmengen für Vertragskunden, die außerhalb unserer Region anfallen, arbeiten wir in einem Netzwerk mit Partnerbetrieben vor Ort zusammen“, ergänzt Fröhlich. Rund die Hälfte des Elektroschrotts, den das Unternehmen verarbeitet, kommt von Kommunen und Herstellern, die andere Hälfte von Betrieben, die Geräte bereits vorzerlegt haben, und von Großbetrieben, die ihre eigenen Altgeräte entsorgen.

35 verschiedene Wertstoffe zur Wiederverwendung

Im Werk werden die angelieferten Geräte zunächst am Fließband nach Beschaffenheit und Wertstoffgehalt grob vorsortiert. In mehreren Prozessschritten werden die Geräte und Teile dann immer weiter zerlegt, zerkleinert und immer wieder sortiert. Anfänglich wird noch viel manuell geschraubt und gehämmert oder es werden an Spezialmaschinen Schadstoffe wie beispielsweise Quecksilber aus Flachbildschirmen entsorgt.

Je tiefer der Verarbeitungsprozess, desto mehr läuft dann automatisch. Fröhlich: „Am Ende erhalten wir 35 verschiedene Wertstofffraktionen, die wir an unsere Kunden zur Wiederverwendung verkaufen.“ Die bestehen aus Rohstoffen unterschiedlicher Stückgröße bis hin zu millimeterkleinen Körnern.

Stahlschrott wird an Stahlhersteller wie die Salzgitter AG verkauft, Aluminium geht an große Schmelzhütten. Am wichtigsten sei die Kupferfraktion, erklärt Fröhlich: „Kupfer ist eines der wichtigsten Materialien in Elektrogeräten, es wird beispielsweise für Leitungen und Spulen, in Motoren und Platinen eingesetzt. In einer Tonne Elektroaltgeräte ist 14 Mal mehr Kupfer als in einer Tonne abbauwürdigem Kupfererz enthalten.“

Gold, Silber, Palladium als Begleiter der Kupferfraktion

Die Kupferfraktion wird an Kupferhütten verkauft, sie enthält auch noch Edelmetalle wie Gold, Silber und Palladium. In der Hütte werden die Stoffe dann metallurgisch getrennt. Seltene Metalle und Erden, über die in letzter Zeit viel und vor allem in Zusammenhang mit Handys geredet wird, werden bisher bei Electrocycling noch nicht recycelt. Fröhlich: „Es gibt noch keine wirtschaftlichen Verfahren, um beispielsweise die verschwindend geringen Mengen an Indium aus Flachbildschirmen zu gewinnen.“ Man sei aber, was seltene Metalle betrifft, an mehreren Forschungsprojekten beteiligt. Da gehe es beispielsweise um die Rückgewinnung von Tantal aus hochwertigen Platinen.

Ein Endprodukt: Kupferkonzentrat – Foto: Jörg Scheibe

Anfallende Kunststoffe  werden an Aufbereitungsbetriebe, die sie sortenrein trennen, oder zur energetischen Verwertung an Müllverbrennungsanlagen und Heizkraftwerke verkauft. Fröhlichs Recycling- und Umweltbilanz: 80 Prozent der gewonnenen  Materialien werden stofflich wiederverwertet, also in den Produktionskreislauf zurückgeführt, und 19 Prozent werden energetisch verwertet. Nur ein Prozent muss meist als Sondermüll wirklich entsorgt werden – etwa Quecksilber und Kondensatoren.

Das Recycling von Elektroschrott ist derzeit allerdings ein wirtschaftlich schwieriges Geschäft, deutet Fröhlich an. Die Preise für Stahl, Kupfer und Aluminium, teilweise auch für einige Kunststoffe, seien deutlich gefallen. Zudem seien Elektrogeräte weniger wert, weil sie immer weniger wertvolle Metalle enthalten. Und schließlich drückt die Billig-Recycling-Konkurrenz in China, Indien oder Afrika auf das Geschäft. Fröhlich: „Die arbeiten nicht so effektiv, ressourcenschonend und umweltfreundlich wie wir, Arbeitssicherheit und Mitarbeitergesundheit haben keinen hohen Stellenwert. Dafür sind die  Kosten aber deutlich niedriger.“

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