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Eine unvollendete Faschingslaufbahn – Gedanken eines Ex-Karnevalisten

  • Datum: 25.02.2017
Foto von Holger Reichard
Holger Reichard
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Sonntagmorgen. Mal wieder richtig lange ausschlafen. Denkste! Festzeltmusik dringt aus der Ferne durchs offene Schlafzimmerfenster. Durch den Ort rollt der Faschingszug. Vor 20 Jahren wäre ich noch ohne Rücksicht auf Verluste aus dem Bett gesprungen, um die marodierenden Stimmungskanonen mit schnorrendem Lächeln zu begrüßen. Bier statt Brötchen! Doch inzwischen kann der Bogen, den ich um Karnevalisten mache, nicht groß genug sein. Ich bin ein Faschingsmuffel geworden. Wie konnte das nur passieren?

In dem kleinen Dorf im Landkreis Helmstedt, in dem ich in den Siebzigern aufgewachsen bin, war das Faschingsvergnügen für mich stets einer der Höhepunkte des Jahres. Zuerst das Kinderfest am Samstagnachmittag. Ich liebte es, mich zu verkleiden sowie Cola und Dunkelbier trinken zu dürfen, bis ich jene Bauchschmerzen bekam, die von den Erwachsenen während der anderen vier Jahreszeiten schon nach dem ersten Nippen angedroht wurden.

Und dann erst die Spiele auf dem Saal: Sackhüpfen, Eierlaufen und zum Schluss die berühmt-berüchtigte Reise nach Jerusalem. Zwar gehörte ich oft schon nach der ersten Runde nicht mehr zu den Mitreisenden, aber auch ohne Stuhl hat es Spaß gemacht. Ich zehrte lange vom Kinderfasching, mindestens bis Ostern.

Verkleidet als Damengymnastikgruppe

Später, als wir Jungs mit zartem Flaum im Gesicht bei den Älteren, den Profis, mitfeiern durften, das Bier für uns eine hellere Farbe angenommen hatte und sich der nachfolgende Schmerz mehr in den Kopf verlagerte,  versuchten wir mit originellen Verkleidungen den Festsaal zu rocken. Unansehnlicher Höhepunkt war, als meine Kumpels und ich uns mit dicken Wattebällchen in die engen Sportleibchen unserer Mütter zwängten. Wir gingen als Damengymnastikgruppe. Seit diesem denkwürdigen Abend haben wir eine leise Ahnung davon, wie es sich anfühlt, als Frau im Kölner Karneval unterwegs zu sein.

Gefeiert wurde bis in die frühen Morgenstunden. An Schlaf gab es nur eine kleine Mütze. Danach ging es weiter: mit dem traditionellen Wurstsammeln. Bewaffnet mit Geldbüchsen, Sammelkörbchen und einer großen Holzgabel zogen wir vermeintlich hunger- und durstleidend durchs Dorf und in jedem zweiten Haus wurden wir herzlich empfangen. Das heißt, mit Getränken. Es war schlau, nicht alles anzunehmen, was einem unter die rote Nase gehalten wurde. Das ließ sich zuvörderst an jenen eifrigen Wurstsammlern beobachten, die von außerhalb kamen und neu im Team waren. Sie überlebten meist die erste Straße nicht.

Die Marx Brothers im Landkreis Helmstedt

Schön war die Zeit. Ja. Aber um das Jahr 2000 herum kam es zum Bruch mit dem närrischen Treiben. Damals verfiel ich der Idee, mich als Groucho Marx zu verkleiden. Ich dachte an alles, runde Brille, Frack, schwarze Schminke, Zigarre, hochgezogene Augenbrauen, nur nicht daran, dass ich in diesem Aufzug zu einem kleinen Faschingsfest auf dem Dorfe wollte, wo man zweifellos schon vieles gesehen hat, offenbar aber noch nie einen Film mit den Marx Brothers. „Was bitte schön soll das darstellen?“, hörte ich nur. Meine liebevoll nachgebaute Kostümierung erhielt so leider nicht die angemessene Würdigung.

Es könnte die Schlüsselszene meiner Wandlung vom großen Anhänger des kalendarisch vorgeschriebenen Frohsinns hin zum Faschingsmuffel gewesen sein. Mein Humor ist im Laufe der Jahre offensichtlich ein anderer geworden. Das Trinken im Rahmen einer Großveranstaltung sowie die Büttenreden und Karnevalslieder, in denen man schunkelnd und in grob gezimmerten Reimen die eigene Herrlichkeit besingt, sind mir fremd geworden.

Jeder soll nach seiner Fasson Karneval feiern dürfen – oder auch nicht

Die vielen Freunde und Fans des Braunschweiger Schoduvels mögen mir die unvollendete Faschingslaufbahn nachsehen. Jeder soll nach seiner Fasson Karneval feiern dürfen – oder auch nicht, hat so oder so ähnlich ja schon der Alte Fritz gesagt und schon klar: Niemand mag Spaßbremsen.

Tatsache ist aber auch, ich bin einer von vielen, die jedes Jahr um diese Zeit die Flucht ergreifen und das ist gar nicht so einfach. Nicht nur, dass einen am Sonntagmorgen der Holzmichel aus den Federn schmeißt und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen über Wochen hinweg mehr Prunksitzungen als Krimis zu sehen sind. Seit vielen Jahren schon und öfter als die Zeugen Jehovas klingeln junge Männer an unserer Haustür und versuchen – sehr höflich zwar, aber auch äußerst hartnäckig – meine Tochter für das Mitfeiern im örtlichen Faschingsverein zu begeistern. Sie ist konsequenter als ihr Vater in jungen Jahren und leistet bis heute erbitterten Widerstand.

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