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Bei den ältesten Maschinen der Menschheit – Besuch im Mühlenmuseum

  • Datum: 05.06.2017
Foto von Beate Ziehres
Beate Ziehres
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Alles begann mit einem Ausflug in den Elm. In Abbenrode kam Horst Wrobel mit dem Müllermeister Röhl ins Gespräch, der dort eine Bockwindmühle betrieb. Das war im Jahr 1963. Wrobel war begeistert von der Mechanik der Mühlen und von den Geschichten, die rund um die Mühle geschehen waren. Heute ist der Name Wrobel untrennbar verknüpft mit dem Internationalen Wind- und Wassermühlen-Museum. In Gifhorn hat die Familie eine einzigartige Stätte für die ältesten Kraftmaschinen der Welt geschaffen.

Das Mühlenmuseum ist mein Lieblingsmuseum. Seit ich in die Region gezogen bin, war ich unzählige Male dort. Jeder Besuch ist ein kleiner Urlaub, eine erkenntnisreiche Weltreise voller Mühlenromantik. Das Schönste: Hier bewegen sich nicht nur die Wasserräder und die Flügel der Windmühlen. Auch die Liste der Exponate wird immer länger. So gibt es immer wieder Neues zu entdecken.

Die Mühlen des Mittelmeerraums

Mich zieht es üblicherweise zuerst in die mediterrane Abteilung des Mühlenmuseums. Auf einer Insel im Mühlensee drehen sich die tuchbespannten Flügel der griechischen Mühle „Irini“. Mühlen wie diese prägen noch heute das Bild der Kykladeninsel Mykonos.

Griechische Mühle Irini – Foto: Frank Bierstedt

Im Hintergrund sind von hier aus schon die portugiesische Mühle „Anabela“ und die mallorquinische Mühle „Moli di Tramuntana“ zu sehen. Mühlen wie die „Anabela“ mit vier dreieckigen Segeln kommen auch an der Algarve vor und sind typisch für den Mittelmeerraum.

Inspiration für Dichter

Die Getreidemühle „Moli de Tramuntana“ ist nach dem Vorbild mallorquinischer Mühlen bei Palma entstanden. Im rechteckigen Untergeschoss, eigentlich dem Wohnhaus der Müllersfamilie, ist eine Ausstellung über Mühlen von Mallorca zu sehen. Weiter am Ufer des Mühlensees entlang endet der Weg am jüngsten Bauwerk in diesem Bereich: der französischen Mühle, einem Nachbau der Mühle des Dichters Alphonse Daudet. Diese Mühle ist ein Wallfahrtsort für Literaturfreunde, denn sie soll den Schriftsteller zu seiner Geschichtensammlung „Briefe aus meiner Mühle“ angeregt haben.

Provenzalische Windmühle – Foto: Jörn Pache/Südheide Gifhorn

Beeindruckende Technik

Nun statten wir einer der ersten Mühlen im Bestand des Museums, der Erdholländermühle „Immanuel“, einen Besuch ab. Die Mühle wurde 1848 im Landkreis Dithmarschen errichtet und im Laufe ihrer Geschichte immer wieder technisch angepasst. Sie verfügt unter anderem über eine automatische Windrose. Die Jalousieflügel konnten der Windstärke angepasst werden und der Keller war mit Fuhrwerken befahrbar. Bei jedem Besuch beeindruckt mich das Innenleben der Mühle, wie mithilfe eines ausgeklügelten Mechanismus’ ein Rad ins andere fasst und das Mahlwerk in Bewegung setzen könnte.

Kellerholländer Immanuel – Foto: Südheide Gifhorn

Die älteste Maschine der Menschheit

Mein Rundgang führt nun zum Kernstück der Museumsanlage, der 800 Quadratmeter großen Ausstellungshalle. Mit den hier gezeigten Wind- und Wassermühlenmodellen aus allen Kulturkreisen begann die Leidenschaft Horst Wrobels für die Mühlen. Sie zeugen von einem unwiederbringlichen Zeitabschnitt menschlichen Seins und Tuns und geben Aufschluss über Funktion und Arbeitsweise der ältesten Maschine der Menschheit.

Längst verboten: Schiffsmühlen

Vorbei an der aus Osloß stammenden Bockwindmühle „Viktoria“ erreiche ich die am Ise-Ufer liegende ungarische Donau-Schiffsmühle „Julischka“. Zwischen zwei hölzernen Schiffen dreht sich bei diesem Mühlentyp ein Schaufelrad im Flusswasser. Hier war der Müller gleichzeitig Kapitän, er konnte sich die Stelle mit der besten Strömung aussuchen und behinderte mit seiner Mühle schon mal den Schiffsverkehr. Schon im 6. Jahrhundert bei der Belagerung Roms durch die Ostgoten sollen Schiffsmühlen erfunden worden sein. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden sie auf dem Rhein verboten, mittlerweile sind sie weltweit verschwunden.

Ungarische Schiffsmühle – Foto: Frank Bierstedt

Die erste asiatische Mühle und einer der jüngsten Neuzugänge auf dem Museumsgelände ist eine original koreanische Stampfmühle. Bergbauern nutzten diesen Wassermühlentyp im 19. Jahrhundert, um Getreide zu stampfen. Die Gifhorner Mühle wurde aus traditionellen Materialien in Korea nachgebaut und mit dem Schiff ins Museum transportiert.

 

Koreanische Wassermühle – Foto: Beate Ziehres

Von dieser lauschigen Stelle des Museumsgeländes sind es nur noch ein paar Schritte zum Dorfplatz. Aus einem Fachwerkhaus im Niedersachsenstil duftet es an bestimmten Tagen unwiderstehlich. Kein Wunder! In zwei holzgefeuerten Steinbacköfen backt man hier nach alter Tradition und alten Rezepten verschiedene Sorten Brot.

Sie brachte Friedrich den Großen um seine Ruhe

Am Dorfplatz steht auch der Galerieholländer „Sanssouci“, ein Abbild der historischen Mühle neben dem Schloss Sanssouci in Potsdam. Die Originalmühle wurde bekannt durch die Legende, dass ihr Klappern die Ruhe Friedrichs des Großen störte. Ich erklimme bei jedem Besuch die Stufen, um von oben die Aussicht auf das komplette Gelände des Mühlenmuseums zu genießen. Dies kann ich – wie einen Besuch im Mühlenmuseum überhaupt – sehr empfehlen!

Nachbau der Mühle Sanssouci – Foto: Stefan Sobotta

Und sie mahlen doch

Übrigens wären – anderslautenden Behauptungen zum Trotz – alle Mühlen im Museum in der Lage, tatsächlich zu mahlen. „In allen fehlt bewusst ein Teil, sodass das Getriebe mit Mahlwerk nicht in Bewegung gesetzt werden kann. Man stelle sich vor, ein Dritter setzt absichtlich oder unbeabsichtigt eine Mühle in Bewegung und jemand greift in den Mahlgang oder wird in das Getriebe gezogen. Nicht auszudenken, was da passieren kann“, erklärte Horst Wrobel anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Mühlenmuseums.

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