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300.000 mehr als eine Zahl – Die Ausgrabungen in Schöningen

  • Datum: 10.10.2017
Foto von Mireille Müller
Mireille Müller
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Ich stehe am Rand des Braunkohletagebaus Schöningen im Südosten des Landkreises Helmstedt. Hier befindet sich für die frühe Altsteinzeit die bedeutendste archäologische Ausgrabungsstätte weltweit!
Als sich der Schaufelradbagger ab 1979 in den Boden dieser Region fraß, kamen in den 1980er-Jahren die Archäologen, um historisch Wertvolles vor ihm zu retten. 1992 drangen sie 15 Meter tief in die Erdschicht von vor 300.000 Jahren ein. Doch wer hätte geahnt, dass sich diese Schicht als Schatzkammer der frühen Altsteinzeit entpuppt!

I‘m singing in the rain!

Es regnet in Strömen und ich stehe mit dem Grabungsteam in einem Grabungszelt. „Heute ist ein perfekter Tag zum Graben, denn so bleiben die Sedimente schön feucht“, wird gewitzelt. Fast das ganze Jahr hindurch wird gegraben und die Grabungsarbeiter scheinen diese Wetterlage ganz entspannt zu sehen. 15 Meter stehe ich unter unserem eigentlichen Laufhorizont. Erdgeschichtlich befinde ich mich sozusagen in der frühen Altsteinzeit. Die Vegetationsreste färben den Boden dieser Schicht fast schwarz und in den Ablagerungen erkenne ich sogar noch Muschelreste. Hier gab es vor 300.000 Jahren offenbar einen See und es war warm und wasserreich. Ideale Bedingungen für den Menschen!

Ich nehme einen Brocken der ausgegrabenen feuchten Erde und zerkrümle ihn. Ganze Grashalme sind noch vollständig erhalten! Perplex schaue ich mich um, ob hier irgendwo eine versteckte Kamera lauert?

Alle Jahre wieder!

Seit 25 Jahren liefert die Ausgrabungsstätte in Schöningen spektakuläre Funde aus der frühen Altsteinzeit. Von 1995 bis 1999 förderte das Grabungsteam in Schöningen sieben vollständig erhaltene Speere zu Tage und mit ihren 300.000 Jahren sind sie die ältesten Distanzwaffen der Menschheit. Durch diese Holzartefakte wurde das Bild vom damaligen Menschen komplett neu interpretiert! Doch damit nicht genug. Ab 2012 kamen die Zähne und Knochenfragmente von drei Säbelzahnkatzen ans Tageslicht, die hier ebenfalls vor 300.000 Jahren um das Seeufer streiften. So galten diese Großkatzen doch eigentlich vor dem Eintreffen des Menschen in Europa als ausgestorben. Nun wurde, wieder durch die Ausgrabung in Schöningen, diese Annahme widerlegt!

Tipps für Schatzsucher!

Grabungsleiter und Archäologe Dr. Jordi Serangeli hat sich etwas Zeit genommen. „Ruhe und Besonnenheit, das ist wichtig bei der Grabung“, erklärt er freundlich und ich bekomme von ihm einen „Crashkurs“ in Archäologie. Die Grabung bewegt sich von Norden nach Süden, so sind die Funde vor direkter Sonneneinstrahlung geschützt. Bei jedem Fund muss entschieden werden, ob er im Block geborgen oder ob alles an Ort und Stelle ausgegraben wird. Die Blockbergung hat den Vorteil, dass die Funde im Labor optimal behandelt werden.

Ausgrabungen in Schu00f6ningen / MEINE-REGION.de

Miss Marple lässt grüßen!

„Unsere Arbeit ist vergleichbar mit der eines Detektivs“, schmunzelt Serangeli. „Wir sammeln nicht nur Gegenstände. Unser Anspruch besteht darin, ein genaues Bild von der Landschaft um den Fund herum zu erhalten. Sozusagen betreiben wir Landschaftsarchäologie. Deshalb wird alles ganz genau dokumentiert.“ Es wird in Abschnitten von 5 Metern Länge, 1 Meter Tiefe und 1 Meter Höhe gegraben. Jedes gefundene Teil wird in einem Lageplan verewigt. So kann der Archäologe später in der Übersicht genau nachvollziehen, an welcher Stelle zum Beispiel die meisten Feuersteinabschläge lagen. Daraus wiederum schlussfolgert er, wo der Mensch vor 300.000 Jahren eventuell seine Feuersteinwerkzeuge herstellte.

Wer sucht, der findet!

„Wir sind hier in Schöningen noch lange nicht am Ende“, erzählt Serangeli weiter. Natürlich hofft er, auf menschliche Knochen zu stoßen, aber die Spezies Mensch war damals sehr selten. Pferde, zum Beispiel, gab es dagegen in einer großen Anzahl. „Mein Traum wäre, einen geflochtenen Korb aus Grasfasern zu finden“, verrät Serangeli. Durchaus möglich, wenn ich an „meinen Fund“ des gut erhaltenen organischen Materials zurückdenke. „Bald öffnen wir die nächste Schichtabfolge und hoffen auf mehr Funde vom Waldelefanten“, so Serangeli. Es wurde 2015 eine Rippe und ein Stoßzahn vom Waldelefanten geborgen. Das Außergewöhnliche: Die Rippe zeigt zugefügte Schnittspuren vom damaligen Menschen! „Deshalb ist in Schöningen jeder Fund wichtig, denn diese Ausgrabungsstätte ist für das Altpaläolithikum die bedeutendste archäologische Ausgrabungsstätte weltweit“, erklärt Serangeli.

Klein, aber fein!

Das Team ist klein für so eine bedeutende Ausgrabungsstätte. Ein Archäologe, eine Restauratorin, ein Vorarbeiter mit seinen fünf Ausgräbern. Das war′s! Oft unterstützen Studenten das Grabungsteam. Heute bei diesem verregneten Tag sind zwei Studenten dabei, ein sogenanntes „Geoelektrikprofil“ anzufertigen. Mithilfe von Strom, der durch die Erde gejagt wird, können sie die Spannungen an der Erdoberfläche messen. Die so gemessenen Spannungsunterschiede, geben Aufschluss über Veränderungen in der Bodenstruktur. Der Vorarbeiter Wolfgang Mertens gräbt gerade am Grabungssockel des Speerehorizonts. „Hier …“, winkt er mich heran, „… ein Mäusezahn!“ Obwohl ich nur ein kleines „Irgendetwas“ im Boden liegen sehe, glaube ich ihm. Seit fast 30 Jahren ist Mertens im Grabungsteam und war bei der Bergung aller bedeutenden Funde dabei.

Immer mit der Ruhe!

Gespannt verfolge ich sein weiteres Vorgehen. Er bereitet gerade die Bergung vom Unterkiefer eines Jungpferdes vor. In der kurzen Zeit, die ich neben ihm stehe, legt Mertens noch ein winziges Stück eines grünlich schillernden Insektenpanzers, ein Holzstück, ein Feuersteinabschlag und noch weitere Knochen frei. Alles wirkt so erstaunlich frisch! Einen Augenblick lang scheine ich ein Déjà-vu zu erleben und muss irritiert meinen Kopf schütteln. Sicherheitshalber schaue ich mich noch mal nach allen Seiten um, irgendwo muss sie doch sein, die versteckte Kamera?

 

 

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