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Surrend durch Seesen – Stadtführung mit dem Segway

  • Datum: 25.10.2018
Rollend sind auch weitere Strecken kein Problem.
Foto von Meike Buck
Meike Buck
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Helm auf und los geht’s! Angeblich ist das Fahren eines Segways, dieses spacigen Gefährts mit zwei Rädern, kinderleicht. Nach vorne lehnen: beschleunigen, Gewicht nach hinten verlagern: bremsen, Steuerrohr nach rechts und links bewegen: Lenken. Trotzdem habe ich anfangs ziemlich Respekt vor den Geräten, die ordentlich aufgereiht vor uns stehen. Wir sind verabredet zu einer Stadtführung durch Seesen auf dem Segway. „Fahrspaß pur“, wird versprochen. Also links rum, rechts rum, geradeaus, rückwärts – auf dem Jacobson-Platz bekommen wir eine Einweisung und üben fleißig. Slalom um Begrenzungspfähle, mal ordentlich Gas geben und wieder bremsen.

Jacobson-Platz

Wir kurven über geschichtsträchtigen Boden – lernen wir gleich. Der Platz ist benannt nach dem jüdischen Bankier Israel Jacobson, der an dieser Stelle eine Schule gründete, in der christliche und jüdische Kinder gemeinsam unterrichtet wurden – die erste Schule dieser Art, die ein Jude ins Leben gerufen hatte. Jacobson war zudem der Begründer des Reformjudentums, ein „jüdischer Luther“ sozusagen. So erbaute er neben der Schule die weltweit erste Reform-Synagoge. Sie war mit einer Orgel ausgestattet und erstmals wurde hier auch auf Deutsch gepredigt und gebetet. Heute ist der Grundriss des in der Reichspogromnacht 1938 zerstörten Tempels wieder an Markierungen im Boden zuerkennen.

Tatsächlich gewöhne ich mich schnell an das Gefährt und werde bald sicherer. Noch ein Hinweis auf die Straßenverkehrsordnung – schließlich werden wir auf öffentlichen Wegen unterwegs sein – und schon verlassen wir den sicheren Übungsplatz. „Folgen Sie mir unauffällig“, fordert uns unser Stadtführer auf. Eigentlich unmöglich, denn mit den surrenden Segways erregen wir jede Menge Aufmerksamkeit im sonntäglich-stillen Seesen.

Fahrbereit: Die Segways für die Stadtrundfahrt.

Fahrbereit: Die Segways für die Stadtrundfahrt – Foto: Meike Buck

Steinway-Park

Alle hintereinander in einer langen Reihe fahren wir als erstes zum Steinway-Park. Er liegt ein Stück außerhalb Seesens – doch kein Problem mit unseren flotten Fortbewegungsmitteln. Angelegt wurde er Ende des 19. Jahrhunderts als Kurpark, um mit einer weiteren Attraktion mehr Harztouristen in die Stadt zu locken. Seinen Namen erhielt er nach William Steinway, einem Sohn des Klavierbauers und Unternehmensgründers Henry E. Steinway. Dieser war von der Idee und Konzeption des Parks so begeistert, dass er mehr als die Hälfte der Baukosten aus eigener Tasche bezahlte. Im Steinway-Park startet – oder endet, je nach Laufrichtung – auch der Steinway-Trail.

Der kulturgeschichtliche Wanderweg führt nach Wolfshagen, wo Heinrich Steinweg, später Henry E. Steinway, 1797 geboren wurde. 1825 kam der gelernte Tischlermeister nach Seesen, um bei dem Wiederaufbau der Stadt nach einem der zahlreichen Brände zu helfen. Seine Reparaturwerkstatt für Klaviere betrieb er zunächst nebenbei, bis er sich als Instrumentenmacher einen Namen machte. Auch nachdem die Familie in die USA ausgewandert war, pflegte sie stets Kontakte in die Harzer Heimat – und Wanderer können nun den Weg laufen, den Heinrich Steinway angeblich aus seinem Geburtsort zu seiner Geliebten in Seesen nahm. Auf den 15 Kilometern finden sich zahlreiche Informationstafeln zu Steinway und seinem Unternehmen.

Offroad

Nun verlassen wir die bequem asphaltierte Straße. Doch das Segway nimmt gut gefedert auch Steine, Baumwurzeln und Schlaglöcher. Auch steile Anstiege machen ihm nichts – ich denke an mein Fahrrad, mit dem ich so oft unterwegs bin. Die Spätsommersonne scheint durch das Blätterdach der Bäume. Wir gleiten auf verschlungenen Wegen durch den Park und die ersten Hänge des Harzes hinauf. Unvermittelt öffnet sich der Wald und gibt einen wunderbaren Blick frei auf Seesen. Da kann man sich gut vorstellen, dass der Pfad schon früher ein beliebter Spazierweg für Einheimische und Touristen war. Und im Gegensatz zu heute lockte oben ein Ausflugslokal und entschädigt für den manchmal sicher schweißtreibenden Anstieg.

Spuren von Steinway und seinen Klavieren findet man in Seesen nicht nur im Steinway-Park.

Spuren von Steinway und seinen Klavieren findet man in Seesen nicht nur im Steinway-Park – Foto: Meike Buck

Villen-Gegend

Doch wer den Anstieg gemeistert hat, darf auch die Abfahrt genießen. Genießen? Beim Anblick der steilen Straße wird mir doch ein wenig mulmig. Doch es ist ganz einfach: Popo raus, schon bremst der Segway. Alles geht gut, wir kommen alle unten an. Auf Nebenstraßen fahren wir wieder Richtung Innenstadt. Rechts und links imposante Villen aus der Gründerzeit, umgeben von großzügigen Parks. Erbaut wurden einige von ihnen von wohlhabenden Fabrikanten, die in Seesen Konserven herstellten. Lebensmittel in Dosen zu konservieren wurde Anfang des 19. Jahrhunderts durch verschiedene Erfindungen möglich. Das Braunschweiger Land war ein Zentrum der Konservenindustrie. Die Landwirtschaft bot auf den fruchtbaren Lössböden reiche Erträge und ein reichhaltiges Angebot an Obst und Gemüse, mit dem die Dosen befüllt werden konnte.

Besonders beeindruckend sind Villa und Park der Familie Züchner. Auf dem Gebäude stand sogar bis vor einiger Zeit ein 1:3-Modell der Quadriga des Braunschweiger Residenzschlosses. Der Konserven-Unternehmer hatte die für die Weltausstellung 1893 in Chicago gefertigte Skulptur gekauft. Als sein ursprünglicher Plan, ein Triumphtor zu errichten aufgrund des verlorenen Ersten Weltkriegs scheiterte, stellte er sie kurzerhand auf das Dach seines Privathauses. Um sie vor dem Verfall zu retten, wurde sie nun abgebaut. Daneben liegt der Jüdische Friedhof, den Israel Jacobson für die wachsende jüdische Bevölkerung erbaute. Die Schüler seiner Schule bekamen angeblich ein Grab oben auf dem Hügel, so dass sie ihre Schule unten im Ort immer im Blick hatten – ich bezweifle, ob das für alle ein so erstrebenswertes Ziel war …

Altstadt

In der Altstadt begegnet uns wieder der Instrumentenbauer Steinway. Doch sein Haus, in dem er die ersten Klaviere angeblich in der Waschküche fertigte, steht nicht mehr, es musste bei einer Begradigung der Straße weichen. Jetzt werden die Fahrten zwischen den Sehenswürdigkeiten kürzer, dafür sind die Straßen belebter und kurviger. Wir halten am St.-Vitus-Turm, einem Überbleibsel der alten Vitus-Kirche. Schon Anfang des 18. Jahrhunderts, als die St.-Andreas-Kirche erbaut worden war, hatte die kleine Kirche an Bedeutung verloren. Als schließlich – so sagt es jedenfalls die Legende – ein Blitz nicht nur die Kirche stark beschädigte, sondern auch vier Gemeindemitglieder während des Gottesdienstes erschlug, wollte sie niemand mehr nutzen. Das Kirchenschiff verfiel, nur der trutzige Turm blieb stehen, er war so massiv gebaut, dass es nicht gelang, ihn abzureißen.

Hinter uns liegt die Alte Schreibstube, eines der ältesten Gebäude in Seesen. Bereits um 1670 wurde es als Schulgebäude errichtet, vermutlich stand hier aber schon vorher eine Schule, die durch einen der zahlreichen Stadtbrände zerstört worden war. Wie damals üblich bot es nicht nur Platz für mehrere Klassenräume, sondern auch für die Wohnung des Lehrers.

Nächster Halt: Burg Sehusa. Wie eine Verteidigungsanlage sieht sie nicht aus, wurde sie doch seit 1282 mehrmals umgebaut. Doch die Wände im Erdgeschoss mit einer Stärke von fast 3 Metern zeugen von ihrer einstigen Funktion. Heute ist das frühere Wahrzeichen der Stadt Sitz des Amtsgerichts. Wie schade, dass man es daher nicht besichtigen kann.

Wunderbarer Blick über Seesen.

Wunderbarer Blick über Seesen – Foto: Meike Buck

Städtisches Museum

Im Park der Generationen tummeln sich viele Kinder auf der Wiese, spielen Fußball, Familien picknicken, junge Paare sitzen in der Sonne. Der idyllisch gelegene See ist einer der Namensgeber für den Ort am Harzrand: Seehausen/Seehuson/Seesen. Vor dem Städtischen Museum, dem ehemaligen Jagdschloss des Braunschweiger Herzogs Rudolf August, parken wir unsere Segways. Hier ist der erste Flügel ausgestellt, den Steinway in New York baute – das Gegenstück, das letzte in Seesen gefertigte Instrument, steht in
New York im Metropolitan Museum of Modern Art. Das Holz glänzt edel poliert, doch gespielt werden darf er nicht mehr. Denn im Gegensatz zu den späteren Flügeln sind seine Saiten noch auf einen Holzrahmen gespannt, was mit enormen Lasten für das Material verbunden ist. Die Erfindung des Stahlrahmens zum Aufspannen der Saiten ist einer der Gründe für den großen Erfolg des Seesener Instrumentenbauers. Auch heute schwören viele weltbekannte Pianisten auf Flügel und Klaviere der Marke Steinway & Sons.

St. Andreas-Kirche und Ratskeller

Schon routiniert besteigen wir wieder unsere zweirädrigen Gefährte und rollen weiter. Ziel ist die Andreas-Kirche, die Herzog Rudolf August als Hof- und Schlosskirche errichten ließ und dann der Stadt schenkte. Dass sein Baumeister eigentlich Verteidigungsanlagen entwarf, kann man deutlich erkennen. Wir erfahren, dass dort wegen der guten Akustik regelmäßig erstklassige Konzerte stattfinden. Auf der anderen Straßenseite liegt der Ratskeller. Hier durften die Bürger, die das Braurecht besaßen, ihr Bier brauen. Als das ursprünglich daneben stehende Rathaus 1673 durch einen Brand zerstört wurde, zogen die Ratsherren kurzerhand pragmatisch gleich ganz in das Brauhaus um.

Zwischendurch immer wieder Stopps zum Erklären der Stadtgeschichte.

Zwischendurch immer wieder Stopps zum Erklären der Stadtgeschichte – Foto: Meike Buck

Wilhelm Busch zum Schluss

Noch einmal umrunden wir die St.-Andreas-Kirche und machen einen letzten Stopp bei Wilhelm Busch. Die Plastik vor dem Rathaus erinnert an den Dichter und Zeichner, der 1908 in dem Seesener Ortsteil Mechtshausen verstarb. In dem ehemaligen Pfarrhaus, in dem er zuletzt lebte, ist ein Museum eingerichtet, in dem man seine Wohn- und Arbeitsräume besichtigen kann. „Hier ruhen meine Gebeine, ich wünschte, es wären Deine“, auch bei der Wahl des Spruches für seinen Grabstein bewies der geistige Vater von Max und Moritz und vieler anderer Figuren Humor.

Als nach rund zwei Stunden wieder der Jacobson-Platz in Sicht kommt, bin ich trotz anfänglicher Skepsis ob des Fortbewegungsmittels fast ein wenig traurig. Ordentlich parken wir unsere Gefährte wieder. Es war eine äußerst kurzweilige Zeit mit einer gelungenen Mischung aus Information und Fahrspaß. Um eine Erfahrung auf dem Segway reicher und einigem spannendem Wissen über Seesen trete ich die Heimfahrt an.

Und zum Schluss ein Wilhelm Busch ...

Und zum Schluss ein Wilhelm Busch … – Foto: Meike Buck

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