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Stadionfunk – die Eintracht Braunschweig-Kolumne: Ihr werdet von uns hören oder auch nicht …

  • Datum: 01.10.2018
Foto von Kay Rohn und Malte Schumacher
Kay Rohn und Malte Schumacher
Alle Beiträge (19)

Am Dienstag war der 1. FC Kaiserslautern zu Gast im Eintracht-Stadion. Ein Spiel, zwei Perspektiven. Unsere Regionäre Kay Rohn und Malte Schumacher berichten.

Malte Schumacher:

Mittelbeschaffung und Projektplanung

Bis um 11.00 Uhr am Spieltag habe ich noch gedacht, mein Textbeitrag zum Kaiserslautern-Spiel wird sehr speziell … Denn in meinem Kalender steht seit Mitte Mai: „25. September, 18.00 bis 21.00 Uhr: Mittelbeschaffung und Projektplanung – oder wie gewinne ich finanzielle Unterstützer für meine Ideen? Referent: Malte Schumacher (Philanthropie-Berater, spezialisiert auf Non-Profit-Management und Engagementberatung); Ort: Peine, Kreismuseum Peine; Veranstalter: Servicestelle Kultur Landkreis Peine, Anna-Lisa Bister.“ Ich sah mich also mit Schal und Trikot vor 35 Besuchern im Peiner Mischland rumturnen, während mein Smartphone eine blau-gelbe Bude nach der anderen meldet …

Unverhofft kommt oft

Heute morgen aber habe ich (ob ich wohl eine Vorahnung hatte?) Frau Bister noch einmal angemailt, um ihr meine ungefähre Ankunftszeit mitzuteilen. Und zack, habe ich eine automatische „Abwesenheits-Mail“ als Antwort: „Meine Mails werden momentan krankheitsbedingt nur sporadisch gelesen. Bei dringenden Angelegenheiten wenden Sie sich an meine Kollegin Frau Buchal.“ Und ob das dringend ist … Über Frau Buchals zweiten Satz in unserem sofortigen Telefonat muss ich schmunzeln: „Frau Bister ist krank, die Veranstaltung fällt aus – hat man Sie denn nicht verständigt?“ Nö, hat „man“ nicht. Ist mir nun aber auch egal – ich kann also ins Stadion gehen heute Abend …!

Zwillinge

Dies gefällt mir umso mehr und rettet meinen Tag, da ich schon das letzte Auswärtsspiel in Würzburg nur über die grottige Kicker-App verfolgen konnte … Wir waren Freitag/Samstag mit dem Presseclub Braunschweig nach Münster gefahren, um zu netzwerken und uns weiterzubilden. Die halbgare Performance der Eintracht in Würzburg habe ich erst im Münsteraner Zoo verfolgt, den Schluss dann während einer Schiffs-Tour auf dem Aasee. Highlight unseres Münster Aufenthaltes: Beim Morgen-Kaffee auf dem großartigen Münsteraner Samstags-Markt sagt Kollege Ralf zu mir: „Dahinten, der Typ mit dem orangenen Jacken-Kragen, das ist doch ein Torwart?“ – er will einen Namen von mir, und ich kann liefern: Thorsten Stuckmann, von 2003 bis 2007 Keeper bei der Eintracht. Wir natürlich hin und quatschen – aber denkste: Das ist Michael, der Zwillingsbruder unseres damaligen Keepers …

Wünsche I

Heute also der 19. gegen den 16. – zwei Mannschaften, die noch vor viereinhalb Monaten Zweitligisten waren. Zwei Mannschaften, bei denen nichts so läuft, wie gehofft. Immerhin hat Hofmanns Bude in Würzburg uns noch ein Pünktchen beschert – muss reichen. „Auswärts untentschieden, zu Hause gewinnen“, so die Wunsch-Prognose meines alten Freundes Simmel, den ich auf der Rheingoldstraße treffe. Dein Wort in Gottes Gehörgang, denke ich und schlendere weiter zum Merchandising-Stand. Dort stehen zwei große Kisten gefüllt mit Rest-Ware (Aufstiegs- Shirt 2013 etc.) – alles für zwei Euro. Leider ist keine Strickmütze dabei, meine habe ich nicht gefunden zu Hause.

Kiste mit Bundesligaschals von Eintracht Braunschweig aus dem Jahr 2013

Bundesliga-Schals und -Shirts für zwei Euro … – Foto: Malte Schumacher

Wünsche II

Wunderbar dann die nächste Begegung auf der Rheingoldstraße: Erst laufe ich in Carsten rein, einen meiner Lieblings-Ex-Kollegen, Direktor in der Volksbank BraWo. „Das wird ein schmutziges 2:1 für uns“, ist er sich sicher. Dann kommt ein echtes Kurvenpaar auf uns zu, und er ist fest davon überzeugt, dass wir (Zitat) „1:0 gewinnen, durch ein Eigentor des gegnerischen Torwartes in der 95. Minute“. Alter Schwede, was hast du denn genommen, denke ich – da stehen die drei schon zum Gruppenbild vor mir. Das liebe ich am Fußball und am Stadion-Erlebnis: Jeder fachsimpelt mit jedem, kaum einer hat Berührungsängste – auch der Bankdirektor nicht.

Fanhochschule

Im Stadion selber treffe ich Jörg vom Fanprojekt der Eintracht, auch wir kennen uns schon lange. Er nimmt mich mit zu der 10. Klasse vom Wilhelm Gymnasium
Braunschweig, die heute zu Gast ist im Rahmen des Projektes „FanHochschule // Lernort Stadion“. Die jungen Teilnehmer setzen sich dabei mit gesellschaftspolitischen Fragestellungen auseinander und stärken ihre sozialen Kompetenzen. Das scheint ein unkompliziertes Miteinander zu sein – die jungen
Leute sind gut drauf und albern gern mit mir rum. Als ich jedoch nach Ergebis-Tipps frage, geht es nur noch wild durcheinander, da bleibt nichts hängen bei mir …

Im Block

Klar, dienstags 19.00 Uhr ist für Arbeitnehmer mal wieder eine fiese Anstoßzeit. Wir müssen also eigentlich nicht wie sonst immer 60 Minuten vor Anpfiff oben sein – da ist noch nicht viel los. Ich aber bestehe auf unser Ritual, sonst geht noch etwas schief … Und zu erzählen gibt es immer was – und sei es auch nur der Austausch von gefühlten oder echten Statistiken. Macht Zuck heute eine Bude für Lautern – weil ehemalige Spieler gegen uns ja immer treffen? Gefühlte Statistik. Der Schiri hat uns schon zweimal gepfiffen bisher: einmal Unentschieden einmal Niederlage – also heute Sieg. Gewünschte Statistik …

20 Minuten Ruhe

Und natürlich ist der 20-minütige Stimmungs-Verzicht der Ultras ein Thema bei uns. In der momentanen Situation ist das blöd – die Mannschaft braucht uns als 12. Mann auf dem Weg zum wichtigen Dreier in diesem Sechs-Punkte-Spiel … Auf der anderen Seite ist der Dialog zwischen Fans und DFB/DFL ja in der Tat Mist gewesen, und wir sind uns einig, dass ein so maroder Verein wie der DFB Gegenwind braucht. Aber ausgerechnet hier und heute?

Protest

Als die Einlaufkinder vor unserem Block das Feld verlassen, wird noch überall gesungen – aber mit Spielbeginn ist tasächlich im ganzen Laden Ruhe, auch die mitgereisten Lauterer machen mit. Beide Fangruppen zeigen erst Transparente, dann Papp-Sprechblasen. Ich versuche, die Jungs und Mädels um mich herum zum Singen zu animieren – klappt nicht. Klingt dann doch zu dünn. Komische Stimmung, blödes Gefühl. Unsere Aufstellung ist ohne Überraschungen, nur der neue Janzer fehlt, er scheint verletzt.

Gegentor

Mitten in dieser so unwirklichen Stadion-Stimmung ballert ein Lauterer auf’s Tor, Mello hebt nur luschig die Hand – und bumm, drin, 0:1. So eine Scheiße. Was war das, wie kam das? Ein schlechter Rückpass auf Mello war wohl der Ausgangspunkt, er kann dann nur ins Seitenaus klären. Einwurf Lautern, unbedrängte
Schussmöglichkeit, Tor. Immer noch Ruhe im ganzen Laden, erst in ein paar Minuten wird wieder Stimmung da sein. Ätzend, das müssen wir und das Team nun aber überstehen.

Endlich Stimmung

Und es ist fast so, als würde die Eintracht endlich zumindest ein wenig Fußball spielen, als die Südkurve wieder ihre Stimme erhebt. Chancen sind da, Hofmann gefällt mir wieder gut. Er ackert und spielt mit Köpfchen, seine Aktionen haben meist Hand und Fuß. Zwar wackelt’s hinten immer mal, zwar ist die Fehlpass-Quote mir zu hoch, zwar mangelt es an richtig dicken Tor-Chancen – aber mein Glaube ist da, dass wir noch vor der Pause den Ausgleich schaffen. Und ja ja ja – Putaro stochert einen rein, kurz vor der Pause! Wir springen, schreien, Bier fliegt. Ausgleich! Endlich. Bulut semmelt noch einen Freistoß über das Tor – Pause.

Halbzeit

Puh, erstmal Bier holen und wegbringen, durchatmen, diskutieren. Was muss sich ändern, wer ist schlecht heute? Sauerland, so heißt es. Warum hält der Trainer fest an Sauerland, der auf seiner Abwehrseite den hyperkariösen Backenzahn gibt und viel zu viel zulässt? Ich zucke mit den Schultern. Keine Alternativen. Ist der Kader stark genug besetzt? Hmm, anscheinend nicht. Becker wäre noch auf der Bank als Alternative … Henrik aber ändert nichts in der Halbzeit, die ersten 11 sollen es richten.

Och Mensch Malte

Und wir kommen gut aus der Pause, Carstens Tipp („ein schmutziges 2:1“) geht mir durch den Kopf. Ist gekauft. Hinten aber wackelt es wieder bedenklich, und nach zehn Minuten klingelt es tatsächlich wieder: überflüssiges Eigentor von Amundsen, direkt vor unseren Augen. Vorausgegangen war dem ein Lauterer Angriff über die kariöse Sauerland-Seite. Ausgerechnet Amundsen, der ja Malte mit Vornamen heißt. Prompt trudelt eine Text-Nachricht von meiner Frau ein: „Och Mensch Malte“ – und sie meint diesmal wirklich nicht mich … Ich könnte kotzen, ich winde mich, ich mag nicht mehr. Ein Sieg erscheint mir unendlich fern. Es wird ruhig bei uns, wir schauen uns apathisch an. Die Witze sind alle, das Bier schmeckt nicht mehr. Das 1:3 fünf Minuten später ist wie ein letzter Schlag in die Magengrube.

Alles kaputt

Jetzt fällt der ganze Laden auseinander, der Spaß ist komplett weg, der Frust bricht sich Bahn. Pfiffe, Wir haben die Schnauze voll, Trainer raus, Vorstand raus, alle raus – das ganze Programm. Die ersten gehen nach Hause, verlassen kopfschüttelnd und schimpfend Block 6. Das 1:4 kurz vor Schluss ist wie ein böswillig motivierter Schnitt mit dem Skalpell: Der Spieler guckt unsere gesamte Abwehr aus, eine Täuschung, ins lange Eck zielen: Treffer. Schlusspfiff, und sofort Alarm: Ein Tor vor Block 9 scheint kurz aufzugehen, die Ordner machen es dicht. „Wir sind Braunschweiger, und Ihr nicht“ – zum ersten Mal seit Jahrzehnten hörte ich Schmähungen gegen die eigene Mannschaft.

Ein junger Otto ganz allein

Der junge Yari Otto geht zunächst als einziger Eintracht-Spieler in Richtung Südkurve und spricht mit den Fans, klettert sogar auf den Zaun. Die aggressive Stimmung beruhigt sich tatsächlich und kippt in Fassungslosigkeit, Ratlosigkeit. Der Trainer scheint nicht zu funktionieren, der Kader erscheint viel zu schwach besetzt. Wo soll da jetzt der Turnaround herkommen, was muss geändert werden? Fußball- Fan sein bedeutet leiden, frei nach Nick Hornby. Ich kann aber langsam nicht mehr, ich brauche jetzt mal eine Leidens-Pause …

Kay-Uwe Rohn:

20 Minuten Kunst

„Ihr werdet von uns hören oder auch nicht“, so die Überschrift zu der Fanaktion am Freitagabend beim Spiel. Installation wird in der Bildenden Kunst ein meist raumgreifendes, ortsgebundenes und oft auch orts- oder situationsbezogenes dreidimensionales Kunstwerk genannt. Südkurve und Gästebereich schweigen 20 Minuten und wollen so ein Zeichen setzen gegen die fortschreitende Kommerzialisierung im Fußball. Die Aktion richtet sich gegen DFB und DFL. Fast wie bei einem Installationskunstwerk agieren beide Fanlager im Stadionrund. Spruchbänder und Sprechblasen tauchen auf, verschwinden wieder. Kurz vor Ende der zwanzig Minuten beginnt ein Wechselschmähgesang zwischen den Fans aus Kaiserslautern und Braunschweig. Während dieser Anfangsphase sind Geräusche wie vom Trainingsplatz zu hören. Hendrik Pedersen treibt sein Team an, klatscht in die Hände und gibt lautstark Anweisungen. Beide Mannschaften sind zu hören, Ruhe herrscht nicht auf dem Platz. Vereinzeltes „Eintracht, Eintracht“-Rufen von den Rängen, aber durchsetzen kann sich das nicht ohne die Vorsänger aus Block 9.

Ihr werdet von uns hören oder nicht

Das passt auch zu dieser Mannschaft. Mir ist nicht klar, wohin der Weg dieser Eintracht gehen wird. Man wird von ihr hören, wenn sie den Turnaround irgendwann schafft oder auch nicht, wenn Mannschaft und Verantwortliche erfolglos auseinanderfallen. In meinem letzten Kommentar hatte ich gemutmaßt, dass wir am zehnten Spieltag im unteren Mittelfeld der Tabelle stehen. Das sehe ich nach dem Spiel gegen Kaiserslautern nicht mehr erreichbar. Es wird ganz schwer werden, die Mannschaft aus dieser Verunsicherung wieder herauszuführen. In den Kommentaren der Fans werden alle „Puzzlesteine Eintracht Braunschweig“ umgedreht und auch schnell verworfen. Spieler, Trainer, Verantwortliche sind alle Schuld und können ihre Sachen packen. So die Meinung im Netz. Aber was ist machbar oder was muss geschehen. Darüber zerbreche ich mir den Kopf.

Experiment Pedersen ist gescheitert

Das Experiment, mit diesem künstlich erzeugten Team ein Spielsystem (Pressing, Ballbesitz, Spiel gestalten) ist gescheitert. Die Schwächen liegen eher bei Ballannahme, Pass oder Abwehrverhalten. Valsvik war bei dem Gegentor in Würzburg etwa 2 Meter von seinem Gegner entfernt, nach einer schlampigen Rückgabe von Burmeister kommt der Kaiserslauterer Kühlwetter an den Ball und kann, ohne groß gestört zu werden, von der linken Strafraumgrenze zum 1:0 abziehen. Engelhardt steht unbeweglich da und regt sich nicht. Die Basics funktionieren einfach nicht. Man beschäftigt sich im Training scheinbar mehr mit Barcelona als mit den Sportfreunden von Lotte. Hendrik Pedersen tut gut daran, die dritte Liga neu zu analysieren. Ob die Spielerqualitäten dann dazu passen, kann ich nicht sagen. Kaum einer aus dem Team hat Drittligaerfahrung. Ich kann weder einen Spieler positiv noch negativ hervorheben. Die Mannschaft ist als ganzes Team regelrecht untergegangen und vorgeführt worden.

Neues Setting, weiterentwickeltes Experiment Pedersen?

Wer soll es richten? Ich nehme an, ein qualitativer Austausch im Trainerbereich ist wirtschaftlich kaum zu rechtfertigen. Also sollten Geschäftsführer und Präsidium intensiv mit Pedersen ins Gespräch kommen und dessen Konzept hinterfragen. Das Präsidium könnte sich sportlich Unterstützung und Rat holen bei D. Kruppke, S. Eickel, T. Rau. Es sollten Ziele gesetzt werden, die auf die bestehenden Defizite Bezug nehmen: Abwehrverhalten, Zweikämpfe, Passquote, zu Null spielen, Laufleistung pro Spieler, u. ä. Und der Trainer muss dabei versuchen ein Team zu formen, von dem man noch hören wird. Also positives Programmieren ist gefordert. Ob das Trainerteam um Hendrik Pedersen das leisten kann, vermag ich nicht zu beurteilen. Ebenso wenig einschätzbar ist weiterhin die Qualität des Kaders. Aber unabhängig davon ist noch genug Zeit, um Veränderungen vorzunehmen, personell und im System.

Team sieht anders aus

Nach dem Schlusspfiff eilen der wutschnaubende Burmeister und Valsvik gleich in den Kabinengang und verschwinden unten in der Kabine. Beide müssen zum Abschlusskreis erst wieder auf den Rasen geholt werden. Gemeinsam gewinnen, gemeinsam verlieren und keiner ist größer als das Team. Da passt einiges nicht zusammen und es sieht nach viel Arbeit aus für den Psychologen Pedersen.

Mir ist aufgefallen: Nie war es schwieriger, über die Eintracht zu schreiben.

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