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Stadionfunk – die Eintracht Braunschweig-Kolumne: Meister Proper braucht noch Zeit …

  • Datum: 01.11.2018
Beleuchtetes Kneipenschild mit der Aufschrift "Echte Liebe"
Foto von Kay Rohn und Malte Schumacher
Kay Rohn und Malte Schumacher
Alle Beiträge (21)

Heimspieldebüt für Löwen-Trainer André Schubert am Freitagabend im Eintracht-Stadion gegen den VfL Osnabrück.  Ein Spiel, zwei Perspektiven. Unsere Regionäre Malte Schumacher und Kay Rohn berichten.

Malte Schumacher

Power-Napping

Für mich ist der Spieltermin am Freitag um 19 Uhr mal wieder perfekt: Mein Tagwerk war um 14 Uhr beendet. Weil es sich dabei um eine Praxis-Werkstatt zum Thema „Fundraising und Projektplanung“ gehandelt hat, mache ich nach dem späten Mittagessen noch ein kleines Power-Napping. Fünf Stunden „Radio Schumacher“ laugen aus und machen müde … Danach aber bin ich fit und bereit: Die München-Pleite vom letzten Samstag habe ich verarbeitet – niemand hat wohl ernsthaft damit gerechnet, dass der neue Trainer Andre „Meister Proper“ Schubert gleich mit einem Sieg startet.

Osnabrück

Auf dem Weg zur Straßenbahn-Haltestelle sehe ich gegenüber vor dem Penta-Hotel den Osnabrücker Mannschaftsbus stehen. Osnabrück – lange hat der Verein keine Rolle mehr gespielt für uns, Eintracht und der VfL hatten sich auseinanderentwickelt. Zuletzt haben wir 2009 gegeneinder gespielt. Damals schoss Dennis Kruppke den Siegtreffer. Über die Familie meiner Mutter hatten wir immer echte Beziehungen zu Osnabrück, meine Eltern haben sich dort sogar im Studium kennengelernt. Lange Jahre hat meine Mutter uns am Wochenende gefragt: „Und wie hat Osnabrück gespielt?“, und mein Bruder und ich haben die Augen verdreht – wen interessiert das denn? Nun aber sind wir wieder in einer Liga – Osnabrück als Tabellenführer, wir als Schlusslicht …

Mannschaftsbus von Osnabrück vor dem Pentahotel

Der Osnabrücker Bus weckt Erinnerungen… – Foto: Malte Schumacher

Gesangs-Bahn

Um kurz nach 17 Uhr ist in der Straßenbahn schon Gesangsstimmung: „Und wenn wir mal am Boden sind, stehʼn wir auf und kommen wieder …“ Bereits hier wird mir klar, dass Andre Schubert wohl einen gewissen Vertrauensvorschuss bekommt von uns allen. Henrik Pedersen konnte außer seinem starken Willen nicht viel vorweisen – Andre Schubert aber kennt die Ligen 1 bis 3 und eben auch die Champions League. Das beeindruckt uns. Als am Affenfelsen Osnabrücker zusteigen wollen, ertönt zum ersten Mal heute der alte Gassenhauer „Kühe, Schweine – Osnabrück!“ – die Herrschaften spazieren lieber zu Fuß die Hamburger Straße hinauf.

Härte

Ich bin gespannt, wie Meister Proper umgehen wird mit den offensichtlichen Defiziten in unserer Mannschaft. 25 Gegentore in 12 Spielen – das ist unterirdisch, hinten stimmt so einiges nicht. Vor dem München-Spiel schon hatte Felix Burmeister in der „Braunschweiger Zeitung“ von dem frischen Wind berichtet, den Schubert reinbringt. Intensives Training, viele Analysen, lange Gespräche – Stabilität soll einkehren bei der Eintracht. Und wohl auch im Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer braucht es einen anderen Grundton: „Hin und wieder hätte Henrik härter sein können, vielleicht sogar müssen“, so Burmeister. Na mal sehen, was davon heute, gegen den Spitzenreiter, zu sehen sein wird.

Internationales FilmFest und Osnabrück

Auf dem Weg in die Südkurve sticht mir die Werbung für ein Ultra-Shirt ins Auge: Meister-Trikot plus Aufkleber für 18,95 Euro … Nee, für ein T-Shirt ist es mir zu kalt, ich besorge mir aber endlich eine neue blau-gelbe Strickmütze. Gegen 18 Uhr habe ich noch ein Date mit Frank Terhorst, einem alten Kollegen und guten Bekannten. Frank ist seit Jahren Pressesprecher bei meinem Lieblings-Kultur-Projekt in der Stadt, dem Internationalen FilmFest. In diesem Jahr gibt es vom 5. bis zum 11. November wieder tagelang großartige Streifen zu sehen, drei bis fünf davon hintereinander habe ich in meinen guten Zeiten geschafft … Frank hat heute gut lachen – ist er doch Osnabrücker. Ich fange ihn und Kaya von New City Media vor dem Eingang zum VIP-Bereich ab – wir plaudern kurz und blödeln viel, Frank tippt 0:1, Kaya 1:1.

Bier im Block

Im Block werde ich dafür gescholten, dass ich nicht Punkt 18 Uhr da war. Bin ich doch sonst der, der die anderen darauf konditioniert. Die Aufstellung kommt, und es wird klar, dass Andre Schubert versucht, vornehmlich die routinierten Spieler in die erste Reihe zu stellen. In der gestrigen BZ hatte er vorgerechnet: „Wir haben 19 Spieler im Kader, die 22 oder jünger sind, wodurch wir mit Abstand den jüngsten Kader der Liga haben.“ Valsvik, Burmeister und Thorsen sind also in der Startelf, Fejzullahu, Franjic und auch Otto bleiben auf der Bank. Die Erwartungshaltung hier bei uns ist eher realistisch-gedämpft. Rein zahlenmäßig sind die Unterschiede so groß, dass kaum einer einen Sieg prognostiziert. Andreas, Clemens, Matze und Jörg bekämpfen dieses diffuse Gefühl mit mehreren Parallel-Bieren …

Gelber Alarm

Die Ultra-Szene musste sich mal wieder von einem ihrer Mitstreiter verabschieden, ein wohl sehr überraschender Tod hat Stenzel aus ihrer Mitte gerissen. Block 8 und 9 gedenken ihm rund um den Anpfiff mit einer Choreo. Danach rollt dann der Ball und sofort wird deutlich, dass irgendetwas anders ist als in den Monaten zuvor. Wir haben Chancen, wir ballern auf’s gegnerische Tor, wir sammeln Ecken. Nach 10 Minuten frage ich Mex neben mir: „Wer sind die Gelben?“. „Dortmund“ ist seine Antwort. Unglaublich, was ein neuer Trainer eben doch bewirken kann.

Ultra-Gedenk-Choreographie

Ultra-Gedenk-Choreographie… – Foto: Malte Schumacher

Slapstick

Eintracht drückt, Eintracht schnürt Osnabrück ein in der ersten Viertelstunde – den Tabellenführer! Irgendwann wird Hofmann auf links geschickt, will den Ball vors Tor auf Bulut bringen – ein Osnabrücker aber stolpert das Ding rein, Eigentor Osnabrück. Nach 17 Minuten! Hurra, Hurra, wir führen mal wieder! Oh wie gut das tut … Dann aber eine Episode aus dem Buch „Du denkst, Du hast schon alles erlebt beim Fußball?“: Kurz nach unserem Führungstreffer fällt der Ausgleich, und das als exakte Kopie des 1:0 … Valsvik lenkt den Ball nach einer scharfen Hereingabe eines Osnabrückers in unser Tor. Kopfschütteln aller Orten, denn zwei Slapstick-Eigentore innerhalb von zwei Minuten hat noch keiner von uns miterlebt …

„Meister Proper putzt so sauber, daß man sich drin spiegeln kann“

Eintracht ist nur ganz kurz benommen durch diesen Rückschlag, bleibt dann aber der neuen Dynamik und Spielstärke treu. Und Andre Schubert mittendrin: Ab der 20. Minute dirigiert er seine Jungs sehr engagiert von der Seitenlinie. Das könnte doch was werden heute, denken wir. Und in der Tat: In der 38. Spielminute fliegen die Becher, Bierdusche galore: Putaro ballert die Pille ins Osnabrücker Tor. Boah, damit jetzt in die Halbzeit gehen – denke ich gerade, da fällt wieder der erneute Ausgleich. Unsere Verteidigung zeigt dabei, warum wir Tabellenletzter sind, Osnabrücks Offensive dagegen demonstriert, warum sie ganz oben stehen. Denn das ist die Quintessenz der ersten Halbzeit: Natürlich siehst du, dass hier der Letzte gegen den Ersten spielt. Da wird Meister Proper noch eine Menge putzen müssen, bis man sich wieder „drin spiegeln kann“ …

Nebel

In der Halbzeit erstmal durchatmen. Volker zeigt auf die Gästekurve: „Da braut sich was zusammen“ … In der Tat: Man kann erkennen, dass mitten im Osnabrücker Block ein „Banner-Dach“ errichtet wurde. Darunter können sich die Pyro-Experten nun vermummen, und ihre Pyros an den Start bringen. Fast mit dem Anpfiff zur zweiten Halbzeit geht’s los: Pyros und sogar Raketen – Penner!

Der Platz ist vernebelt, unser Torwart Kruse ist kaum zu erkennen. Was wir dann aber gerade so wahrnehmen können ist, dass der Schiri nach drei Minuten Elfmeter pfeift für Osnabrück, Fürstner soll wohl gefoult haben. Videobeweis gibt’s in Liga Drei leider nicht – oder doch: Einige um uns herum schauen in ihrer Entertain-TV-App nach und sagen ganz klar: „Das war nix!“. Alvarez macht das 2:3 und alle guten Vorsätze für Halbzeit 2 sind rasch im Pyro-Nebel der Gästekurve versunken … Als derselbe Alvarez ganz kurz danach das 2:4 macht, sind wir wieder da, wo wir gegen Kaiserslautern und Meppen zuletzt auch waren. Schießbude Eintracht Braunschweig – die Abwehr hat keinen Typen, der als Turm in der Schlacht die Übersicht hat und den Laden zusammenhält.

Pyro, Raketen und Nebel in der Gästekurve – Foto: Malte Schumacher

Sophie und Jürgen aus Köln

Hinter uns direkt am Wellenbrecher stehen heute zwei neue Gesichter, die lustigerweise jeden Ultra-Song zweistimmig mitsingen. Ich mag das ja, das bringt mehr Gesangs-Stimmung in unseren Block. Sophie und Jürgen sind Tochter und Vater aus Köln, sie schaffen es ob der langen Anreise nur selten mal zum Heimspiel. Die beiden lassen sich deshalb auch vom 2:4 nicht aus der Ruhe bringen, im Gegenteil. Jürgen stimmt angesichts des unberechtigten Elfers eine ganz alte Kamelle an: „Schiri, wir wissen wo dein Auto steht – du hast keins mehr, du hast keins mehr“ …

Geht noch was?

Die Eintracht bricht jetzt nicht auseinander, Meister Proper scheint es geschafft zu haben, den Glauben der Spieler an ihre eigenen Stärken wieder zu wecken. Das Spiel bleibt also gut und spannend. Zugleich wird auch hier deutlich, dass Osnabrück Spitzenreiter ist: Sie stehen konzentriert und halten unseren Druck aus – sie werden sich die Butter nicht mehr komplett vom Brot nehmen lassen … Wir fragen uns, wen Andre Schubert von der Bank bringen könnte, um noch auf Tore zu gehen. Janzer wäre einer, und der kommt dann auch in der 71. Minute für den Torschützen Putaro. Und macht dann zehn Minuten später auch das 3:4. Nun schreien und singen wir nochmal – hilft aber nichts. Der Tabellenletzte verliert zu Hause gegen den Spitzenreiter unglücklich aber erwartbar mit 3:4.

Meister Proper vor Block 9

Und nun? Wieder Pfiffe und Schmähgesänge wie zuletzt so oft? Nein. Das Publikum klatscht, die Fans honorieren den sicht- und spürbaren anderen Auftritt einer Mannschaft, die wieder an sich und ihre Stärken zu glauben scheint. Andre Schubert geht dann irgendwann wie selbstverständlich in die Südkurve zu Block 9 und bedankt sich seinerseits für den Support. Okay, wenn wir Glück haben, wächst da was zusammen, was zusammengehört: Meister Proper und die Eintracht.

Andre Schubert nach dem Schlusspfiff in der Südkurve

Andre Schubert nach dem Schlusspfiff in der Südkurve – Foto: Malte Schumacher


Echte Liebe

Kay-Uwe Rohn

3:4, Sieben Tore, ein Elfmeter, zwei Eigentore

Das ist eigentlich alles, was ein begeisterndes Fußballspiel braucht. Wahrscheinlich könnte man das Spiel in einer anderen Tabellensituation auch besser verkraften und abhaken. Nur kann ich dieses Mal nicht von einem guten Spiel sprechen. Die Gegentore eins und zwei dürfen so nicht fallen. Das Abwehrverhalten ist einfach nicht drittligatauglich. Die Fehler, die dort den Spielern unterlaufen, sind meines Erachtens nicht das Ergebnis einer mentalen Schwäche aufgrund der schlechten Ergebnisse bisher. Vielmehr fehlt es an standardisierten Abläufen der Verteidiger. Auch nach diesem Spiel fordere ich unsere Mannschaft auf, einmal ein Spiel „nur“ zu Null zu spielen. Mit dieser Vorgabe kann ich noch klarer die Ziele in den einzelnen Mannschaftsteilen aufstellen und die Spieler können sich fokussieren.

Echte Liebe

„Echte Liebe ist eine tief empfundene Liebe, die Höhen und Tiefen, Glück und Unglück, Gesundheit und Krankheit übersteht. Echte Liebe ist dauerhaft, Liebe um der Liebe willen. Die Sehnsucht nach echter Liebe ist eine tiefe Sehnsucht der meisten Menschen: Inmitten der vielen Veränderungen sucht man etwas, was fest ist, was Halt gibt, worauf man bauen kann. Echte Liebe ist wahre Liebe.“ (Eintrag unter Yogawiki). Ich bin mit Helge zum Spiel verabredet. Er ist zugezogener Kommunalpolitiker und wir tauschen uns vor dem Spiel beim Essen aus. Kennengelernt haben wir uns auf der 50-Jahr-Meisterfeier in der Stadthalle. Ihm erzähle ich, dass ich 1967 dabei war.

Mit diesem Erlebnis kann man sich oder will man sich auch keinen anderen Verein aussuchen. Den sucht man sich nicht aus, in so einen Verein wird man hineingeboren. Und das Schild an der Getränkeausgabe Rheingoldstraße, der Eintracht-Fanmeile, strahlt den Begriff in blau-gelb eindrucksvoll in den Abendhimmel: „Echte Liebe“. Die Hoffnung, diese Seins- und Schaffenskrise unseres Vereins zu überstehen, ist der Strohhalm, an den sich alle klammern.

Fanartikel von Eintracht Braunschweig

Am Wochenende vom 02. bis 04. November großer Fanartikel-Lagerverkauf im Eintracht Stadion – Foto: Kay Rohn

Fragen

Wird es besser? Ist es schon besser geworden? Wann punktet die Mannschaft? Ist die Qualität des Kaders ausreichend? Welche Veränderungen müssen die Konsequenzen aus dieser Krise sein? Was ist wichtiger, ein neuer Sportdirektor oder ein neuer Spieler (bei beiden gibt es keine Gütegarantie)?

Wir werden schön und stark geredet

Auf der Pressekonferenz bescheinigt wieder ein Gästetrainer, dass wir sehr gut gespielt haben und man sich in der Rückrunde sicher punktemäßig in einer Region wiedertreffen wird. Das Schema kommt mir zu bekannt vor, als dass ich darauf hereinfalle. Seit anderthalb Jahren geht das jetzt schon so. Wir werden immer stark geredet und unmerklich immer weiter nach unten durchgereicht. Die Verantwortlichen müssen Klartext reden und positiv kritisieren. Meine Meinung dazu: Auf der rechten Seite müssen wir eine Lösung finden, im Mittelfeld brauchen wir einen guten Allrounder mit hoher Laufbereitschaft und im Angriff fehlt mir ein Stürmer mit Willen zum Tor.

Echte Liebe

Aber vielleicht war das Spiel ja doch viel besser und ich sehe es nur durch die Novemberbrille. Wenn ich durch die „Echte-Liebe-Brille“ sehe, habe ich ein mitreißendes Fußballspiel gesehen. Gerade in der ersten Hälfte lief der Ball über viele Stationen, der Gegner wurde reihenweise schwindelig gespielt und Torchancen waren schon nicht mehr zählbar. Irgendwann zeigte die Anzeigetafel: 8:0 Ecken für die Eintracht. Drückende Überlegenheit, wie lange nicht mehr. Im Mittelfeld dirigierte Stephan Fürstner die Eintracht. Ja wenn nicht diese Blackouts gewesen wären. Diese Sekunden, in denen keine Zuordnung da ist. Keiner ist da, der Verantwortung übernimmt. In diesen Sekunden habe ich jedes Mal das Gefühl, alle schauen nur zu. Und vier Tore aus gefühlt insgesamt vier Angriffen sagt viel über unser Spiel und unsere Mannschaft. Da muss einfach viel mehr kommen, bei aller Liebe.

Mir ist aufgefallen: Echte Liebe kann auch rosten.

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