Gurbet Cakil ist Leiterin der Autobahnmeisterei Braunschweig-Hafen. Beate Ziehres

Frauenpower auf der Autobahn
5 Fragen an Gurbet Cakil

Sie ist der Boss in einem vermeintlich von Männern dominierten Betrieb. Autorin Beate Ziehres spricht mit Gurbet Cakil über Frauen in technischen Berufen, die Arbeit im Straßenbau und ein Frauennetzwerk, in dem nicht gehäkelt wird. Und stellt am Ende fest, dass Frauenpower in großen Infrastrukturprojekten gerne gesehen ist.

Zum Interviewtermin mit Gurbet Cakil komme ich zu spät. Stau auf der A2 wegen Bauarbeiten. Erst später dämmert mir, dass es überflüssig war, die Verspätung telefonisch von unterwegs anzukündigen. Gurbet Cakil wusste genau, wie lang der Stau ist und mit welcher Verzögerung zu rechnen ist. Schließlich hat sie ihn gemeinsam mit ihren „Jungs“ – Männern und Frauen in orangefarbenen Anzügen – verursacht. Gurbet Cakil ist Leiterin der Autobahnmeisterei Braunschweig-Hafen und in vorderster Reihe dabei, wenn es zwischen der Landesgrenze zu Sachsen-Anhalt und Lehrte-Ost irgendwie „brennt“.

Wenn sich, wie im Dezember geschehen, die breiten Risse im Fahrbahnbelag erweitern, muss die Diplombauingenieurin tätig werden. Gefahr für Gesundheit und Leben der Verkehrsteilnehmer ist im Verzug. Sie wählt die Reparaturmethode aus, plant gemeinsam mit ihrem insgesamt 40-köpfigen Team den Ablauf der Arbeiten und legt den idealen Zeitpunkt fest.

“Den Boss raushängen zu lassen” ist nicht ihr Stil

Seit neun Jahren ist Gurbet Cakil Leiterin der Autobahnmeisterei im Braunschweiger Nordwesten. In dieser Zeit hat sie sich ein vertrauensvolles, wertschätzendes, aber auch respektvolles Miteinander erarbeitet. Ihre Mitarbeiter/-innen hätten nichts dagegen, dass sie sie „Jungs“ nennt, sagt sie, im Gegenteil. 

Die Chefin wirft sich selbst in den orangenen Arbeitsanzug, lässt sich die Bedienung von Maschinen erklären, packt mit an und greift ein, wenn ihr etwas nicht gefällt. Sie kann auch eine ordentliche Standpauke halten, wenn sie es für nötig erachtet. Wenn das Team morgens kommt, ist Gurbet Cakil schon da und hat bereits einen Plan im Kopf. Sollte sie ausnahmsweise um 6.45 Uhr nicht da sein, fangen die Mitarbeiter an, sich Sorgen zu machen. Dass sie abends das Licht ausknipst, versteht sich für die Leiterin der Autobahnmeisterei Hafen von selbst.

Nach dem Fachabitur studierte Gurbet Cakil Bauingenieurwesen mit Schwerpunkt Tief- und Straßenbau in Suderburg. Der damalige Fachbereich Bauingenieurwesen der Universität Lüneburg ist heute Bestandteil der Ostfalia und nennt sich Campus Suderburg. 2009 schließt sie ihr Studium mit einer 1,0-Diplomarbeit ab. Ihr Vater kommt selbst vom Bau und hätte sie sehr gerne als Ärztin oder im Finanzbereich gesehen, erinnert sich Gurbet Cakil im Gespräch. Die Tochter war auch nicht abgeneigt, stellte aber während eines Praktikums schnell fest: Blutabnehmen ist nicht ihr Ding.

Beim Landkreis Peine gewinnt sie als Berufsanfängerin erste Einblicke in die Arbeit einer Straßenmeisterei. Und lernt: 

„Das sind die Männer in Orange, mit denen komme ich klar.“

Gurbet Cakil

Als das ihr zugewiesene Bauprojekt abgeschlossen ist, wechselt sie zum Land Niedersachsen, wo sie die Autobahnmeistereien hinsichtlich der Unterhaltungsverträge und Baumaßnahmen betreut. Nach einem Dreivierteljahr übernimmt sie die Leitung der Autobahnmeisterei Braunschweig-Hafen – eine Stelle, die lange vakant beziehungsweise von häufigen Wechseln geprägt war. Führungserfahrung hat sie zu dieser Zeit nicht, gut gemeinte Ratschläge wie „den Boss raushängen zu lassen“ schlägt sie in den Wind.

Gurbet Cakil, Leiterin der Autobahnmeisterei Braunschweig-Hafen Beate Ziehres
Liebt den Job in "ihrer" Autobahnmeisterei: Gurbet Cakil.

Fünf Fragen an Gurbet Cakil

Frau Cakil, was hat Ihr Interesse am Studiengang Bauingenieurwesen geweckt und warum haben Sie sich auf die Stelle als Leiterin der Autobahnmeisterei beworben?

Gurbet Cakil: Als ältestes von fünf Kindern habe ich meinem Papa schon immer viel geholfen. Da hat es keine Rolle gespielt, dass ich ein Mädchen bin. Während der Schulzeit hatte ich dann ganz viele Ideen, was ich werden könnte. Aber früher oder später habe ich alle verworfen. Dann wollte ich Architektin werden. Einer meiner Lehrer in der Fachoberschule hat mir stattdessen zu Ingenieurwesen geraten. Ich hörte was von Brücken, Stahlbau und Beton und war begeistert! Mein Papa weniger. Er dachte an die fünf Kinder, die er alleine finanziell zu versorgen hatte und sagte mir, ich müsse nebenbei Geld verdienen. 'Und keine Spielereien', sagte er noch. Dafür sei die Zeit zu kostbar. Aber hey, ich wusste schon immer, dass ich Verantwortung übernehmen muss. Heute haben wir ein gemeinsames Gesprächsthema: unsere Baustellen. Und er ist ein bisschen stolz darauf, dass ich gewissermaßen 40 Mann unter mir habe.

Ja, wie bin ich hierher gekommen. Das war ganz witzig. Als ich neu beim Land Niedersachsen war, bereiste mein damaliger Chef mit mir alle Straßenmeistereien und Autobahnmeistereien in unserer Zuständigkeit. Die letzte war Braunschweig-Hafen. Das war die absolute Krönung: ganz neu gebaut, alles da, was das Betriebsdienstherz begehrt! Ich dachte so: Mein Gott, ist das cool! Dann bin ich wieder meiner Arbeit nachgegangen. Bis mein Chef mich fragte: 'Mensch, Frau Cakil, warum bewerben Sie sich denn nicht auf die Position als Leiterin von Braunschweig-Hafen?' Naja, ich hatte gedacht, dass mir noch Erfahrung fehlt, aber habe mich dann doch beworben. Und am Ende gegen sechs Mitbewerber durchgesetzt.

Mit welcher Motivation kommen Sie morgens zur Arbeit?

Ich mag meinen Job, wenn ich ihn so machen darf, wie ich will. Im Grunde bin ich hier ziemlich frei, kann meinen Tag selbst gestalten. Man könnte sagen, ich bin motiviert, weil ich diesen Job so gerne mag. Jeden Tag komme ich 'in meinen Laden' und arbeite so, als würde mir der Betrieb gehören – was natürlich nicht der Fall ist. Ich nehme die Arbeit ernst, ohne verbissen zu sein. Aber ich bin auch eine strenge Chefin. Beispielsweise achte ich sehr darauf, dass vernünftig mit der Technik umgegangen wird. Meine Mitarbeiter sehen, dass ich das, was ich sage, auch meine und dass ich es lebe. Das kommt bei ihnen an und motiviert mich natürlich auch.

Gurbet Cakil ist Leiterin der Autobahnmeisterei Braunschweig-Hafen. Beate Ziehres
Gurbet Cakil ist Leiterin der Autobahnmeisterei Braunschweig-Hafen.

Würden Sie Schulabgängerinnen dazu raten, ein technisches Studium aufzunehmen?

Ich kann jedem nur raten, einfach zu machen, worauf sie oder er Lust hat. Ich habe nie darüber nachgedacht, ob mein Beruf in mein Konzept als Frau passt. Wenn ich herausgefunden hätte, dass er nicht zu mir passt, hätte ich was anderes gemacht – egal, ob es ein sogenannter Frauen- oder ein Männerjob ist. Es gab diese Diskussion allerdings auch in meiner Erziehung nicht. Ich musste immer mit anpacken, egal, um was es ging.

Im Studium haben die Jungs gerne von der Seite gesagt, 'naja, mal sehen, wie lange du das hier aushältst'. Das habe ich an mir vorbeiziehen lassen. Ich weiß, dass es nicht einfach ist, solche Bemerkungen zu ignorieren. Es werden einem Steine in den Weg gelegt. Aber wenn man den Job gerne machen will, soll man ihn machen. Ich habe hier auch Straßenwärterinnen, die können den Job genauso, wie ihn Männer auch können. Frau oder Mann – das spielt hier überhaupt keine Rolle.

“Ich mag es nicht, wenn Themen schwierig geredet werden. Geh einfach rein, bewerbe dich, fertig!”

Gurbet Cakil

Es mag von der Natur vorgegeben sein, dass Frauen nicht so viele Muskeln haben wie Männer. Das gehört zur Menschheitsgeschichte dazu. Aber: Wir arbeiten ja mit Maschinen, und die müssen nicht zur Baustelle getragen werden. Das ist alles zu bewerkstelligen. Deshalb mein Tipp: Gucke nicht erst, was schwierig sein könnte, sondern gucke, was du möchtest.

Wenn es um das Thema Führung und Respekt geht, bin ich froh, dass ich mir instinktiv selbst treu geblieben bin. Als ich hier angefangen habe, habe ich mit jedem Einzelnen ein Gespräch geführt und vor allem erst einmal angehört, was jeder auf dem Herzen hatte. Die Mitarbeiter haben sich gefreut, dass ihnen endlich mal jemand zuhört. Außerdem duze ich mich hier mit niemanden. Das hat mir gleich zu Anfang unheimlich geholfen, eine gewisse Distanz und Respekt aufzubauen. Anders wäre es teilweise schwierig geworden, mich durchzusetzen. Es wird immer gerne diskutiert hier.

Netzwerke im Berufsleben einer Autobahnmeisterin

Welche Rolle spielen Netzwerke in Ihrem Berufsleben?

Eigentlich konnte ich, bis ich zur Autobahn GmbH gekommen bin, mit Netzwerken nichts anfangen. Inzwischen lerne ich durch Vertragspartner – meist die Auftragnehmer – viele Leute kennen. Da spricht man auch mal über Dinge, die nicht unbedingt mit dem Vertrag zu tun haben. Jemand erzählt von einer interessanten Schulung oder ein Auftragnehmer ruft an und bittet um Hilfe bei einem Problem. Für mich ist es ein offener Austausch.

Bei der Autobahn gibt es aber tatsächlich ein Frauennetzwerk, das alle meine Vorurteile gegenüber Frauennetzwerken widerlegt hat. Hier erweitert man seinen Bekanntenkreis, kann interessante Persönlichkeiten auf Augenhöhe kennenlernen und kommt einfach ins Gespräch. Netzwerk bedeutet für mich auch, dass es keine Konkurrenz gibt. Ich netzwerke nicht, um meine Karriere anzutreiben, sondern mich gedanklich anzutreiben.

Für mich gehört auch der alljährliche Zukunftstag, an dem wir uns immer beteiligen, zum Netzwerken. Darüber konnte ich sogar schon Auszubildende gewinnen.
 

Wie intensiv kümmern Sie sich um Netzwerke?

Ich bin nicht die aktive Netzwerkerin. Es muss für mich zeitlich, inhaltlich und auch persönlich passen. Im Grunde netzwerke ich zu den Themen, die mir wichtig sind. Wenn ich mich entscheide, ein Netzwerk zu unterstützen, möchte ich auch etwas dazu beitragen. Dann bekommt dieses Netzwerk meine ganze Aufmerksamkeit. Halbherzigkeit ist nicht mein Stil, auch nicht beim Netzwerken.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Cakil!