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„Das ist mein Antrieb" - 5 Menschen in sozialen Berufen aus unserer Region

Eine dunkelhaarige Frau in einem Kinder-Spielbereich. (Bildrechte: Torben Dietrich)

Sie sind Sozialarbeiter für Familien, Krankenschwestern oder helfen, junge Menschen für die Demokratie zu begeistern: Tausende Bürger aus unserer Region arbeiten in sozialen Berufen. Ihr Arbeitsalltag ist manchmal herausfordernd, oft aber auch sehr beglückend. Wir stellen fünf von Ihnen vor.

Axel Klingenberg, Projektkoordinator bei der Freiwilligenagentur Jugend Soziales Sport e.V. in Wolfenbüttel

„Mich hat der Zufall zu meinem Job gebracht. Eigentlich bin ich Schriftsteller und gab bei der Freiwilligenagentur einen Kurs zum kreativen Schreiben.
Aber als ich 2016 gefragt wurde, ob ich nicht beruflich einsteigen und ein Projekt zur Flüchtlingshilfe betreuen könne, habe ich das getan.
Zunächst war das eine große Umstellung: Es war ja etwas völlig anderes, mit Menschen zu arbeiten. Die Arbeit dort hat mich stark geprägt: Die Perspektiven und Geschichten der Flüchtlinge, das war natürlich völlig neu.

Fünf Akteure im Umfeld der Freiwilligenagentur Jugend-Soziales-Sport e.V. in Wolfenbüttel.
Stadtjugendring-Vorsitzender Leon Bischoff, Projektmitarbeiter Axel Klingenberg, Bundestagsabgeordneter Victor Perli, sowie Besnik Salihi und Max Seeger von der Freiwilligenagentur Jugend-Soziales-Sport e.V. in Wolfenbüttel. (Foto: Freiwilligenagentur Jugend-Soziales-Sport e.V.)

„Eigentlich bin ich Schriftsteller. Dieser Job ist völlig anders."

Axel Klingenberg

Momentan arbeite ich im Zusammenhang mit dem Projekt „Demokratie leben“. Wir organisieren im September zusammen mit dem Landkreis Wolfenbüttel die „Demokratiekonferenz“. Das ist relativ viel Verwaltungs- und Planungsarbeit, aber sehr wichtig und sinnvoll: Es geht darum, Initiativen, Vereine oder politische Akteure bei ihrem Engagement gegen Diskriminierung und Rechtsextremismus zu unterstützen.
Am Ende geht es auch darum, möglichst viele Menschen für die Demokratie zu gewinnen, selbst wenn man nicht immer die gleiche Meinung teilt.
Oder vielleicht auch: Gerade dann!"

Susanne Reinecke, Gruppenleiterin im Lebenshilfe Kindergarten Braunschweig

„Ich wollte eigentlich von kleinauf Lehrerin werden. Weil mein Vater aber in der ehemaligen DDR kein SED-Parteimitglied war, blieb mir dieser Weg versperrt. Als Ersatzlösung besuchte ich die Fachschule für Kindergärtnerinnen und machte später noch eine Heilpädagogische Ausbildung. Was ein großes Glück war! Die Arbeit mit kleinen Kindern ist für mich absolut bereichernd, ich freue mich jeden Morgen auf die Freude der Kinder! Mir macht es Freude, Wissen zu vermitteln und zu sehen, wie sie sich immer weiter entwickeln. Und wenn es mir mal nicht so gut geht, lassen die Kinder mich das ganz schnell vergessen. Schlechte Laune oder Traurigkeit gebe ich praktisch an der Tür ab.

 

Eine Frau steht im Außengelände eines Kindergartens.
Susanne Reinecke ist Erzieherin im Braunschweiger Lebenshilfe-Kindergarten. Sie leitet die integrative Gruppe, in der behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam den Kindergartentag verbringen können. (Foto: Torben Dietrich)

„Schlechte Laune oder Traurigkeit gebe ich praktisch an der Tür ab.“

Susanne Reinecke, Gruppenleiterin im Lebenshilfe-Kindergarten Braunschweig

Unsere größte Herausforderung war wohl Corona. Alle Vorgaben einzuhalten und trotzdem eine Betreuung anzubieten, war extrem schwierig. Die Arbeit mit behinderten Kindern dagegen unterscheidet sich meist gar nicht von der, die ich mit anderen Kindern habe: Sie brauchen eben nur mehr Anleitung und Zuwendung in allen Bereichen. Und die schönsten Momente sind sowieso universell: Wenn ich mit den Kindern zusammen lache, wenn ich ihnen ganz gemütlich auf dem Sofa vorlese oder einfach, wenn die Vertrautheit wächst, also wenn sie einen Satz anfangen mit „Du, Susanne,…“.  

Caroline Ross, Krankenschwester im Marienstift-Krankenhaus, Braunschweig

„Krankenschwester wollte ich schon immer werden. Das war mein Ziel, das ich seit 21 Jahren im Krankenhaus Marienstift verwirklichen kann. Ich bin in diesem Beruf gewachsen und erwachsen geworden. Hier bin ich „Schwester Caro“ für alle: Ich kann lachen, weinen, klagen, zweifeln und vertrauen.
Es ist für mich alles wie in einem richtigen Familienleben. Besonders geprägt hat mich der Aufbau der Palliativstation im Marienstift. Ich finde, es ist ein Segen für die Menschen, was Pflege, Ärzte und Medizin in diesem ganzheitlichen und umfassenden Konzept leisten.

Astrid Lindgren hat mal gesagt: „Wie schön muss es erst im Himmel sein, wenn er von außen so schön aussieht.“ Ich betreue Menschen auf meiner Station in Krisensituationen, für die der Himmel gerade nicht schön aussieht, er grau ist, es stürmt und in Strömen regnet.
Wieviel Wertschätzung, Dankbarkeit und Anerkennung wir von Patienten und deren Angehörigen bekommen, wenn wir es durch Teamarbeit mit Kollegen und Kolleginnen und den dazugehörigen Berufsgruppen schaffen, dass es nur noch leicht bewölkt ist und vereinzelt sogar die Sonne scheint, dann weiß ich in diesen Momenten, dass ich alles richtig gemacht habe in meiner Berufswahl.

Caroline Ross ist Krankenschwester in der Palliativstation des Marienstift. Hier ist sie „Schwester Caro" für alle.
Caroline Ross ist Krankenschwester in der Palliativstation des Marienstift. Hier ist sie „Schwester Caro" für alle. (Foto: Evangelische Stiftung Neuerkerode/Bernhard Janitschke)

„Es ist hier wie im richtigen Familienleben: Ich kann lachen, weinen, klagen, zweifeln und vertrauen.“

Caroline Ross

Den Mitarbeitenden in Krankenhäusern, stationären Pflegeeinrichtungen, ambulanten Diensten, Rettungsdiensten und sozialen Berufen gebührt aber noch immer eine größere Wertschätzung: gesellschaftlich und finanziell.
Gerade die letzten zwei Jahre haben alle dafür sensibilisiert, was unsere tägliche Arbeit und Verantwortung ausmacht und bedeutet. Und dennoch: Vieles von dem, was wir alle täglich im Schichtdienst an Wochenenden und Feiertagen leisten, ist und bleibt für viele immer noch unvorstellbar."

Liliia Permiakova, Bundesfreiwilligendienst-Leistende im Stadtteilzentrum Awista, Salzgitter

„Mein Impuls ist und war eigentlich schon immer: Ich will helfen - egal, ob Menschen oder Tieren. Und da ich selbst in Salzgitter-Fredenstedt lebe, lag die Entscheidung nahe, meinen Bundesfreiwilligendienst hier im Stadtteilzentrum Awista zu leisten. So kann ich den Menschen auch etwas zurückgeben und mich für sie engagieren. Leider konnten wir wegen Corona nicht so viele persönliche Gespräche führen mit Menschen, die Hilfe brauchen, wir mussten zum Beispiel unsere offenen Sprechstunden einstellen.

So muss ich am Telefon erst einmal herausfinden, wer bei uns der richtige Ansprechpartner ist – und eben Fragen klären: Worum geht es, was für ein Mensch ruft mich gerade an, welche Sprache spricht er…? Denn viele Leute, die hier zu uns kommen, sprechen nur wenig Deutsch oder manchmal auch gar keins.
Immerhin sprechen wir im Awista 16 Sprachen, von persisch bis bulgarisch ist vieles dabei.
Eine andere Herausforderung ist es, mich um die Kinder unserer Klienten zu kümmern, wenn sie hier vor Ort beraten werden. Die Arbeit mit Kindern ist sehr anspruchsvoll, finde ich. Denn man muss vorsichtig sein, was man sagt, man muss ein Vorbild sein. Einige Kinder weinen auch erstmal, wenn ihre Mutter oder ihr Vater allein mit einem Berater ein Gespräch führt. Zum Glück werde ich in der Betreuung oft unterstützt.

Eine dunkelhaarige Frau in einem Kinder-Spielbereich.
Liliia Permiokova engagiert sich im Bundesfreiwilligendienst für das AWISTA-Stadtteilzentrum in Salzgitter-Fredenstedt. Sie würde ihren Dienst dort gerne verlängern und weiterhin den Menschen in ihrem Stadtteil helfen. (Foto: Torben Dietrich)

„Ich würde gerne meinen Bundesfreiwilligendienst hier im Stadtteilzentrum verlängern.“

Liliia Permiakova

Neulich hatten wir eine sehr schöne, aber auch intensive Veranstaltung: Wir hatten Senioren und Flüchtlinge eingeladen, miteinander ins Gespräch zu kommen. Hier gab es viele Senioren, die eine sehr ähnliche Fluchtgeschichte erlebt haben. Es war sehr berührend, die persönlichen Geschichten der Menschen zu hören. Dann gibt es aber auch Situationen, in denen die unterschiedliche Kultur eine Herausforderung darstellt, etwa wenn Männer glauben, dass ihnen mehr Rechte als den Frauen zustehen.
In diesem Zusammenhang würde ich mir wünschen, dass man uns in den Seminaren für BuFdi´s mehr auf solche Situationen und ihre praktische Lösung vorbereitet. Stattdessen geht es dort immer nur um das Thema Toleranz."

Jennie Schmedt-Barnstorf, Standortleiterin in Braunschweig für das Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge Niedersachsen
„Als 2015 eine große Zahl Flüchtlinge nach Deutschland und in unsere Region kam, fiel mir bei meinem früheren Arbeitgeber in Salzgitter schnell auf, dass es darunter viele Menschen gab, die psychisch litten, meist unter der Fluchterfahrung an sich, oft unter den Lebensumständen in ihren Unterkünften. Es fehlte an Hilfsangeboten für diese Leute.

Mit dem Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge in Niedersachsen baute ich zusammen mit engagierten Kolleginnen einen Beratungs- und Unterstützungsstandort in Braunschweig auf. Hier geben wir sozusagen eine „Erste Hilfe": Wir schauen, wo die Person wohnt, ob sie bereits Unterstützung bekommt, erklären erste Hilfsübungen bei psychischen Problemen und unterstützen sie schließlich auch dabei, einen Therapieplatz zu bekommen. Das und noch einiges mehr fassen wir unter dem Begriff „psychosozialer Hilfe" zusammen.   

Drei junge blonde Frauen in schwarzer Kleidung.
Jennie Schmedt-Barnstorf (links), Marthe Osterwolth und Luisa Perdomo Lopez helfen traumatisierten Flüchtlingen, erste und selbstbestimmte Schritte in der neuen Umgebung machen zu können. (Foto: NTFN e.V.)

„Es ist schön zu sehen, dass Dinge sich auch gut entwickeln können."

Jennie Schmedt-Barnstorf

Viele Faktoren können wir aber nicht beeinflussen. Zum Beispiel den Aufenthaltsstatuts unserer Klienten, die Lebensumstände oder das jeweilige Asylverfahren. Dann müssen wir dafür sorgen, dass die Leute sich selbst handlungsfähig fühlen, also zum Beispiel Sprachkurse besuchen und Kontakte aufbauen können. 
Dafür wäre es auch hilfreich, wenn unser Projekt von der Politik finanziell langfristiger getragen würde: Momentan müssen wir uns immer von Jahr zu Jahr hangeln.
Denn oft haben wir auch Erfolg - und es ist jedes Mal schön zu sehen, wenn jemand keine Beratung mehr braucht, dass Dinge sich also auch gut entwickeln können."

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