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Salzgitter im Umbruch: von der Industriestadt zum lebenswerten Ort mit gesundem Mittelstand

Der Salzgittersee aus der Vogelperspektive (Bildrechte: Allianz für die Region GmbH / Andre Kugellis)

Wer denkt bei Salzgitter nicht unmittelbar an Schwerindustrie und Weltkonzerne!? Dabei stellt diese große Industrie nur eine Seite dieser Stadt dar. Salzgitter ist in Bewegung und entwickelt sich ständig weiter.

„Salzgitter ist nicht der Ruhrpott Niedersachsens – rauchende Schornsteine und Industrie- und Gewerbeanlagen stehen für den drittgrößten Industriestandort in Niedersachsen, sind aber eingebettet in Flächen mit Wiesen, Feldern, einem Höhenzug mit viel Wald und attraktiven Freizeitmöglichkeiten“ – so formuliert es Salzgitters Oberbürgermeister Frank Klingebiel passend. Es wäre nämlich völlig falsch, Salzgitter als reine „Arbeitsstadt“ der Großkonzerne zu sehen. Wussten Sie beispielsweise, dass es hier eine Eissporthalle, drei Kinos, wunderschöne Seen und Schlösser gibt? Oder 47 kostenlose Kindertagesstätten? Autofahrer aus anderen Regionen mögen sich die Augen reiben, wenn sie nach Salzgitter kommen – in Salzgitter-Bad gibt es schon seit 2007 keine gebührenpflichtige Parkraumbewirtschaftung mehr: Parken für lau!

Weitere Fun Facts gefällig? Während Aachen Deutschlands männerreichste Stadt ist (58,9 Prozent der Bevölkerung), hat Salzgitter eine sehr ausgewogene „Frauenquote“ – die Einwohnerzahl setzt sich zu 50,1 Prozent aus Frauen und 49,9 Prozent Männern zusammen. Von Jahr zu Jahr nimmt übrigens die Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten kontinuierlich zu: Salzgitter zeigt sich von der Jobflaute, die es vielerorts in Deutschland gibt, unbeeindruckt.

Große Bandbreite – Salzgitter verbindet

Überhaupt ist in Salzgitter viel los: Schon seit dem Jahr 1993 ist die Stadt einer der Standorte der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften. Die im Stadtteil Calbecht ansässige Fakultät befasst sich mit Themen, die nicht nur hier in der Region, sondern weltweit unser Leben beeinflussen. So finden wir hier unter anderem die Studiengänge Transport- und Logistikmanagement, Wirtschaftsingenieurwesen mit der Studienrichtung Verkehrsmanagement, die Studiengänge Tourismusmanagement sowie Medienmanagement und Mediendesign.

Für eine gesunde und sichere Umwelt setzt sich das Bundesamt für Strahlenschutz Salzgitter (BfS) ein – hier geht es um Themen wie Röntgendiagnostik in der Medizin, die Reaktorsicherheit, aber auch den Schutz vor UV-Strahlung oder die Auswirkungen des Mobilfunks auf die menschliche Gesundheit. Die Bundesbehörde des Ministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit beschäftigt deutschlandweit gut 500 Mitarbeiter. Der Dienstleistungssektor wächst ebenfalls: Diverse Banken und Handelsunternehmen haben sich in der jungen Stadt niedergelassen.

Mehr und mehr zieht Salzgitter aber auch mittelständische Betriebe an, die mit intelligenten und innovativen Produkten und Dienstleistungen von sich reden machen. Das Spektrum der in Salzgitter erzeugten Produkte reicht vom pflanzlichen Arzneimittel über Designhelme und Elektrobusse bis hin zu Spezialmaschinen für den Bergbau. Ein paar Beispiele gefällig? Wir stellen sieben mittelständische Unternehmen mit weltweiter Bedeutung vor.

1. Schaper & Brümmer – gesund mit Hilfe der Natur

Bestimmt haben Sie schon einmal eine Tablette aus Salzgitter geschluckt. Denn hier, im Ortsteil Ringelheim, produziert das Familienunternehmen Schaper & Brümmer seit mehr als 95 Jahren pflanzliche Arzneimittel. Die bekanntesten Medikamente heißen Esberitox, Cystinol und Remifemin und helfen gegen Erkältung, Blasenentzündung oder Wechseljahresbeschwerden – um nur einige Beispiele zu nennen. Arzneipflanzen wie Traubensilberkerze, Lebensbaum und Färberhülse liefern die kostbaren Rohstoffe für die Medikamente aus dem Hause Schaper & Brümmer. Das Unternehmen lässt die Pflanzen von speziell autorisierten Vertragsbauern – zum Teil in Deutschland – anbauen. Schon bei der Züchtung achten die Wissenschaftler von Schaper & Brümmer darauf, die wertvollen Inhaltsstoffe in der Pflanze zu stärken.

An der guten Luft hat man oft die besten Ideen: Den Grundstein für das Unternehmen legten der Chemiker und Drogist Erich Schaper und der Kaufmann Albert Brümmer bei einem Spaziergang in der Natur. Damals keimte in den beiden Jungunternehmern die Idee, Naturstoffforschung zu Therapiezwecken zu betreiben. Die erste Produktionsstätte der „Ringelheimer Salbenkocher“ war eine Waschküche. Heute forscht und produziert das mittelständische Unternehmen auf 29.000 Quadratmetern und beschäftigt rund 240 Mitarbeiter. Die Produkte sind weltweit in über 40 Ländern erhältlich; größter Exportmarkt ist China. In Deutschland ist Schaper & Brümmer Marktführer für pflanzliche Arzneimittel bei Wechseljahresbeschwerden.

2. Möhlenhoff – damit das Klima stimmt

Die Möhlenhoff GmbH in Salzgitter-Salder hat sich auf die Entwicklung und Fertigung von Heizungs-, Lüftungs- und Klimatechnik spezialisiert. Mit einer besonders innovativen Lösung für das Smart Home stellt der weltweite Marktführer im Segment der thermischen Stellantriebe seine Zukunftsfähigkeit unter Beweis: Die Technologie von Möhlenhoff macht es möglich, die Temperatur und das Klima in Ihrer Wohnung von unterwegs mit dem Smartphone oder einem Tablet zu regeln.

Das 1951 von Hellmuth Möhlenhoff gegründete Unternehmen beschäftigt heute 180 Mitarbeiter. Mehr als sechs Millionen Antriebe verlassen jährlich die Produktionsstätte – zu 100 Prozent in ihrer Funktion geprüft. Mit modernster Produktionstechnik und einem sinnvollen Maß an Automatisierung will die Möhlenhoff GmbH den Produktionsstandort Salzgitter langfristig stärken. Ausgehend von Salzgitter ist die Möhlenhoff GmbH weltweit aktiv. So werden die Produkte in 60 Länder exportiert.

3. Jens Munser Design – scharf und schnittig

Formel-1-Rennfahrer setzen, wenn es um emotionales Helm-Design geht, auf ein Unternehmen aus Salzgitter. Jens Munser Design, kurz JMD, ist eine der beliebtesten Adressen für Helmlackierungen in der ersten Liga des Motorsports. Die Erfolgsgeschichte von JMD begann im elterlichen Keller des Gründers Jens Munser. Als aktiver Motocross-Fahrer träumte er schon lange vom perfekten Outfit. Selbst ist der Mann: Munser begab sich auf eigene Faust mit einer Airbrush-Pistole auf die Spuren seines Vorbildes Troy Lee, bekannt als Pionier der Helmlackierung.

Damit nicht nur Optik, sondern auch Funktionalität und Komfort des Helmes stimmen, entwickelte Jens Munser ein spezielles Lackierverfahren, mit dem die Lackschicht besonders dünn aufgetragen werden kann. In der Folgezeit perfektionierte der Jungunternehmer sein Handwerk – und die maßgeschneiderten Helme von JMD betraten die internationale Bühne. Die erste Nachfrage aus der Formel 1 kam vom japanischen Rennfahrer Toranosuke Takagi. Nick Heidfeld und die Formel-1-Legende Michael Schumacher folgten. Heute liest sich die Kundenliste von JMD wie das Who’s Who der Formel 1: Ralf Schumacher, Giancarlo Fisichella, Rubens Barrichello, Nico Rosberg, Fernando Alonso und Sebastian Vettel – alle trugen oder tragen individuelle Helme mit Speziallackierungen made in Salzgitter-Calbecht.

Aus dem Keller von damals wurden inzwischen 400 Quadratmeter Büro- und Werkbereich, neun Mitarbeiter stehen Jens Munser mit Rat und Tat zur Seite. Dem JMD-Team vertrauen die Rennställe inzwischen übrigens auch, wenn es um Designs für Druckerzeugnisse oder Aufkleber geht.

4. Sileo – flüsterleise Busse

Sileo, das klingt fast wie „Silence“. Und das ist kein Wunder, denn in Salzgitter-Watenstedt ist mit der Sileo GmbH ein Pionier in der Entwicklung und Herstellung von elektrisch angetriebenen Omnibussen zuhause. Die Produktpalette des Unternehmens umfasst alle Fahrzeuggrößen, die im öffentlichen Nahverkehr üblicherweise zum Einsatz kommen. Mit serienreifen Elektrobussen leistet Sileo zum Beispiel in Aachen, Bonn, Salzgitter und Sylt einen Beitrag zum umweltverträglichen, geräuscharmen und lokal abgasfreien Linienverkehr. Die Fahrzeuge mit vollbatterieelektrischem Antriebssystem schaffen Reichweiten von bis zu 300 Kilometern.

Als Teil der internationalen Bozankaya-Gruppe kann Sileo auf über dreißig Jahre Erfahrung in der Entwicklung und Fertigung von Systemkomponenten für den Schienenfahrzeug- und Busmarkt zurückgreifen. Besonders stolz ist das Unternehmen auf sein selbst entwickeltes Batteriemanagement, das auf eine gleichmäßige Auslastung aller Batteriezellen achtet. So wird Batterien sicherer und langlebiger. Sileo-Busse sind übrigens echt international: Die Karossen stammen aus der Türkei und die restliche Technik aus Salzgitter.

5. Schöngen – damit’s gut abläuft.

Dass es sie gibt, merken wir meistens erst, wenn sie kaputtgehen: Rohre sind in Haushalten und Unternehmen elementare Bestandteile der Infrastruktur. An zwei Standorten in Salzgitter – in Engerode und in Watenstedt – produziert und vertreibt die Schöngen KG Kunststoff-Rohrsysteme. Kunststoffrohre und Formteile kommen im Kabelschutz, als Abwasserrohre für die grabenlose und offene Bauweise sowie als Sickerrohre zum Einsatz. Die Kunden der Schöngen KG kommen aus den Bereichen Energieversorgung, Telekommunikation, Wasserentsorgung und Baubedarf.

Karl Schöngen gründete das Familienunternehmen im Jahr 1956 als Elektrobaubetrieb. Während die Schöngen KG anfänglich Kabelschellen und Kabelabdeckhauben aus Kunststoff fertigte, nahm man später die Produktion von Kabelschutzrohren aus PVC auf. Die Karl Schöngen KG beschäftigt aktuell 120 Mitarbeiter und ist einer der Vorreiter auf dem Gebiet der Kunststoffformgebung. Sie zählt zu den führenden deutschen Kunststoffrohr-Herstellern.

6. Salzgitter Maschinenbau AG (SMAG) – gut vernetzt

Der „Salzgittermast“ wirbt in aller Welt für die Stadt. Diese international bekannte Antenne der Salzgitter Maschinenbau AG (SMAG) ermöglicht die Kommunikation in entlegenen Landstrichen. Aus der Schmiede des Unternehmens kommen neben dem Salzgittermast unter anderem der „Peiner Greifer“ und die sogenannten „Spreader“, mit denen Waren und Container in den Häfen dieser Welt umgeschlagen werden. Mit Greifern und Spreadern macht die SMAG mehr als die Hälfte des Gruppenumsatzes.

Riesige Bohr- und Transportfahrzeuge aus dem Hause SMAG bewähren sich im Bergbau unter extremen Bedingungen. Die maßgeschneiderten Bergwerksfahrzeuge und mobilen Bohrmaschinen kommen vor allem unter Tage im „weißen Bergbau“ – zum Abbau von Gips und Kali oder bei der Gewinnung von Ölschiefer – zum Einsatz. Die kombinierten und meist automatisierten Bohr- und Transportfahrzeuge sind imposant anzusehen und erinnern zuweilen an ferngesteuerte Monster. Das gilt auch für Spezialfahrzeuge zum Transport und zur Lagerung von radioaktiven Abfällen unter Tage. Vor allem in der Bergwerks- und in der Bohrtechnik will die SMAG in den nächsten Jahren im Export deutlich wachsen.

Das Unternehmen hat sich in den rund 100 Jahren seines Bestehens zu einer mittelständischen Unternehmensgruppe des Maschinen- und Spezialfahrzeugbaus entwickelt. In vier Geschäftsbereichen führt die Holdinggesellschaft viele Tochterunternehmen im In- und Ausland. Insgesamt rund 1.300 Mitarbeiter – davon 500 an den Standorten Salzgitter, Braunschweig und Peine – erwirtschaften einen Jahresumsatz von knapp 200 Millionen Euro.

7. Rudolph Logistik – hier kommen die Dinge ins Rollen

Die Geschichte der Rudolph Logistik Gruppe liest sich wie ein Krimi: Gründer Justus Rudolph erkannte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs den Bedarf an Transportmitteln. Zement, Holz und andere Baumaterialien mussten für den Wiederaufbau von A nach B transportiert werden. Doch in den Nachkriegswirren ein Fuhrunternehmen zu gründen, war nicht leicht: Rudolph hatte im Jahr 1946 nicht nur mit Treibstoffmangel und den Genehmigungsbehörden zu kämpfen – den ersten LKW mussten seine Söhne Hans und Karl mangels intakter Fahrzeuge aus Altbeständen selbst zusammenbauen. Inzwischen hat sich das ehemalige Fuhrunternehmen für die Bauindustrie zum international tätigen Logistikdienstleister entwickelt: Was wird wann wohin geliefert und wie lange dauert das? Mit solchen Fragen befasst sich die Rudolph Logistik Gruppe aktiv an 40 Standorten – seit 2014 auch in Salzgitter. In der Stadt sind 82 von insgesamt 5.000 Mitarbeitern beschäftigt.

Rudolph entwickelt vor allem Logistiklösungen für den Handel und die Industrie – damit Waren, Ersatzteile und vieles mehr immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Zu den wichtigsten Kunden des Unternehmens zählen heute neben Automobilherstellern auch der bekannte Nahrungsmittelhersteller Hipp und das Einzel- und Versandhandelsunternehmen Manufactum.

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