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Mekka der Schreibkultur –
die Pelikan-Manufaktur in Peine

Pelikan Füller (Bildrechte: Marvin Reepschläger)

Geha oder Pelikan? Das war lange die Gretchenfrage, der sich jeder Schulanfänger stellen musste. Und bis heute kennt jeder die blauen Schulfüller mit dem aufgeprägten Wasservogel. Dass der Schreibwarenriese in aufwendiger Handarbeit auch edle Luxus-Füller fertigt, ist umso interessanter. Wir haben in der Peiner Manufaktur hinter die Kulissen geschaut.

Mekka der Schreibkultur – die Pelikan-Manufaktur in Peine
Unsere Redaktion war vor Ort und hat den Mitarbeitern bei der Produktion über die Schulter geschaut. (Copyright: christo.cc)

Lindgrüne Quader, die an einen umgedrehten Schuhkarton erinnern: Wer das Betriebsgelände der Peiner Pelikan-Fertigung betritt, ahnt nicht sofort, welche wertvollen Kleinode hier von Hand gefertigt werden. Erst auf den zweiten Blick offenbart der Standort seinen Charme, an dem unter den klingenden Namen „Limited“, „Premium“ und „Elegance“ Schreibgeräte in Handarbeit gefertigt werden.

Werkzeugmachermeister Ralf Drefs ist seit 1993 bei Pelikan und hat den Manufaktur-Bereich am Standort mit aufgebaut. Heute ist er der Leiter der Abteilung. Aus seiner täglichen Arbeit kennt er jeden der rund 100 Arbeitsschritte, der für die Herstellung eines Füllers in Handarbeit nötig sind: „Im Prinzip besteht der Füllfederhalter aus drei Teilen: Kappe, Tintenbehälter und Feder. Die ersten beiden sind Spritzteile, die aus hochwertigem Kunststoff geformt werden. Um den Tintenbehälter kommt dann der Korpus, der aus einer flachen Kunststoffplatte zu einer Röhre gerollt und in der CNC-Dreherei bearbeitet wird. Die Feder wird separat gefertigt. Zum Schluss werden die Einzelteile montiert und auf Hochglanz poliert.“

Sein persönliches Lieblingsstück ist der anthrazit-gestreifte „Stresemann“ aus der Souverän-Serie, der zusammen mit seinem grünen Pendant ein absoluter Klassiker im Premium-Segment ist. Seinen Spitznamen verdankt der Kolbenfüller, der in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts erstmals auf den Markt kam, den legendären Anzügen Gustav Stresemanns. Der Außenminister der Weimarer Republik mochte es am liebsten gestreift – und so kam es, dass der Volksmund dem Pelikan-Füllfederhalter mit dem feinlinierten Gehäuse flugs den Namen „Stresemann“ gab.

Einblicke in die Pelikan Manufaktur
Einblicke in die Pelikan-Manufaktur (Foto: Marvin Reepschläger)

Ein Goldband wird zur Schreibfeder

Wie jeder Edelfüller besteht auch der „Stresemann“ aus hochwertigen Materialien, das Gehäuse aus speziellem Kunststoff, die Feder aus 18-karätigem Gold. Drefs führt uns durch die Fertigung und erklärt, wie in 30 Einzelschritten aus einem Goldband eine echte Pelikan-Schreibfeder entsteht: „Es gibt Hilfswerkzeuge oder auch Maschinen, die wir benötigen. Die Teile werden aber bei jedem Schritt von Hand ins Werkzeug eingelegt und umgeformt.“ Es wird gewalzt, gestanzt, gelocht – und zum Schluss wird als Spitze ein Iridiumkorn auf die Feder geschweißt.“

Damit die gefertigten Schreibgeräte den hohen Qualitätsmaßstäben genügen, ist Drefs oft in der Fertigung präsent: „Wir haben eine Im-Prozess Kontrolle, das heißt: Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter prüft die eigene Arbeit, bevor sie weitergegeben wird. Wenn es Auffälligkeiten gibt, werde ich dazugerufen und wir entscheiden zusammen mit der Qualitätssicherung, ob kleine Abweichungen – zum Beispiel in Material und Farbe – noch im Rahmen der Toleranz sind, ob man nacharbeiten oder aussortieren muss.“

Drefs ist ein echter „Pelikanese“ und würde seine Arbeit in der Manufaktur niemals gegen eine Aufgabe in der klassischen industriellen Fertigung eintauschen: „Ich betreue hier ganzheitlich alle Prozesse, an deren Ende ein hochwertiges Schreibgerät entstanden ist. In einem Industriebetrieb, wo sie Massenwaren herstellen, ist alles hochautomatisiert. Da würde ich vielleicht eine Maschine oder eine Produktionslinie betreuen. Und ich bin ja Handwerksmeister, das kann ich hier leben.“

Von Hand eingeschrieben – damit die Tinte richtig läuft

Hochwertige Schreibgeräte in großer Zahl verlassen jedes Jahr das Peiner Werk und jedes einzelne wird zuvor von Hand eingeschrieben. Bis ein neuer Edelfüller auf den Markt kommt, vergehen von der Idee bis zur Fertigung schon einmal zwei Jahre, denn allein die Materialbeschaffung sei komplex, erläutert Drefs: „Da fliegen die Entwickler zum Teil um den halben Globus, um sich Materialproben zu holen. Wir erstellen hier Farb- und Funktionsmuster – und erst nach aufwendigen Tests gibt es irgendwann die erste Nullserie.“

So viel Qualität hat ihren Preis: Den kleinen „Blue Marbelt“ gibt es ab rund 100 Euro, den grünen oder blauen Stresemann kann man für rund 500 Euro erwerben und das teuerste Produkt, der Maki-e, kostet je nach Ausfertigung fast so viel wie ein Kleinwagen. Wir schlucken, aber Drefs erklärt genau, wie der stolze Preis zustande kommt: „Maki-e ist eine japanische Handwerkskunst. Deshalb geht der Füller nach der Fertigung bei uns zur Veredelung nach Japan. Dort werden in vielen Schichten edle Lacke, zum Teil mit einem einhaarigen Pinsel, aufgetragen. Außerdem kommen – je nach Modell – Materialien wie Perlmutt oder Goldstaub zum Einsatz.“

Bleibt die Frage, wer solche Summen für einen Füller ausgeben kann – Geschäftsleute, Politiker, arabische Scheichs? „Die auch“, bestätigt Drefs, „aber tatsächlich produzieren wir für jedermann. Und egal, welches Modell Sie kaufen – unser Qualitätsanspruch ist immer der gleiche.“ Inzwischen seien die handgefertigten Modelle zu echten Liebhaberstücken avanciert und würden stark von Sammlern nachgefragt. Vor allem Füller aus den limitierten Editionen, die mit ihren detailverliebten Designs zu Themen wie "Die sieben Weltwunder" oder "Herausragende Errungenschaften der Zivilisation" zum Teil in Mini-Serien von nur 300 Stück gefertigt werden.

„Wer freut sich schon über einen Liebesbrief, der am Computer getippt ist?“

Generationenwechsel erfolgt fließend

Fakt ist: Das Unternehmen hat eine gute Auftragslage und Drefs will sogar neue Mitarbeiter einstellen. Denn ein Großteil des langjährigen Personals geht in den nächsten Jahren in Rente. Mitbringen müsse man vor allem „feinmotorisches Geschick und einen guten Blick fürs Detail“ – das Spezialwissen vermittle man vor Ort. Aber bieten teure Geräte für eine altmodische Kulturtechnik wirklich Jobperspektiven für die Zukunft? „Da bin ich ganz sicher“, antwortet Drefs. „In Zeiten von Whatsapp und Internet ist Handgeschriebenes doch der pure Luxus, mit dem man auch seine Wertschätzung ausdrückt. Wer freut sich schon über einen Liebesbrief, der am Computer getippt ist?“

Man merkt Drefs an, dass er stolz ist auf seine Manufaktur und die Arbeit seiner 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, auch wenn sie nur ein Fünftel der gesamten Belegschaft am Peiner Standort ausmachen. Die übrigen Pelikaner arbeiten im klassischen Warensortiment – und produzieren rund 6.000 Artikel von der Tintenpatrone bis zum Farbmalkasten. Zusammen mit allen Standorten und Tochtergesellschaften gehört Pelikan heute nämlich zu den größten Papier-, Büro- und Schreibwarenproduzenten weltweit. Ein Großteil der Pelikan-Artikel wird aber nach wie vor in Deutschland und überwiegend in Peine hergestellt – auch der Kult-Schulfüller Pelikano.

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