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Braunschweigs Forschungslandschaft – ein Überblick

Laborpflanzen im Kühlregal (Bildrechte: Frank Bierstedt)

Braunschweig ist ein Hotspot der deutschen, ja europäischen Forschungslandschaft. Klingt übertrieben? Ist es nicht. Denn Wissensdurst und Forschungsdrang haben hier Tradition.

Infografik: Braunschweiger Forschungslandschaft (Foto: Allianz für die Region)

Angenommen, Sie haben eine zündende Idee für ein innovatives Produkt, ein Patent oder eine intelligente Lösung für ein Problem. Was tun? Der möglicherweise schnellste Weg ist ein Anruf unter 0531 391-4260 – hier erreichen Sie die Technologietransferstelle der TU Braunschweig. In Sachen vernetzter Forschung und Technologietransfer gehört die TU zu den führenden Hochschulen des Landes. Sie bietet noch eine Reihe anderer Projekte an – beispielsweise eine Lernfabrik, in der geforscht, experimentiert und ausgebildet wird. Die Lernfabrik ist auch Austragungsort der neuen Veranstaltungsreihe HoloHack: Hier treten studentische Teams gegeneinander an und entwickeln unter „Zeitdruck“ (24 Stunden stehen ihnen zur Verfügung) Mixed-Reality-Anwendungen für die Stadt der Zukunft.

Junge Laborantin experimentiert (Bildrechte: Frank Bierstedt)
In der Lernfabrik wird geforscht, experimentiert und ausgebildet. (Foto: Frank Bierstedt)

Born to research

Vor der Zukunft kommt aber die durchaus bewegte Vergangenheit: Die braunschweigische Forschungstradition reicht gut 270 Jahre zurück, möchte man es an einer Institution festmachen: Denn 1745 erblickte das Collegium Carolinum das Licht einer sich gerade aufklärenden Welt. Gründer war Herzog Karl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel. Die Fürstenfamilie war stark humanistisch geprägt, der Wissensdurst also Teil der Erziehung. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde Braunschweig – dank der herzoglichen Förderung – für einige Zeit zum Zentrum der Aufklärung in Deutschland. Das Collegium Carolinum, aus dem später die Technische Universität Braunschweig hervorgehen sollte, lockte renommierte Wissenschaftler aus dem gesamten deutschsprachigen Raum an die Oker. Die Eröffnung des "Kunst- und Naturalienkabinetts" – zeitgleich mit dem British Museum in London das erste öffentlich zugängliche Kunstmuseum Europas – war ein weiterer Fortschritt. Das Volk durfte, ja sollte sich bilden. Braunschweig hatte Wolfenbüttel als Residenzstadt abgelöst, putzte sich heraus und wurde bautätig. In den nächsten einhundert Jahren wurde das fürstliche Schloss fertig gebaut und ein neues Staatstheater errichtet. Weiterhin entstand das architektonisch-technische Zeicheninstitut (die spätere Hochschule für Bildende Künste). Auch das Kunst- und Naturalienkabinett erhielt einen imposanten Neubau. Es wurde später aufgeteilt in das Naturhistorische Museum und das Herzog-Anton-Ulrich-Museum, als bedeutendes Kunstmuseum.

Studenten vor einem Gebäude (Bildrechte: Frank Bierstedt)
Die braunschweigische Forschungstradition reicht gut 270 Jahre zurück. (Foto: Frank Bierstedt)

Spitzen-Forschung mit bestem Ruf

Nirgendwo in Deutschland arbeiten pro Kopf so viele Wissenschaftler wie in Braunschweig. Laut einer aktuellen EU-Studie ist die Löwenstadt eine der forschungsintensivsten Regionen Europas. Und auch für den Nachwuchs wird gesorgt: Über 20.000 Studierende sind an der Technischen Universität und der Hochschule für Bildende Künste eingeschrieben. Einen besseren Nährboden für die Zusammenarbeit von Forschung und Wirtschaft kann man sich kaum vorstellen.

Intensiv geforscht wird in mehr als 250 regionalen Unternehmen des Hochtechnologie-Sektors. Die besondere Stärke der Braunschweiger Forschungslandschaft liegt daher vor allem in der angewandten Forschung in Kooperation mit der Wirtschaft. Hier geben sich namhafte bundesweit aktive Institutionen die Klinke in die Hand: Die Fraunhofer-Gesellschaft ist mit dem Institut für Holzforschung und dem Institut für Schicht- und Oberflächentechnik vertreten, die Helmholtz-Gemeinschaft mit dem Zentrum für Infektionsforschung. Auch die Leibniz-Gesellschaft hat mit der DSMZ, der Deutschen Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH, seit 1987 eine wissenschaftliche Einrichtung in Braunschweig. Und das Julius Kühn-Institut berät unter anderem die Politik in Fragen zu Agrar- und Klimathemen.

Netzwerke, die bewegen: das Niedersächsische Forschungszentrum Fahrzeugtechnik

Eine der wohl wichtigsten Säulen des Wirtschafts- und Forschungsstandortes Braunschweig ist der Bereich Mobilität. Hier wird in enger Zusammenarbeit mit der Wirtschaft geforscht – allen voran das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), das historisch verwurzelt und mittlerweile mit zwölf Einrichtungen in Braunschweig vertreten ist. Ein Leuchtturmprojekt der Forschungsregion ist der Forschungsflughafen. 2013 wurde er zum Niedersächsischen Forschungszentrum für Luftfahrt (NFL) „befördert“, wo nun die TU, das DLR und weitere Partner ihre Kompetenzen bündeln.

Eine ergänzende Schwerpunkteinrichtung ist das Niedersächsische Forschungszentrum Fahrzeugtechnik (NFF). Angesiedelt im MobileLifeCampus in Wolfsburg und am Braunschweiger Forschungsflughafen wurde das NFF 2007 mit Unterstützung der Landesregierung und der Volkswagen AG gegründet, um die Forschungsregion als internationalen Spitzenstandort in der Fahrzeugtechnik auszubauen. In fünf Feldern werden nachhaltige Mobilitätsbedürfnisse untersucht:

  • Intelligentes Fahrzeug und vernetztes Fahren
  • Emissionsarmes Fahrzeug
  • Flexible Fahrzeugkonzepte und Fahrzeugproduktion
  • Mobilitätsmanagement und Logistik
  • Elektromobilität

In ressortübergreifenden Projekten geht es also um alles, was die Mobilität von morgen ausmacht – wie beispielsweise die Leistungsoptimierung von Batteriezellen, kommunikationsfähige Smart Cars und satellitenbasierte Verkehrsüberwachung.

Doch hier wird nicht nur in den klassischen Ingenieurswissenschaften geforscht, auch die Fachbereiche Psychologie (TU), Wirtschaftsinformatik (TU) und Transportation Design (HBK) sind Teil des NFF. In Zeiten sich stetig verändernder Ballungs- und Lebensräume weltweit ist dies also längst nicht mehr Zukunftsforschung, sondern ein klares Bekenntnis dazu, die neuen Mobilitätsbedürfnisse der Bewohner mit den Möglichkeiten der Infrastruktur in Einklang zu bringen.

Die Löwenstadt als lebendiges Labor

Die Stadt ist ein „Living Lab“ – nicht nur in Sachen Mobilität. Forschung und Entwicklung werden in Braunschweig an unzähligen Orten greifbar. Im Rahmen des landesweiten Projekts „Braunschweig2030 – Gemeinsam. Leben. Gestalten.“ ergründen die TU Braunschweig und die Medizinische Hochschule Hannover, wie zukünftig in einer Stadt neue innovative Lebensumfelder für alle Generationen und möglichst viele Lebenssituationen geschaffen werden können. Dies unter Berücksichtigung des demografischen Wandels und der Perspektive einer deutlich höheren Lebenserwartung. Die TU erarbeitet in diesem Zusammenhang unterschiedlichste Lösungen – beispielsweise im Leichtbau, in der Nanomesstechnik, der Verfahrenstechnik bei der Arzneimittelproduktion oder der Lärmminderung im Flugverkehr.

Präzision am Puls der Zeit

Wer nicht richtig tickt, kann eigentlich kaum aus Braunschweig kommen. Denn hier steht seit 1969 die erste Atomuhr Deutschlands, die noch heute den genauesten Takt angibt. Untergebracht ist sie in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB), dem nationalen Metrologie-Institut. Kein wissenschaftliches Experiment, kein industrieller Prozess und kein Waren- und Güterverkehr kommen ohne Messtechnik und ihr wissenschaftliches Rückgrat, die Metrologie, aus. Wie hoch ist die aktuelle Strahlenbelastung der Umwelt durch natürliche und künstliche Radioaktivität? Welche Stoffe blasen wir in welcher Konzentration aus Auspuffen und Fabrikschornsteinen in die Luft? Mit welchen Maßnahmen können wir den Lärm in unserer Arbeits- und Mobilitätswelt verringern? Mit solchen für Mensch und Umwelt wichtigen Fragen beschäftigt sich die PTB über die Zeitmessung hinaus.

Auch an den drei Landesmuseen, dem Braunschweigischen Landesmuseum, dem Herzog-Anton-Ulrich-Museum und dem Naturhistorischen Museum, wird wichtige Forschungsarbeit betrieben. Die reichen Museumsbestände halten noch viele Überraschungen bereit und bieten Wissenschaftlern Raum für neue Entdeckungen. Besonders große Anziehungskraft genießen sie beim Forschernachwuchs. Die Angebote für Kinder und Jugendliche sind zahlreich und mittlerweile sogar digital.

Die Vielzahl der Einrichtungen zeigt, dass Stadt, Wirtschaft und Wissenschaft erfolgreich interdisziplinär und vernetzt zusammenarbeiten. Jede Smart City von morgen wird Braunschweig viel zu verdanken haben – Tradition verpflichtet eben.