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GenussWerkstatt in Königslutter

Birnen (Bildrechte: pixabay)

Regionale Lebensmittel sind der Trend der Zeit – statt auf anonyme Food-Ware setzen immer mehr bewusste Verbraucher auf Nahrungsmittel, die in ihrer Umgebung von ihnen bekannten, für Qualität einstehenden Menschen erzeugt und verarbeitet werden.

Die GenussWerkstatt in Königslutter geht sogar noch weiter: Sie bietet nicht nur qualitativ hochwertige Produkte aus der Region an, die nach traditionellen Rezepten oder als Eigenkreationen handwerklich gefertigt werden. Bei ihr sind der gesamte Herstellungsprozess und der Vertrieb Teil eines nachhaltigen und sozialen Bildungsprojektes.

Prämiertes Erfolgsrezept

Die GenussWerkstatt ist eine Schülergenossenschaft mit Strukturen wie in der „richtigen“ Wirtschaft. Hier lernen die Kinder und Jugendlichen des Förderzentrums Wichernschule alles, was für ein erfolgreiches Geschäft und ein eigenverantwortliches, mit sinnvoller Arbeit erfülltes Leben wichtig ist. „Die viel beschworenen Soft Skills, die Arbeitgeber oft bei ihren Berufsanfängern vermissen, können die Schüler bei unserem Projekt in besonderem Maße erwerben“, sagt Petra Oppe, eine der drei betreuenden Lehrerinnen der GenussWerkstatt.

Etwa dreißig Schüler zwischen neun und 18 Jahren arbeiten in bunt gemischten Gruppen. Dabei lernen sie sowohl die handwerkliche Verarbeitung der Speisen, als auch die unternehmerisch notwendigen Kenntnisse in Buchführung, Marketing und Inventur. Auch der direkte Verkauf der eigenen Produkte auf Wochen- und Weihnachtsmärkten steht auf dem Stundenplan. Für die Lernenden sind das wichtige Erfahrungen: Sie müssen sich nicht nur selbst organisieren, sie dürfen auch die (eingemachten) Früchte ihrer Arbeit im direkten Kundenkontakt an den Mann oder die Frau bringen.

Selbstbewusstsein und sozialer Umgang üben sich so wie von selbst und jedes verkaufte Marmeladenglas ist gleichzeitig ein Stück gesellschaftlicher Anerkennung für die Schülerinnen und Schüler. Dazu lernen sie manchen Kniff aus der Welt der Wirtschaft. Dass sich ein Rosinenstuten zum Beispiel besser verkauft, wenn er als „Osterhasis Lieblingszopf“ angepriesen wird und dass die Kürbis-Sellerie-Suppe reißenden Absatz findet, wenn sie mit einem ansprechenden Etikett versehen wird. All das sind wertvolle Grunderfahrungen, die weit über den Wochenmarktstand beziehungsweise den Suppentellerrand hinausgehen.

Neben der Berufsorientierung kommen aber auch klassische schulische Inhalte nicht zu kurz: „Nehmen wir das Beispiel Bruchrechnung“, erklärt Petra Oppe, „Da quälen sich die Schüler sonst mit trockenen Beispielen herum. Bei uns kochen sie stattdessen Rezepte nach und stoßen dabei auf Angaben wie 1/4 Liter oder 1/8 Löffel. Plötzlich merken sie, dass das Rechnen einen ganz praktischen Bezug hat.“ So wird aus trockenem Schulstoff saftiges Kompott.

Nicht nur der von externen Prüfern kontrollierte wirtschaftliche Erfolg gibt den Jungunternehmern und ihren Betreuern Recht. Längst findet ihre Arbeit auch bundesweit Beachtung. So wurde die GenussWerkstatt im Rahmen der Themenwoche Nachhaltigkeit vom NDR porträtiert und von der Autostadt Wolfsburg auf der Bildungsmesse didacta vorgestellt. Der Bildungspreis der Allianz für die Region steht auch bereits im Schrank neben den Backmischungen. Es folgte der erste Platz auf der Schülerfirmenmesse in Braunschweig und das Projekt wurde 2015 vom Bundeswirtschaftsministerium zu den besten zehn Schülerfirmen Deutschlands gekürt!

Angepackt und eingemacht

Klar, dass ein solcher Erfolg nur mit großem, freiwilligem Engagement gelingen kann. Wer bei der GenussWerkstatt mitmachen will, muss sich deshalb richtig bewerben und wird erst nach Bewerbungsgesprächen mit externen Partnern „eingestellt“. Die Mitarbeit wird dann mit einem Vertrag besiegelt, der jederzeit von allen Beteiligten – also Schülern, Eltern und Lehrern – gekündigt werden kann. So ist gewährleistet, dass alle mit Feuereifer bei der Sache sind und sich nach Kräften einbringen. Es gibt sogar Arbeitszeitkonten wie in der echten Berufswelt jenseits der Förderschule. Denn wenn’s hoch hergeht, etwa bei der Ernte, ist mehr Einsatz erforderlich als im Januar, wenn alles im Winterschlaf liegt.

Begonnen hat die Erfolgsstory mit den Fächern Hauswirtschaft und Gestaltendes Werken in der Außenstelle des Förderzentrums. Typische Aufgaben sind etwa das Catering oder entsprechende Zuarbeiten für den örtlichen Weihnachtsmarkt. Dann kamen Flechtzäune in einem Naturschaugarten hinzu, in dem zahlreiche Obstbäume stehen. Und da fiel dann auch der Apfel. Mit dem Obst konnte man schließlich noch allerhand mehr anstellen! So ging die GenussWerkstatt im Schuljahr 2012/13 an den Start.

Von Steckrübensuppe bis Paprika-Chili-Mus

Inzwischen produzieren die Kids und Teens ein eindrucksvolles Speisenangebot. Beliebt sind beispielsweise selbst gemachte Fruchtaufstriche aus Äpfeln, Birnen, Beeren, Kirschen, Orangen, Zitronen, Zwetschgen, Quitten, Pfirsichen oder Rhabarber – je nach Saison und je nachdem, was in den Obstgärten gerade gedeiht. Die meisten Zutaten werden selbst geerntet oder direkt von Partnern aus der Region bezogen. Im Sommer gibt es außerdem süßes Fruchtleder aus Erdbeeren oder Aprikosen, ein köstlicher Snack für warme Nachmittage. Andere Früchte werden zu Sirup oder Kompott veredelt.

Wer es mit Süßem nicht so hat, kann auch herzhaft zulangen. Dazu bietet die Suppenküche eine breite Palette erlesener Köstlichkeiten, von der angesagten Möhren-Orangen- oder Kürbis-Ingwer-Suppe über den bodenständigen Klassiker Erbsensuppe oder den regionalen Favoriten „Arften, Mauern und Klump“ (ein Gericht aus Erbsen, Möhren und Hackbällchen) bis hin zum rustikalen Steckrübeneintopf nach einem Originalrezept von Tim Mälzer.

Liebhaber exotischer Zutaten können Paprika-Chili-Mus, aromatische Chutneys oder ausgefallene Bio-Gewürzmischungen probieren. Auch feine Tee- und Essigsorten, die die Schüler selbst zusammenstellen, sind im Angebot. Und bei aktuellen Trends sind die Genuss-Handwerker natürlich auch ganz vorne mit dabei: Die derzeit angesagten Backmischungen im Glas gibt es mit selbst entwickelten Rezepturen und vielversprechenden Namen wie „Happy-Birthday-Brownie“ oder „Sonntag-Nachmittag-Kaffee-Genuss“. Alles unter dem Motto „Think local, buy local“.

„Durch die GenussWerkstatt hat sich das Leben in der Schule vollkommen verändert.“

(Petra Oppe, GenussWerkstatt)

„Das Beste, was uns passieren konnte“

Bei so viel kulinarischer Kompetenz wollten die Kunden bald auch mal selbst den Kochlöffel anlegen. Und so veröffentlichte die GenussWerkstatt kurzerhand ihre besten Rezepte in Buchform. Die Titel „Jetzt geht’s ans Eingemachte“ und „Jetzt gibt’s Häppchen“ machen Lust auf eine abwechslungsreiche Küche und können regional direkt vom Hersteller bezogen werden. Wegen des wirtschaftlichen Erfolgs der GenussWerkstatt essen die Schüler dort ihre selbstgemachten Produkte übrigens kostenfrei.

„Durch die GenussWerkstatt hat sich das Leben in der Schule vollkommen verändert“, berichtet Petra Oppe. „Die Kinder fühlen sich wie zu Hause, sie gehen selbst an den Kühlschrank und können sich jederzeit etwas nehmen, wenn sie Hunger haben. So probieren sie fast alles und lernen nicht nur ganz viel über Nahrungsmittel, sie erleben auch das gemeinsame Am-Tisch-Sitzen und Reden, was in manchen Familien ja oft etwas zu kurz kommt.“ Eine rundum positive Bilanz also, die Petra Oppe ziehen kann: „Es ist das Beste, was uns und unseren Schülern passieren konnte!“ Für die Kunden in Königslutter und Umgebung gilt das zweifellos auch. Darauf eine selbst gemachte Rhabarber-Limonade!

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