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Ein Ausflug in die Vergangenheit: Romanische Architektur in und um Helmstedt

Romanische Eingangstür von einem großen Gebäude (Bildrechte: Maria Eiselt)

Der Landkreis Helmstedt ist ein Eldorado für Freunde romanischer Architektur: Die Türme des Kaiserdoms zu Königslutter sind von weitem sichtbar, im Zisterzienserkloster Mariental gibt es textile Kostbarkeiten und im Bibelgarten von St. Lorenz in Schöningen können Sie die biblische Natur mit allen Sinnen erleben…

Als man den Leichnam des Kaisers in seine Heimat zurückbrachte, war sein Herzensprojekt, der Kaiserdom, noch eine Baustelle. Im Jahr 1137 verstarb Lothar III. auf dem Rückweg von einem Italienfeldzug im Alter von 62 Jahren. Zwei Jahre zuvor hatte er ein nahe dem damaligen Dorf Lutter am Bach gelegenes Kanonissenstift in eine Benediktinerabtei umgewandelt. Auf deren Grundmauern ließ der Kaiser eine Klosterkirche bauen, die den Heiligen Petrus und Paulus gewidmet war. Diese Kirche, nach seinem Stifter bis heute Kaiserdom genannt, sollte die Grabstätte für ihn und seine Familie werden. Entsprechend groß und aufwändig war das Bauprojekt; eine Länge von 75 und eine Innenraumhöhe von 18 Metern waren für die damalige Zeit gigantische Ausmaße. So dauerte es Jahrzehnte, bis der Kirchenbau im Jahr 1170 in der Regierungszeit Heinrichs des Löwen fertiggestellt wurde.

Kaiserdom in Königslutter
Der Kaiserdom in Königslutter erinnert mit seiner Stilistik an berühmte italienische Kirchen (Foto: Holger Reichard)

Italienische Baukunst im Herzen Deutschlands

Der Kaiserdom in Königslutter erinnert mit seiner Stilistik an berühmte italienische Kirchen wie die Bischofskirchen von Piacenza, Verona oder Modena. Offenbar haben Bauhandwerker und Steinmetze aus der Lombardei in Königslutter gearbeitet. Besonders sehenswert sind der Nord- und der Westflügel des Kreuzganges, die die Zeitläufe überdauert haben. Der ältere Nordflügel gehört mit seinen reich ornamentierten Säulen und Kapitellen zu den schönsten seiner Art in Deutschland. Kaiser Lothar, seine Gattin Richenza und ihr Schwiegersohn Heinrich der Stolze ruhen in einem barocken Grabmal im Mittelschiff des Kaiserdoms.

Zentrum für Wallfahrer – bis heute

Kaiser Lothar hatte seine Kirche mit einer Vielzahl von Reliquien ausstatten lassen. So entwickelte sich der Kaiserdom zu einer Pilgerstätte von weit über die Region hinausreichender Bedeutung. Jährlich am 29. Juni, dem Fest der Kirchenpatrone, kamen Wallfahrer aus Lübeck und Lüneburg, aus Thüringen und dem Rheinland in das Kloster am Elm. Heute ist der Kaiserdom Ziel ganz moderner Pilger und Kulturfreunde: In der warmen Jahreszeit erwartet den Besucher ein vielfältiges kirchliches und kulturelles Angebot, mit einem Schwerpunkt auf geistlicher und weltlicher Musik. Besondere Höhepunkte sind die Konzerte auf der großen Orgel von 1892.

Pfeifen, Pauken und Glockenspiele

Ende des 19. Jahrhunderts erhielt der Innenraum des Kaiserdoms zu Königslutter seine heutige Gestalt. Neben der prachtvollen Ausmalung ist vor allem die große romantisch-sinfonische Orgel auf der Empore sehens- und hörenswert. Von 1892 bis 1895 dauerten die Arbeiten der Orgelbaufirma Furtwängler & Hammer aus Hannover. Das gewaltige Instrument verfügt über 44 Register, die über drei Manuale und ein Pedalwerk gespielt werden können. Insgesamt darf der Organist bei dieser Orgel stolze 2136 Pfeifen zum Klingen bringen. Von 2008 bis 2010 wurde die Orgel vollständig demontiert und von Grund auf renoviert. Einige Umbauten und Veränderungen früherer Jahre und Jahrzehnte wurden dabei rückgängig gemacht. Und so erlebt das Publikum heute bei Orgelkonzerten wieder jenen sinfonischen Klang, den die Erbauer vor über 100 Jahren im Ohr und im Sinn hatten.

Übrigens: Im Hause des Domcafés befindet sich eine sehenswerte Sammlung mechanischer Musikinstrumente. Hier finden Sie von der winzigen, 15 x 15 Millimeter großen Spieluhr über das automatische Streichterzett bis zur zwölf Quadratmeter großen Karussellorgel mit Pauken und Glockenspiel über 250 hervorragend erhaltene Musikinstrumente, die im Rahmen einer kundigen und sehr humorvollen Führung auch in Aktion erlebt werden können. Öffentliche Führungen gibt es freitags um 15 Uhr sowie samstags und sonntags jeweils um 11:30 und 15 Uhr.

Berg- und Talfahrt in und um Helmstedt

Der Kaiserdom von Königslutter ist eines der national und international bedeutendsten Baudenkmale der Romanik, doch bei weitem nicht der einzige sehenswerte steinerne Zeuge aus jener Zeit im Landkreis Helmstedt. So lädt einige Kilometer nördlich der Kreisstadt das ebenfalls um die Mitte des 12. Jahrhunderts errichtete ehemalige Zisterzienserkloster Mariental mit seinen romanisch-frühgotischen Gebäuden zu einem stimmungsvollen Ausflug ins Mittelalter ein. In der direkten Nachfolge des Klosters Mariental wurde kurz nach der Vollendung des Kaiserdoms auf einer kleinen Anhöhe in der Stadt Helmstedt das Kloster Marienberg gegründet. Das Bauwerk ist eine romanische kreuzförmige Pfeilerbasilika mit einer nicht sehr hohen Holzbalkendecke. Der Westbau sollte ursprünglich zwei Türme erhalten. Sie erreichten jedoch nur die Höhe des Kirchenschiffs und der Westbau wurde dann mit einem Turmfragment vollendet. Erhalten sind Glasmalereien aus der Zeit um 1200. Im Kloster hat seit 1862 eine Paramentenwerkstatt ihre Heimat, in der Textilien für Kirchenräume und den Gebrauch im evangelischen Gottesdienst in kunstfertiger Handarbeit hergestellt, repariert und restauriert werden. Eine reichhaltige Sammlung dieser textilen Kostbarkeiten steht den Besuchern zur Besichtigung offen.

Das ehemalige Zisterzienserkloster Mariental mit seinen romanisch-frühgotischen Gebäuden (Foto: Thomas Kempernolte)

Himmel, Hölle und duftende Lilien

Älter und zugleich jünger als die Klöster in Königslutter ist das Stift St. Lorenz im nahegelegenen Schöningen. Gegründet wurde es im Jahre 984 als Kanonissenstift, 1120 als Augustiner-Chorherrenstift neu eingerichtet. Vom ursprünglich romanischen Bau ist allerdings nur wenig erhalten, wie zum Beispiel Teile des Chores und des Querhauses. Nach ihrer Zerstörung im 15. Jahrhundert wurden Langhaus und Westwerk im gotischen Stil wiederaufgebaut. Im Anbau an das Langhaus finden sich zwei reich ausgeschmückte Räume, die seit jeher „Himmel“ und „Hölle“ genannt werden.

Ein ganz besonderer Ort des Verweilens und der Begegnung empfängt den Gast auf dem angrenzenden Kirchengelände: Im Bibelgarten wird die Landschaft, durch die Jesus mit seinen Jüngern ging, mit allen Sinnen erlebbar. Hier wächst, blüht und gedeiht eine Vielzahl von Pflanzen, die im alten und Neuen Testament erwähnt sind. Es duften die aus der Bergpredigt bekannten Lilien auf dem Felde unter Niedersachsens Himmel – und hier wächst zwischen zwei gotischen Maßwerkfenstern die aus Psalm 92 bekannte libanesische Zeder in der schützenden Wärme der alten Kirchenmauer.

Im Bibelgarten wird die Landschaft mit allen Sinnen erlebbar. (Foto: Thomas Kempernolte)

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