Zum Inhalt springen

Endlich vereint – deutsch-deutsche Geschichte zum Anfassen

Demonstranten bei der Grenzöffnung (Bildrechte: Grenzenlos, Wege zum Nachbarn e.V.)

Grenzanlagen, Teilung, Trauer und Freudentränen – in Helmstedt wird die deutsch-deutsche Geschichte erlebbar.

Heute ist es kaum noch vorstellbar: Durch die Lage am Eisernen Vorhang war der Landkreis Helmstedt bis zu Beginn der 1990er-Jahre vom östlichen Hinterland abgeschnitten. Als unmittelbar Betroffene litten die Menschen unter der Teilung ebenso wie unter dem Grenzzaun, der hinter ihren Gärten verlief. Umso intensiver erlebten die Helmstedter dann auch die Grenzöffnung am 9. November 1989: Euphorie, Aufbruchsstimmung, grenzenlose Wiedersehensfreude – die Ereignisse von damals prägen die Region bis heute.

In Museen und an erhaltenen historischen Orten versucht man in Helmstedt, die Freude über die Wiedervereinigung zu bewahren und die Ereignisse nacherlebbar zu machen. Das ist von großer Bedeutung für alle Menschen, die die Wendezeit nicht hautnah erlebt haben – und für nachfolgende Generationen.

Infografik: Deutsch-deutsche Geschichte zum Anfassen (Foto: Allianz für die Region)

Noch gegenwärtig: Erinnerungen an die Grenzöffnung

Die Helmstedter haben den Freudentaumel dokumentiert: lange Trabbi-Kolonnen und die Schlangen vor dem Rathaus, als das Begrüßungsgeld ausgezahlt wurde. Noch heute können sich einige daran erinnern, dass in der Innenstadt ein Hubschrauber landete, um Geld zu bringen. Und dass nicht daran zu denken war, in der Mittagspause einen Joghurt zu kaufen, geschweige denn Einlass ins örtliche Elektrogeschäft zu finden. Hier wachten Türsteher darüber, dass nur so viele Kunden hinein- wie hinausgingen.

Man erinnerte sich aber auch an die Zeiten des kalten Krieges. An die Schikanen, denen die Menschen im DDR-Sperrgebiet ausgesetzt waren, an nächtliche Zwangsumsiedlungen und Repressalien. Auch die Schrecken der Grenzübergangsstelle Marienborn, dem streng kontrollierten Nadelöhr zwischen beiden Teilen des Landes, sind am Ostrand des Landkreises Helmstedt konserviert.

Auf einer organisierten Rundfahrt mit dem Titel „Grenzenlos“ können Sie in dreieinhalb Stunden Orte betreten, die früher verboten waren – und Straßen befahren, die jahrzehntelang als Sackgassen im Niemandsland endeten.

Gedenkstätte zur Grenzübergangsstelle Marienborn (Foto: Grenzenlos, Wege zum Nachbarn e.V.)

„Grenzenlos“, 1. Station: Zonengrenz-Museum in Helmstedt

Anhand von Originalobjekten, Fotografien, Modellen und lebensgroßen Inszenierungen macht das Zonengrenz-Museum Helmstedt die Geschichte der ehemaligen innerdeutschen Grenze in fünf Abteilungen erlebbar.

Im Bereich „Flucht“ beispielsweise führt eine selbstgebaute zweiteilige Leiter vor Augen, mit welchem Erfindungsreichtum die Menschen damals versuchten, die Sperranlagen zu überwinden. Dokumentiert und ausgestellt sind aber auch Auszüge aus DDR-Strafverfahren und damit die Konsequenzen gescheiterter Fluchtversuche. Die Abteilung „Wirtschaft und Verkehr“ befasst sich ausführlich mit den Grenzgängern in den ersten Nachkriegsjahren. Damals war das Überschreiten der Grenze noch möglich, wenn auch gefährlich.

Grenzdenkmal Helmstedt
Grenzanlagen, Teilung, Trauer und Freudentränen – in Helmstedt wird die deutsch-deutsche Geschichte erlebbar.

„Grenzenlos“, 2. Station: Grenzdenkmal in Hötensleben

Nicht einmal zwei Kilometer östlich des Schöninger paläons sind in Hötensleben die ehemaligen Grenzsicherungsanlagen im Originalzustand erhalten. Auf einer Länge von 350 Metern sehen Sie Sichtblendmauer, Signalzaun, Sicht- und Schussfeld mit Lichttrasse, Kolonnenweg und Kfz-Hindernis, Grenzmauer und Führungsturm.

Zwischen den beiden Zäunen des fast 1.400 Kilometer langen „Schutzstreifens“ – so der verharmlosende DDR-Sprachgebrauch – sollten „Grenzverletzer“ von den Grenztruppen der DDR „festgenommen oder vernichtet“ werden.

In Hötensleben erfahren Sie von geglückten und gescheiterten Fluchtversuchen und hören auch skurrile Geschichten – beispielsweise von gemeinsamen Zigarettenpausen ost- und westdeutscher Grenzbeamter. Auch die „Aktion Ungeziefer“ bleibt nicht unerwähnt: Im Jahr 1952 wurden im Sperrgebiet lebende Personen, die in politischer Hinsicht als unzuverlässig und unerwünscht galten, zwangsweise ins Landesinnere umgesiedelt.

Grenzdenkmal Hötensleben (Foto: Thomas Kempernolte)

„Grenzenlos“, 3. Station: Gedenkstätte Deutsche Teilung in Marienborn

Der Grenzübergangsstelle (GÜST) Marienborn verdankte Helmstedt zwischen 1945 und 1989 einen gewissen Bekanntheitsgrad weit über Deutschland hinaus. Nicht nur, dass die GÜST die größte und am meisten frequentierte Anlage ihrer Art war, hier an der A2 wurde auch der Alliiertenverkehr von und nach West-Berlin abgewickelt.

Vielleicht haben Sie damals selbst Ihren Pass einem grau uniformierten Grenzpolizisten aushändigen müssen und erinnern sich an bange Minuten oder Stunden des Wartens, bis Sie Ihr Dokument wieder in den Händen hielten. Diese Beklemmung ist zwischen Passannahmestelle, Leichenhalle und Wechselstube noch heute spürbar.

Während einer Führung durch die heutige Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn können Sie den Weg verfolgen, den Ihr Pass seinerzeit über ein ausgeklügeltes System von Förderbändern teils unterirdisch bis zur Kontrolle im Stabsgebäude nahm. Ein Blick in die Kontrollgarage, Bestandteil der Zollkontrolle PKW-Ausreise, gehört zu jedem Gedenkstätten-Besuch. Hier fand so mancher selbst ausgeklügelte Fluchtversuch, beispielsweise in Karosserie-Hohlräumen, ein bitteres Ende.

Das Prozedere in der Garage war unter Reisenden berüchtigt:
„Ich weiß das von meiner Tante und meinem Onkel, die sind in die sogenannte „Garage“ reingeführt worden und da ist das Auto auseinandergenommen worden. Die mussten sich ausziehen, und, und, und. Es war ein bedrückendes Gefühl.

Dies gab Bert Ulrich in einem Zeitzeugenprojekt der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn zu Protokoll. Überliefert ist auch die Vorschrift, nach der die Mitarbeiter des Zolls arbeiteten. Darin heißt es unter anderem:

„Eine körperliche Durchsuchung erstreckt sich auf ... die Inaugenscheinnahme des unbekleideten Körpers mit seinen natürlichen Versteckmöglichkeiten für kleinere Gegenstände in Achselhöhlen, Hautfalten, Haaren, Rücken, Nase, Mund, Ohren, zwischen den Fingern und Zehen, Gesäßbacken und Schamgegend ...“

Dieses und weitere sehenswerte Original-Dokumente sind heute Bestandteil der Dauerausstellung in den Zollbaracken.

Zwischen den beiden Zäunen des „Schutzstreifens“ – so der verharmlosende DDR-Sprachgebrauch – sollten „Grenzverletzer“ „festgenommen oder vernichtet“ werden (Foto: Thomas Kempernolte)

Auf eigene Faust: Grenzlehrpfad Helmstedt-Beendorf

Im Lappwald können Sie Ihre persönliche Entdeckungstour entlang der Grenze mit einem kleinen Waldspaziergang verbinden. Der Grenzlehrpfad, ein etwa ein Kilometer langer Rundweg zwischen Bad Helmstedt und Beendorf, verdeutlicht die schicksalhaften Auswirkungen der Teilung anhand von Geschichten, die die Menschen beiderseits der Grenze erlebt haben.

Zukunftsfähig: Helmstedts Mission, Grenzen abzubauen

Mit dem Projekt „Grenzenlos“ verbindet man im Kreis Helmstedt auch die wissenschaftliche Aufarbeitung von Spaltung und Einigung. Die Helmstedter Universitätstage als Bestandteil von „Grenzenlos“ verstehen Erinnerung als Bildungsauftrag, insbesondere für die jüngeren Generationen. Mit Blick auf die Zukunft machen sich die Helmstedter stark dafür, in jeder Hinsicht Grenzen abzubauen und Wege zum Nachbarn zu finden.

Die Öffnung der Grenzen (Foto: Grenzenlos, Wege zum Nachbarn e.V.)

Mehr Informationen:

Vorheriger Artikel
Entdecke den Urmenschen in dir - paläon
Nächster Artikel
ZeitOrte - Von der Urzeit in die Zukunft