Als Coach macht sich Anne Bollmann ein ganz besonderes Talent von Pferden zu Nutze: die Fähigkeit der Tiere, das tiefste Innere des Menschen zu spüren und widerzuspiegeln. Unsere Autorin und “Pferdemädchen” Miriam Reepschläger war beim pferdegestützten Coaching dabei.
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Ein Spiegel auf vier Hufen
Was Pferde im Coaching sichtbar machen
„Das Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde“, wer kennt ihn nicht, diesen Spruch. Doch heute geht es nicht ums Reiten, sondern um eine andere Art von Pferdebegegnung. Ich besuche Anne Bollmann in Wendeburg (Landkreis Peine). Hier bietet sie ein ganz spezielles Coaching an: pferdegestützt. Sie arbeitet mit vier Pferden – „alle vier haben ihren ganz eigenen Charakter“, schmunzelt sie. Die Pferde stehen größtenteils im Paddock und auf der Weide.
Alle vier sind ehemalige Sportpferde, drei von ihnen werden durch Verletzung oder Krankheit nur noch im Freizeitbereich geritten . Aber Anne wollte die Tiere nicht aufgeben, statt als Turnierpferde kommen sie nun anders zum Einsatz. „Ich dachte: Cool, die Pferde können anderen Menschen noch was Gutes tun.“ So ergänzte sie ihre Coaching- und Trainerausbildung noch um die Weiterbildung zum pferdegestützten Coach.
Maik Reepschläger
Heute wird die Oldenburger Stute Donna Andreas Müller unterstützen. „Donna hat auch schon einiges hinter sich. Sie ist 14 Jahre alt und seit 6,5 Jahren bei uns. Ich habe damals ein Pferd für meine Tochter gesucht und dabei ein Video von Donna gesehen. Für meine Tochter – damals 14 – war es Liebe auf den ersten Blick“, sagt Anne Bollmann.
Coach Donna
Andreas Müller ist Teamleiter. Seine vier Mitarbeitenden sind unterschiedlich motiviert. Dass sie nicht immer mitziehen, triggert ihn: „Gute Ideen und Vorschläge werden abgelehnt, ich finde das schade um die verpassten Chancen.“ Er lässt sich coachen, weil er lernen möchte, wie er künftig durchsetzen kann, was er sich vorgenommen hat.
Bevor es auf den Platz geht, sprüht Anne Bollmann die Oldenburger Stute mit Insektenschutz ein – auch wir Menschen bekommen einen Sprühstoß ab, um uns vor den Bremsen zu schützen, die Mensch und Tier gerne piesacken. Auch für Pferde sind Bremsenstiche sehr unangenehm, das zeigt Donna deutlich mit ihrem schwingenden Schweif und dem Schütteln der Mähne.
Trotzdem ist Andreas begeistert: „Schön, dass das Coaching draußen stattfindet, sonst sitzt man ja viel vor dem Monitor und schaut auf Präsentationen.“ Auf dem Sandplatz sind mehrere Stationen aufgebaut. Anne erklärt, dass sie die „Hindernisse“ bewusst in Blau und Gelb gehalten hat, weil Pferde diese beiden Farben am besten sehen können. Sie bittet Andreas zunächst, in sich hineinzuspüren und zum gelben Hütchen zu gehen. Er stellt sich mit der Stute neben das Hindernis. Sie ist merklich unruhig, wirkt aufgeregt.
Maik Reepschläger
„Was geht gerade in dir vor?“ fragt die Coachin. Andreas ärgert sich über den Widerstand, der ihm im Team begegnet. Er selber geht aufgeschlossen an Veränderungen ran. Nun bittet Anne ihn, sich zum blauen Hütchen zu stellen und seine Rolle als Führungskraft zu beschreiben. Während Andreas erzählt, steht Donna sehr ruhig an seiner Seite. „Hier sieht man, dass Pferde sofort auf unsere Körpersprache reagieren“, erklärt Anne. Für Andreas ist seine Rolle als Führungskraft sehr klar und das überträgt sich auf das Tier. Donna fühlt sich offensichtlich wohl.
Ein Parcours zeigt die Lösung
Als nächstes bekommt Andreas die Aufgabe, in seiner Rolle als Führungskraft mit dem Pferd einen Parcours zu meistern. Wichtig sei nur, das Ziel zu erreichen, wie ist egal. Er marschiert los, aber die Stute wirkt noch unschlüssig, ob sie mit ihm gehen will. Andreas lässt nicht locker, versucht sie zu motivieren, indem er freundlich mit ihr spricht. Schließlich folgt sie ihm doch und beide kommen ins Ziel, wo Anne die beiden erwartet.
„Kannst du die Situation auf deinen Job übertragen?“ möchte sie von Andreas wissen. Ja, anstatt sofort loszumarschieren, wird ihm klar, dass mehr Erklärungen seinem Team helfen würden. Das Pferd hat ihm den Anreiz gegeben, sein Verhalten zu reflektieren, damit er künftig anders auf sein Team reagiert. „Das bleibt im Kopf – hier bist du draußen, arbeitest mit einem Tier und spürst seine Reaktion unmittelbar“, beschreibt die Coachin den Lerneffekt. Und: „Für eine Veränderung brauchst du immer eine Emotion!“
Maik Reepschläger
Nicht nur für Führungskräfte
Ich möchte wissen, für wen das Coaching geeignet ist. Anne Bollmann ist überzeugt, dass es allen hilft, die etwas verändern möchten. Das gilt natürlich für den Job, für Führungskräfte, Mitarbeitende – aber auch im Privaten für Familien und Freundesgruppen. Bei dieser Gruppe sind die Themen oft Stress und Selbstfürsorge, die bearbeitet werden. „Wenn jemand merkt, dass etwas nicht stimmig ist, aber nicht genau weiß, was es ist, kann das pferdegestützte Coaching helfen, genau das herauszufinden und zu ändern.“
Damit wird häufig ein Entwicklungsprozess in Gang gesetzt, bei dem es oft schon beim ersten Mal einen Aha-Effekt gibt: „Es wird dann direkt was angestoßen!“ Bei Führungskräften beobachtet die Coachin schon mal, dass es schnell in einen Wettkampf abdriftet. Dabei geht es gar nicht um Perfektion oder wer den Parcours wie gut bewältigt, sondern was es mit dem Menschen macht, wenn das Tier dabei ist.
Eine Einzelsession im pferdegestützten Coaching dauert ca. 45-90 Minuten und kostet ab 150 Euro. Eine Familien- oder Freundinnenzeit dauert 2-3 Stunden und startet bei 300 Euro. Für Unternehmen geht es nicht nur um Führungskräfte-Training, es kann auch eine Teambuilding-Maßnahme sein. Für Familien bietet eine Aufstellung mit Pferd neue Perspektiven, aber auch nur ein Spaziergang mit den Tieren kann vereinbart werden.
Ein Spaziergang reicht
Und was machen Pferde im Coaching nun mit den Menschen? Sie zeigen ihnen genau, wie es im Inneren der Leute aussieht – gerade dann, wenn sie es selbst noch nicht erkannt haben. Anne setzt dafür auch Videos ein, damit die Coachees sich hinterher ansehen können, was da gerade passiert ist. Insbesondere in Gruppen ist das hilfreich. Wer das Pferd führt, konzentriert sich auf die Wahrnehmung. Die Gruppe schaut von außen und schildert das Gesehene, anschließend kann durch das Video Fremd- und Selbstbild abgeglichen werden. „Das Pferd zeigt dir ganz deutlich, was du tun sollst“, ist Anne überzeugt.
Maik Reepschläger
Als Beispiel erzählt sie die Story, in der jemand den Parcours quasi im Schnelldurchlauf passierte, das Pferd rannte mit ihm nur so hindurch. Genauso schnell sei auch sein Leben, meinte der Kunde. Sie riet ihm, auszuprobieren, wie es ist, wenn er mal „auf die Bremse tritt“ – und mit dieser inneren Einstellung wurde auch das Pferd auf einmal langsamer.
Mich interessiert, was passiert, wenn Menschen zum ersten Mal ein Pferd im Coaching erleben. Ich – als ehemaliges „Pferdemädchen“ – mag diese Tiere, habe keine Angst vor ihnen, doch das geht ja nicht allen so. „Wer Pferde nicht kennt und Respekt vor ihnen hat, den zwinge ich natürlich nicht, sofort mit dem Pferd am Halfter zu laufen.“ Wer keine Erfahrung mit den Tieren hat, schaut sie sich erst mal von Weitem an, kommt langsam näher, bis man bereit ist. Wer das gar nicht möchte, schaut zu und beobachtet eben, was durchs Pferd bei den anderen ausgelöst wird.
Manchmal reicht aber auch ein einfacher Spaziergang mit dem Pferd. Anne führt sie dann zur Kanalbrücke, wo der Blick sich weitet. Auch das berührt die Leute. 600 Kilogramm Pferd – da kommen unweigerlich Emotionen und Gedanken zum Ausdruck, man findet einen besonderen Zugang. Aber nicht nur beim Menschen wird dadurch etwas ausgelöst, auch die Pferde spüren, wenn sich beim Coachee etwas löst. Anne ist jedes Mal fasziniert, wenn sie am Pferd sieht, was gerade beim Menschen passiert.
Lernen vom Pferd
Wer keine Angst vor den großen friedlichen Tieren hat, der findet bei den Pferden Entspannung. Es reicht, einfach in ihrer Nähe zu sein. Das kann ich bestätigen. Und Anne Bollmann spricht aus eigener Erfahrung, wenn sie sagt: „Ich bin immer wieder erstaunt, wie schnell es geht und eine Wirkung erzielt wird, wenn wir mit den Pferden zusammen sind. Stress, Druck, Unklarheiten werden einem so viel schneller bewusst. Und die Pferde helfen, all das abzubauen.“
Was noch kann man von den Pferden lernen? Stehen die Tiere bei ihrer Herde, haben sie ihr Heu und ihre Weide, fühlen sie sich einander zugehörig. Wenn sie Spaß an der Arbeit haben, wirken sie glücklich – und mal ehrlich, genauso geht es uns doch auch. Und auch das lässt sich beobachten: Wird der Druck zu hoch, fangen sie an sich zu wehren!
Maik Reepschläger
„Von den Pferden habe ich gelernt, das Leben zu genießen, nicht viel zu brauchen, um zufrieden zu sein. Pferde haben keine Angst vor der Zukunft, sie leben im Hier und Jetzt, sie urteilen nicht. Davon können wir uns alle eine Scheibe abschneiden“, meint Anne Bollmann. Zufrieden ist sie, wenn die Basics stimmen: ausreichend Schlaf, gutes Essen. Als großes Glück empfindet sie ihre Pferde, mit denen sie lange Spaziergänge unternimmt oder – Luxus – auch mal ausreitet. Und da haben wir es wieder: das Glück dieser Erde …