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Lust auf verbotene Früchte?
Dann lohnt ein Besuch bei Uschi Reinhard in Schandelah

Im beschaulichen Schandelah lässt Uschi Reinhard Tomaten wachsen, die es sonst nirgendwo mehr gibt und die viel aromatischer sind als die Ware aus dem Supermarkt. Sie will die alten Gemüsesorten vor dem Vergessen retten – und legt sich dafür sogar mit dem Gesetzgeber an. 

„Ja, ich bin kriminell“, sagt Uschi Reinhard und lächelt. „Aber ich fühle mich sehr, sehr wohl dabei.“ Die Biologin hat sich seit 20 Jahren der Rettung alter Gemüsesorten verschrieben, die keine gesetzliche Zulassung haben. Vor allem Tomaten hat sie dabei im Visier, aber auch Paprikas, Chilis, Bohnen, Erbsen und Salate. Sie baut die Sorten an, gewinnt wieder Samen daraus und gibt Jungpflanzen und Saatgut an Hobbygärtner weiter. Das Saatgut bekommt sie aus staatlichen Genbanken, wo die Samen tiefgefroren lagern. „Wir müssen diese alten Sorten wieder zurück in die Gärten bringen, sonst sind sie verloren“, mahnt sie.

 

Rund, oval, glatt oder mit Pfirsichhaut

Neben ihrem alten Fachwerkhaus stehen zig Töpfe mit Tomatenpflanzen. Die meisten Früchte sind noch grün. Doch in den nächsten Wochen werden sie zu gelben, roten oder gar dunkelvioletten Früchten reifen. Manche sind rund, andere oval, wiederum andere haben tiefe Kerben oder eine Haut wie ein Pfirsich. Auch Aroma und Konsistenz variieren.

„Die Vielfalt ist ja gerade das Spannende daran“, schwärmt Uschi Reinhard. „Und die Früchte schmecken aromatischer.“ Sie reicht mir eine erbsenkleine, gelbe Wildtomate, die eine kleine Geschmacksexplosion auf der Zunge auslöst: süß, fruchtig, einfach lecker! „Aus diesen winzigen Wildtomaten haben schon unsere Vorfahren bis zu kilogrammschwere Sorten gezüchtet“, erzählt die Biologin. „Davor habe ich großen Respekt. Ich baue ja nur nach.“ Das klingt bescheiden, weniger Arbeit bedeutet es indes nicht. Die Gemüseexpertin hat eine 70- bis 80-Stunden-Woche, obgleich sie schon in Rente ist.

 

Wilder Garten für neue Samen

Einmal die Woche geht es ab in die Beete eines kleinen Gemeinschaftsgartens. Dann helfen ihre Tochter, Freundinnen und mitunter auch Flüchtlinge aus dem Ort. „Dass sich auch die nächste Generation für das Projekt engagiert, zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist“, freut sich Reinhard. Es ist ein wilder Garten, ein Feuerwerk verschiedenster Farben und Formen: Kugelige Lauchblüten überragen das Pflanzenmeer, sogar der Salat darf hier schießen, also Blüten treiben. „Bei mir muss alles blühen“, betont die Biologin. Denn ohne Blüten beziehungsweise Früchte keine neuen Samen. Diese sortiert, trocknet und reinigt sie dann zu Hause in der Küche und lagert sie anschließend geschützt in Filmdöschen in ihrer Diele, kühl und trocken.

 

Hindernis Saatgutverkehrsgesetz

Uschi Reinhards Aktivitäten, die so sinnvoll erscheinen, haben nur einen Haken. Sie sind nicht ganz legal. Das Saatgutverkehrsgesetz verbietet den Handel mit Saatgut nicht zugelassener Sorten. „Die Zulassung wäre aber viel zu teuer“, berichtet Uschi Reinhard. Allein für die Sorten, die sie in Schandelah anbaut, käme ein Betrag von rund 20.000 Euro zusammen. Auch deshalb engagiert sie sich schon lange im bundesweit aktiven Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN), war dort viele Jahre als Vorsitzende aktiv.

„Was wir machen, ist hochgradig politisch“, betont sie. Es gilt, das schon rund 100 Jahre alte Saatgutverkehrsgesetz abzuschaffen. Und es geht um den Erhalt von Kulturgut, um mehr Vielfalt, mehr Auswahl für die Verbraucher. Denn das aktuelle Gemüsesortiment in Supermärkten ist kleiner als es aussieht. „Die zugelassenen Sorten sind in der Regel eng miteinander verwandt“, erklärt Uschi Reinhard. Nur wenige Großzüchter hätten fast drei Viertel aller Gemüsesorten unter Kontrolle. Und der Handel arbeite mit Tricks. Der intensive Geruch von Rispentomaten zum Beispiel gaukelt Aroma vor, wo keins ist. „Die feine Behaarung der Stängel und Blätter sorgt für die charakteristische Duftnote. Tomaten selber haben keinen Geruch“, betont die Biologin.

 

Zuspruch und TV-Präsenz

Uschi Reinhard freut sich, dass ihre Arbeit mittlerweile Früchte trägt. „Als ich anfing, war der VEN kurz vor dem Aus, und von einigen Mitmenschen wurde ich regelrecht ausgelacht“, erzählt sie. Heute sei die Resonanz enorm und fast ausschließlich positiv. Vor allem nach Presseberichten melden sich viele Menschen aus der ganzen Republik bei ihr, um Saatgut zu ordern. Dann verpackt Reinhard die Samen in kleine Tütchen und verschickt sie. Und eine Gärtnerei aus Pattensen zieht aus Reinhards Saatgut Jungpflanzen, die von Ende April bis Ende Mai vor Ort und auf Märkten verkauft werden.

Und durch eine Fernsehreportage des Norddeutschen Rundfunks im Frühjahr ist Uschi Reinhard heute fast so etwas wie eine Berühmtheit. „Ich werde mit telefonischen Anfragen aus ganz Deutschland geradezu bombardiert“, erzählt sie. Sogar leere Filmdosen seien ihr schon geschickt worden, als Spende. „Das finde ich süß“, schmunzelt sie.

Andrea Hoferichter

Vielfalt feiern und genießen

Auch beim jährlichen Tomatenfest – das nächste am 28. August – zeigt sich, dass viele Menschen eine Sehnsucht nach Gemüse mit mehr Geschmack haben und nach mehr Vielfalt im eigenen Gemüsegarten. „Dann ist es hier immer rappelvoll“, berichtet Reinhard, die wie immer ordentlich auftischen wird. Zu sehen und zu schmecken sind die verschiedensten Tomatensorten, pur oder zubereitet, zum Beispiel als Soße, Chutney oder Aufstrich. In diesem Jahr gibt es außerdem Paprika- und Chilipflanzen zu kaufen, die vom VEN gekürten „Gemüse des Jahres“.

Mit ihrer Arbeit hat Uschi Reinhard mittlerweile mehr als 350 alte Tomatensorten wieder in Umlauf gebracht. Sie weiß, dass sie dafür angezeigt werden kann. Manchmal wünscht sie es sich sogar. Damit der Wahnsinn, wegen eines uralten Gesetzes auf die Vielfalt der aromatischen, alten Sorten zu verzichten, endlich publik wird. Dazu müsste sich ein potenzieller Ankläger allerdings erst einmal in die komplizierte juristische Materie der Saatgutgesetze einarbeiten. „Diese Mühe hat sich bisher noch keiner gemacht“, sagt Reinhard – und lächelt.