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Wo es pendelt, rotiert und gongt: Wolfgang Langer ist der „Meister Hora“ aus Salzgitter

  • Datum: 30. Oktober 2016
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 (Bildrechte: Maik Reepschläger)
Foto von Miriam Grupe
Miriam Grupe
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Ab heute gilt wieder die Winterzeit und die Uhren müssen umgestellt werden. Wer kann darüber besser Bescheid wissen als ein bekennender Uhrenliebhaber? Ich habe Wolfgang Langer besucht, der in Salzgitter einen Laden mit antiken Zeitmessern betreibt. 

Eigentlich hat der Uhrenladen von Wolfgang Langer in der Tillystraße 1 in Salzgitter-Bad nur montagabends von 18 bis 20 Uhr geöffnet. Für mich macht der Inhaber aber kurzfristig eine Ausnahme und so treffe ich den „Herrn der Uhren“ vor seinem Geschäft, direkt ins Gespräch vertieft mit einem Nachbarn. „Hier herrscht Multikulti “, verrät er mir als Erstes. Die Nachbarschaft aus aller Herren Länder von Polen bis Pakistan trifft sich dann gern bei dem weltoffenen Uhrenliebhaber. Kein Wunder, auch Zeit ist ja relativ, wie schon Einstein feststellte.

Uhren aller Art

„Jeden Montag  werden alle Uhren aufgezogen und gestellt“, erzählt er. Da auf der Nacht von Samstag auf Sonntag die Winterzeit wieder bei uns Einzug hält, wartet am Montag wohl viel Arbeit auf ihn.

Ich betrete den Laden mit unzähligen alten Uhren und bin überwältigt vom optischen und vor allem akustischen Eindruck: Stand- und Pendeluhren, deren Pendel beruhigend hin- und herschwingen; Kuckucksuhren aus dem Schwarzwald in verschiedenen Größen; Funkuhren, deren Zeiger sich wie wild drehen („da ist die Batterie alle“); Pyramidenuhren, Telleruhren, Büffetuhren sowie ausgebaute Uhrwerke in verschiedenen Ausführungen so weit das Auge reicht.

Zu jeder halben und vollen Stunde erklingen die Glocken – jedoch nur gedämpft, wie mir Wolfgang Langer erklärt, damit der Mieter über ihm nicht aus dem Bett fällt. Aus jeder Ecke des kleinen Geschäfts ist das Ticken der Zeit zu vernehmen, die durch viele glänzende metallene Rädchen in den Uhrwerken unbeeindruckt Sekunde für Sekunde verrinnt. Ich schaue mich staunend um und entdecke wahre Schätze.

Liebe zu Antikem

Eine französische Comtoise von schätzungsweise 1790 ist die älteste Uhr in der Sammlung Langers. Die antike Uhr ist gut erhalten und hat ein Pendel, das hinten angebracht ist – so wie bei fast allen alten französischen Uhren. Danach wurden die Pendel vorn verbaut, nur bei deutschen Pendeluhren ist das Pendel stets hinten zu finden – daran sind sie gut zu erkennen.

Seine Schätze findet der „halb pensionierte Postler“ auf Flohmärkten, wo er die teilweise defekten Uhren ersteht, um sie in liebevoller Kleinarbeit wieder aufzuarbeiten. Bei manchen Uhren ist nur noch das nackte Uhrwerk vorhanden, er sucht dann nach Zifferblatt und Verzierung (häufig aus Kupferblech gefertigt), baut Pendel und ersetzt defekte Teile.

Explodierende Uhren

Seine erste alte Uhr hat er „learning by doing“ repariert. „Sie ist mir auch direkt im Wohnzimmer explodiert“, lacht Langer. In den Uhrwerken sind bis zu einem Meter lange Metallbänder zu Spiralen gerollt – wenn die Spannung nicht vorher entladen wird, dann explodiert die Uhr förmlich und ihre Einzelteile versprengen sich im ganzen Raum. „Ich habe drei Tage lang nach allen Teilen gesucht, sogar im Aquarium habe ich Rädchen des gesprengten Uhrwerks wiedergefunden. Ich hab die Uhr wieder hinbekommen – aber so etwas passiert einem auch nur einmal!“, ist sich Langer sicher.

„Bis 1820 wurden die Seiltrommeln der Uhren noch aus Holz gefertigt, erst danach wurde Metall verwendet“, zeigt Wolfgang Langer mir anhand eines ausgebauten Uhrwerks. Die Schnüre, mit denen das Schlagwerk der Uhren betrieben wird, sind bei den antiken Zeitmessern im Original aus (mittlerweile oft brüchigem) Hanf und besitzen eine Bruchfestigkeit von 40 Kilogramm. Wenn er sie restauriert, ersetzt der Uhrenspezialist diese Seile heute durch Kunststoffschnüre, deren Bruchfestigkeit um ein Vielfaches besser ist – sie liegt dann bei 160 Kilogramm und die Chronometer können weitere Jahrhunderte schlagen.

Aber die alten mechanischen Uhrwerke brauchen fast immer einen „Ölwechsel“, bevor sie wieder rundlaufen. In den feinen Räderwerken wird das Öl nach all den Jahren harzig und fest, fast wie Klebstoff – die Uhr bleibt stehen. Damit sie wieder geht, muss das gesamte Uhrwerk auseinandergenommen und dann geölt werden, um es danach wieder zusammenzusetzen. „Danach läuft die Uhr aber wieder wie geschmiert.“

Zeitumstellung mit der Hand

„Und wie werden all diese Uhren von Sommer- auf Winterzeit umgestellt?“, möchte ich wissen. „Das kommt ganz auf die Technik in der Uhr an“, erläutert er mir. Ältere mechanische Uhren wie die Comtoise können einfach um 23 Stunden vorgestellt werden, indem der Stundenzeiger entsprechend einfach rechts im Uhrzeigersinn gedreht wird.

Bei Uhrwerken mit Schlossscheibe müsste die Uhr stundenweise um 23 Stunden vorgestellt werden, bei einem Rechenschlagwerk sogar mit „Pause“, denn zu jeder vollen Stunde „ruckelt“ sich der Zeiger zurecht. Das bräuchte Geduld, aber hier wendet Wolfang Langer den Trick von Meister Hora aus Michael Endes „Momo“ an: Er hält die Uhren (leider nicht die Zeit …) einfach eine Stunde lang an. Uhren, die nach 1945 gebaut wurden, können übrigens mit Gefühl ganz schlicht und einfach um eine Stunde zurückgedreht werden – „allerdings nie mit Gewalt!“

Zweite Leidenschaft: Messerschärferei

Neben den Uhren hat Wolfgang Langer noch eine andere Leidenschaft, der er in seinem u(h)rigen Laden frönt: Messer. Nicht nur Zeitmesser, sondern auch unscharfe Klingen bringt er wieder auf Vordermann. Mit seiner kleinen Messerschleiferei macht er auch die stumpfesten Klingen wieder scharf – so auch meine drei mitgebrachten Kochmesser. Inmitten seiner tickenden Uhren schmeißt Langer seine Schleifgeräte an und schärft drauflos. Natürlich nicht, ohne genau zu erklären, wo die kleinen Macken in der Klinge herkommen („die Messer waren doch bestimmt im Geschirrspüler …“, ertappt er mich) und wie ein Messer richtig am Wetzstahl behandelt werden muss („eine Klinge ist wie eine Geliebte – sanft streicheln, dann wird sie scharf“, schmunzelt er verschmitzt), damit es schließlich fast lautlos durch dünnes Zeitungspapier schneidet.

Mit Hingabe und viel Feingefühl (Foto: Maik Reepschläger)

Der ungewöhnliche Mann mit dem geflochtenen grauen Bart und den immensen Kenntnissen – „ich beherrsche eigentlich nur das allgemeine Wissen von 1920!“, behauptet er bescheiden – lebt für seine Leidenschaften. Und in der Nacht von Samstag auf Sonntag wird ihm dafür sogar noch eine ganze Stunde geschenkt. Ich bin sicher, er wird diese Zeit ausgiebig nutzen!

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