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Warum „Street View“ ein alter Hut ist: Der Bollmann-Verlag kartiert die Welt

  • Datum: 4. November 2016
  • Kommentare: 2
 (Bildrechte: Bollmann-Bildkarten-Verlag)
Foto von ZeitOrte
ZeitOrte
Alle Beiträge (27)

Mit kamerabestücktem VW Käfer und einer Cessna haben die Mitarbeiter des Bollmann-Bildkarten-Verlags aus Braunschweig schon mehr als 80 Orte weltweit detailgenau fotografiert und Bildkarten daraus gemacht. Und die Erfolgsstory geht weiter. 

Sven Bollmann begrüßt mich mit den Worten: „Wir haben es geschafft. Ab heute sind wir im Auslieferungsstress.“ Der Bollmann-Verlag hat gerade die neue Bildkarte von Braunschweig fertiggestellt. Ich durfte einen Blick auf die Arbeit und in die Werkstatt werfen.

Fast 70 Jahre Tradition

Seit 1948 hat der Bollmann-Bildkarten-Verlag aus Braunschweig mehr als 80 in- und ausländische Städte bis ins letzte Detail gezeichnet. Eine Meisterleistung, denn gezeichnet wird ausschließlich frei Hand.

Sven Bollmann leitet das Unternehmen mit seinem Bruder Jan in der dritten Generation. Gegründet wurde der Verlag durch Hermann Bollmann, der 1948 zuerst die sogenannte „Trümmerkarte“ von Braunschweig zeichnete. Er  wollte das Stadtbild dokumentieren und so die Zerstörung und den Wiederaufbau Braunschweigs für die Nachwelt festhalten.

Braunschweig nach dem Krieg (Foto: Bollmann-Bildkarten-Verlag)

Immer mehr Städte beauftragten den Gründer mit dem Zeichnen eines Bildplans. Und Bollmann zeigt Erfindergeist. Mit neuen technischen Verfahren beschleunigte er die Erstellung der Pläne.

Mann mit Visionen: Hermann Bollmann (Foto: Bollmann-Bildkarten-Verlag)

Um die Städte komplett abzufotografieren etwa, kaufte er sich einen alten Taxi-Käfer (Baujahr 1958) und tüftelte so lange, bis seine selbst gebauten Kameras – gekoppelt an die Tachowelle wie ein Taxameter – während der Fahrt Fotos in Reihe aufnehmen konnten.

Um Luftaufnahmen der Städte machen zu können, schaffte er außerdem eine Cessna 170B an, baute sie um und montierte Kameras. Das Flugzeug (Baujahr 1954) ist auch heute noch, zu Sven Bollmanns Zeiten, im Einsatz. Und oft sitzt der Chef selbst im Cockpit. Um auch mal spontan abheben zu können, habe er selbst im Hochsommer immer warme Winterklamotten dabei, erzählt er. „In der Höhe sind auch im Sommer Minusgrade und durch die Luken für die Kameras weht in der Maschine ein frischer Wind.“

Von New York bis nach Jerusalem

Der Verlag ist auf der ganzen Welt tätig – neben zahlreichen deutschen Städten wurden zum Beispiel auch Amsterdam, Jerusalem oder New York gezeichnet. Wissenswert: Alleine für die Erstellung des Plans von New York waren 70.000 Luftaufnahmen nötig – ohne die Cessna 170B hätte es diesen Bildplan wohl nicht gegeben.

Big Apple handgemalt (Foto: Bollmann-Bildkarten-Verlag)

Im Zeichensaal darf ich mir die selbst gebauten Kameras anschauen. Alle im Jahr 1958 entstanden und waren bis 2010 im Einsatz (mittlerweile wird digital fotografiert). Die unterleuchteten Zeichentische werden nach wie vor genutzt – auch diese sind eine Eigenkreation von Hermann Bollmann. Auf Basis der aufgenommenen Fotos werden an den Tischen frei Hand jedes Haus, jede Straße und jeder Baum im Maßstab 1:1.000 für einen neuen Plan gezeichnet.

Die Gebäude werden in der Zeichnung überhöht dargestellt. Dadurch sieht der Betrachter mehr von den Häuserfassaden, die die urbane Struktur unterstreichen und es entsteht eine dreidimensionale Wirkung. Die Bildpläne sind so viel anschaulicher als „normale“ Stadtpläne und erinnern mich an die Wimmelbilder aus meiner Kindheit: Es gibt immer etwas Neues zu entdecken.

Farbige Stadt (Foto: Bollmann-Bildkarten-Verlag)

Um den dokumentarischen Charakter zu wahren, erfolgt eine Neubearbeitung der Bollmann-Pläne alle fünf bis zehn Jahre. Das Bürogebäude (das Kontorhaus in der Frankfurter Straße), in dem ich arbeite, ist neu in den Plan aufgenommen worden. Ich kann sogar das Fenster meines Büros ausmachen und das macht mich ein bisschen stolz.

HIer arbeitet der Autor (Foto: Bollmann-Bildkarten-Verlag)

Für eine Neubearbeitung fahren die Mitarbeiter des Verlages in die betreffende Stadt, gehen durch jede Straße und dokumentieren sämtliche Veränderungen. Sie haben große Lichtpausen der alten Originalzeichnung bei sich, auf denen sie alle baulichen Veränderungen eintragen und sie machen von allen Objekten unzählige Fotos, um jedes Detail in den neuen Plan aufnehmen zu können.

„Unser Team muss schon große Überredungskünste aufbringen, um einen Hausmeister davon zu überzeugen, den Zutritt zu Hochhausdächern oder Industriegeländen zu ermöglichen“, erzählt Bollmann. „Man kommt sich manchmal vor wie ein Spion. Dabei sind wir nur harmlose Zeichner.“ Einmal in Hannover habe sogar der Sicherheitsdienst des damaligen Bundeskanzlers eingegriffen. Aber wie diese Geschichte ausging, erzählt der Geschäftsmann nur bei Führungen durch den Verlag.

Vom Bild zum Plan

Zurück in Braunschweig werden nach den so erarbeiteten Unterlagen die Originalzeichnungen auf den aktuellen Stand gebracht. Die Korrektur der Farben, die lithografische Arbeit, die Reproduktion, der Druck und die buchbinderische Verarbeitung sind dann die letzten Stationen zum fertigen Bollmann-Bildstadtplan.

Bei meiner Tour durch den Verlag stoße ich immer wieder auf das Thema „VW Käfer“: In fast jeder Maschine ist als Antrieb ein Scheibenwischermotor des Käfers verbaut. Auch die Reprokamera und die Kunstdruckmaschine beeindrucken mich sehr, denn an der Herstellung der Bildkarten hat sich seit über 50 Jahren nichts geändert. „Wir arbeiten mit den Maschinen, die mein Großvater gebaut und entwickelt hat“, betont Bollmann.

Mein letzter Blick in der Produktion richtet sich auf die Heftmaschine – selbstverständlich auch eine Eigenkonstruktion. Im letzten Arbeitsschritt wird das Straßenverzeichnis mit den Firmendarstellungen in den Plan geheftet: Heft in den Plan einlegen, auf die Maschine legen, Maschine starten, es wird automatisch geheftet. „Wir haben auch hier Routine. Jeden Handgriff kann ich im Schlaf abrufen“, berichtet der Verlagschef.

Führungen mit Anekdotengarantie

Eine Besichtigung beim Verlag am Flughafen (Lilienthalplatz, Braunschweig) kann ich nur empfehlen: Im Zeichensaal wurde mir bewusst, wie viel Arbeit und Hingabe in den einzelnen Plänen stecken. Die selbst gebauten Zeichentische oder Kameras und auch die Maschinen in der Produktion zeigen fast vergessene Handwerkskunst und Technik, die heute mehr denn je beeindruckt.

Das Highlight aber sind die Geschichten und Anekdoten, die Sven Bollmann über die Verlagsgeschichte, von seinem Großvater, seinen Eltern und aus seiner eigenen Erfahrung zu berichten weiß.

Der neue Bildplan von Braunschweig als Faltkarte – in der mittlerweile 16. Auflage – ist nun im Buchhandel oder in der Touristinfo Braunschweig erhältlich. Übrigens: Der Käufer erhält neben der farbigen Bildplanseite einen genauen farbigen Stadtplan, also zwei Pläne in einem.

2 Kommentare

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Waldemar hat geschrieben

„…von New York waren 70.000 Luftaufnahmen nötig – ohne die Cessna 170B hätte es diesen Bildplan wohl nicht gegeben.“

Eine Cessna 170B hat eine Reichweite von ca. 950 km, die Entfernung Braunschweig-NY beträgt ca. 6.000 km. Wo soll denn diese Cessna 170B überall zwischengelandet sein?

Regionales Marketing hat geschrieben

Hallo Waldemar,

die Cessna 170B von Bollmann wurde 1958 so umgebaut, dass die Luftbild-Kameras in den Türen des Flugzeuges Platz finden. Die Senkrecht-Aufnahmen werden durch entsprechende Kameraschächte im Rumpf des Flugzeuges gemacht. Für die New York-Befliegung wurden die so umgebauten Flugzeug-Türen nach Amerika mitgenommen und vor Ort in eine baugleiche Cessna eingebaut. Das geht relativ einfach und dauert nur wenige Minuten.
Übrigens waren es nicht 70.000 Luftaufnahmen, sondern insgesamt 70.000 Aufnahmen, darunter 30.000 aus der Luft und 40.000 mit dem Kamerawagen vom Boden aus.

Viele Grüße

Redaktion meine-region.de