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Kunsthandwerk mit großer Geschichte – die Paramente im Kloster St. Marienberg

  • Datum: 1. Dezember 2016
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 (Bildrechte: Kloster St. Marienberg)
Foto von Holger Reichard
Holger Reichard
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Viele kennen die Faszination, vor einem Gemälde Albrecht Dürers zu stehen und scharfen Blickes den 500 Jahre alten Pinselstrichen des großen Renaissancemalers zu folgen. Die Schatzkammer im Kloster St. Marienberg in Helmstedt bietet ein ähnliches Kunsterlebnis – mit ihren mittelalterlichen Paramenten, die zum Teil noch einmal 250 Jahre älter sind.

Es ist ein kalter und regnerischer Novembermorgen. Umso erfreulicher der warme Empfang im Kloster St. Marienberg bei Kaffee und Keksen. Begrüßt werde ich von Domina Mechthild von Veltheim, Konventualin Bärbel Weihe, Restauratorin Sabine Kißler und Textilgestalterin Ute Sauerbrey.

Sie führen mich nicht gleich in die mit Spannung erwartete Schatzkammer, sondern klären mich erst einmal auf, was genau unter dem Begriff Paramentik zu verstehen ist: eben nicht nur eine spezielle Wissenschaft, die sich mit liturgischen Kleidern und gottesdienstlichen Textilien befasst, sondern auch und vor allem ein faszinierendes Kunsthandwerk mit großer Geschichte.

Ursprung der Paramentenwerkstatt im 12. Jahrhundert

Vorgestellt wird mir im einführenden Gespräch auch die Paramentenwerkstatt des Klosters. Sie wurde im Jahr 1862 von Charlotte von Veltheim ins Leben gerufen. Unter dem Dach der von Veltheim-Stiftung ist sie heute mit 16 Mitarbeiterinnen bundesweit eine der ersten Anlaufstellen, wenn es um die Herstellung und Gestaltung von Paramenten geht. Oder auch um die Konservierung und Restaurierung historischer Textilkunstwerke aus Kirchen, Museen oder Privateigentum.

Das Kunsthandwerk der Paramentik lässt sich bis ins 6. Jahrhundert zurückverfolgen. Im Helmstedt begann die Herstellung von Paramenten im Jahre 1176 mit der Gründung des Klosters St. Marienberg als Augustiner-Chorfrauenstift. In der Schatzkammer des Klosters sind heute mehrere mittelalterliche Paramente zu bewundern. Entsprechend groß ist daher meine Neugier, als wir uns nach den ausführlichen Erläuterungen über die Klostergänge dorthin begeben.

(Foto: A. Greiner-Napp)

Rund 750 Jahre alt: das Heininger Leinenantependium

In der Schatzkammer angekommen, verweilen wir lange vor dem ältesten, bedeutendsten und am meisten beachteten Parament der Marienberger Sammlung, dem Heininger Leinenantependium. Der fast zweieinhalb Meter breite und ursprünglich wohl noch größere Altarvorhang wurde vermutlich um das Jahr 1260 für das Kloster Heiningen gefertigt. Er zeigt, umringt von Symbolen, den thronenden Christus. Um ihn herum versammeln sich unter anderem die Gottesmutter, Johannes der Täufer sowie die zwölf Apostel. Mehrere Engel schweben zwischen den Spitzbögen über den Säulen. An den Seiten sind Schriftbänder zu sehen und am oberen Rand eine filigrane Wellenranke.

Das Heininger Antependium gilt sticktechnisch als Meisterwerk. Bei der Betrachtung aus nächster Nähe erschließt sich auch mir als Laien, wie kunstvoll hier gearbeitet worden ist, eben ähnlich den eingangs erwähnten Pinselstrichen Dürers. Und wie in der Malerei, so gibt es auch hier unzählige verschiedene Techniken, nicht nur die Stickkunst betreffend, sondern auch in Bezug auf Materialauswahl und Farbgebung. Ein Blick auf den außerordentlich gut erhaltenen Elisabethteppich, gefertigt in der Mitte des 15. Jahrhunderts, verdeutlicht es: Hier wurde gänzlich anders gearbeitet.

Von der Schatzkammer in die Paramentenwerkstatt

Sabine Kißler und Ute Sauerbrey erklären mir, dass es das ist, was sowohl die Faszination als auch die Herausforderung ihrer Berufe als Restauratorin und Textilgestalterin ausmachen: die vielen unterschiedlichen Techniken, mit denen im Laufe der Jahrhunderte gearbeitet worden ist und noch heute gearbeitet wird. Um das Kunsthandwerk noch besser verstehen zu können, führen sie mich von der Schatzkammer in die Paramentenwerkstatt, wo ich einer Stickerin beim Ausführen ihrer Tätigkeit über die Schulter schauen darf.

Wer die Schatzkammer im Kloster St. Marienberg in Augenschein nehmen möchte, sollte seinen Besuch deshalb unbedingt mit einer Führung durch die Paramentenwerkstatt verbinden. Und natürlich mit einer Besichtigung der Klosterkirche, ein Schmuckstück der romanischen Baukunst, in dem Fragmente von Glasmalereien zu sehen sind, die – ähnlich alt wie die Paramente in der Schatzkammer – noch aus dem 12. Jahrhundert stammen.

Führungen durch Schatzkammer, Paramentenwerkstatt, Kloster und Kirche sind nach Terminvereinbarung möglich. Anmeldung und Informationen auf der Webseite der Paramentenwerkstatt.

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