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Das rockt: Die Klesmer auf Glenn Millers Spuren

  • Datum: 19. Februar 2019
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Übungsabend (Bildrechte: Beate Ziehres)
Foto von Beate Ziehres
Beate Ziehres
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Sie nennen sich „Die Klesmer“ und spielen Saxofon und Tuba, Tamburin und Schlagzeug, Querflöte und Klarinette. Ihr Ziel: Sie wollen das Andenken an die Wandermusikanten aus Salzgitter hochhalten. Mit ihren Instrumenten waren diese Musiker im 18. und 19. Jahrhundert auf allen Kontinenten zuhause.

Auf dem Weg nach Salzgitter denke ich darüber nach, welche Musik die Klesmer wohl heute spielen. Im Internet habe ich schon allerhand über die historischen Vorbilder gelesen: über die Damenkapelle Sonnemann, den Musikchor Ritzau und das Ehepaar Flecks. Das Netz hält Informationen und schöne alte Schwarzweiß-Bilder bereit. Sogar Videos gibt es auf Youtube, aber die tragen nur zur Verwirrung bei und zeigen nicht die Klesmer aus Salzgitter. Erst recht nicht die Klesmer, mit denen ich jetzt verabredet bin.

In Arne Spechts Wohnzimmer erwarten mich schon Wilfried Kabisch und der Hausherr. Wilfried Kabisch war bis 2016 Vorsitzender der Klesmer. Nach 22 Jahren wollte er den Stab dann an einen Jüngeren weitergeben. Eine Selbstverständlichkeit eigentlich, doch nicht überall funktioniert der Generationenwechsel reibungslos. In Salzgitter schon. Arne Specht übernahm das Ruder.

Schnell wird mir klar: Mit Nachwuchssorgen und Überalterung müssen sich die Nachfolger der Wandermusikanten nicht herumschlagen. „Wir heben jedes Jahr das Durchschnittsalter der Musiker an. Aktuell liegen wir bei etwa 40 Jahren“, sagt Arne Specht.

Vom Blasorchester zum Bigband-Sound

Mehr als 20 Jahre lang machten die Klesmer klassische Blasmusik. Dann – bald nach der Jahrtausendwende – hatten die Musiker darauf keine Lust mehr. „Blasmusik hört man doch überall“, begründet Wilfried Kabisch die Entscheidung. Unter der Anleitung des musikalischen Leiters Siegmund Drozdz verwandelte sich der Blasorchester- in einen Bigband-Sound. „Die Stilrichtung zu ändern, braucht natürlich seine Zeit“, erinnert sich Kabisch schmunzelnd: „In der ersten Zeit klangen auch südamerikanische Popstücke und Swing à la Glenn Miller wie Blasmusik.“

Doch die Mühe hat sich gelohnt. Und Kabisch hat sogar eine geschichtlich fundierte Rechtfertigung für den Stilwechsel. Schließlich hätten auch die Wandermusiker seinerzeit die Musik gespielt, die das Publikum hören wollte. Deshalb sieht Kabisch das große Orchester, das auch den Namen SoundWerk trägt, durchaus auf den Spuren der historischen Vorbilder.

Konzertreisen ins europäische Ausland

Auch was das Wandern angeht, entdecke ich gewisse Ähnlichkeiten. Die modernen Klesmer sind zwar nicht zu Fuß, aber grundsätzlich schon gerne unterwegs. Konzertreisen, die in der Vergangenheit in die Partnerstädte Créteil und Swindon, nach Brüssel oder ins ostfriesische Papenburg geführt haben, stehen regelmäßig auf dem Programm. Anders als die ursprünglichen Klesmer, die zum Teil auf Konzertreisen geheiratet haben und gleich geblieben sind, kehrten die Klesmer der Gegenwart immer komplett zurück nach Salzgitter.

Und so sorgen das Orchester sowie ein Blechbläser- und ein Klarinetten-Ensemble – allesamt unter dem Dach des Vereins „Die Klesmer“ vereint – in Salzgitter und Umgebung immer wieder für Unterhaltung und beschwingte Stimmung. Das Terrain des großen Orchesters sind Stadtfeste, Konzerte zu verschiedenen Anlässen, Kulturnächte und Fernsehsendungen. Weihnachtsmärkte bieten den passenden Rahmen für das Blechbläser-Ensemble FeinBlech, während das neu gegründete Klarinetten-Ensemble beispielsweise Ausstellungseröffnungen musikalisch gestalten könnte.

Jetzt wird’s laut – die Klesmer proben

Doch jetzt will ich die Klesmer endlich spielen hören. „Achtung, es ist laut“, warnt mich Arne Specht vorsorglich, als er die Tür zum Übungsraum öffnet. Während ich alles Theoretische erfahren habe, sind die Musiker schon zum praktischen Teil übergegangen. Sie haben sich warmgespielt und laufen gerade zur Höchstform auf. So scheint es mir als Laien zumindest. Die Damen- und Lehrlingskapellen von früher mögen zwar die gleichen Instrumente gespielt haben. Dem Klangkörper, der hier jazzt und swingt, hätten sie jedoch nie das Wasser reichen können.

Das liegt schon an der personellen Stärke: Mehr als 20 Musiker sind hier voller Begeisterung bei der Sache. Für den unverwechselbaren Rhythmus sorgen ein Schlagzeuger und ein Bassist. Die Melodie produzieren an diesem Mittwochabend sechs Saxofone, vier Posaunen, drei Trompeten, zwei Klarinetten und einige Instrumente mehr. Das Ergebnis ist handgemachte, mitreißende Livemusik. Ich spüre die Schwingungen bis in den Magen. Der Rhythmus fährt mir in die Beine und ich fange unwillkürlich an, mit dem Fuß im Takt zu wippen.

Damals wie heute: der Fortschritt als Feind der Live-Band

Gute Livemusik ist einfach nicht durch ein Handy mit Boxen zu ersetzen, denke ich mir. Oder doch? „Früher war eine Kapelle die Attraktion. Es gab ja keine andere Musik. Mit dem Aufkommen von Radio und Schallplatten haben die Klesmer damals an Attraktivität verloren. Und auch heute leiden Kapellen darunter, dass jeder mit dem Handy Musik machen kann“, sagt Kabisch.

Was habe ich noch gelernt bei den Klesmern? Beispielsweise, dass Musiker eines Orchesters manchmal aufstehen, um gemeinsam zu singen, wie bei „Oye como va“. Und ich erfahre, dass es durchaus Modeinstrumente gibt: „Heute wollen Mädchen Saxofon spielen, weil es cool ist. Aber Tuba! Die will keiner spielen“, erzählt Wilfried Kabisch und greift nach einem Koffer in der Größe einer mittleren Wäschekommode. Er klappt ihn auf und hebt seine Tuba heraus. Da wundert mich nicht, dass dieses eher unhandliche Instrument auf der Beliebtheitsskala nicht ganz oben rangiert. Wobei ich zugeben muss, dass der Klang einer Tuba durchaus etwas Erhabenes hat.

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